173. Babylieferanten oder „Papa, woher kommen die Babys?“ (Papa erklärt die Welt 26)

Babylieferanten
oder ›Papa, woher kommen die Babys?‹

Der Postbote war gerade wieder gegangen. Sofie hatte schon hinter der Tür gewartet und holte nun die vielen Briefe herein. Alle Briefe, die wichtig aussahen, legte sie auf einen, die viele Werbung auf einen anderen Stapel. Zuletzt blieb ein einzelner Umschlag übrig. Auf ihm war die Zeichnung eines kleines Babys aufgedruckt. Neugierig ging sie damit ins Wohnzimmer.
»Papa, ich weiß nicht, wohin ich diesen Brief sortieren soll.«
Papa setzte seine Lesebrille auf und besah sich den Absender oben links in der Ecke.
»Schau mal einer an. Das ist Post von deiner Tante Susanne. Sie hätte uns doch auch anrufen können. Was mag da wohl drin sein?«
Vorsichtig riss er den Umschlag an einer Seite auf und zog eine Karte daraus hervor.
›Wir sind Eltern geworden.‹, stand auf der ersten Seite neben dem Foto eines kleinen Babys.
»Sie sind Eltern geworden? Haben Tante Susanne und Onkel Michael jetzt ein eigenes Baby?«
Sofie war ganz aufgeregt. Endlich war sie nicht mehr das einzige Kind in der großen Familie.
»Sieht ganz danach aus. Wir sind sogar zu einer kleinen Feier eingeladen. Da muss ich doch anrufen und zusagen.«
Noch während Papa nach dem Telefon suchte, drehte Sofie die Karte in ihren Händen hin und her und besah sie sich ganz genau. Als Papa dann schließlich mit dem Telefon neben ihr stand, fiel seiner Tochter eine Frage ein.
»Papa, woher kommen eigentlich die Babys?«
Er hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach. Dann legte er betont seufzend den Apparat beiseite.
»Ich glaube, wir werden wohl etwas später mit Tante Susanne telefonieren, denn du hast eine wirklich eine gute Frage gestellt. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Babys. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein junger Storch namens Adam in einem fernen Land. Als er heran wuchs, tobte er sehr viel mit seinen Freunden über die Wiese, flog in wilden Kreisen durch den Himmel und jagte den schnellen Fröschen hinterher. Doch irgendwann kommt für jeden Storch die Zeit, eine wichtige Aufgabe zu übernehmen.
An seinem Geburtstag wurde Adam vom Ältesten abgeholt.
»Nun ist der Moment gekommen.«, sagte Adebar mit andächtiger Stimme.
»Ich werde dir nun alles erklären, was du für die Zukunft wissen musst.«
Gemeinsam flogen sie fort zu einer weit entfernten Wiese.
»Dieser Ort ist der Beginn von allem. Es ist der Platz des Lebens und wir Störche wachen schon seit Urzeiten über ihn.«
Zunächst konnte Adam nicht verstehen, was an dieser Wiese so besonders war. In ihrer Mitte stand ein einzelner riesiger Baum. Um ihn herum saßen unzählige Störche und warteten. Hin und wieder startete einer von ihnen, flog unter dem Baum hindurch und verschwand kurz darauf in den Wolken.
»Der Baum des Lebens. An seinen Ästen wachsen kleine Menschenbabys in Körbchen heran. Wenn es Zeit für sie ist, geboren zu werden, fallen sie herab. Wir fangen sie mit unseren Krallen am Tragegriff auf und bringen sie an jeden Ort der Welt.«
Adam war fasziniert von diesem Gedanken. Er hatte vorher nie gewusst, wie die Menschen geboren wurden. Sie legten schließlich keine Eier wie die Vögel.
»Aber woher wissen wir, zu welchen Eltern sie gehören?«
Adebar lachte.
»Mach dir darüber keine Sorgen. Du wirst es wissen, wenn du das erste Mal ein Körbchen aufgefangen hast.«
