220. Der Sonnenputzer

Der Sonnenputzer

Es war mal wieder einer dieser Tage, an denen auf See nichts geschah. Der Wind stand still, es regte sich kein einziges Lüftchen und unsere Segel hingen trostlos am Masten herab.
Wir Matrosen lagen an Bord und ließen uns die sengende Sonne auf den Pelz brennen.
Ach ja, ihr wisst ja noch gar nicht wer ich bin. Mein richtiger Name ist nicht von Belang. Aber ihr könnt mich Sonnenputzer nennen. Diesen Namen trage ich seit kurzem.
Wie ich eingangs schon erwähnte, herrschte absolute Stille über dem weiten Ozean. Die nächste Küste war noch weit entfernt, Land war nicht in Sicht.
Der Kapitän hatte sich seit der Morgendämmerung nicht mehr an Deck blicken lassen. Es war ihm einfach zu warm. Wir anderen erlagen unserer Langeweile, bis der Seemann im Ausguck etwas entdeckte.
»Ich sehe einen Masten und volle Segel am Horizont.«, rief er uns aufgeregt zu.
Wir konnten es noch gar nicht glauben. Waren denn nur wir von dieser Flaute betroffen? Ich sprang sofort auf, holte mein Fernrohr aus der Tasche und sah angestrengt über das Wasser hinweg.
Tatsächlich. Da war ein Schiff und es segelte hart im Wind. Es kam auf direktem Kurs auf uns zu.
»Wir bekommen bald eine steife Brise.«, rief ich den anderen zu.
»Bereitet die Segel vor, damit sie uns nicht plötzlich von der Takelage reißen.«
Man brachte mir nur ein mürrisches Knurren entgegen. Es war einfach zu heiß, um angestrengt zu arbeiten. Trotzdem bewegten sich die Männer und zogen die Seile fest.
Plötzlich hörten wir einen lauten Schrei über unseren Köpfen. Unser Mann im Ausguck war kreidebleich im Gesicht geworden. Er brachte kein Wort mehr heraus. Stattdessen zeigte er mit dem Finger auf das Schiff vor uns.
Ich ahnte sofort, dass es nichts Gutes bedeuten konnte. Ein weiteres Mal warf ich einen Blick durch mein Fernrohr und wäre beinahe erstarrt.
»Piraten!«, rief ich laut.
»Sagt sofort dem Kapitän Bescheid. Wir brauchen Anweisungen, was zu tun ist.«
Ein Matrose lief auf die Kapitänskajüte zu, klopfte an und kurz darauf kam unser Kommandant an Deck. Ich setzte ihn über die aktuelle Situation in Kenntnis und wartete dann seine Befehle ab. Aber es kam nichts.
»Sir, ihr müsst eine Entscheidung treffen. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Die Piraten werden in spätestens einer halben Stunde bei uns sein und uns den Goldschatz des Königs stehlen.«
Es half nichts. Dieser Mann, der sonst eine stattliche Figur abgab, zitterte am ganzen Körper. Seine Beine schlackerten und es war ihm anzusehen, dass er sich nur zu gern in einem dunklen, schwarzen Loch verkriechen würde. Wir waren also auf uns allein gestellt.
»Alle Männer sofort zu mir.«
Ich scharrte sie um mich und erbat mir Vorschläge. Aber es kam nicht Verwertbares dabei heraus. Wir hatten nicht genug Bewaffnung an Bord, da wir nur als Handelsschiff unterwegs waren. Uns konnte also nur eine List helfen.
Ich lief in den Laderaum und sah mich um. Da standen zwei Kisten mit Gold, Lebensmittel, ein paar Fässer Rum, ein Eimer Farbe und ein kleines Säckchen Schwarzpulver.
»Wie soll man denn damit Piraten verjagen?«
Ich war kurz davor aufzugeben.
»Piraten machen keine Gefangenen.«, schoss es mir plötzlich durch den Kopf.
In diesem Moment hatte ich eine verzweifelte Idee.
Mit ein paar Männern brachte ich die Ladung an Deck.
»Wir müssen unsere Kanone mit dem Pulver füllen, den Farbeimer darauf postieren und alles zur Sonne schießen.«
Ich spürte die fragenden Blicke in meinem Rücken, ignorierte sie aber.
»Los, macht schon, oder wollt ihr heute noch sterben?«
Die Matrosen folgten meinem Befehl. Nur Minuten später knallte es und die Farbe schoss in den Himmel. Als der Eimer gegen die Sonne knallte, zerplatzte er. Die ganze Farbe verteilte sich auf der Oberfläche und es wurde innerhalb weniger Sekunden so dunkel wie in der tiefsten Nacht. Während wir warteten erklärte ich den anderen meinen Plan.
Es dauerte nicht mehr lange, bis wir das Schiff der Piraten hören konnten. Es längsseits und hielt an. Schon surrten die Enterhaken herüber.
An langen Seilen kamen sie an Bord. Doch was sie nicht ahnten, wir taten das Gleiche, nur in die andere Richtung. Immer mehr Piraten übernahmen unser Schiff, während wir uns mit unserem Schatz in Sicherheit brachten.
Nachdem ich die gesamte Mannschaft gerettet hatte, zogen wir leise die Segel hoch und fuhren unbemerkt davon. Erst nach einer Stunde fühlten wir uns sicher. Bis dahin hatten wir nicht ein Wort gesprochen.
»Haben wir es geschafft?«, hörte ich den Kapitän fragen.
»Ich glaube schon.«, antwortete ich.
»Die Piraten konnten uns unmöglich in dieser Dunkelheit verfolgen.«
Die gesamte Mannschaft atmete auf und bedankte sich bei mir. Doch eines schien die Matrosen noch zu beschäftigen.
»Die Rettungsidee war ja ziemlich gut. Aber wie soll es nun wieder hell werden?«
Nichts einfacher als das. Denn daran hatte ich bereits gedacht. Ich ließ eine Kanone mit Schießpulver befüllen. Doch dieses Mal stellten wir keine Farbe darauf, sondern ein Fass Rum. Der Alkohol würde die Farbe auf der Sonne aufweichen und entfernen.
Auf mein Kommando wurde der Schuss in den Himmel abgegeben. Schon wenige Minuten später wurde es langsam wieder hell.
»Mensch, das war wirklich genial.«, lobte der Kapitän.
»Ich hatte schon Befürchtungen, dass wir nie wieder Licht sehen werden. Du bist ein genialer Sonnenputzer.«
Und so endete dieser aufregende Tag. Schon kurz darauf brachten wir unser Gold sicher in den königlichen Hafen. Von diesem Tag an nannte man mich nur noch Sonnenputzer.

(c) 2009, Marco Wittler

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