185. Du bist doch nur ein Mädchen

Du bist doch nur ein Mädchen

Lina stand hinter dem Maschendrahtzaun und sah den Jungen zu. Sie spielten Fußball. Hin und her ging der Ball und sie schienen viel Spaß zu haben. Nur zu gern würde Lina mitmachen. Doch sie wusste genau, was geschehen würde, wenn sie einen Fuß auf den Platz stellen würde. Trotzdem versuchte sie es.
»Ich will auch mitspielen.«, rief sie laut.
Ihr großer Bruder Leon hörte sie und kam sofort an den Spielfeldrand. Seine Freunde unterbrachen das Spiel und folgten ihm.
»Du willst mitspielen? Fußball ist ein Spiel für Jungen. Du bist doch nur ein Mädchen. Du wirst nicht einmal den Ball treffen, wenn wir dir eine Zielscheibe darauf malen. Spiel lieber wieder mit deinen Puppen.«
Die Jungen lachten laut und begannen wieder zu kicken. Lina ließ traurig die Schultern hängen und schlich nach Hause. Es war wie jedes Mal gelaufen.

Am nächsten Morgen wollte Lina gerade das Bad betreten und sich waschen, als sich ihr Bruder vorbei drängelte und die Tür hinter sich verschloss.
»Ich war aber zuerst dran.«
Leon öffnete trotzdem nicht.
»Du bist doch nur ein Mädchen. Dann kannst du auch warten, bis ich fertig bin. Stell dich nicht so an.«
Lina war nun richtig sauer. Jeden Tag bekam sie den gleichen Spruch zu hören. Jeden Tag musste sie nachgeben. Ihr Bruder war immer der Gewinner. Das war so unfair.
»Ich wünschte, du wärst auch mal ein Mädchen. Dann würdest du ganz schnell merken, wie gemein ihr Jungen immer zu uns seid.«
Sie drehte sich um und stampfte mit lauten Schritten in ihr Zimmer.
Leon lachte nur, während er sich die Zähne putzte. Er sollte ein Mädchen werden? Nicht einmal im Traum würde ihm so etwas Verrücktes einfallen. Er war richtig froh, ein Junge zu sein.
»Kinder, kommt runter, das Frühstück ist fertig.«, rief Mama aus der Küche.
»Lina, denk bitte an deinen Turnbeutel und Leonie trödel nicht wieder so herum. Du hättest gestern schon fast den Bus verpasst.
Leonie?
Leon wunderte sich. Was war denn nur mit Mama los? Stimmte da etwas nicht mit ihr?
Er ging die Treppe nach unten und setzte sich an den Tisch.
»Oh nein, wie siehst du denn aus, meine Süße? Was hast du denn mit deinen Haaren angestellt? Ich mach dir noch schnell ein paar Zöpfe rein.«
Nun wurde es Leon zu bunt. Süße? Zöpfe? Wollte ihn jemand ärgern?
»Mein Name ist Leon und meine Haare sind viel zu kurz  für Zöpfe.«
Ihm stockte der Atem. Seine Stimme hatte sich verändert. Sie war viel höher, als noch vor ein paar Minuten. Erschreckt sprang er auf und stellte sich schnell im Flur vor den großen Spiegel. Dort blickte ihm nun nicht mehr der vertraute Bengel entgegen, sondern ein Mädchen mit langen blonden Haaren, einem knielangen Kleid und rosa Schuhen.
Er schrie.
»Leonie, nun mach doch nicht so ein Theater. Ich helfe dir ja schon.«
Mama kam ihm nach gelaufen und flechtete sofort zwei lange Zöpfe in das Haar.
Sie schien gar nicht zu merken, dass ihre Tochter eigentlich ein Sohn war. Das konnte doch nur ein schlimmer Alptraum sein.
Ein paar Minuten machte sich Leon verzweifelt auf den Weg zur Schule.
Der Bus stand bereits vor dem Haus und er musste sich beeilen. Doch das Kleid flatterte wild um seine Beine herum. Fast wäre er gestolpert und hingefallen. Als er einstieg lachten alle Jungen über ihn.
Wütend wollte er sich neben seinen besten Freund Christian setzen. Doch dieser stieß ihn fort.
»Spinnst du? Ich sitze doch nicht freiwillig neben einem Mädchen. Geh bloß zu den anderen. Das hier ist der Stammplatz meines besten Freundes Alexander.«
Also schlich sich Leon mit hochrotem Kopf zu den anderen Mädchen.
In der Schule lief es nicht besser. Die Jungen lachten ihn aus, spielten ihm Streiche und beleidigten ihn. Trost fand er nur bei den Mädchen, mit denen er eigentlich nichts zu tun haben wollte. Doch dadurch stellte er fest, dass es ihnen nicht anders erging, als ihm.
»Die Jungen sind alle doof. Sie nehmen uns gar nicht ernst. Denen sollte man mal zeigen, dass Mädchen alles genau so gut können ,wie sie selbst.«, schimpfte Melanie.
Leon hätte ihr nur zu gern widersprochen, traute sich aber nicht. Er ertrug sein Schicksal so gut er konnte.

