172. Das falsche Vogelküken oder „Papa, warum hat der Kuckuck kein eigenes Nest?“ (Papa erklärt die Welt 25)

Das falsche Vogelküken
oder ›Papa, warum hat der Kuckuck kein eigenes Nest?‹

Sofie saß an ihrem Fenster und sah in die Welt hinaus. Nur wenige Meter vom Haus entfernt begann der Wald. In einem der Bäume war ein Vogelnest zu sehen. Immer wieder hielt sie sich ein dickes Fernglas vor die Augen und beobachtete genau, was dort vor sich ging. Immer wieder kehrten die Vogeleltern zurück und brachten dem Küken Würmer und Insekten zum Fressen. Aber irgendwas schien da nicht zu stimmen.
In diesem Moment kam Papa herein.
»Was beobachtest du denn da?«, fragte er interessiert.
Sofie gab ihm das Fernglas und deutete auf das kleine Nest.
»Das Küken dort sieht ganz anders aus, als seine Eltern.«
»Das ist ja seltsam.«, murmelte Papa.
Er besah sich alles ganz genau und kam zum selben Ergebnis wie seine Tochter.
»Da stimmt tatsächlich etwas nicht. Ich hole uns mal schnell ein Vogellexikon aus meinem Regal. Dann schauen wir nach, was das für Vögel sind.«
Er lief ins Wohnzimmer, kramte dort ein wenig herum und kam schließlich mit einem dicken Buch zurück. Er blätterte alle Seiten durch, bis er schließlich ein passendes Foto fand.
»Das ist ein Zaunkönig. Aber das Küken passt gar nicht dazu.«
Papa dachte angestrengt nach, bis ihm etwas einfiel und er ein paar Seiten weiter blätterte.
»Du wirst es nicht glauben, aber in dem Nest wird ein Kuckuck groß gezogen. Die brüten nämlich ihre eigenen Eier nicht aus, sondern legen sie heimlich in fremden Nestern ab. Und wenn dann das Küken geschlüpft ist, wirft es die restlichen Eier oder Küken einfach raus.«
Sofie bekam große Augen.
»Fair ist das nicht. Aber so machen sie es halt.«, erklärte Papa weiter.
Damit wollte sich Sofie aber nicht zufrieden geben. Sie kratzte sich ein wenig am Kinn und dachte nach. Schließlich hatte sie eine Idee.
»Mir fällt da gerade eine Geschichte ein. Die habe ich vor kurzem erst gehört. Sie handelt zufällig von einem Kuckuck. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Papa sah sie erstaunt an, denn normalerweise erzählte er doch immer etwas.
»Und wie fängt die Geschichte an?«, fragte er.
»Es war einmal.«, antwortete Sofie und gluckste schon vor Freude.

Es war einmal ein Zaunkönigpärchen.
Nach dem langen Winter kam es aus seinem warmen Versteck gekrochen und suchte sich einen schönen Platz für ein neues Nest. Es sollte nicht zu hoch gelegen sein. Auf einem Baumast, um den ein Busch herum gewachsen war, lag die ideale Stelle.
Sofort begannen die beiden mit dem Bau des Nestes. Aus Moos, kleinen Zweigen, trockenen Blättern und Stengeln bauten sie eine kleine runde Höhle.
»Darin wird uns niemand etwas anhaben können.«, sagten sie sich stolz.
Schon nach wenigen Tagen legte das Weibchen fünf Eier in das Nest und polsterte sie mit warmen Federn und Moos. Wenn es nicht gerade unterwegs war, um etwas zu fressen, saß es nun darauf und brütete ihre Jungen aus.
Eines schönen Tages kam das Pärchen von der nahen Wiese zurück. Sie hatten gerade ein paar Würmer zum Frühstück gefressen, als sie einen großen grauen Vogel in der Nähe ihres Nestes entdeckten. Sofort bekamen sie Angst, dass ihren Jungen etwas zugestoßen sein könnte. Doch dann sahen sie, dass alle Eier noch unversehrt waren.
»Hattest du nicht fünf Eier gelegt?«, fragte das Männchen.
»Dort liegen aber nun sechs.«
Das war wirklich seltsam. Aber wie sollte auf einmal ein weiteres Ei auftauchen? Sie einigten sich schließlich darauf, sich beim ersten Mal verzählt zu haben.

