280. Die Mauer

Die Mauer

Leon und Christian standen mitten im Garten und spielte mit  dem Ball. Rasend schnell ging das Spiel hin und her. Immer wieder fielen wagemutige Tore. Doch dann ging ein Schuss daneben und der Ball rollte dicht an die Gartenmauer.
»Was machen wir denn jetzt?«, fragte Christian.
»Keine Ahnung.«, antwortete Leon.
»Du musst den Ball holen. Schließlich hast du ihn dort hin geschossen.«
Doch Christian weigerte sich. Er hatte plötzlich keine Lust mehr zu spielen und ging beleidigt ins Haus. Leon lief ihm nach und sie verzogen sich in ihr Zimmer.
Von Fenster aus sahen sie nervös ununterbrochen nach draußen zu ihrem Ball.
»Du bist schuld.«, maulte Leon.
»Gar nicht.«, knurrte Christian zurück.
»Hol dir deinen blöden Ball doch selbst zurück. Ich interessier mich eh nicht für Fußball. Blödes Spiel.«
Dann saßen sie schweigend da und sahen wieder nach draußen.
Drei Stunden später kam Mama ins Kinderzimmer.
»Was macht ihr denn hier? Es ist doch so schönes Wetter draußen. Da müsst ihr doch nicht in der Bude hocken.«
Doch die Jungs antworteten nicht.
»Was ist denn mit euch beiden los?«
Leon zeigte mit seinem Finger nach draußen.
»Das ist los.«
Mama entdeckte den Ball an der Mauer.
»Auweia.«, sagte sie nur und wusste sofort Bescheid.
Ihre beiden Söhne hatten schon immer Angst davor, was auf der anderen Seite der Mauer war. Keiner wusste warum. Es war schon immer so gewesen.
»Da müsst ihr einfach mal über euren Schatten springen und euch euren Ball zurück holen. Es wird schon nichts passieren.«
Doch das war leichter gesagt, als getan. Deswegen blieben Leon und Christian in ihrem Kinderzimmer und schmollten weiter vor sich hin.

Zwei Tage später lag der Ball noch immer dort. Die Jungs hatten sich mittlerweile wieder auf die Terrasse getraut und beobachteten ihr Spielzeug genau. Trotzdem wagten sie es nicht, zu nah hin zu gehen.
»Wir werden wohl nie wieder Fußball spielen, wie es aussieht.«
In diesem Moment tauchte auf der anderen Seite der Mauer ein kleines Gesicht auf. Es war ein Junge, der einen neugierigen Blick herüber warf.
»Hallo?«, rief er.
»Hallo? Ist jemand da?«
Er entdeckte Leon und Christian.
»He, seid ihr die beiden, die hier jeden Tag Fußball spielen? Ich wollte fragen, ob ich mal mitspielen darf.«
Die zwei Brüder waren überrascht. Ihr Leben lang hatten sie vor der anderen Mauerseite Angst gehabt und nun mussten sie feststellen, dass dort einfach nur ein ganz normaler Junge lebte, der ebenfalls gern Fußball spielte.
»Klar, komm rüber.«
Und schon lieben die zwei auf ihren Ball zu und holten ihn zurück auf ihre Wiese. Nun konnten sie zu dritt spielen. Dabei erfuhren sie, dass ihr neuer Freund Dennis hieß und selbst immer Angst hatte, auf die andere Mauerseite zu schauen, bis ihn sein Opa dazu überredet hatte.
»Die Mauer muss weg.«, beschlossen die drei und baten ihre Eltern, sich darum zu kümmern.
Ein paar Wochen später war es dann auch so weit. Zwischen den beiden Gärten war keine Grenze mehr zu sehen. Von Haus zu Haus gab es nun eine riesige Wiese, auf der die neuen Freunde nun jeden Tag Fußball spielen konnten.

(c) 2009, Marco Wittler

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