235. Urlaub vom Tierheim (Tierheimgeschichten 2)

Urlaub vom Tierheim

Karl schnaufte erschöpft, als er den großen Stapel Papier vor sich entdeckte. So viel Arbeit. Wie sollte das ein kleiner Hamster allein nur schaffen? Mit jedem Tag wuchsen seine Aufgaben. Hätte er sich vor zwei Jahren bloß nicht nicht zum Verwaltungschef der Tierheimbewohner wählen lassen.
Eigentlich waren ja die Menschen für die Leitung des Tierheims zuständig. Sie gingen mit den Hunden spazieren, reinigten Ställe, Gehege und Käfige, teilten das Futter aus, streichelten jedes einzelne Tier ausgiebig und kümmerten sich rührend um die Alten und Kranken. Aber trotzdem gab es noch viel mehr zu erledigen, wovon sie gar keine Ahnung hatten.
Deswegen gab es Karl. Der kleine Hamster organisierte die abendlichen Veranstaltungen, wenn die Menschen Feierabend hatten und die Tiere allein waren. Die Hunde brauchten viel Bewegung. Also gab es Sportkurse. Die Katzen wollten rund um die Uhr irgendwas jagen. Die Schlange vor dem Hamsterrad war riesig lang. Immer wieder drängelte sich jemand vor. Da musste für Ordnung gesorgt werden. Papageien bekamen Sprachunterricht und die Esel im Stall lernten, wie man richtig störrisch ist.
Es gab so unendlich viel zu tun. Niemand hatte sich das alles zugetraut. Karl war also der Verwaltungschef und kümmerte sich. Er hatte nie ein Dankeschön von den anderen Tieren bekommen. Im Gegenteil. Jeden Tag hagelte es Beschwerden, weil jeder nur das Beste für sich wollte. Hätte Karl vor einem Jahr gewusst, was er alles machen musste, hätte er die Wahl niemals angenommen. Freizeit hatte er keine mehr. Rund um die Uhr traf er Entscheidungen, schlichtete Streitigkeiten und war darauf bedacht, dass jedes Tier seinen Hobbys nachgehen konnte. Nur er blieb dabei auf der Strecke.
»Manchmal wünsche ich mir, einfach nur ein ganz normaler Hamster zu sein, ohne Aufgaben, ohne Verpflichtungen. Einfach mal was anderes sehen und entspannen.« seufzte er vor sich hin.
»Aber wo soll ich denn hin? Es gibt doch nur das Tierheim.«

Am nächsten Morgen kam die Tierheimchefin mit einem großen Koffer ins Büro. Wie an jedem Tag gab sie Karl, dessen Käfig auf einer Kommode stand, frisches Wasser und Futter.
»Na, mein Kleiner, wie war deine Nacht? Hast du gut geschlafen?«
›Schlaf?‹ dachte sich Karl. ›Wovon redet sie da? Ich habe seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr in der Nacht geschlafen. Dafür habe ich einfach keine Zeit mehr.‹
Die Tierheimchefin hob den Koffer auf den Schreibtisch, öffnete ihn und legte noch ein paar T-Shirts hinein.
»Ich kann doch nicht ohne etwas aus meinem Tierheim verreisen. Dann vermisse ich euch alle viel zu sehr.«
Sie drehte sich zu Karls Käfig um, bückte sich und sprach leise durch das Gitter zu ihrem Hamster.
»Ich fahre nämlich in den Urlaub. Das ist das erste Mal seit fünf Jahren. Vorher hatte ich nie genug Zeit dafür. Aber jetzt ist es endlich so weit. Ich setze mit in ein Flugzeug, düse so schnell wie der Wind nach Spanien und werde dort drei ganze Wochen am Strand unter Palmen faulenzen.«
›Urlaub?‹ dachte Karl. ›Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Das will ich auch.‹
»Ich muss nur noch den anderen sagen, was sie in der Zeit auf keinen Fall vergessen dürfen. Sie müssen dich auf jeden Fall jeden Tag füttern.«
Die Chefin stand wieder auf und ging in das Büro nebenan.
»Ich will auch Urlaub.« grummelte Karl.
Leise öffnete er die Tür seines Käfigs kletterte raus und lief zum Schreibtisch. Mit seinen spitzen Krallen kletterte er mühsam am Schreibtischbein nach oben und verschwand im Koffer.
»so eine Chance werde ich nie wieder bekommen.« seufzte er zufrieden. »Drei Wochen Urlaub am Strand. Das habe ich mir wirklich mehr als verdient. Die anderen müssen halt mal ohne mich auskommen.«
Dann wurde der Deckel über ihm geschlossen und es ging zum Flughafen.

Drei Wochen später kam die Tierheimchefin wieder in ihrem Büro an. Überglücklich begrüßte sie ihre Mitarbeiter und erzählte von den vielen Dingen, die sie in Spanien erlebt hatte. Diesen Moment nutzte Karl aus. Er kletterte gemütlich aus dem Koffer und machte sich auf den Weg in seinen Käfig.
In der folgenden Nacht waren die anderen Tiere unglaublich dankbar, dass er wieder zurück war.
»Du kannst dir nicht vorstellen, wie es hier drunter und drüber gegangen ist. Es gab viel Streit und niemand war zufrieden.«
Karl lachte. »Zufrieden war vorher auch niemand. Dann war in der Zeit doch alles wie sonst auch.«
Die Tiere schwiegen. Doch dann fanden sie die richtigen Worte.
»Zufrieden waren wir doch. Wir haben wohl nur vergessen, es dir zu zeigen.«
Sie entschuldigten sich bei Hamster Karl und versprachen, ihn mehr zu achten, mehr auf ihn zu hören und das ein oder andere Mal auch Danke zu sagen.

(c) 2014, Marco Wittler

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