212. Das Felsenmeer – Onkel Pauls verrückte Briefe aus Deilinghofen (1)

Das Felsenmeer

Hallo Niklas.

Als ich gestern Nachmittag einen Spaziergang machte und zwischen den Feldern unterwegs war, fiel mein Blick auf das kleine Wäldchen, das vor den Toren unseres schönen Dorfes liegt.
Vielleicht erinnerst du dich noch an deinen Besuch bei uns. Ich werde bestimmt nicht vergessen, dass du ganz traurig dein Schlauchboot zurück ins Auto gebracht hast, als wir dir sagen mussten, dass man auf dem Felsenmeer nicht paddeln kann. Du hattest an diesem Tag keine Lust mehr, es dir aus der Nähe anzusehen, aber lass dir versichern, es besteht auch weiterhin nur aus Felsen und Bäumen.
Mittlerweile habe ich auch mit sehr vielen Menschen im Dorf gesprochen. Die Ältesten Bewohner konnten mir einiges Zur Entstehung dieses seltsamen Waldes berichten. Ich habe extra alles für dich aufgeschrieben, damit du besser vorstellen kannst, was hier vor langer Zeit geschehen ist.

Vor langer Zeit lag vor den Toren Deilinghofens ein kleines Wäldchen inmitten unzähliger Felder. Die Menschen des Dorfes fürchteten sich vor diesem Ort, denn es hieß, dass dort Geister und schlimmere Geschöpfe ihr Unwesen treiben würden. Daher hatte es bisher niemand gewagt, den Bäumen zu nahe zu kommen.
Für dieses Gerücht gab es auch einen guten Grund. Noch nie waren im Wald Geister, Gespenster oder Monster gesehen worden. Diese Geschichte hatten sich ein paar Zwerge ausgedacht, um unentdeckt leben zu können. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte ein Mensch sie zu Gesicht bekommen.
»Die Menschen nehmen uns unsere Schätze weg, die wir in mühevoller Arbeit aus unseren Minen holen.«, wiederholte der oberste Zwerg in regelmäßigen Abständen und hinderte damit sein kleines Völkchen ins Dorf zu gehen.
Über viele Jahrhunderte ging dieses Leben gut. Doch eines Tages kündigte sich ein Unheil an.
Bär, einer der Zwerge, kam von einer Handelsreise zurück. Er war der Furchtloseste und besuchte regelmäßig andere Zwergenvölker.
»Ihr werdet es nicht glauben.«, rief er schon vom Waldrand aus.
»Eine große Gefahr kommt auf uns zu. Schon mehrere Siedlungen sind ihnen zum Opfer gefallen.«
Sofort kamen alle Zwerge zusammen. Angst machte sich breit.
»Aber was ist denn geschehen? Wir sollten erst einmal zuhören, bevor wir voreilige Schlüsse ziehen.«, fragte der große Zwerg und versuchte, die Menge zu beruhigen.
Bär setzte sich und begann zu berichten.
»Es ist entsetzlich. Im Norden waren unsere Freunde unvorsichtig. Sie offenbarten sich den Menschen, wollten mit ihnen Freundschaft schließen. Aber ein habgieriger Fürst dachte nur daran seinen Reichtum mit unseren Edelsteinen zu vergrößern. Er ließ alle Zwerge vertreiben und raubte, was er in die Finger bekommen konnte. Das hat er nun schon mit mehreren Zwergenvölkern getan. Seine Spione sind überall und suchen nach uns. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie bei uns ankommen.«
Absolute Stille. Niemand sagte ein Wort. Doch dann durchbrach die Stimme eines kleinen Jungen die Ruhe.
»Aber wir können doch nicht einfach darauf warten, dass sie zu uns kommen. Wir müssen uns vorbereiten und uns wehren.«
Und schon hagelte es Gegenargumente.
»Wir sind doch viel kleiner als die Menschen.«
»Gegen unzählige Soldaten können wir wenigen Zwerge nichts ausrichten.«
»Was sollen wir denn schon machen? Wir sind gar nicht zum Kämpfen ausgebildet.«
Selbst der kleine Junge verzweifelte schnell wieder.
»Groß müsste man sein.«, seufzte er.
Der große Zwerg dachte nach.
»Groß? Das ist vielleicht die richtige Idee. Ich glaube, mir ist soeben etwas eingefallen.«
Er flitzte nach Hause, zog sich eine Jacke an und hängte sich einen Proviantbeutel über die Schulter.
»Ich werde mich auf die Suche nach Hilfe machen. In wenigen Tagen bin ich zurück.«
Und so verschwand er zwischen den Bäumen und ließ sein kleines Völkchen fragend zurück.

