250. Das klebrige Dutzend schlägt zurück

Das klebrige Dutzend schlägt zurück

Rumpelnd blieb die Postkutsche in der staubigen Straße vor dem kleinen Rathaus stehen. Es quietschte laut und die Tür wurde aufgestoßen. Ein verzweifelt aussehender Mann kletterte daraus hervor. Er schien froh zu sein, dass er wieder festen Boden unter den Füßen hatte.
»Wie sehr ich doch das Verreisen hasse.«, rief er.
»Warum musste ich auch unbedingt Schriftsteller werden und ständig alles recherchieren?«
Er schüttelte zuerst den Kopf, dann klopfte er den Staub aus seinen Kleidern.
Nach einer Weile sah er sich um. Da waren der Saloon, ein Barbier, etwas weiter hinten der gut beschäftigte Bestatter und gegenüber des Rathauses das Gefängnis. Auf letzteres ging er schnurstracks zu und betrat das Gebäude.
»Servus, meine Herren.«, begrüßte er den Sheriff und seine Helfer.
»Ich bin der Albert aus Wien.«
Es gab keine Reaktion. Niemand bewegte sich oder beachtete den Neuankömmling. Der Schriftsteller war irritiert. Also versuchte er es ein zweites Mal.
»Ich hatte ihnen einen Brief zukommen lassen. Ich würde gern ein Buch über das klebrige Dutzend schreiben. Deswegen habe ich diese weite und unerträgliche Reise auf mich genommen.«
Der Sheriff sprang auf.
»Warum haben sie das denn nicht gleich gesagt. Wir haben nur auf sie gewartet.«
Er nahm Albert am Arm und führte ihn durch eine Tür nach hinten. Auf dem Weg zu den Zellen flüsterte er ihm etwas zu.
»Mein Name ist Sheriff Smith. Das schreibt man mit ›T‹ und ›H‹ am Ende. Ich hoffe, dass sie nur Gutes über mich schreiben werden, schließlich habe ich diese Verbrecherbande ganz allein geschnappt. Nur mir war dieses künstlerische Meisterwerk zu verdanken.«
Albert nickte nur. Es war nämlich jedes Mal das Gleiche. Jeder der hörte, dass ein Buch geschrieben werden sollte, wollte unbedingt darin genannt werden.
»Aber wo sind denn jetzt die Schurken? Wegen ihnen bin ich doch gekommen.«
Der Sheriff nickte eifrig und öffnete eine weitere Tür.
Da waren sie. Zwölf Männer, die seit ein paar Monaten hinter Gittern saßen. Sie hatten versucht, eine Bank zu berauben. Doch dabei waren sie geschnappt worden.
Albert sah sie sich nach und nach genau an. Jeder Räuber sah gefährlicher aus als der andere.
»Das ist perfekt. Genau das, was ich suche. Ich habe ja so viele Fragen  an sie.«
Der Sheriff verdrehte die Augen und ließ den Schriftsteller mit dem klebrigen Dutzend allein.

Es dauerte viele Stunden. Albert fragte den Bankräubern große Löcher in den Bauch. Zuerst waren sie mürrisch. Doch nach und nach erzählten sie immer mehr.
Schließlich verließ der Schriftsteller das Gefängnis. Die lange Reise hatte sich gelohnt. Er hatte so viel erfahren, dass er gleich drei Bücher schreiben konnte.

In der folgenden Nacht gab es einen lauten Knall. Die Menschen in der ganzen Stadt wurden davon aus den Betten geworfen. Doch was war da nur geschehen?
Albert lief im Schlafanzug auf die Straße und sah sich um. Eine Seitenwand des Gefängnisses war in sich zusammen gebrochen. Offensichtlich war sie gesprengt worden. Durch das entstandene Loch schlichen sich gerade die zwölf Verbrecher nach draußen.
»Hey, sie dürfen nicht weglaufen. Das ist verboten. Sie sind doch Gefangene.«
Albert rief durch die dunkle Nacht hindurch, ohne darüber nachzudenken, was er da tat.
Das klebrige Dutzend blieb stehen. Sie sahen den Schriftsteller an.
»Schnappt ihn euch.«, rief der Anführer Cowboy Bill.
Die Banditen rannten los. Albert setzte sich ebenfalls in Bewegung. Die Angst saß ihm tief im Nacken. Er woltle auf keinen Fall als Geisel enden oder erschossen werden.
Er lief in das Hotel, quer durch das Gebäude und steckte schließlich in einer Sackgasse. Er war in die Küche geflüchtet und saß nun in der Falle.
Das klebrige Dutzend kam herein. Bill grinste über das ganze Gesicht, während er mit seinem Revolver auf den Schriftsteller zielte.
»Wenn wir dich als Geisel mitnehmen, bekommen wir bestimmt noch ein fettes Lösegeld bezahlt. Ein Schreiberling aus dem Ausland ist bestimmt sehr viel wert.«, brüllte Bill.
Doch dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.
Ein weiteres Mal öffnete sich die Tür und ein paar Köche stürmten mit ihren Zutaten herein. Sie wollten gerade die Speisen für das Frühstück zubereiten. Sie stolperten und die Lebensmittel flogen im hohen Bogen durch die Luft, bevor sie wieder herab fielen.
Das klebrige Dutzend sah entsetzt nach oben.
»Nein, nicht schon wieder.«, rief Bill erschreckt.
Zwei Eimer frische Milch entleerten sich über den Räubern, gefolgt von einem Sack Mehl. Und schon sahen sie aus, wie eine Horde Schneemänner.
In diesem Moment kam der Sheriff in die Küche.
»Alle Wetter.«, staunte er.
»Der Schriftsteller aus Wien hat das dreckige Dutzend gefangen. Wenn das mal nicht genug Stoff für ein richtig dickes Buch ist.«
Albert wusste gar nicht, was er sagen sollte. Er begnügte sich mit einem kleinen Lächeln, um die Angst nicht zeigen zu müssen, die er in den letzten Minuten verspürt hatte.

(c) 2009, Marco Wittler

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Liked this post? Follow this blog to get more. 

Schlagwörter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.