218. Manchmal geht einfach alles schief

Manchmal geht einfach alles schief

Herr Müller wurde wach. Noch bevor er seine Augen öffnete, gähnte er so laut, dass es im ganzen Haus zu hören war. Erst danach hoben sich langsam seine Lider. Er schlug die Decke zur Seite und stand auf. Doch in diesem Moment wurde es ihm schwindlig.
»Oh nein. Ich bin mit dem falschen Fuß aufgestanden.«
Müller wurde es flau im Magen. Der heutige Tag konnte nur noch unglücklich enden. Bedrückt schlich er sich ins Bad und schlüpfte unter die Dusche. Nach ein paar Minuten war er sauber und wollte gerade aus der Duschkabine steigen, da rutschte er auf einem Stück Seife aus und landete der Länge nach auf einem dicken Teppich.
Er sah an sich herab, betastete Arme, Beine un den Kopf. Alles war in Ordnung.
»Du meine Güte. Noch einmal Glück gehabt.«
Er stand wieder auf, stellte sich vor den Spiegel und steckte sich die Zahnbürste in den Mund. Doch schon nach wenigen Sekunden verzog er das Gesicht und spuckte aus.
»Was ist denn das für ein widerliches Zeug?«
Er nahm sich die Zahncremetube und sah auf das Etikett.
»Rasiergel?«
Das Entsetzen war sehr gut in seiner Stimme zu hören.
Herr Müller nahm einen Becher Wasser und spülte sich den Mund ein paar Mal ordentlich aus. Dann drückte er sich die richtige Creme auf die Bürste und putzte sich ein weiteres Mal die Zähne.
Aber dieser unglückliche Morgen wollte kein Ende nehmen. Im Schrank lagen keine frischen Socken mehr, das Unterhemd zog er falsch herum an und der Krawattenknoten wollte einfach nicht gelingen.
»Wie soll ich diesen Tag bloß überstehen?«, fragte er sich nervös.
Langsam, Schritt für Schritt, schlich er sich in die Küche. Er wollte keinen weiteren Fehler mehr machen. Doch da landeten schon die ersten Brötchenkrümel auf seiner guten Hose.
»Mist. Ich muss doch heute gut aussehen.«
Mit einer kräftigen Handbewegung wedelte er die Krümel auf den Boden und stieß dabei gegen den Tisch. Während er sich noch über den plötzlichen Schmerz im Daumen ärgerte, sah er, wie seine Kaffeetasse umkippte, die zum Teil über die Tischkante heraus stand.
Auf Müllers Bauch und Oberschenkeln wurde es nass und heiß.
»Das glaube ich einfach nicht. So viel Pech kann doch ein einzelner Mensch gar nicht haben. Klappt bei mir denn gar nichts?«
Er rannte in die obere Etage, stolperte zweimal und fiel einmal hin. Im Schlafzimmer zog er sich aus. Im Bad wusch er sich den Kaffee von der Haut, bevor er sich neue Sachen anzog.
»Ich sollte lieber den restlichen Tag zu Hause bleiben. Im Bett kann mir wenigstens nicht geschehen.«
Doch dann würde er seinen wichtigen Termin verpassen.
Unter größter Vorsicht ging er in die Garage, setzte sich in sein Auto und fuhr los. Nach und nach ließ er eine Menge Kreuzungen und Ampeln hinter sich. Alles schien gut zu laufen. Es passierte nicht Schlimmes mehr. Schon wollte Herr Müller den schlechten Start in den Tag vergessen, als ein großer Hund aus einem Busch sprang und über die Straße flitzte.
Herr Müller trat auf die Bremse. Mit quietschenden Reifen kam er zum Stehen.
»Puh, Glück gehabt.«
Er atmete auf. Doch im nächsten Augenblick gab es einen lauten Knall. Er hatte zu schnell gebremst. Der Fahrer hinter ihm hatte nicht mehr rechtzeitig halten können.
Müller wollte nicht mehr. Nur zu gern wäre er nun zurück nach Hause gefahren. Er wollte sich unter seiner Decke verkriechen und nichts mehr sehen oder hören. Doch nun musste er erst einmal aussteigen und den Unfall regeln.
Er sollte noch eine halbe Stunde dauern, bis er sein Ziel erreicht hatte.
Auf dem Parkplatz stieg er aus und lief die Stufen zum Eingang des Rathauses hinauf. Bevor er durch die Tür ging, zog er seine Krawatte gerade und strich sein Hemd glatt. Dann betrat der das Gebäude und lief auf einen Sitzungsraum zu.
Als Herr Müller eintrat, stellte er fest, dass viele Menschen bereits auf ihn warteten. Eien Frau mit großer Fotokamera stürmte auf ihn zu und schüttelte seine Hand.
»Herzlichen Glückwunsch, Herr Müller.«, sagte sie laut.
»Ich wünsche ihnen alles Gute für ihre Zeit als Bürgermeister.«
Müller war froh. Endlich war er an seinem Arbeitsplatz angekommen. Nach der gewonnenen Wahl durfte er für weitere fünf Jahre zeigen, dass er als Bürgermeister der Stadt alle Probleme lösen konnte.
Nach dem heutigen Morgen wusste er nun auch, dass ein Bürgermeister auch nur ein Mensch war.

(c) 2009, Marco Wittler

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