Ein paar Tage später war von Ferne ein Donnern zu hören.
»Ein Gewitter zieht auf.«, rief Bär.
»Geht in eure Wohnungen und wartet, bis es vorbei ist.«
Doch in diesem Moment tauchte der große Zwerg auf dem Dorfplatz auf.
»Keine Sorge. Das Wetter bleibt heute sonnig. Das Donnergrollen ist etwas anderes.«
Plötzlich schoben sich zwei große Hände zwischen die Bäume und drückten sie zur Seite. Zum Vorschein kam ein Riese.
»Das ist mein alter Freund Oliver. Wir sind zur gleichen Schule gegangen. Er hat sich sofort bereit erklärt, uns zu helfen.«
Bär verdrehte die Augen. Es war schon schwer genug, ein Zwergenvolk vor den Menschen zu verstecken. Und nun sollten sie sich auch noch um einen Riesen kümmern? Da konnte man den Soldaten doch sofort mit einem Hinweisschild den richtigen Weg weisen. Es war zum Verzweifeln.

Ein paar Tage später ritt eine bewaffnete Armee auf Deilinghofen zu.
»Hier muss es sein, mein Herr.«, wusste der Kommandant zu berichten.
»Vor den Toren des Dorfes liegt ein kleines Wäldchen. Niemand traut sich hinein. Angeblich soll es dort Geister und Monster geben. Aber solche Gerüchte gab es über jede Zwergensiedlung. Wir werden also erneut fette Beute machen.«
Der Fürst nickte zufrieden und befahl seinen Männern den Angriff.
Sofort ritten die Soldaten auf den Wald zu. Doch schon hinter den ersten Bäumen blieben ihre Pferde erschreckt stehen.
»Was ist denn hier geschehen?« wunderten sich die Männer.
Tiefe Schluchten taten sich vor ihnen auf. Riesige Felsen lagen aufeinander getürmt. Ein solches Trümmerfeld hatten sie noch nie zu Gesicht bekommen. Es sah aus, als wären hier unzählige Kanonenkugeln eingeschlagen.
»Was auch immer hier passiert ist, es muss schrecklich gewesen sein.«, sagte der Fürst.
In diesem Moment bogen sich die Bäume zur Seite und ein Riese kam zum Vorschein. In seiner Hand hielt er einen toten Zwerg.
»Verschwindet aus meinem Wald. Für euch gibt es nichts mehr zu holen.«, rief er so laut, dass sich die Menschen die Ohren zuhalten mussten.
»Die Schätze, die ich hier gefunden habe gehören mir ganz allein. Solltet ihr gekommen sein, um mich zu bestehlen, wird es euch nicht besser ergehen als diesen miesen Zwergen. Verschwindet von hier.«
Das ließen sich die Soldaten nicht zweimal sagen. Sofort ritten sie davon. Aber der Schnellste von ihnen war der Fürst. Er hatte so viel Angst bekommen, dass er sich fast in die Hosen gemacht hätte.
»Du kannst mich jetzt wieder runter lassen.«, bat Bär den Riesen Oliver.
Der angeblich tote Zwerg hatte bereits seine Augen wieder geöffnet und lachte nun so laut, dass er sich seinen dicken Bauch festhalten musste. Er dachte nur zu gern an die letzten Tage zurück, in denen der Riese mit seiner Kraft Felsen aufgetürmt und tiefe Löcher in den Boden gegraben hatte. Mit dieser Überraschungen hatte der gierige Fürst wohl nicht gerechnet.

So, mein Junge. Nun weißt du Bescheid. Die Geschichte über den grausamen Riesen hat sich natürlich in Windeseile im ganzen Land verbreitet. Nun fürchteten sich die Dorfbewohner noch mehr vor dem Wald, den sie nun erfürchtig Felsenmeer nannten. Nur die wenigsten von ihnen wussten, was wirklich geschehen war und erzählten dies von Generation zu Generation weiter, bis ich es für dich aufschreiben konnte.

Und nun freue ich mich schon darauf, dass du mir einen Brief schreibst.

Dein Onkel Paul.

(c) 2009, Marco Wittler

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