179. Opa August

Vorwort:
Eigentlich ist es nicht meine Art, einer Geschichte ein Vorwort voran zu stellen. Doch dieses Mal ist es was anderes. Die folgende Geschichte ist, zumindest ihr Anfang, autobiographisch. Sie beinhaltet eine meiner frühesten Erinnerungen an meinen Opa. Er starb am 30. Januar 2009. Ihm ist diese Geschichte gewidmet.

 

Opa August

»Steigt endlich ein und schnallt euch an. Wir kommen sonst noch zu spät.«
Papa stand ungeduldig am Auto und trommelte die Familie zusammen. Mama kam mit den beiden Kindern an den Händen aus dem Haus und setzte sie nacheinander in die Kindersitze.
»Ich kann mich schon alleine anschnallen.«, rief Marco entrüstet.
Ein paar Minuten später waren alle Sicherheitsgurte ordnungsgemäß eingesteckt und die Fahrt ging los.
»Wo fahren wir denn hin?«, kam die erste Frage von der Rückbank.
»Wir fahren Opa August besuchen.«, kam die Antwort von Mama.
»Ehrlich?«
Marco wurde es etwas unangenehm in seinem Sitz, denn er fuhr seinen Opa nicht so gern besuchen.
»Sind wir bald da?«, maulte nun auch noch die kleine Schwester.
»Ein wenig wird’s noch dauern. Schaut euch doch bis dahin eure Bilderbücher an.«
Eine ganze Stunde dauerte die Fahrt, bis sie endlich am Ziel angekommen waren.
Oma stand schon an der Tür, begrüßte die Gäste ausgiebig und verteilte viele Wangenküsse.
»Mensch, was seit ihr groß geworden.«, und begutachtete die Kinder von oben bis unten.
»Kommt erstmal rein. Ich habe schon Kaffee und Kuchen gedeckt.«
In der großen Küche saßen bereits einige andere Verwandte. Die vielen Enkelkinder tobten durch die Wohnung oder versteckten die Futterkringel der Hunde.
»Ach, wer kommt denn da?«, rief Opa August, als er die Neuankömmlinge sah.
In Marcos Bauch zog sich der Magen unangenehm zusammen.
»Der Gartenzwerg ist wieder da.«
Opa August nahm seinen Enkel hoch und setzte ihn vor sich auf den Tisch.
»Irgendwann stell ich dich in den Vorgarten unter die Tannen.«
Er lachte, während er sich wieder den restlichen Gästen widmete.
»Ich will nicht draußen im Garten stehen.« flüsterte Marco vor sich hin.
Papa konnte ihn hören und kam sofort zum Trost zum Tisch.
»Hab mal keine Angst. Das ist doch nur ein Scherz. Er meint es gar nicht so.«
Aber irgendwie war dann doch die Angst größer als das Vertrauen in einen Witz.
Den ganzen Tag über fühlte sich Marco schlecht. Er saß nur auf seinem Stuhl und brachte nicht viele Worte heraus. Als es dann schließlich am Abend auf den Heimweg ging waren da wieder die ungeliebten Worte.
»Macht es gut und kommt bald wieder. Und bringt den Gartenzwerg wieder mit. Im Garten ist noch ein Plätzchen frei.«

Kurz bevor die Kinder ins Bett gebracht wurden hatte Marco eine Idee. Er lief in den Keller und durchsuchte die Schränke mit der Winterkleidung. Irgendwann fand er, wonach er suchte. Es war eine rote Pudelmütze. Damit lief er ins Wohnzimmer und zeigte sie Papa.
»Los, komm mit. Ich hab da eine Idee und du musst mir dabei helfen.«

Am nächsten Morgen stand Opa August auf und trottete, wie an jedem Tag, in die Küche und kochte sich eine Tasse Kaffee. Während er sie trank, ging er vor das Haus, Um ein wenig frische Luft zu schnappen. Doch dort erlebte er eine große Überraschung. In seinem Garten saß ein kleiner Junge mit einer roten Pudelmütze auf dem Kopf.
»Mensch, was ist denn hier los?«, fragte er?
»Du wolltest doch einen neuen Gartenzwerg für deinen Vorgarten haben.«, antwortete Marco amüsiert.
»Jetzt hast du einen.«
Dann stand er auf und lief mit einem breiten Lächeln auf seinen Opa zu.
»Weißt du was, Opa? Ich hab dich einfach lieb.«
Sie drückten sich gegenseitig und mussten beide laut lachen.
In diesem Moment kam Papa aus einem kleinen Zelt gekrochen, das neben der großen Tanne stand. Dort hatte er die ganze Nacht auf seinen kleinen Sohn aufgepasst. Als er nun sah, dass die Angst vor Opa August verflogen war, wurde er richtig glücklich.

(c) 2009, Marco Wittler

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6 thoughts on “179. Opa August

  1. Hallo Marco,
    eine sehr rührende Geschichte. Mit dem Wissen, dass sie autobiographische Züge hat, gefällt sie mir gleich noch besser. Schön, dass der kleine Marco so eine humorvolle Lösung gefunden hat.
    Liebe Grüße, Nina

    • Zumindest kam die Lösung vom großen Marco. Der kleine Marco hatte da etwas mehr dran zu knabbern.

      Lieben Gruß,
      der Marco

  2. Hallo Marco,
    das ist eine sehr schöne Geschichte! Die Veröffentlichung würde deinen Opa sicher sehr freuen. Ich kann mich in meiner Kindheit erinnern, dass ich Verwandtenbesuche zu meinem Onkel Andres auch nicht gerne mochte. Wir wurden immer mit dem Satz begrüßt: „Meine Güte, was seit ihr groß geworden! Ihr wachst sicher noch in den Himmel hinein.“ Das war uns Kindern nicht angenehmen. Auch sonst konnten wir die Witzchen in unserem kindlichen Alter nicht immer verstehen. Im Nachhinein wäre ich gerne öfters bei meinen Verwandten gewesen.

    Lieben Gruß und schönen Sonntag
    Renate

    • Hallo Renate.
      Bei mir war es auch nur als Witz gemeint und ich war auch wirklich der Kleinste von uns Enkeln. Aber irgendwie versteht man es als Kind immer falsch.

      Lieben Gruß,
      der Marco

    • Hallo Alex.
      Vielen Dank. 🙂 Es war tatsächlich ein Missverständnis, aber als Kind bemerkt man das nicht unbedingt. Hab es deswegen mein ganzes Leben lang mitgeschleppt.

      Lieben Gruß,
      der Marco

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