286. Wie der Winterschlaf entstand

Wie der Winterschlaf entstand

Die große Murmeltierfamilie bereitete sich gerade auf die langen und harten Wintermonate vor. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Schnee vom Himmel fiel, um die Erde unter sich zu begraben.
Emil, das jüngste Murmeltierkind war gerade eifrig dabei, genug Nahrung für die kalte Jahreszeit zu sammeln und in die verschiedenen Verstecke zu schaffen. Doch so ganz konnte er nicht verstehen, was er da tat.
»Warum müssen wir eigentlich so viel Futter sammeln?«, fragte er Mama.
»Alles, was wir brauchen, wächst doch überall an den Bäumen und Büschen. Wir machen uns doch viel zu viel Arbeit.«
Mama musste lachen, denn ihr kleiner Sohn hatte noch nie einen Winter erlebt. Dazu war er viel zu jung.
»Der Winter ist eine schreckliche Jahreszeit. Der Regen verwandelt sich in eisige Flocken und kommt als Schnee zum Boden. Die Pflanzen und Bäume verlieren ihre Blätter. Nirgendwo wird dann noch etwas Essbares zu finden sein. Wer sich darauf nicht vorbereitet, wird bis zum nächsten Frühling verhungern.«
Diese Vorstellung gefiel Emil gar nicht. Aber noch weniger gefiel ihm, dass er bald regelmäßig durch diesen kalten Schnee stapfen sollte, um etwas zu Futtern in die Wohnhöhle zu holen.
»Warum müssen wir so viele Verstecke anlegen? Die könnte doch jemand in den nächsten Monaten ausrauben. Außerdem ist es bestimmt viel zu kalt, um ständig nach draußen zu gehen. Können wir unsere Sachen denn nicht gleich in der Höhle lassen?«
Die Frage war klug gestellt, doch leider war die kleine Höhle alles andere als groß. Es passte einfach nicht genug Futter hinein.
»Also ich hab da keine Lust zu. Da mache ich nicht mit.«, entschied Emil plötzlich.
Von nun an verrichte das Murmeltierkind weiterhin seine Aufgaben und befüllte die Verstecke. Doch so oft, wie es ging, fraß es so viel Futter, dass es immer dicker wurde.
»Ich esse einfach alles sofort, was ich für den Winter brauche. Dann könnt ihr alleine in die Kälte gehen. Ich bleibe bis zum Frühling zu Hause.«
Seine Geschwister lachten natürlich und zogen ihn auf.
»Du wirst keine einzige Woche durchhalten, bis dich wieder der Hunger quält.«, spottete sein großer Bruder.
»Sei nicht so albern.«, mahnte Mama.
Doch das hatte alles keinen Zweck. Emil hatte sich etwas in den Kopf gesetzt und blieb dabei.

Ein paar Wochen später kam der Winter. Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel herab und bedeckten das Land. Die Bäume verloren ihre letzten Blätter und es war weit und breit kein Futter mehr zu finden.
Die Murmeltierfamilie war nun froh, genug Verstecke angelegt zu haben. Jeden Tag lief eines der Kinder los und holte etwas zu Fressen. Dabei bekamen sie unglaublich kalte Eisfüße.
»Brrr, ist das kalt da draußen. Wenn ich doch bloß hier bleiben könnte.«, beschwerte sich die kleine Lisa.
Und dann fiel ihr Blick auf ihren Bruder Emil, der ruhig schlafend in seiner Ecke lag und vor sich hin schnarchte.
Schon ganze vier Wochen hatte er durchgehalten, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Das hatte seine Familie nicht erwartet.

Die Zeit verging, die Vorräte wurden aufgebraucht. Als die letzten Haselnüsse verputzt waren, kam Papa endlich mit der frohen Kunde.
»Der Winter ist vorbei. Der Frühling hat begonnen.«
Alle Murmeltiere stürmten aus der Höhle. Tatsächlich. Der Schnee war geschmolzen und die ersten Blümchen standen bereits auf den Wiesen.
In diesem Moment hörten sie ein lautes Gähnen aus der Höhle. Es kam eindeutig von Emil. Er hatte wirklich geschafft, was er sich vorgenommen hatte. Seit ganzen sechs Monaten hatte er seine Augen nicht mehr geöffnet. Und nun kam er wieder ans Tageslicht und streckte sich ein paar Mal.
Der dicke Bauch, den er sich im Herbst angefressen hatte, war nun verschwunden.
»Seht ihr, ich hab es doch gleich gesagt.«, freute er sich.
»Ich hab alles gefuttert, was ich für den Winter brauchte und musste nicht einmal nach draußen. Jetzt ihr platt, oder?«
Da musste ihm die Familie Recht geben und sofort wurde beschlossen, dass sie nie wieder Futter verstecken würden. Von nun an hielten sie gemeinsam den wohl verdienten Winterschlaf.

(c) 2009, Marco Wittler

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