277. Wenn Schneemänner träumen

Wenn Schneemänner träumen

Otto träumte. Er erinnerte sich zurück an den letzten Winter. Damals war er ein großer, prachtvoller Schneemann gewesen, mit Zylinderhut auf dem Kopf und einer langen, roten Möhre als Nase.
»Ach, wenn ich doch bald wieder ein Schneemann sein könnte.«, murmelte er vor sich hin.
Otto war von einer kleinen Gruppe Kinder gebaut worden und hatte die gesamte kalte Jahreszeit über im Garten gestanden.
Doch damit war es schon seit Monaten vorbei. Irgendwann im Frühling war es warm geworden. Der Schnee war geschmolzen und zu Wasser geworden.
Nun fristete Otto sein Leben als Wassermann in einem kleinen Gartenteich und wartete darauf, dass es wieder kalt werden würde.
Den ganzen Sommer über kümmerte es sich um die Fische und anderen Tiere, die durch ihn hindurch schwammen. Aber seine wahre Bestimmung, sein größtes Glück, lag darin, ein Schneemann zu sein.
»Irgendwann, zum Ende des Herbstes ist es wieder so weit.«, sagte er sich.
»Dann werde ich verdunsten. In kleinen Tröpfchen schwebe ich zum Himmel hinauf und werde mich für ein paar Tage in einer großen Wolke verstecken und über das Land hinweg fliegen. Wenn es dann richtig kalt wird, lasse ich mich in unzähligen Schneeflocken zum Boden fallen und werde alles im schönsten Weiß bedecken.«
Otto malte es sich in seinem Kopf aus, wie sich die fröhlichen Kinder in den Garten stürzten und einen neuen stattlichen Schneemann bauten.
Er sah auf seinen Kalender und staunte.
»Was ist denn das? Der November hat schon angefangen.«
Otto musste grinsen.
»Bald ist es so weit. Nicht mehr lange und ich werde wieder vom Himmel fallen und zum Schneemann werden.«

(c) 2009, Marco Wittler

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