196. In der Küche ist der Teufel los

In der Küche ist der Teufel los

Am frühen Morgen klingelte im Schlafzimmer ein Wecker. In der Küche nahm eine Zeitschaltuhr den Betrieb auf und ließ die Kaffeemaschine arbeiten. Es blubberte und ein würziger Geruch erfüllte die Luft der Wohnung.
»Los, wacht auf.«, rief die Kaffeemaschine.
»Der Mensch wird gleich aufstehen. Dann braucht er seinen Kaffee und ein frisches Brötchen.«
Als hätte er nur auf ein Kommando gewartet, begann der Ofen warm zu werden. In seinem Inneren lagen drei Brötchen, die nun knusprig braun wurden.
Die Anzeige der Mikrowelle begann ganz aufgeregt zu blinken. Doch dann wurde ihre Freude von der Spülmaschine gebremst.
»Halt dich mal zurück, Kollegin. Es ist Frühstückszeit. Du wirst erst heute Mittag gebraucht.«
Enttäuscht erlosch ihr Licht.
In diesem Moment war eine leise Stimme aus dem Bad zu hören. Es war die elektrische Zahnbürste, die sich bereits über ihren Arbeitseinsatz beklagte.
»Ich will auch Kaffee kochen. Aber stattdessen werde ich drei Mal am Tag in den Mund des Menschen gesteckt. Ihr könnt euch gar nicht  vorstellen, was ich alles ertragen muss. Essensreste und Mundgeruch. Das wird er erst alles durch mich los.«
Die Toilettenschüssel schloss sich den Beschwerden sofort an.
»Du meine Güte.«, ging die Spülmaschine dazwischen.
»Nun haltet doch mal euren Mund. Ihr habt eure Aufgaben. Getauscht wird nicht. Außerdem geht es mir noch sehr viel schlechter. In mir lagern mehrere Tage lang dreckiges Geschirr und Besteck. Aber ich habe nie etwas dagegen gesagt.«
Im Schlafzimmer erklang zum zweiten Mal die Stimme des Weckers. Der Mensch war offensichtlich noch immer nicht aus den Federn gekommen.
»Wie kann man nur so faul sein. Wir sind schon richtig aktiv und der schläft immer noch. Wir hätten uns gar nicht so beeilen müssen. Jeden Morgen das gleiche Theater.«
Der große Kühlschrank wurde langsam sauer. Er hatte die Nase voll, denn in ihm lagerte seit zwei Tagen ein unglaublich stinkender Käse. Er hatte die Hoffnung, dass er diesen bis zum Frühstück los werden würde.
Doch dann hörte er ein gemeines Lachen.
»Mit so einem Käse im Bauch würde ich mich auch nicht wohl fühlen. Da bin ich froh, dass ich nur Wollmäuse und Staub in mir trage.«
Der Staubsauger war ein gemeiner Kerl. Er fand immer etwas, um sich über die anderen Geräte des Hauses lustig zu machen.
Die Tür des Schlafzimmers öffnete sich. Die Stimmen verstummten. Der Mensch trottete ins Bad. Zuerst saß er auf der Toilette, anschließend wusch er sich und putzte seine Zähne.
Schon musste der Staubsauger wieder kichern. Er konnte sich sehr gut vorstellen, wie sich die beiden gerade ekelten. Doch dann wurde er vom Kühlschrank angezischt.
»Ruhe da vorne. Er muss ja nicht unbedingt mitbekommen, wozu wir fähig sind.«
Die Tür öffnete sich. Nun sah der Mensch nicht mehr so verschlafen aus. Er goss sich eine Tasse Kaffee ein, holte die fertigen Brötchen aus dem Ofen und setzte sich mit einer Zeitung an seinen Tisch.
Die Spülmaschine seufzte leise und flüsterte den anderen zu.
»Gleich bekomme ich das ganze dreckige Zeug in mich hinein. Jeden Morgen aufs Neue. Das ist nicht auszuhalten.«
Zahnbürste und Toilette blubberten vor sich hin. Sie versuchten ihre Nasen vom Geruch zu befreien.
Der Kühlschrank zitterte in seiner Aufregung. Noch lagen alle Lebensmittel in ihm drin.
Plötzlich stand der Mensch vor ihm und murmelte von Aufschnitt.
›Aufschnitt?‹, dachte sich der Kühlschrank?
›Du kannst doch nicht den Aufschnitt essen. Der Stinkkäse muss raus. Ich halte das keinen Moment länger aus.‹
Der Mensch öffnete die Tür, sah durch die Regale und griff schließlich nach einer Packung Wurst.
Der Kühlschrank verzweifelte. Wieder wurde er nicht erlöst. Verzweifelt warf er einen Blick durch die Küche und suchte nach einer rettenden Idee. Doch niemand schien ihm helfen zu wollen. Alle anderen Geräte sahen zum Fenster hinaus. Nur einer zwinkerte ihm verschwörerisch zu. Der Staubsauger schien einen Plan zu haben. Er schlängelte das Stromkabel aus seinem Gehäuse heraus und legte es quer über den Boden.
Der Mensch schloss die Kühlschranktür und wollte sich gerade wieder an den Tisch setzen, als er über das Kabel stolperte. Im hohen Bogen flog die Wurst durch die Luft und landete in einem Blumentopf.
Enttäuscht warf der Mensch den Aufschnitt in den Müll und öffnete noch einmal den Kühlschrank. Lange sah er hin und hoch, hoch und runter, bis er schließlich schweren Herzens nach dem Käse griff.
Erleichtert atmete der Kühlschrank auf. Er hatte es geschafft. Dankend lächelte er dem Staubsauger zu.
Ein paar Minuten später verließ der Mensch die Wohnung.
»Jetzt ist Partyzeit!«, rief der Kühlschrank.
Die Lampen färbten sich bunt, aus der Kaffeemaschine spritzte eine hohe Wasserfontäne und das Kofferradio drehte die Musik auf volle Lautstärke. Nun konnten die Geräte bis zum Mittag feiern.

(c) 2009, Marco Wittler

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