223. Das Meer im Sauerland (Onkel Pauls verrückte Briefe aus Deilinghofen 3)

Das Meer im Sauerland

Lieber Niklas.

Letztes Wochende hat mich ein alter Freund, sein Name ist Erik, das erste Mal im schönen Deilinghofen besucht. Er war nur leider nicht so von unserem Dorf begeistert.
»Wie kann man hier nur leben?«, fragte er mich immer wieder.
Während einer Fahrradtour kam er nur langsam schnaufend hinter mir her. Jeder Tritt in die Pedalen schien ihm eine große Qual zu sein.
»So viele Berge und Hügel auf einem Haufen gibt es doch gar nicht.«, fluchte er ständig.
»Bei uns daheim an der Nordsee gibt es nur ein paar Deiche. Der Rest des Landes ist schön flach. Dort fährt es sich viel gemütlicher. Aber von so etwas habt ihr hier nicht die geringste Ahnung.«
Das war nicht das Einzige, was Erik am Sauerland störte. Er meckerte von morgens bis abends.
Vor unserem Spaziergang zum Felsenmeer war er richtig aufgeregt. Nur zu gern hätte er ein Schlauchboot eingepackt. Allerdings riet ich ihm sofort davon ab.
»Ach ja, bei den vielen Felsen und Riffen im Wasser ist das Paddeln bestimmt zu gefährtlich.«, lautete seine Vermutung.
Ich schmunzelte und überraschte ihn schließlich vor Ort.
»Was? Willst du mich auf den Arm nehmen? Das soll ein Meer sein? Wo ist denn das Wasser? Hier gibt es ja nur Steine und Bäume.«
Ich antwortete ihm, dass es ein Meer aus Felsen sei und hier noch nie ein Schiff vor Anker gegangen war.
Erik setzte sich enttäuscht zurück ins Auto und zog seine Badelatschen aus.
Doch der schlimmste Moment während seines Besuchs war dann während des Abendessens. Wir saßen auf der Terasse und grillten etwas Leckeres. Erik schien sich allerdings nicht zu amüsieren. Ständig wischte er sich mit einem Taschentuch über die Stirn.
»Wäre ich doch bloß schon wieder zu Hause. An der Nordsee ist es nicht so heiß. An der Küste weht ständig ein frischer Wind. Aber das kennt ihr Sauerländer ja nicht.«
In diesem Moment wäre mir beinahe der Kragen geplatzt. Ich konnte mir diese ständige Meckerei einfach nicht mehr mit anhören. Ich wünschte mir sogar heimlich, dass Erik nie zu Besuch gekommen wäre.
Doch dann legte mir meine Frau eine Hand auf meinen Arm und gab mir zu verstehen, dass ich mich beruhigen sollte.
An diesem Abend gingen wir alle sehr früh zu Bett. Schlaf fand ich allerdings keinen. Zu sehr brodelte die Wut in mir, bis ich plötzlich eine Idee hatte und sich ein breites Grinsen in mein Gesicht schlich.
Am nächsten Morgen holte ich Erik schon früh aus dem Bett.
»Los, beeil dich. Wir wollen doch nicht den schönen Tag versäumen.«, frohlockte ich.
»Was soll denn an einem Tag im Sauerland schön sein?«, grummelte er zurück.
Doch dieses Mal ließ ich mich auf keine Diskussion ein. Ich freute mich auf die kommenden Stunden und wollte mir meine Laune nicht verderben lassen.
»Ich werde dir heute etwas beweisen.«, schlug ich vor.
»Alles, was du von deiner geliebten Nordsee vermisst, gibt es auch bei uns im Sauerland.«
Erik lachte laut und hielt sich seinen Bauch.
»Das glaubst du doch selbst nicht. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren. Vielleicht wird das heute ein richtig amüsanter Tag, wenn du dir eingestehen musst, dass du mich an der Nase herum führen wolltest.«
Er lachte wieder. Trotzdem war ich mir sehr sicher, dass ich bald auch würde lachen können.
Am Nachmittag setzte ich Erik in mein Auto. Wir fuhren eine Weile durch die Gegend und hielten schließlich vor einem großen Getreidefeld auf einem Hügel.
»Willkommen im Sauerländer Meer.«
Ich strahlte über das ganze Gesicht. Erik wunderte sich nur und runzelte die Stirn.
»Sauerländer Meer? Das ist doch Weizen und kein Wasser.«
Ich zwinkerte nur mit dem Auge und zog ihn hinter mir her.
Wir liefen durch das Feld, vorbei an unzähligen Halmen, bis wir in der Mitte angekommen waren. Dort stand ein kleines Holzboot.
»Steig ein, unsere Fahrt geht gleich los.«
Erik wunderte sich immer mehr, tat aber, worum ich ihn gebeten hatte. Er setzte sich auf eine kleine Bank, während ich den Masten aufstellte und das Segel spannte.
»Ich bin gespannt, wie wir vom Fleck kommen wollen.«, hörte ich von hinten.
»Warte es nur ab. Es ist gleich so weit.«
Erik schnaubte verächtlich. Doch dann regte sich ein leiser Wind. Mit jeder Minute wurde er immer stärker.
»Los, schau dich um.«, rief ich.
»Siehst du, wie die Wellen um uns herum wogen?«
Erik drehte sich im Kreis und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Weizenhalme bewegten sich im Wind. Es sah tatsächlich aus, wie auf dem Meer.
»Ich glaub es nicht. Ein Meer aus grünen Wellen. Das ist ja verrückt. Und eine herrliche Brise weht mir um die Nase. Aber es ist viel zu trocken.«
Als hätten die Wolken über uns nur darauf gewartet. In diesem Moment begann es zu tropfen. Der Wind peitschte uns den Regen ums Gesicht.
»Das ist wie beim Segeln. Ich fasse es einfach nicht. Jetzt fühle ich mich wirklich wie zu Hause. Du hast tatsächlich nicht gelogen. Im Sauerland ist wirklich wie am Meer.«
Erik stand auf und atmete tief durch. Er schloss die Augen und genoss diesen einzigartigen Moment. Bis ihm etwas einfiel.
»Du hast dir wirklich viel Mühe gegeben, mich vom wunderschönen Sauerland zu überzeugen. Aber eines fehlt mir hier immer noch. Einen Fisch werde ich in diesem Feld bestimmt nicht angeln können.«
Doch nur eine Sekunde später bekam Erik riesige Augen. Zwischen den Halmen sprang ein großer Fisch empor und flog ihm direkt in die Arme. Da musste ich selbst staunen, denn das war kein Teil meines Plans gewesen.
»Wie hast du das denn gemacht?«, fragte Erik.
Ich konnte nur mit den Schultern zucken. Ich sprang aus dem Boot und ging vorsichtig in die Richtung, aus der der Fisch gekommen war. Fast wäre ich dabei über meine Frau gestolpert, die kichernd auf dem Boden lag.
»Das hätte ich mir ja denken können. Ich habe ja schon verrückte Ideen, aber du legst immer noch einen oben drauf.«
Ich nahm sie mit zurück ins Boot. Dort saßen wir noch eine ganze Weile. Kurz bevor wir dann nach Hause fuhren flüsterte mir Erik etwas zu.
»Eigentlich gefällt es mir richtig gut in eurem Sauerland.«

Bis zum nächsten Brief.

Dein Onkel Paul

(c) 2009, Marco Wittler

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