234. Feuer im Tierheim (Tierheimgeschichten 1)

Feuer im Tierheim

Feierabend.
In der letzten Stunde hatten sich die Menschen um das Abendessen der vielen Bewohner des Tierheims gekümmert. In unzähligen Näpfen lag nun das Futter, Trinkschalen waren ausgewaschen um mit frischem Wasser befüllt worden.
»Schlaft gut und träumt schön.« rief Klaus noch einmal in jedes Gehege. »Und bleibt nicht wieder so lange wach. Ich werde euch wie immer ganz früh aus den Federn werfen.«
Dann machte er sich auf den Weg nach Hause zu seiner Familie.
Nun war es still. Das heißt, es waren keine Menschenstimmen mehr zu hören. Aber das Bellen, das Miauen, Zwitschern, Brummen und Fiepen wurde nicht leiser. Im Gegenteil. Jetzt waren die Tiere endlich unter sich. Die Tierkinder tollten gemeinsam durch die Gehege, die Älteren unterhielten sich über die Ereignisse des Tages und die ganz Alten tauschten sich über ihre Wehwehchen aus.
Alles in dieser Nacht hätte so schön sein können, wenn es da nicht diesen lauten Knall kurz vor dem Aufstehen gegeben hätte.
»Was war das?« fuhren die Katzen vor Schreck in sich zusammen.
Irgendwo über ihren Köpfen war etwas geschehen, dass ihnen Angst machte. Sie sahen aus dem Fenster.
»Das war kein Donnerschlag. Es ist ein schöner Tag. Da sind nicht mal Wolken am Himmel. Es kann kein Gewitter gewesen sein.« murmelte die alte Katzendame Thelma vor sich hin.
Ein paar Augenblicke später begann es zu stinken. Dünne Rauchschwaden drückten sich unter den Türen hindurch. Mit jeder Minute wurde es schlimmer.
»Feuer! Es brennt!« rief Thelma aufgeregt.
Sofort entstand Panik im Katzenhaus. Alle schrien und liefen durcheinander, wussten nicht, was sie machen sollten.
»Beruhigt euch wieder.« versuchte Thelma Ordnung in ihr Katzenrudel zu bringen. »Ihr habt doch den Menschen bei der letzten Feuerschutzübung zugeschaut. Wir machen das alles, so wie wir es oft genug heimlich geübt haben.«
Aber das war leichter gesagt, als getan. Eine Übung war halt nur eine Übung. Keine der Katzen hätte jemals damit gerechnet, dass man in diesem dichten Qualm so schlecht sehen und atmen konnte.
Thelma dachte kurz und versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was nun wichtig war. Dann drehte sie sich zu drei älteren Katern um.
»Ihr kümmert euch um den Nachwuchs. Die Kleinen müssen als erstes gerettet werden. Die Katzendamen sollen eine Reihe bilden, sich an den Schwänzen halten und in einer langen Kette nach draußen gehen. Wenn alle vorbereitet sind, geht es los. Erst dann dürft ihr die Ausgangstür öffnen. Wenn jemand von euch die Nerven verliert und zu früh nach draußen stürmt, kommt zu viel Rauch rein und wir werden alle ersticken.«
Sie nickten und befolgten die Anweisung so schnell es ging. Thelma kletterte an eines der Fenster und rief nach den Grashüpfern auf der nahen Wiese. Die kleinen Insekten ließen nicht lange auf sich warten.
»Hier drin brennt es.« berichtete Thelma schnell. »Wenn wir Pech haben, breitet sich das Feuer auch noch auf die anderen Gebäude aus. Sagt den anderen Tieren Bescheid, dass sie sich in Sicherheit bringen. Die Hütehunde sollen für Ordnung sorgen, damit kein Durcheinander entsteht. Es soll niemand verletzt werden.«