Am Nachtmittag hielt es Leon zu Hause nicht mehr aus. Seine Mutter wollte ihm zeigen, wie man mit Stricknadeln umgeht.
»Aber dud hast mich doch letzte Woche gefragt, wie man Söckchen selber macht.«
Er zog sich eine Jacke über und rannte zum Fußballplatz. Er wusste, dass seine Freunde sich dort gerade austobten.
Als er ankam, stellte sich mit auf den Platz.
»Was willst du denn hier?«, rief Alexander laut über den Platz.
»Fußball spielen nur Jungs. Du bist doch nur ein Mädchen. Hast ja eh keine Ahnung von den Regeln. Den Ball triffst du bestimmt auch nicht.«
Wut kochte in Leon hoch. So etwas Gemeines hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gehört.
Er rannte auf den Ball zu und schoss ihn im hohen Bogen über den halben Platz direkt ins Tor. Dann drehte er sich um und rannte zurück nach Hause.
Sein Ziel war das Zimmer seiner Schwester Lina. Ohne ein Klopfen öffnete er die Tür und trat ein.
»Bitte mach, dass es aufhört.«, bettelte er.
»Es tut mir leid, dass ich dich so schlimm behandelt habe. Ich verspreche dir, dass ich dich nie wieder beleidigen werde. Du darfst sogar mit mir Fußball spielen.«
Lina freute sich und grinste über das ganze Gesicht.
In diesem Moment wurden Leons Haare wieder kürzer und das Kleid verwandelten sich in ein T-Shirt und eine Hose. Er war wieder ein Junge.
»Danke, kleine Schwester.«
»Bitte, großer Bruder.«
Er nahm Lina an die Hand und ging mit ihr zusammen zum Fußballplatz.
»Hey, Jungs, ich hab uns noch Verstärkung für unsere Mannschaft mitgebracht.«
Alexander und die anderen kamen heran und lachten.
»Du willst uns doch wohl nicht mit einem Mädchen schwächen. Das geht ja gar nicht.«
Leon sagte kein Wort, blinzelte die anderen aber böse an. Daraufhin gaben sie Lina sofort ein Trikot und ließen sie das Spielfeld betreten.

Am Abend kehrten die beiden Geschwister gemeinsam freudestrahlend nach Hause zurück.
»Was ist denn mit euch los?«, fragte Mama erstaunt.
»So kenne ich euch gar nicht.«
Lina begann sofort zu erzählen.
»Leons Mannschaft hat das Spiel heute gewonnen.«
Und Leon fügte berichtete ihr den Rest der Neuigkeiten.
»Lina hat alle Tore geschossen. So gut, wie sie, spielt kein anderer. Die Jungs waren richtig erstaunt und wollen noch mehr Mädchen dabei haben.«

(c) 2009, Marco Wittler

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