197. Ein Märchen ohne Ende

Ein Märchen ohne Ende

Schneewittchen, die schöne Königstochter, saß am Fenster und gedachte den Ereignissen der letzten Zeit. Ihre Mutter war schon bei ihrer Geburt gestorben. Daher hatte ihr Vater schon früh neu geheiratet. Doch Schneewittchens Stiefmutter war eine böse Frau. Ein Jäger sollte das arme Mädchen im tiefen Wald töten. Doch sein Mitleid war so groß, dass er sie leben ließ.
In der Zwischenzeit hatte ein Zauberspiegel der Königin erzählt, dass Schneewittchen die schönste Frau von allen war. In ihrer Eifersucht hatte sich die Königin verkleidet und Schneewittchen zweimal vergiftet. Zuerst mit einem Gürtel, dann mit einem Kamm. Doch die sieben Zwerge hatten sie immer wieder ins Leben zurück holen können.
Plötzlich klopfte es an der Tür. Schneewittchen stand auf und ging zur Tür. Dort stand eine alte Frau, die ihr einen herrlich roten Apfel anbot. Schneewittchen konnte nicht anders. Sie griff zu und biss in die süße Frucht. Doch schon nach dem ersten Bissen fiel sie zu Boden. Dieses Mal hatte die böse Königin ihren Plan verwirklichen können. Schneewittchen war tot.
Als die Zwerge nach Hause kamen, entdeckten sie die große Katastrophe sehr schnell. In ihrer Trauer legten sie Schneewittchen in einen gläsernen Sarg. Darin sah sie aus, als würde sie nur schlafen.
Ein zufällig vorbei reitender Königssohn sah die Tote und verliebte sich in sie. Er bat die Zwerge, den Sarg mit in sein Schloss nehmen zu dürfen, um die Schönheit jeden Tag anschauen zu können. Doch während des Transports fiel der Sarg zu Boden und das Apfelstück, das noch in Schneewittchens Hals steckte, rutschte heraus. Die junge Frau erwachte wieder.
Und noch am selben Tag heirateten die beiden und lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

Mama wollte das Märchenbuch zur Seite legen, doch Max legte sofort Einspruch ein.
»Das Märchen ist doch noch gar nicht zu Ende. Wo ist denn der Kampf mit dem Drachen?«
Mama runzelte die Stirn und blätterte durch das Buch.
»Da ist gar kein Drache. Ich kann jedenfalls keinen finden. Das Märchen ist wirklich zu Ende.«
Doch Max war anderer Meinung. Er griff sich das Buch, schlug es auf und zeigte mit dem Finger auf eine beliebige Seite.
»Da steht Drache.«, versuchte er sie zu überzeugen, auch wenn er gar nicht lesen konnte.
»Dann werde ich wohl doch noch weiter lesen müssen.«, seufzte Mama.
Sie legte sich das Buch auf den Schoß und erfand einfach ein neues Ende.

Der Prinz und Schneewittchen standen in ihren schönsten Gewändern vor dem Traualtar und warteten auf den Beginn ihrer Hochzeit. Doch in diesem Moment hörten sie einen unglaublichen Lärm. Draußen vor dem Gebäude fauchte und brüllte es.
Sofort verließen alle die Kapelle und sahen sich einem riesigen Drachen gegenüber. Er spie Feuer und entzündete die Bäume rundherum.
Sofort stellte sich der Prinz schützend vor Schneewittchen und zog sein Schwert hervor. Der Drache landete und lachte den Prinz aus. So ein kleiner Mensch würde niemals ein so majestätisches Lebewesen besiegen können.
Der Prinz war aber sehr schlau. Er deutete an, nach links zu rennen, lief dann aber nach rechts, bahnte sich einen Weg unter den Drachen und erstach ihn mit dem Schwert.
Das große Tier fiel in sich zusammen, röchelte noch einmal und starb.
Der Prinz nahm seine Braut an die Hand und ging mit ihr zurück in die Kapelle, in der sie nun endlich heiraten konnten.