Er wies Adam einen Platz zu, breitete seine Flügel aus und flog davon.
»Du wirst deine Sache gut machen, davon bin ich überzeugt.«
Mit diesen Worten verschwand der Älteste zwischen den Wolken.
Adam war sich unsicher. Er glaubte, seiner neuen Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Jedes Mal, wenn ein Körbchen vom Baum fiel, sah er schnell in eine andere Richtung.
»Mach dir keine Sorgen. So schlimm ist es nicht.«, sagte plötzlich sein Nachbar.
»Ich hätte mir an meinem ersten Tag fast vor Angst in die Hosen gemacht. Aber schließlich habe ich mich doch getraut.«
In diesem Moment erklang wieder das Geräusch eines Körbchens, das sich von einem der Äste gelöst hatte.
»Na los, stürz dich in das Abenteuer der Menschengeburt. Jetzt bist du dran.«, hörte Adam und bekam einen Klaps auf den Rücken.
Er konnte sich nicht mehr halten und war nun gezwungen, zu fliegen. Mich kräftigen Flügelschlägen raste er auf den Baum zu. Er sah das fallende Körbchen. Sofort wuchs seine Angst.
»Ich werde es nicht rechtzeitig schaffen. Das Körbchen wird auf dem Boden aufschlagen und das Baby wird verletzt.«
Adam war tatsächlich zu langsam. Doch kurz vor dem Boden wurde das Körbchen langsamer und blieb schließlich in der Luft schweben.
»Hier wird niemals einem Baby etwas geschehen.«, rief einer Störche.
»Es ist für uns nur ein Wettstreit. Wir schauen gern, wer sein Körbchen am Schnellsten erwischt.«
Adam schnappte sich den Tragegriff und stieg in die Luft hinauf. Wo lag nun sein Ziel? Würde er die richtigen Eltern finden?
Da sah er plötzlich einen hellen Lichtpunkt am Horizont. Er schien ihn magisch anzuziehen.
»Dort ist es. Da wird das kleine Baby geboren werden.«
Er setzte sich in Bewegung und sah während des Fluges immer wieder den kleinen Menschen an, wie er friedlich in dem Körbchen schlief.
Ein paar Stunden später stellte Adam seine Fracht vor einer Haustür ab, drückte auf die Klingel und versteckte sich auf dem Dach. Er sah zu, wie die neuen Eltern ihr Kind freudig in die Arme schlossen.
Als der Storch schließlich am Abend auf seinen Platz vor dem Baum des Lebens zurück kehrte, berichtete er den anderen von dem warmen Gefühl in seinem Herzen.
»Das ist der Grund, warum wir diese Aufgabe vor so langer Zeit übernommen haben.«, hörte er nun wieder die Stimme Adebars. Der Älteste war sehr zufrieden mit seinem neuen Schüler.

»Ein Storch hat das Baby zu Tante Susanne gebracht?«
Papa nickte.
»Sind denn seine Krallen und Flügel kräftig genug für so ein schweres Körbchen?«
Papa nickte wieder und griff erneut zum Telefon.
»Und jetzt rufen wir Tante Susanne an, um ihr zu sagen, dass wir sehr gerne zu Besuch kommen werden, um uns das Baby anzusehen.«
Sofie dachte noch immer angestrengt darüber nach, was sie gerade gehört hatte.
»Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Sie musste lachen, während Papa gespielt gekränkt die Arme vor der Brust verschränkte.
»Und warum glaubst du mir nicht?«
Sofie war noch etwas eingefallen.
»Die Mama von Anna aus dem Kindergarten hat einen ganz dicken Bauch. Sie hat gesagt, dass da ein Baby drin ist. Also kann das mit dem Storch doch gar nicht stimmen.«
Papa dachte nach.
»Alles, was ich dir über den Storch erzählt habe, ist wahr. Die Sache mit dem dicken Bauch ist eine andere Geschichte. Die erzähle ich dir vielleicht Morgen.«

(c) 2009, Marco Wittler

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