282. Die kleine rosa Wolke oder „Papa. was macht der Wind, wenn er nicht weht?“ (Papa erklärt die Welt 30)

Die kleine rosa Wolke
oder ›Papa, was macht der Wind, wenn er nicht weht?‹

Sofie stand am Fenster und sah nach draußen. Es war zwar schon dunkel geworden, doch im Licht der Autoscheinwerfer und Laternen konnte man sehr gut beobachten, wie sich die Bäume hin und her bewegten.
Wild tanzte das Laub über den Boden und Zweige brachen von ihren Ästen ab. Es war ein richtiger Sturm, der durch die Straßen fegte und an allem rüttelte.
In diesem Moment kam Papa ins Kinderzimmer.
»Was ist denn das? Du liegst ja noch gar nicht unter deiner Decke. Jetzt wird es aber wirklich Zeit, dass du in dein Bettchen krabbelst, sonst kann ich dir keine Geschichte vorlesen.«
Sofie gehorchte und legte sich hin.
»Das ist ja ein richtig fieses Wetter da draußen. Mir tun die ganzen Tiere leid, die jetzt nicht im Warmen sitzen können.«
Papa nickte.
»Aber gegen so einen Sturm lässt sich leider nichts machen. Der kommt einfach, wann er will.«
Sofie runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. Papa bemerkte es sofort und seufzte. Er wusste genau, was nun geschehen würde. Also packte er schon einmal das Kinderbuch zur Seite.
»Papa, was macht der Wind, wenn er nicht weht?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Wind. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine rosa Wolke mit Namen Flocke, die fröhlich durch den Himmel flog. Jeden Tag besuchte sie ihre Wolkenfreunde und redete mit ihnen über das schöne Wetter. Doch dann traf sie auf einen sehr traurigen grauen Artgenossen.
»He, was ist denn mit dir los?«, fragte Flocke.
»Ach, ich bin so traurig, sagte die Wolke.
»Den ganzen Tag hänge ich hier über der Erde und aus meinem Bauch regnet es ohne Pause. Kein Mensch traut sich in meine Nähe, weil sie nicht nass werden wollen. Dabei ist das unter mir ein richtig schönes Fleckchen Erde.«
Da fiel es Flocke auf, dass sie die einzige Wolke im ganzen Himmel war, die sich hin und her bewegen konnte. Alle anderen hingen fest an ihrem Platz.
»Warum fliegt ihr denn nicht auch über die Erde hinweg?«, fragte Flocke, so laut sie konnte.
Die Antworten ließen auch nicht lange auf sich warten. Von allen Seiten war mürrisches Knurren zu hören. Offensichtlich konnte sonst niemand von allein fliegen.
»Dagegen muss doch etwas unternommen werden.«, sagte sich die rosa Wolke und flitzte von einer Himmelsrichtung zur nächsten, um nach einer Lösung zu suchen. Aber es war nichts zu finden.
Ziemlich traurig gesellte sich Flocke zu ihren Freunden und seufzte laut.
»Huch? Was war denn das?«, fragte da die graue Regenwolke.
»Kannst du das noch einmal machen?«
Abermals seufzte Flocke und bemerkte nun selbst, dass sie damit ihren Freund ein Stück von sich fort blies.
»Das ist ja eine geniale Sache.«, freute sich die rosa Wolke und begann sofort kräftig zu blasen.
Die Wolken des Himmels flogen auseinander wie umgeworfene Kegel. Niemanden hielt es jetzt noch auf seinem Platz.
»Juhuu, endlich können wir hin und her reisen.«, war nun aus allen Richtungen zu hören.
Flocke war mächtig stolz auf sich und nannte ihre kräftige Puste von nun an Wind.

Sofie grinste über das ganze Gesicht.
»Und wenn der Wind nicht weht, dann ist Flocke am andere Ende der Welt?«
Papa nickte zufrieden.
»Ganz genau. Du bist wirklich ein schlaues Mädchen.«
Er zog die Decke über Sofie zurecht und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
»Nun wird aber geschlafen.«
Sofort schloss Sofie die Augen und begann absichtlich laut zu schnarchen. Doch bevor Papa das Kinderzimmer verlassen konnte, musste sie ihm noch etwas sagen.
»Das war wirklich eine schöne Geschichte. Aber trotzdem glaube ich dir davon kein einziges Wort.«
Und dann lachte sie laut und schaltete ihre Nachttischlampe aus.

(c) 2009, Marco Wittler

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