Sofort machten sich die Grashüpfer auf den Weg, um die Nachricht an alle Gehege und Ställe zu verteilen. Nun war es auch an Thelma, sich zu retten, denn inzwischen war das Katzenhaus so stark verqualmt, dass man kaum noch die Pfoten vor den Augen sehen konnte. Die anderen Katzen hatten also die Tür geöffnet und sich in Sicherheit gebracht.
Der Weg nach draußen war kaum noch zu bewältigen. Der Rauch kratzte im Hals. Thelma konnte nicht mehr richtig atmen. Jeder einzelne Schritt wurde zur Qual. Die letzten Meter konnte sie nur noch kriechen. Auf der Türschwelle griffen ihr zwei Starke Kater unter die Beine und brachten sie auf die Wiese.
»Ist jemandem was passiert?« fragte Thelma besorgt, sah sich sofort unter den anderen Katzen und zählte sie durch.
»Sechsundzwanzig, siebenundzwanzig, acht- … Moment. Da fehlt jemand.«
Noch einmal sah sie in die Gesichter des Rudels. »Wo ist Lilli? Lilli ist nicht da. Hat einer von euch Lilli gesehen?«
Sofort waren sie wieder alle aufgeregt. »Wir müssen sie übersehen haben. Sie ist bestimmt noch im Haus.«
Thelma sammelte noch einmal die letzten Reste ihrer Kräfte, richtete sich auf und schleppte sich zurück zum Katzenhaus. »Ich werde sie suchen und da raus holen.«
»Das kannst du nicht machen.« stellten sich ihr die Kater in den Weg. »Da kann keiner mehr rein. Das ist einfach zu gefährlich. Du wirst ersticken oder verbrennen.«
Thelma schüttelte den Kopf und stieß die Kater zur Seite. »Heute wird niemand verbrennen. Wir lassen niemanden im Feuer zurück.« Dann verschwand sie in den dichten Rauchschwaden.
Der Qualm war überall. Man konnte keinen Zentimeter weit sehen. Thelma versuchte, so wenig wie möglich zu atmen. Sie tastete sich an der Wand entlang, durchsuchte die einzelnen Schlafplätze, bis sie mit den Vorderpfoten gegen etwas Weiches stießen. Vorsichtig tastete sie danach. Es war ein Katzenkind. Das musste einfach Lilli sein.
Sie packte zu und schleppte das schlappe Fellbündel zum Ausgang. »Wir schaffen das. Wir beide kommen hier heile raus. Das verspreche ich dir.« keuchte sie leise.
Thelma kam bis zur Türschwelle. Dann brach sie zusammen. Ihr Kopf landete gerade eben in den weichen Grashalmen der Wiese.
»Hier sind noch zwei.« rief eine Menschenstimme.
Die beiden Katzen wurden sanft von zwei starken Händen ergriffen und aufgehoben.
»Die müssen sofort in die Tierklinik gebracht werden. Sie haben Rauchvergiftungen.«
Die Feuerwehr war inzwischen aufgetaucht. Aus langen Schläuchen spritzte Wasser auf das brennende Dach.
Mit ihrer letzten Kraft öffnete Thelma noch einmal ihre Augen. Zufrieden sah sie, dass Lilli sich bewegte. Sie hatte es also geschafft, das Katzenkind zu retten.
»Jetzt ist alles wieder gut.« murmelte sie glücklich, bevor sie langsam einschlief.

(c) 2014, Marco Wittler

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One thought on “234. Feuer im Tierheim (Tierheimgeschichten 1)

  1. Hallo Marco,
    Du hast hier die Geschichte geschrieben vom Brand bei Tino. Ich kann nur sagen wunder, wunderschön. Beim lesen bekam ich richtig Gänsehaut und Tränen in den Augen.
    Das wäre natürlich auch eine schöne Geschichte für die CD.

    Du schreibst wunderschön. Ich bin ja normalerweise nicht der große Leser. Aber bei Deinen Geschichten bleibt man unwillkürlich hängen.

    Wünsche Dir noch einen schönen Tag

    Liebe Grüße
    Annelie

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