Zehn Tage später tat sich etwas im Nest. Etwas bewegte sich. Eine Eierschale knackte laut und ein Küken schlüpfte. Sofort riss es seinen Schnabel auf und rief laut, denn es hatte unglaublich großen Hunger.
Sofort kamen die Elternvögel herbei geflogen und brachten etwas zu fressen. Das Neugeborene wurde aber nicht richtig satt. Es piepte und zwitscherte so laut, dass die Mutter und Vater sofort wieder auf Nahrungssuche flogen.
Und nun sah sich das Küken in Ruhe um.
»Eins, zwei, drei, vier und fünf. Fünf kleine Geschwister habe ich also um mich herum.«
Und wie es der Zufall wollte, knackten bei ihnen ebenfalls die Schalen auf.
»Dann wollen wir doch erst einmal für mehr Platz sorgen.«
Mit den Flügeln schob das Küken die Eier hin und her, bis es sie schließlich vor dem Ausgang liegen hatte und eines nach dem anderen hinaus warf.
»Wenn es euch nicht mehr gibt, bekomme ich mehr zu Fressen. So einfach ist das.«
Diese grausame Tat wurde nicht von einem kleinen Zaunkönig ausgeführt, sondern von einem Kuckuck. Seine richtige Mutter hatte sein Ei einfach in einem fremden Nest abgelegt, was die Vogeleltern nicht ahnten, aber den noch ungeborenen anderen Küken nun bewusst wurde.
Die fünf Eier fielen hinab und landeten im Dickicht. Dort platzten die Schalen auf und die Küken sahen zum ersten Mal  den Sonnenschein.
»Prima. Kaum hat das Leben begonnen, schon hat man uns raus geschmissen. Was sollen wir denn nun machen?«
Völlig hilflos saßen sie dort und zwitscherten verzweifelt. Immer wieder kamen ihre Eltern zum Nest zurück und fütterten das falsche Kind, während sie hungernd zuschauen mussten. Niemand hörte sie klagen und weinen.
Der Kuckuck hatte es sich nun richtig gemütlich gemacht. Sein Magen füllte sich nach und nach. Es konnte einfach nicht schöner sein. Das Einzige, was ihn störte, war das seltsame Zwitschern unter seinem Nest.
»Was ist das denn bloß?«, fragte er sich immer wieder.
Schließlich sah er hinaus und entdeckte die kleinen Zaunkönige, die nicht vor und zurück wussten.
»Sie werden dort wohl verhungern. Aber das ist ja nicht mein Problem.«
Und doch war es ein komisches Gefühl, darüber nachzudenken.
»Ich halte das einfach nicht mehr aus.«, rief der kleine Kuckuck plötzlich.
Er riss mit seinem Schnabel einen Ast aus dem Nest und hielt ihn aus der Öffnung.
»Los, klettert daran herauf.«
Die anderen Küken konnten nicht glauben, was sie da hörten, kletterten trotzdem sofort nach oben.
»Es tut mir leid, was ich euch angetan habe. Ich hätte nicht gedacht, dass ich davon so ein schlechtes Gewissen bekommen würde. Ich verspreche euch, dass so etwas nie wieder vorkommen wird.«
Und so wuchsen nun in dem kleinen Nest sechs junge Vögel heran, die das Futter gerecht unter sich verteilten.

»Das war aber eine schöne Geschichte.«, lobte Papa.
»Ich wusste gar nicht, dass du so etwas kennst.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, da kannst du nur staunen. Und nun werde ich nach draußen gehen und sie dem Kuckuck da drüben erzählen. Vielleicht ändert er dann seine Meinung und lässt seine Geschwister leben. Das wäre doch viel schöner.«
Papa schmunzelte, als er seiner kleinen Tochter zusah, wie sie zum Waldrand flitzte.

(c) 2009, Marco Wittler

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