219. Der Cowboy von Deilinghofen (Onkel Pauls verrückte Briefe aus Deilinghofen 2)

Der Cowboy von Deilinghofen

Hallo Niklas.

Heute möchte ich dir einmal von den neuen Bewohnern vor den Toren unseres Dorfes berichten.
Vor ein paar Wochen sind Heckrinder bei uns eingezogen. Nein, nicht so, wie du jetzt denkst. In unserem Wohnzimmer stehen keine Kühe. Sie leben in einem eingezäunten Gebiet auf dem alten Truppenübungsplatz.
Schon von Anfang an waren wir sehr aufgeregt. Deswegen sind wir auch vor Ort gewesen, als die Rinder mit einem großen Lastwagen gebracht wurden.
Kaum waren die Türen des Fahrzeugs geöffnet worden, rannten die Tiere hinaus und verteilten sich auf einer Wiese.
Da stellten wir uns gleich die Frage, wer sich eigentlich um die Rinder kümmern würde. In diesem Moment kam ein Mann um den Lastwagen gelaufen und stellte sich uns als Bauer Michael vor. Er hatte von der Stadt den Auftrag bekommen, regelmäßig nach den Tieren zu schauen.
»Ich bin mal gespannt, was mich mit dieser Aufgabe erwartet.«, sagte er einem Zeitungsreporter, der ein paar Fragen für einen Bericht stellte.
»Schon vor einigen Jahrzehnten hat die Stadt versucht, hier ein paar wilde Rinder anzusiedeln, aber es ist nicht so gut gelaufen, wie es geplant war.«
Das machte mich natürlich sehr neugierig. Kurzerhand verabredete ich mich mit dem Bauern für den Abend auf einen heißen Kaffee und ein neugieriges Gespräch.

Wir trafen uns in einem Lokal, bestellten zwei Tassen Kaffee und redeten.
»Ich wusste gar nicht, dass es schon einmal wilde Rinder hier in der Stadt gab.«, sagte ich und sah Bauer Michael neugierig an.
Er lachte, bevor er anfing zu erzählen.

Es ist schon einige Jahrzehnte her. Die Väter unserer Stadt wollten eine neue Attraktion für unsere Bewohner und Touristen schaffen.
Man sah sich im Land um und ließ sich beraten. In anderen Städten hatte man bereits gute Erfahrungen gemacht. Einige engagierte Bauern und Bürger aus der Umgebung halfen über mehrere Wochen hinweg, Zäune aufzustellen und das Gelände für die Tiere vorzubereiten. Schließlich sollten sich die Rinder bei uns wohl fühlen.
Als dann der Sommer vor der Tür stand, wurden sie unter großer Begeisterung der Menschen in ihr neues Zuhause gebracht.
Viel konnte man aber von den Tieren nicht sehen. Schon nach wenigen Minuten preschten sie davon und verschwanden in einem kleinen Waldstück. Sie mussten sich wohl erst noch daran gewöhnen, im Sauerland zu leben.
Tag für Tag kam nun die Bevölkerung auf die Weide. Kinder brachten Futter mit und unzählige Fotokameras blitzten über das Gelände.
Die Rinder fühlten sich nicht so richtig wohl. Der große Trubel war ihnen einfach zu viel. Als dann eines Tages der zuständige Bauer auf die Weide kam, fand er seine Schützlinge nicht mehr wieder.
Mit seinem großen Traktor fuhr er hin und her, sah in jedem Wäldchen und hinter jedem Busch nach. Doch die Tiere blieben verschwunden.
Schnell fuhr er nach Hause und rief den Bürgermeister und die Polizei an. Es musste etwas unternommen werden.
Kurz darauf gingen weitere Anrufe im Rathaus ein. Die Tiere hatten einen Zaun überrannt und waren aus ihrem Gehege ausgebrochen. Nun trottete die Herde gemütlich durch die Straßen der Stadt. Kein einziger Bürger traute sich mehr auf die Straßen.
Die ersten Polizeiwagen hefteten sich an die Fersen der Rinder. Allerdings fehlte den Beamten die nötige Erfahrung mit diesen großen Tieren.
Auch die herbei gerufenen Bauern wussten sich nicht zu helfen. Sie hatten behelfsmäßige Absperrungen und Zäune errichtet, aber nichts und niemand konnte die Herde aufhalten.
Der Bürgermeister schien bei den eintreffenden Nachrichten zu verzweifeln und dachte bereits darüber nach, ob er den Befehl geben sollte, die Tiere erschießen zu lassen.
Doch kurz, bevor es so weit war, geschah etwas völlig Überraschendes.
Von weit her hörte man ein wieherndes Pferd heran galoppieren. Als es um eine Ecke bog, saß auf seinem Rücken ein waschechter Cowboy. Auf seinem Kopf saß ein großer Hut, sein Gesicht versteckte sich hinter einer Augenbinde und in seiner Hand hielt er ein langes Seil.
»Macht euch keine Sorgen.«, rief er durch die Straße.
»Ich werde mich um die Tiere kümmern.«
Sofort jagte er wieder davon und setzte den Rindern nach. Er ließ das Seil herab und begann, es über seinem Kopf zu schwingen. Es war ein Lasso.
Mit einem gekonnten Wurf fing er das Leittier ein. Das Rind ging zu Boden und war im Nu gefesselt. Als es sich nicht mehr bewegte, schnappte sich der Cowboy nun zu Fuß die anderen Tiere.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis sie alle gefangen waren.

»Das ist ja ein tolles Ding.«, sagte ich zu Bauer Michael.
»Davon habe ich bisher noch nie etwas gehört. Muss wohl ziemlich peinlich für die Stadt gewesen sein.«
Bauer Michael nickte nur.
»Eines würde mich daran aber noch interessieren.«, fügte ich neugierig hinzu.
»Wer ist eigentlich dieser maskierte Cowboy gewesen?«
Nun musste Bauer Michael lachen. Er ließ mich ein paar Augenblicke schmoren, bevor er mir antwortete.
»Man hat nie heraus bekommen, wer er gewesen ist. Er verschwand so schnell, wie er aufgetaucht war. Aber man vermutet, dass es jemand ist, der sich auch heute wieder um die neuen Rinder kümmert.«
Dann zwinkerte er mir, trank seinen Kaffee leer und verabschiedete sich von mir.

Bis bald und ganz liebe Grüße,
dein Onkel Paul.

(c) 2009, Marco Wittler

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