204. Ein Aprilscherz zu viel

Ein Aprilscherz zu viel

Marcel sah auf das aktuelle Kalenderblatt. Es war der erste April. Schon seit einem ganzen Jahr freute er sich auf diesen Tag. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, so viele Freunde und Verwandte wie möglich herein zu legen. Für dieses Jahr hatte er sich ein paar ganz besondere Sachen ausgedacht. Es begann schon am frühen Morgen.
Kaum waren er und seine Familie aufgestanden, war auch schon das erste Kreischen aus dem Badezimmer zu hören. Marcel öffnete die Tür und lachte laut über seine große Schwester, die in ihrer Panik in die Badewanne gesprungen war.
»April, April.«
Miriam blickte verwirrt auf ihre elektrische Zahnbürste, auf die eine kleine Gummispinne aufgeklebt war. Dann sah sie ihren Bruder mit finsterer Miene an.
»Warte nur, bis ich dich in die Finger bekomme, dann kannst du was erleben.«
Aber da war Marcel auch schon in die untere Etage verschwunden.
Ein Viertelstunde später saß die ganze Familie am Frühstückstisch. Die Eltern tranken heißen Kaffee und die beiden Kinder holten nach und nach den Aufschnitt und die Marmelade aus dem Kühlschrank. Die Butterbrote wurden geschmiert. Doch da geschah bereits der nächste üble Streich.
»Was ist denn das?«, wunderte sich Papa, als der seine Schnitte aus dem Mund holte.
»Die Wurst ist ja aus Pappe.«
Marcel lachte wieder und klopfte dabei kräftig auf seinen Oberschenkel.
»April, April. Dein Gesicht hättest du mal sehen sollen.«
Die Pappe wurde gegen richtige Wurst ausgetauscht und Papa bekam doch noch etwas zu essen.
Als es schließlich Zeit für die Schule war, rief Marcel noch schnell seiner Mutter etwas zu.
»Und schau heute auf keinen Fall nach Post. Ich habe gehört, es sind zwei Schlangen entlaufen, die sich gern in Briefkästen verstecken.«
Mama wusste genau, was das zu bedeuten hatte. Es schien sich der nächste Streich anzukündigen. Also ließ sie tatsächlich die Finger vom Briefkasten. Doch schon nach einer Stunde nagte die Neugier so sehr an ihr, dass sie doch hinein sah. Als sie die Klappe öffnete sprangen ihr tatsächlich zwei Stoffschlangen entgegen, in deren Innerem gespannte Federn waren.
»Jedes Jahr das Gleiche. Wann hört der Bengel endlich mit diesem Unfug auf. Irgendwann wird er noch ein Problem damit bekommen.«
Sie seufzte und begab sich wieder in die Küche.

Es war gerade die große Pause angebrochen, da hatte Marcel schon ordentlich etwas geschafft. Auf dem Lehrerstuhl hatte ein Furzkissen gelegen, auf dem Pult ein künstlicher Hundehaufen und die Tür zum Klassenzimmer war mit Zeitungen verklebt gewesen. Letzteres hielt zwar niemanden davon ab, herein zu kommen, war aber trotzdem sehr witzig gewesen. Acht Mitschüler aus seiner Klasse und sogar fünf Ältere waren auf seine Scherze herein gefallen. Es wurde bereits im Lehrerzimmer darüber diskutiert, wie man Marcel ausbremsen konnte. Aber es gab keine Ideen. Also ging es in den Stunden weiter wie bisher. Ein Scherz jagte den Nächsten.

Nach der Schule standen alle Schüler an der Haltestelle vor der Schule. Nach und nach strömten sie in die Busse und waren froh, dass sie den Übeltäter des Tages bald los sein würden.
Marcel stieg als letzter ein. Doch nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, musste er feststellen, dass er seinen Tornister draußen hatte stehen lassen.
Sofort sprach er den Fahrer an.
»Meine Schultasche steht noch da draußen. Sie müssen mich unbedingt noch einmal aussteigen lassen.«
Doch die Antwort, die er bekam, war anders, als er erwartet hatte.
»Sag mal, bist du nicht dieser große Scherzbold, der jedes Jahr zum ersten April alle herein legt? Mich hast du auch schon mal eiskalt erwischt. Deswegen bin ich mir sicher, dass du mit mir scherzt.«
Er gab Gas und fuhr los. Die Schultasche blieb an der Bushaltestelle zurück.
Als er später Mama davon erzählte, musste diese lachen.
»So ist das, wenn man ständig jeden herein legt. Irgendwann glauben dir die Menschen nicht mehr.«
Noch an diesem Tag entschloss sich Marcel, nie wieder einen Scherz am ersten April zu machen.

(c) 2009, Marco Wittler

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