Ein weiteres Mal klappte Mama das Buch zusammen. Aber die Hand ihres Sohnes war schneller. Sie landete zwischen den Seiten.
»Aber Mama. Du bist doch noch gar nicht am Ende angekommen. Du hast doch noch den bösen Zauberer vergessen.«
Mama blätterte hin und her, suchte verzweifelt nach der passenden Textstelle und dachte sich schließlich etwas aus.

Noch bevor der Pfarrer den Hochzeitsgottesdienst beginnen konnte, entstand eine große Rauchsäule wie aus dem Nichts. Als sie verschwand, stand ein großer Zauberer zwischen dem Prinzen und Schneewittchen. Er sah sehr grimmig drein und bedrohte das  Brautpaar mit seinem Zauberstab.
»Ihr zwei werdet auf keinen Fall heiraten. Das werde ich nicht zulassen. Schneewittchens Stiefmutter hat sie mir zur Frau versprochen.«
Er nahm Schneewittchen an die Hand, wedelte mit seinem Zauberstab und sprach eine geheimnisvolle Formel in einer fremden Sprache. Von einem Augenblick zum anderen verwandelte sich der Prinz in einen quakenden Frosch.
Der Zauberer lachte.
»Los, Pfarrer, macht uns zu Eheleuten.«
Doch dazu sollte es nicht kommen. Denn in der Kirche saß eine gute Fee. Sie schwebte leise heran, tippte dem Zauberer auf seine Glatze und ließ ihn so verschwinden. Den Prinzen machte sie wieder zu einem Menschen und schon konnten er und Schneewittchen endlich heiraten.

»Sind wir denn jetzt am Ende angekommen?«, fragte Mama vorsichtig.
Max schüttelte den Kopf.
»Aber Mama, weißt du denn gar nichts? Da fehlen doch noch die fiesen Gnome, die Schneewittchen entführen, um sie zum Mittag zu verspeisen.«
Also las Mama noch eine Seite vor.

Mit einem Mal öffnete sich die Erde und eine Gruppe kleiner Gnome kam hervor. In ihren langen Bärten trugen sie Knochen und ihre Körper waren in Tierfellen gehüllt.
Sie schnappten sich Schneewittchen und entführten sie unter die Erde. Zumindest hatten sie sich das so überlegt. Sie wollten die Frau zum Abendessen verspeisen. Doch da hatten sie ihre Rechnung ohne den Pfarrer gemacht. Er versperrte ihnen den Weg und redete ihnen so lange ins Gewissen, bis sie ihren Plan aufgaben. Die Hochzeit konnte doch noch stattfinden.

»Ende der Geschichte.«, entschied Mama.
»Aber Mama, das geht doch nicht.«
Max war enttäuscht. Wieder blätterte er wild im Buch herum und suchte etwas.
»Der böse Riese, die giftige Schlange, das Einhorn und die Piraten warten doch noch auf ihren Auftritt. Die hast du ganz vergessen.«
In diesem Moment kam das Buch in Bewegung. Die Seiten flatterten. Der Einband erbebte. Plötzlich kam ein Kopf zum Vorschein. Es war Schneewittchen. Mit grimmiger Miene sah sie Max an.
»Hör mir mal zu, junger Mann. Meinst du nicht, dass ich heute schon genug erleben musste? Jetzt bring das Märchen zu Ende und geh dann endlich schlafen. Ich will einfach nur heiraten.«
Und schon war sie wieder verschwunden.
Max und Mama waren völlig überrascht. Damit hatten sie nicht gerechnet. Schon regte sich in ihnen das schlechte Gewissen.
»Ich glaube, wir sollten tun, was sie gesagt hat.«, entschied Max und las weiter.

Die Überraschungen an diesem Tag waren noch lange nicht vorbei. Während Schneewittchen und ihr Prinz ein weiteres Mal vor den Traualtar traten, wurde die Kirche von vielen Wesen des Märchenlandes umringt. Da waren Einhörner, Riesen, Zwerge, Feen, Hexen und mehr. Sie alle hörten zu, als Schneewittchen ihrem Prinzen das Jawort gab und applaudierten schließlich so laut sie konnten.

(c) 2009, Marco Wittler

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