180. Lang lebe der König

Lang lebe der König

»Lang lebe der König.«, schallte es laut über den Spielplatz.
»Lang lebe der König.«, riefen alle Kinder zusammen im Chor.
König Nils saß hoch oben im Rutschenhäuschen und winkte den anderen zu. Schon seit zwei Tagen war er der Herrscher in dieser Gegend. Sein Vorgänger war fort gezogen und hatte sein Amt abgegeben.
Nick saß einsam und allein etwas abseits von dem ganzen Trubel. Er sah immer wieder hinauf zu Nils und beneidete ihn.
»Ich wäre auch so gern König geworden. Aber mich beachtet ja niemand. Für die meisten Kinder bin ich hier doch wie ein Unsichtbarer.«
Nick war vor einem Jahr mit seinen Eltern hier her gezogen. Aber es fiel ihm noch immer schwer, Freunde zu finden. Meist wurde er sogar gehänselt und geärgert, jedes Mal aus einem anderen Grund.
»Mit Brillenschlangen wollen wir nichts zu tun haben.«
»Du bist viel zu langsam für unser Fußballteam.«
»Streber sind richtige Langweiler.«
Und es gab sogar noch schlimmere Beleidigungen.
»Es wäre so schön, wenn sie mich nur ein einziges Mal beachten würden.«
In diesem Moment beendete König Nils seine erste Ansprache und sah sich um.
»Jetzt brauche ich noch einen Berater und Helfer, der mit jederzeit zur Seite steht und mich beim Herrschen unterstützt.«
Normalerweise hätte man nun erwartet, dass alle Hande nach oben in die Luft gehalten wurden. Doch das genaue Gegenteil war der Fall.
»Los, Leute, kommt schon. Irgendwer muss doch Lust auf diese ehrenvolle Aufgabe haben.«
Aber es meldete sich niemand, bis sich plötzlich doch eine Hand am anderen Ende des Spielplatzes zaghaft und schüchtern erhob.
»Und somit verkünde ich euch feierlich, dass Nick ab sofort mein Helfer, Berater und Stellvertreter sein wird.«
Niemand jubelte oder klatschte. Stattdessen waren alle froh, dass sie nicht erwählt worden waren.
Nick sah nun seine ganz große Chance vor sich. Er stand von seinem Platz auf und gesellte sich zu Nils. Von nun an würde ihn jeder kennen und beachten. Er war die rechte Hand Hand des Königs.

Schon nach zwei Tagen war Nick seine Aufgabe leid. Er musste die Schulsachen des Königs tragen, ihm in den Mittagspausen das Essen an den Tisch bringen und wirklich alles andere auch noch erledigen. Das konnte doch einfach nicht möglich sein. Statt von den anderen Kindern in der Grundschule beachtet zu werden, lachten sie ihn ständig aus. Er war kein Berater, sondern ein Diener geworden.
»Du kannst wirklich froh sein, dass du mein Berater geworden bist.«, sagte Nils beim Essen.
»Du wirst nicht glauben wie anstrengend es ist, König zu sein. Manchmal würde ich nur zu gerne mit dir tauschen.«
Nick wollte das einfach nicht glauben. Konnte es denn schlimmer sein, jeden Tag für diesen Jungen zu schuften?

Am Abend, Nick war kurz davor ins Bett zu gehen, klingelte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung meldete sich Nils.
»Ich habe keine Lust mehr.«, sagte er.
»Ich bin gerade in meinem Fußballteam zum Mannschaftskapitän gewählt worden. Deswegen möchte ich kein König mehr sein.«
Nick wusste gar nicht, was er sagen sollte. Schon machte er sich Gedanken, wem er nun ein Diener sein würde.
»Wenn wir uns Morgen auf dem Spielplatz treffen, werde ich den anderen Kindern von meiner Entscheidung erzählen und dich dann zu meinem Nachfolger machen.«
In diesem Moment machte Nicks Herz einen großer Hüpfer. Er sollte der neue König werden? Das konnte doch nur ein wunderschöner Traum sein. Sofort kniff er sich in den Unterarm. Der Schmerz zeigte ihm, dass er eindeutig wach war.
»Ist gut. Ich werde Morgen da sein.«

