192. Die Radioreportage

Die Radioreportage

»Meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich bin der rasende Rudi und möchte sie herzlich zu unserer Radioreportage begrüßen.
Sie werden es mir nicht glauben, aber die Szenen, die ich ihnen in den folgenden Minuten beschreiben werde, spielen sich tatsächlich vor meinen Augen ab. Mir scheint es, als würde die Erde auf den Kopf gestellt worden sein. Regeln gelten nicht mehr. Heute ist plötzlich alles anders.
Noch vor ein paar Minuten sah ich einen Verbrecher in seinem gestreiften Hemd friedlich mit einem Polizisten die Straße entlang marschieren. Von Diebesgut und Handschellen war allerdings nichts zu sehen. Mir kam es beinahe vor, als wären die Zwei seit Jahren dicke Freunde.
Und nun – nein, das wird mir niemals jemand glauben – zieht eine unüberschaubare Gruppe von Hunden und Katzen durch die Stadt. Ja, sie hören richtig. Gemütlich laufen diese Tiere an mir vorbei. Da ist kein Knurren und kein Fauchen zu hören. Sie sind alle in bester Laune. Alles bleibt erstaunlich friedlich.
Was ist hier bloß geschehen? Ist es ein verrückter Zauber oder gar ein Fluch, der sich über diese Stadt gelegt hat? Oder ist es nur die Ruhe vor dem Sturm? Wird vielleicht doch noch in ein paar Minuten eine große Katastrophe geschehen? Wir wissen es nicht. Aber ich wäre nicht der rasende Rudi, wenn ich nicht vor Ort bleiben würde, um sofort über jedes Ereignis zu berichten.
Ich traue meinen Augen nicht. Die unmöglichsten Dinge geschehen hier überall. Nur eine Straße weiter entdecke ich Piraten, Seeleute und Matrosen, die zusammen in das gleiche Gasthaus einkehren. Sie teilen den Tisch und das Bier miteinander. Hat es jemals Ähnliches vorher gegeben? Ich glaube nicht.
Selbst der Zoo macht vor diesem Wahnsinn nicht halt. Soeben lief ein riesiger Eisbär an mir vorbei, auf seinen Schultern einen kleinen Pinguin sitzend. Dabei weiß doch jeder, dass dieses weiße Zotteltier sehr gefährlich werden kann.
Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich denken soll. Alles steht Kopf. Nichts hält sich an die Naturgesetze oder Regeln. Dieser Tag wird definitiv in die Geschichte eingehen.
Doch was ist das? Sehe ich wirklich richtig oder werde ich nun langsam auch noch verrückt?
Es nähert sich ein riesiges, prunkvolles Fahrzeug. Oben, auf einem Balkon, stehen ein Prinz und ein Bauer einträchtig nebeneinander. Und als ob das nicht schon ungewöhnlich genug wäre, gesellt sich eine bärtige Jungfrau hinzu. Um den Wagen regnet es Bonbons, Blumensträuße und Schokolade, als wäre das Schlaraffenland Wirklichkeit geworden.
Wer das alles nicht selbst miterlebt, wird sich nicht vorstellen können, dass es tatsächlich stattgefunden hat.
Mit diesen Eindrücken möchte ich mich nun verabschieden und gebe zurück ins Funkhaus.«

Im Sender drückte der Radiomoderator ein paar Knöpfe und beendete die Funkverbindung, bevor er in sein Mikrofon sprach.
»Das war unser rasender Reporter Rudi, der uns in seiner unnachahmlichen Art und Weise vom kölner Karneval berichtete.
Wenn sie also noch ein schickes Kostüm besitzen und nicht wissen, wo sie am heutigen Rosenmontag feiern sollen, dann kommen sie doch einfach nach Köln, denn hier ist richtig was los.«
Der Moderator legte etwas Karnevalsmusik auf und begann zu schunkeln.

(c) 2009, Marco Wittler

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