167. Die Monsterfamilie

Die Monsterfamilie

Jonas betrat zum ersten Mal den Schlafsaal der Jungen. Unter einer Klassenfahrt hatte er sich etwas anderes vorgestellt. Im letzten Jahr waren sie nur zu dritt und zu viert in einem Zimmer. Doch nun schliefen vierzehn andere Jungen mit ihm in einem Raum.
»Das kann ja was werden. Hoffentlich schnarchen nicht zu viele, sonst kann ich nicht einschlafen.«
Er zog sich um und schlüpfte unter die Decke. Links und rechts von ihm flüsterten sich seine Klassenkameraden noch etwas zu. Doch dann kam der Lehrer herein, wünschte eine gute Nacht und schaltete das Licht ab.
Ein paar Minuten blieb es still. Doch dann war das erste Schnarchen zu hören und wieder einige flüsternde Stimmen. Doch da war noch etwas ganz anderes. Irgendwo war ein leises Wimmern zu hören. Es war so leise, dass Jonas es fast nicht bemerkt hätte.
»Wer weint denn da?«, fragte er.
Sofort meldeten sich alle, die noch wach waren. Sie stritten ab, dass sie Heimweh oder Angst hatten.
»Aber ich höre das doch ganz genau. Das kann doch gar nicht sein.«
Jonas fand das sehr seltsam. Er schlug die Decke beiseite, kramte seine Taschenlampe hervor und stand auf. Er machte sich sofort auf die Suche. Es musste schließlich jemand getröstet werden.
Im letzten Bett auf der anderen Seite des Raumes lag Niklas. Er war groß, stark und hatte vor nichts Angst. Und nun weinte er? Doch dann leuchtete ihm Jonas ins Gesicht und erkannte, dass Niklas tief und fest schlief.
»Irgendwo hier muss es doch sein.«
Er ließ sich auf den Boden nieder und warf einen Blick unter das Bett. Dort lag tatsächlich jemand und weinte leise.
»Was ist denn mit dir los? Warum liegst du denn unter einem fremden Bett?«
Der Traurige drehte sich um und rieb sich die verweinten Augen. Jonas erschreckte sich und hätte sich nur zu gerne unter seinem eigenen Bett versteckt, denn nun sah er sich einem richtigen Monster gegenüber, auch wenn es nicht so groß war.
»Ich bin letzte Nacht ganz allein umher gezogen und nun kann das richtige Bett nicht mehr finden. Ich bin schon hin und her geschlichen, aber nirgendwo war meine Familie. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.«
Jonas war verblüfft. Er hatte schon oft von Monstern gehört, die unter Kinderbetten lebten und nachts heraus kamen. Aber er hatte nie gedacht, dass es auch kleine Monster gab, die Heimweh hatten.
Er sah sich um. Noch hatten die anderen Kinder nichts bemerkt, dass er etwas entdeckt hatte.
»Bleib hier, ich komme gleich wieder und werde dir helfen.«
Er stand auf, legte sich wieder in sein Bett und schaltete die Taschenlampe ab. Dann wartete er ein paar Minuten und schlich sich nun durch die Dunkelheit zum Monster und kroch ebenfalls unter das Bett.
»Da bin ich wieder. Ich warte jetzt mit dir zusammen, bis alle anderen eingeschlafen sind und dann helfe ich dir nach Hause zu kommen.«
Flüsternd erzählten sie sich über ihre Familien. Nach und nach trockneten auch die Tränen des kleinen Monsters. Nach einer Stunde wagten sie es dann, unter dem Bett hervor zu kommen.
»Jetzt gehen wir jedes Bett einzeln ab und schauen, was sich darunter verbirgt.«
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis sie überall nachgeschaut hatten, aber nur unter einem lag ein großes schnarchendes Monster, welches nicht gestört werden wollte.
»Vielleicht bist du ja aus einem der anderen Schlafsäle gekommen. Wir sollten mal durch die einzelnen Räume gehen.«
Drei der fünf Säle waren leer und ließen sich leicht kontrollieren. Doch Monster gab es keine. Schließlich blieb nur noch der Schlafsaal der Mädchen übrig.
»Da darf ich eigentlich gar nicht rein. Aber wenn wir ganz leise sind, werden wir bestimmt nicht bemerkt.«
Sie öffneten die Tür und traten ein. Es war ganz still. Alle Mädchen schliefen tief und fest. Sofort machte sich Jonas mit dem kleinen Monster auf die Suche. Aber alle Schlafplätze unter den Betten waren leer. Sie wollten ihre Suche schon verzweifelt aufgeben. Doch dann blieb ein allerletztes Bett über.
»Hier wird bestimmt auch niemand sein. Wenn kein Kind im Bett liegt, liegt auch nie ein Monster darunter.«
Jonas legte sich trotzdem auf den Boden und sah unter das Bett. Und das war auch sein Glück, denn dort funkelten ihn sechs Augen entgegen.
»Hallo, ihr drei Monster. Ich bin auf der Suche nach einer Familie, die ein kleines Monster vermisst. Könnt ihr mir vielleicht weiter helfen?«
Sofort wurden die Augenpaare größer und die Monster krochen leise hervor.
»Du hast unseren kleinen Jungen gefunden?«, fragte die Monstermama und sah sich um. Als sie ihren kleinen Sohn entdeckte schloss sie ihn sofort freudig in die Arme.
»Dein großer Monsterbruder hat dich schon beim Spielen vermisst.«
Das kleine Monster war so froh, dass es wieder zu Hause angekommen war und versprach, nie wieder allein auf Entdeckungsreise zu gehen.
Jonas hatte sich mittlerweile wieder nach draußen geschlichen und kehrte nun zufrieden in sein Bett zurück. Schon nach wenigen Augenblicken schlief er dort glücklich und zufrieden ein.

(c) 2008, Marco Wittler

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