227. Kleine Leseratten

Kleine Leseratten

Stefano saß an seinem Tisch und las in einem Buch.
»Was machst du denn da schon wieder?«, fragte sein Freund Pedro.
»Du kannst doch nicht ständig deine Nase zwischen die Seiten stecken. Du musst doch mal mit nach draußen kommen.«
Aber Stefano winkte ab.
»Das ist grad richtig spannend. Ich kann jetzt unmöglich aufhören.«
Pedro war enttäuscht und ging allein nach draußen, um mit seinen Freunden zu spielen.
Die kleine Leseratte verdrehte die Augen, klappte das Buch zu und lief seinem Freund nach.
»Ich komme ja schon. Ich begleite dich. Aber trotzdem muss ich das hier noch zu Ende lesen.«
Stefano setzte sich also auf den Bordstein, sah den anderen Kindern beim Spielen zu und las ein paar Minuten später weiter.
Seite für Seite kam er dem Ende des Buches näher. Es wurde immer spannender. Nachdem die letzte Seite schließlich gelesen war, sah er wieder auf. Die Straße war leer.
»Wo seid ihr denn alle?«
Stefano war verwundert. Seine Freunde waren fort und es wurde langsam dunkel.

Der nächste Tag begann, wie alle Tage zuvor.
Stefano hatte sich ein neues Buch besorgt und las darin. Sein Freund Pedro kam vorbei und wollte ihn abholen. Doch dieses Mal lief es etwas anders.
Pedro fragte nicht mehr nach. Er sah nur kurz nach Stefano.
»Was liest du denn da schon wieder?«
»Es ist ein Abenteuerbuch. Das solltest du unbedingt selbst einmal lesen.«
Pedro winkte ab und verschwand zu den anderen auf die Straße.
Ein paar Stunden später wunderte sich die Leseratte.
»Das ist ja seltsam. Wo sind denn die anderen? Sonst nehmen sie mich doch immer mit nach draußen. Warum denn heute nicht?«
Stefano klappte das Buch zusammen und sah aus dem Fenster.
»Sie sind fort. Es ist doch noch gar nicht so spät.«
Er steckte das Buch ein und lief nach draußen. Seine Suche führte hin und her, von einer Straße zur anderen. Aber die Kinder blieben verschwunden.
»Pedro, wo seid ihr?«
Doch eine Antwort gab es nicht.
Er lief durch die Stadt. Erst nach einer ganzen Weile und unzähligen Rufen hörte er ein leises Wimmern.
»Stefano, wir sind hier.«, flüsterte es.
»Pedro, bist du das?«
Es war nicht nur der Freund, sondern alle anderen Kinder. Sie hatten sich in ihrem Übermut in einen fremden Garten geschlichen, um reife Äpfel von einem Baum zu klauen. Doch dann war der Besitzer aus dem Haus gekommen und hatte, bevor er sein Grundstück verließ, die Gartentore abgeschlossen. Niemand konnte nun hinein oder heraus.
Stefano musste lachen.
»Ihr habt immer nur Dummheiten im Kopf. Aber ich glaube, ich weiß, wie ich euch da raus holen kann. Ich habe heute Morgen darüber gelesen.«
Er klappte das Buch auf und blätterte durch die Seiten.
»Irgendwo muss es doch stehen.«
Dann blieb sein Finger auf einer bestimmten Zeile stehen.
»Wir brauchen ein Seil. Seht ihr vielleicht eins?«
Es hing eines an einem der Bäume. In der Nacht war ein Wachhund daran gebunden.
Nach Stefanos Anweisungen warfen sie es über den Ast eines Baumes und über den Zaun. Nach und nach kletterten sie auf die Straße zurück.
»Mensch, das war genial. Wie bist du nur darauf gekommen?«, fragte Pedro.
Stefano zeigte ihnen stolz sein Buch vor.
»Ich habs darin gelesen. Der Held in der Geschichte hat es auf die gleiche Weise getan.«
Die anderen Kinder waren erstaunt. Sie hatten nie gedacht, dass man durch das Lesen eines Buches etwas lernen konnte.

Am nächsten Tag saß Stefano wieder am Fenster und las. Doch diese Mal war er nicht allein. Er und seine Freunde waren nun richtige Leseratten geworden. Jeder von ihnen hatte nun ein dickes Buch vor der Nase.

(c) 2009, Marco Wittler

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