Die Schulstunden am nächsten Tag wollten einfach nicht vorüber ziehen. Es schien, als würde die Uhr absichtlich langsamer laufen. Als die Schule schließlich endlich vorbei war, lief Nick sofort zum Spielplatz und wartete nervös auf das Erscheinen der anderen Kinder.
Schon morgens hatte er in seiner Aufgabe als Berater und Helfer alle Kinder informiert, dass der König eine Rede halten wollte. Also trudelten sie nach und nach ein und setzten sich um die Rutsche herum auf den Boden.
Als Letzter erschien Nils. Mit seiner großen Krone auf dem Kopf stieg er die Treppenstufen hinauf, sah in die Runde und las dann von seinem Zettel ab.
»Liebe Freunde, es ist gestern etwas Wundervolles geschehen. Ich bin Mannschaftskapitän geworden. Das kostet mich natürlich mehr Zeit, wodurch ich meine Aufgaben als König nicht mehr erledigen kann.«
Er machte eine lange und bedeutsame Pause.
»Ich habe mich dazu entschieden mein Amt nieder zu legen. Dafür bestimme ich Nick zum neuen König.«
Stille herrschte plötzlich auf dem ganzen Spielplatz. Doch dann brach der Jubel los. Während Nils die Krone auf Nicks Kopf setzte, waren die vielen Stimmen zu einem Chor geworden.
»Lang lebe der König.«
Nick konnte es nicht fassen. Zum ersten Mal, seit einem Jahr, fühlte er sich richtig glücklich. Alle beachteten und mochten ihn. Er nahm sich vor, viele Jahre im Amt zu bleiben.

Am nächsten Morgen ging die Schule wieder los. Nick wurde von jedem Kind gegrüßt. Einige schüttelten ihm sogar die Hand. Keiner wagte es, ihn zu beleidigen. Es war ein herrliches Gefühl.
Doch schon in der ersten Pause gab es die ersten Probleme.
»König Nick, ich brauche deine Hilfe.«, kam es von der einen Seite.
»Mein Bruder gibt mir nicht mein Pausenbrot.«, maulte jemand anderes.
»Du musst mir unbedingt bei den Hausaufgaben helfen.«
Plötzlich kamen alle Kinder an und wollten etwas von Nick. Damit hatte er gar nicht gerechnet. So gut es ging, versuchte er ihre Wünsche zu erfüllen. Doch es waren einfach zu viele.
In den nächsten Tagen ging es nicht nur so weiter, er hörte immer mehr Anfragen. Jeder brauchte ihn. Nun konnte er nachfühlen, warum Nils so schnell aus dem Amt geschieden war.
»So kann das doch nicht weiter gehen.«, sagte er sich eines Abends in seinem Bett.
»Ich komme ja kaum noch dazu, mich um mich selbst zu kümmern. Ich hätte nie gedacht, dass es so viel Arbeit kostet, beliebt zu sein.«
Also schmiedete er einen Plan.

Am nächsten Nachmittag versammelten sich wieder die Kinder des Wohnviertels auf dem Spielplatz. König Nick stand im Rutschenhäuschen hielt eine Rede.
»Es gibt bei uns viel zu tun. Jeder hat Probleme und möchte sie gelöst bekommen. Aber für mich ist das einfach viel zu viel. Deswegen brauche ich euch als Helfer. Wer von euch ist mit dabei?«
Es wäre zu schön gewesen, nun ein paar Hände zu sehen. Doch alle Kinder sahen auf den Boden. Nick hatte zwar gehofft, ein paar Freiwillige zu dieser Aufgabe bewegen zu können, hatte aber noch einen Trumpf im Ärmel.
»Nur zu gern hätte ein paar von euch zu meinen Fürsten gemacht. Aber dann muss es halt anders gehen.«
Er hielt nun ein paar kleine Hefte in die Luft.
»Jeder von euch bekommt eines davon. Darin wird aufgeschrieben, wenn ihr von jemandem Hilfe bekommt. Dafür müsst ihr dann aber auch jemand anderem helfen. So kommt keiner zu kurz und jeder muss etwas tun.«
Zuerst maulten ein paar Kinder herum. Sie wollten Hilfe, aber eigentlich keine Gegenleistung erbringen. Doch schon nach ein paar Minuten änderten sich Meinungen. Sie stellten fest, dass Michi richtig gut in Mathe war und Nachhilfe geben konnte. Lena suchte noch einen Partner für die Tanzschule und bot dafür an, jemanden beizubringen, wie man Gitarre spielt. Ganz schnell wurde für jeden Hilfe gefunden und die Hefte des Königs wurden schneller als erwartet verteilt.

Am Abend saß Nick mit seinen Eltern in der Küche am Tisch und aß zufrieden sein Butterbrot.
»Bist du denn jetzt deine Aufgabe als König los und hast die Krone jemand anderem gegeben?«, fragte Mama.
Nick schüttelte den Kopf und berichtete von seiner Idee.
»Die anderen Kinder waren so erfreut von dem Hilfeheften, dass sie gesagt haben, es hätte noch nie zuvor einen so guten König gegeben. Da konnte ich doch unmöglich zurücktreten.«

(c) 2009, Marco Wittler

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