174. Der verlorene Heiligenschein

Der verlorene Heiligenschein

Raphael saß gemütlich auf seinem Platz und langweilte sich. Jeden Morgen, wenn er aufstand, flog er mit seinen Flügeln zu seinem Platz auf der großen Wolke und beobachtete den ganzen Tag über die Menschen auf der Erde. Aber das war nun einmal die Aufgabe eines Engels. Wenn sie dann sahen, dass jemand in große Not geriet, griffen sie ein und halfen, wo sie konnten. Doch mittlerweile passten die Menschen immer besser auf sich auf.
»Wenn mir doch bloß nicht so langweilig wäre. Und jeden Tag auf meiner Harfe spielen macht auch keinen Spaß.«
Er nahm seinen Heiligenschein vom Kopf und spielte damit herum. Er ließ ihn wie einen kleinen Hula-Hoop-Reifen um seinen Finger kreisen. So konnte er sich ein wenig von seinem Alltag ablenken.
»Hallo Raphael.«, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich und erschrak.
Es war Gabriel, der gerade vorbei flog und auf dem Weg zu seiner Wolke war.
»Hallo Gabriel. Ich wünsche dir einen schönen Tag.«
Raphael winkte ihm nach. Dabei fiel ihm auf, dass sein Heiligenschein nicht mehr an seinem Finger fing.
»Oh nein.«, schrie er laut.
»Wo ist er nur hin?«
Er blickte sich um, befühlte jede Falte seines Gewandes und sah auch unter seinem Hintern nach. Nicht einmal in der Wolke war er zu finden.
Raphael kroch zum Rand und sah zur Erde hinab. Da fiel ihm ein leuchtender Gegenstand auf, der nur Sekunden später in einem dichten Wald verschwand.
»Weg ist er .«, sagte er sich betrübt.
»Aber was soll ich denn jetzt machen?«
In seiner Verzweiflung flog er zur Erde hinab, um sich seinen Heiligenschein zurück zu holen.
»Wenn ich ihn nicht finde, bin ich kein richtiger Engel mehr. Wie soll ich denn dann überhaupt noch den Menschen helfen können?«
Er landete mitten im Wald und sah sich um. Doch bis auf Bäume, Sträucher und vielen Gewächsen, deren Namen er nicht kannte, war nichts zu sehen.
Raphael sah hinter jedem Blatt nach und tastete  mit seinen Fingern unter jeder Wurzel. Fündig wurde er aber nicht.
»Das wird richtig Ärger geben. Der Heiligenschein darf auf keinen Fall in die falschen Hände geraten.«
Da zupfte auf einmal jemand an seinem Gewand.
Es war ein kleines Eichhörnchen. Es war gerade von seinem Baum geklettert, wedelte aufgeregt mit seinen Vorderpfoten in der Luft herum und zeigte mit einer Kralle immer wieder in eine bestimmte Richtung.
Der Engel verstand zuerst nicht, was ihm das kleine Tier sagen wollte. Doch schließlich folgte er der ungewöhnlichen Aufforderung und ging dem Eichhörnchen nach.
Es ging über Stock und Stein, hinter diesem und jenem Baum entlang, bis sie schließlich auf einer großen Lichtung standen. Vor sich sahen sie einen großen Hirsch. An seinem Geweih hing der Heiligenschein.
»Du meine Güte, da ist er. Ich bin gerettet.«
Raphael bedankte sich beim Eichhörnchen und beim Hirsch, bevor er sich seinen Heiligenschein wieder auf den Kopf setzte und zurück auf seine Wolke flog. So eine Dummheit wollte er nun nie wieder machen.

(c) 2009, Marco Wittler

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