170. Der Hirte oder „Papa, warum sehen die Wolken wie Schäfchen aus?“ (Papa erklärt die Welt 24)

Der Hirte
oder ›Papa, warum sehen Wolken wie Schäfchen aus?‹

Sofie saß verträumt vor ihrem Fenster und sah in den blauen Himmel hinauf, der langsam dunkler wurde. Hin und wieder zog eine kleine weiße Wolke über ihn hinweg. In diesem Moment kam Papa in ihr Zimmer.
»Du liegst ja noch gar nicht im Bett. Dabei ist es doch allerhöchste Zeit zum Schlafen.«
Sofie stand langsam auf und legte sich in ihr  Bett. Papa zog ihr die Decke bis knapp unter die Nase und wollte gerade ein Buch mit Gute Nacht Geschichten aus dem Regal holen, als seiner Tochter etwas einfiel.
»Papa, warum sehen die Wolken eigentlich wie Schäfchen aus?«
Er hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von den Wolken. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal in einer Zeit, in der man noch nicht so gut über das Wetter Bescheid wusste. Die Bauern mussten einfach darauf hoffen, dass es genug Regen gab, damit ihre Felder nicht vertrockneten. Aber die Sonne musste ebenfalls reichlich scheinen, sonst verkümmerten die Pflanzen. Würde der nächste Winter mild ausfallen oder mussten die Menschen mehr Brennholz für die kalten Monate sammeln? Selbst die Kriegsheere wussten nie, ob sie bei einer Schlacht nasse Füße bekamen. Einen Wetterbericht gab es noch nicht.

Eines Tages saß König Theodor von Rotenfels in seinem Thronsaal und empfing seinen höchsten militärischen Berater.
»Es ist etwas Schreckliches geschehen, euer Majestät.«, begann dieser zu erklären.
»Mit hoch erhobenem Haupt zogen unsere Soldaten in die Schlacht gegen unser Nachbarland Schwarzenberg. Es sah danach aus, als würden wir den Krieg gewinnen. Doch dann zogen tiefgraue Wolken über den Himmel und es regnete wie aus großen Fässern. Das Schlachtfeld verwandelte sich innerhalb weniger Minuten in Matsch und unsere Männer verloren darin ausnahmslos ihre Stiefel und Strümpfe. Es blieb uns nichts anderes übrig, als und zurück zu ziehen. So etwas ist uns noch nie zuvor geschehen. Die gegnerischen Truppen haben uns ausgelacht und verhöhnt.«
Als der König das hörte, wurde er wütend. Etwas Schlimmeres konnte er sich nicht vorstellen. Er rief sofort nach seinen Beratern und dem Hofzauberer.
»Meine Herren, es muss unbedingt etwas gegen dieses verdammte Wetter unternommen werden. Es kann nicht sein, dass ich als König über alles und jeden bestimmen kann, nur die Wolken am Himmel widersetzen sich mir. Lasst euch also etwas einfallen.«
Die Berater zogen sich sogleich zurück, während der Zauberer sofort eine Idee im Kopf hatte.
»Wenn ihr erlaubt, euer Majestät, werde ich den Himmel verhexen. Er wird dann nur noch auf euer Wort hören.«
Er stellte sich an das Fenster, wirbelte wild mit seinem Zauberstab durch die Luft und murmelte Beschwörungen vor sich hin. Dann trat er ein paar Schritte zurück. Sofort sah der König hinaus und rief dem Himmel entgegen.
»Lass die Wolken verschwinden und zeige mir die Sonne.«
Doch nichts geschah.
Wütend drehte er sich um, doch sein ängstlicher Zauberer war bereits aus dem Thronsaal verschwunden.

Ein paar Tage später traten die Berater wieder vor den König. Sie mussten ihm mitteilen, dass sie keine Lösung für das Problem gefunden hatten. Der Himmel entzog sich einfach ihrer Macht.
»Aber es muss doch etwas geben, wie wir das Wetter für unsere Zwecke manipulieren können.«, sprach der König verzweifelt vor sich hin, während er aus dem Fenster sah.
»Wenn man die Wolken so einfach zusammen und fort treiben könnte, wie der Hirte dort unten seine Schafe, dann wäre das eine feine Sache.«
Er kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eigentlich keine so schlechte Idee. Schnappt euch den Hirten da unten und bringt ihn in den Himmel zu den Wolken. Er soll von nun an dort oben seine Arbeit verrichten.«

Und so geschah es auch schon am nächsten Tag. Mit einer riesigen Schleuder schickte man den Schäfer in den Himmel. Von diesem Moment an, hütete er die vielen Wolken. Regelmäßig schien nun die Sonne und es regnete nur, wenn es vom König erlaubt wurde.
Ein paar Wochen später standen sich wieder die Kriegsheere von Rotenfels und Schwarzenberg gegenüber. Schon bald sollten sie in die Schlacht ziehen. Doch in dem Moment, als die ersten Soldaten aufeinander zu stürmten, begann es wie aus Eimern zu regnen. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich der Boden wieder in Matsch.
König Theodor beobachtete das alles  von seinem Fenster aus und wurde wütend, als der die dunklen Wolken erblickte. Nun würden seine Männer wieder Stiefel und Strümpfe verlieren. So konnte man einfach keinen Krieg gewinnen.
Sofort rief er zum Wolkenschäfer hinauf und befahl ihm, die Wolken fort zu treiben. Doch dieser hatte etwas ganz anderes im Sinn.
»Mein König, ich kann die Wolken nicht vertreiben, denn Krieg ist eine schlimme Sache. Die Soldaten kämpfen und werden sich gegenseitig töten. Das Land des Verlierers fällt in Armut und den Bewohnern wird es sehr schlecht gehen. Sie werden nicht genug zu Essen haben und werden daher viel öfter krank sein. Das kann ich einfach nicht zulassen. Gerne werde ich weiterhin das Wetter nach euren Wünschen gestalten. Aber einen Krieg wird es nicht mehr geben, solang ich die Wolken hüte.«
Irgendwie hatte der Hirte Recht, sagte sich der König. Jeder Krieg sorgte für große Probleme. Aber trotzdem mussten Schlachten ausgetragen werden. Sonst konnte man sich seine Gegner nicht vom Hals schaffen.
»Ich hätte da eine Idee.«, schlug der Wolkenschäfer vor.
»Einigt euch mit den Schwarzenbergern auf Frieden. Ich kann auch für zwei Länder die Wolken kontrollieren. Und wenn unsere beiden Länder miteinander Handel treiben, profitieren wir alle davon.«

Ein paar Minuten später sah man einen prunkvoll gekleideten Mann auf das Schlachtfeld gehen. Es war König Theodor. In seiner Hand hielt er einen Friedensvertrag, den er den gegnerischen Truppen übergab.
Schon kurz darauf dachte niemand mehr an einen schrecklichen Krieg.

»Und deswegen sehen die Wolken aus wie Schäfchen?«, fragte Sofie.
Papa nickte und zwinkerte mit dem rechten Auge.
»Der Hirte brauchte doch etwas, das er gewohnt war. Vorher sahen die Wolken noch ganz anders aus.«
Nun musste Sofie lachen.
»Deine Geschichten sind wirklich klasse. Aber trotzdem glaube ich dir davon kein einziges Wort.«
Sie wünschte Papa eine gute Nacht, drehte sich um und schlief fast sofort ein.

(c) 2009, Marco Wittler

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