221. Die tapfere Seemannstocher

Die tapfere Seemannstochter

Eine leichte Brise strich mir über die Wange und ließ mein Haar wehen. Endlich wieder auf See. Wie hatte ich das vermisst. Drei Monate an Land zu verbringen war mich die absolute Hölle gewesen. Doch nun stand ich auf der Plicht und sah den Matrosen bei der Arbeit zu. Die einen schrubbten das Deck, während die anderen an der Takelage arbeiteten und ein Segel nach dem anderen an den Masten hoch zogen.
»Hallo Captain, gut geschlafen?«, begrüßte ich meinen Vater, als er aus seiner Kajüte kam.
»Aber sicher, mein kleines Mädchen. Aber manchmal habe ich das Gefühl, alt zu werden. Meine Koje wird von Jahr zu Jahr ungemütlicher. Vielleicht wird meine kleine Molli eines Tages das Kommando über die White Dragon übernehmen müssen.«
Wir mussten beide lachen. Dann ging Vater auf die Brücke und ließ sich vom Steuermann unsere Position nennen, bevor er seine üblichen Logbucheinträge schrieb.
Da es ein traumhaft schöner Tag war, kletterte ich in das Klüvernetz. Dort konnte ich den brechenden Wellen am Bug lauschen und kleine Spritzer des Salzwassers auf meiner Haut genießen.
Dies war mein Liebster Platz auf See. Hier hatte ich meine Ruhe und konnte meinen Gedanken freien Lauf lassen. Einfach herrlich.
Doch an diesem Tag stimmte etwas nicht. Ich hatte genug Zeit auf dem Meer verbracht, um zu spüren, wann sich etwas tat.
Die Matrosen bemerkten es nicht. Sie waren zu sehr in ihrer Arbeit vertieft, während es unter meiner Haut zu kribbeln begann.
Ich wurde immer nervöser und wollte gerade aus dem Netz klettern, als sich das Wasser vor uns teilte und ein riesiger, schuppiger Körper aus dem Ozean geschossen kam.
»Eine Seeschlange!«, brüllte der Seemann im Krähennest.
Innerhalb weniger Sekunden verfielen die Matrosen in Panik. Bisher hatten sie nur in Legenden etwas über dieses Monster gehört. Nun standen sie dem Schrecken der Weltmeere direkt gegenüber.
Wir alle sahen uns schon tot im Magen dieser Bestie liegen. Was sollten wir bloß machen?
Zitternd kletterte ich wieder an Bord und rannte über das Deck zur Kapitänskajüte. Vater musste unbedingt etwas unternehmen.
»Molli, dein Vater muss her.«, flehte mich der erste Offizier an.
»Das weiß ich selbst.«, schnauzte ich zurück.
Ich riss die Tür auf und zerrte Vater heraus. Er wollte nicht glauben, was er da sah.
Immer wieder kam die riesige Seeschlange aus dem Wasser geschossen und tauchte darin wieder unter.
»Vater, sie wird uns fressen, wenn du nicht endlich etwas unternimmst.«
Langsam erwachte er aus seiner Ohnmacht und brüllte Befehle hin und her.
Die Matrosen machten sich an die Arbeit. Sie beluden die Kanonen und schoben sie an die Reling. Die ersten Schüsse wurden wenige Augenblicke später abgegeben, doch die Kugeln prallten am Körper des Monsters ab, als wären sie aus Watte.
»Wir sind verloren.«, flüsterte Vater vor sich hin.
»Nicht, wenn wir uns richtig wehren.«, entgegnete ich trotzig.
Ich stürmte in die Kapitänskajüte und schnappte mir die beiden Säbel, die an der Rückwand hingen. Mit ihnen bewaffnet lief ich zurück an Deck und wartete auf den richtigen Moment. Die Schlange tauchte erneut auf, dieses Mal direkt neben unserem Schiff. Sie riss ihr Maul auf und wollte unseren Klipper verschlingen. Da kappte ich mit einem meiner Säbel eines der Taue und sauste daran in Windeseile in die Höhe.
Die Bestie war überrascht, sah mir aber nach und schnappte nach mir. Auf diesen Moment hatte ich gewartet. Ich ließ mich fallen und landete direkt im Maul der Seeschlange.
Sie schien sich schon über ihre kleine Mahlzeit zu freuen. Das war allerdings viel zu voreilig gewesen. Ich holte mit meinen Waffen aus und durchtrennte ihre Zunge.
Unter großem Geheul riss die Seeschlange ihren Schlund auf, spuckte mich aus und wollte gerade wieder im Meer verschwinden. Doch da stach ich in ihren Hals und schnitt ihr im Fall den Leib von oben nach unten auf.
Schlaff fiel der Körper in sich zusammen und klatschte auf das Wasser.
Die Matrosen wollten ihren Augen nicht glauben. Ich, die kleine Molli hatte ihnen das Leben gerettet. Unter großem Jubel holten sie mich wieder an Bord.
»Die Geschichte wird uns niemand glauben, wenn wir im Hafen ankommen.«, sagte einer von ihnen enttäuscht.
»Nicht unbedingt.«, entgegnete ich und zog etwas aus der Tasche. Es war ein Seeschlangenzahn.
Ich ließ mir ein Lederband geben und band ihn mir um den Hals.
Die restliche Fahrt setzten wir ohne weitere Zwischenfälle fort. Doch schon kurz nach unserer Ankunft im Hafen sprach sich unser Erlebnis herum. Man wollte uns allerdings immer erst dann Glauben schenken, wenn ich meinen erbeuteten Zahn vorzeigte.

(c) 2009, Marco Wittler

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