289. Wie der Igel entstand

Wie der Igel entstand

Igor, der Feldhamster saß in seiner Erdhöhle und starrte nach draußen. Zu gerne wäre er nach oben gekrabbelt, um sich Futter zu suchen. Nur leider traute er sich nicht. Die Erlebnisse der letzten Tage machten ihm zu viel Angst.
Seit einer ganzen Woche lauerte ihm ein gemeiner Fuchs auf, der ihn fressen wollte.
»Ich bin kein Futter.«,  rief Igor laut. Das rotpelzige Raubtier hatte ihn bestimmt gehört, würde sich diese Worte allerdings nicht zu Herzen nehmen.
»Du wirst schon sehen. Irgendwann fällt mir etwas ein. Dann werde ich mich an dir rächen.«

Spät am Abend war ein lautes Knurren zu hören. Es war der hungrige Magen des Feldhamsters. Er musste dringend etwas futtern.
»Oh weh, hoffentlich werde ich das überleben.«
Mit zittrigen Füßen krabbelte er aus der seiner Höhle und sah sich um. Es war kein anderes Tier zu sehen. Also machte sich Igor auf die Suche. Es dauerte auch nicht lange, bis er ein paar Getreidekörner fand. Schnell stopfte er sich diese in die Wangen und lief zurück nach Hause. Doch bevor er sein Ziel erreichte, wurde ihm der Weg versperrt.
»Schau mal an. Da läuft mir ja mein Abendessen direkt zwischen die Pfoten.«, sagte der Fuchs mit gemeiner Stimme.
»Ist das jetzt der neue ›Essen auf Beinen‹-Service?«
Er leckte sich sich Maul und ließ dabei seine messerscharfen Zähne hervor blitzen.
Der Feldhamster war wie erstarrt stehen geblieben. Er wusste nicht mehr ein noch aus. Sollte er laufen oder sich einfach tot stellen? Doch dann spuckte er seine gesammelten Körner dem Fuchs entgegen und lenkte diesen für ein paar Sekunden ab.
Igor nahm sofort seine Beine in die Hände und rannte so schnell er konnte. Mit Mühe und Not schaffte er es, sich in seine Höhle zu retten. Doch dafür hatte er nun immer noch nichts zu fressen.
»Ich werde hier elendig verhungern. Was soll ich bloß machen?«, jammerte er.
»Dann komm raus uns lass dich fressen, so lange du fett genug für mich bist. Dann haben wir es viel schneller hinter uns.«, ereiferte sich der Fuchs, der nun wie wild am Höhleneingang schnüffelte.
»Du kannst dich nicht ewig da unten verstecken.«
Das hatte der Hamster natürlich nicht vor. Also sah er sich in seiner geräumigen Behausung um. Vielleicht würde er doch noch etwas für seine Rettung finden.
Da lag eine alte Mausefalle unter dem Bett.
»Nein, dafür ist der Fuchs zu groß.«
In der Ecke lagen ein paar alte Getreidesäckchen.
»Auch nicht, da passt er ja nicht rein.«
Mit Nadel und Faden aus dem Nähkästchen war ebenfalls nichts anzufangen.
»Moment mal. Wie wäre es denn, wenn ich …«
Igor sprach nicht weiter. Dafür hatte aber eine glänzende Idee im Kopf.
Sofort schnappte er sich sein Nähzeug und die alten Säckchen aus der Ecke und begann wie wild zu nähen.
»Dir werde ich es schon zeigen. Das war heute das letzte Mal, dass du versucht hast, mich zu fressen. Morgen wird dir Hören und Sehen vergehen. Das verspreche ich dir.«
Der Fuchs hatte jedes Wort vernommen, konnte sich aber keinen Reim darauf machen. Deswegen freute er sich jetzt schon auf ein leckeres Frühstück.

Am nächsten Morgen war es dann so weit. Igor hatte sein Werk vollendet und stand nun stolz vor seinem neuen Anzug. Er hatte ihn aus den Getreidesäckchen genäht. Doch das war noch nicht alles. Rundherum waren unzählige Stecknadeln befestigt, die in alle Richtungen ab standen. Es war fast unmöglich, unverletzt in dieses Kleidungsstück zu kommen. Trotzdem zog es der Hamster an und krabbelte dann ängstlich aus seiner Höhle heraus.
»Ich bin hier. Los, friss mich.«, rief er schüchtern.
»Hast du denn keinen Hunger?«
Dieses Mal war seine Stimme fester und mit jedem Satz wurde sie mutiger.
Es dauerte nicht lange, bis der Fuchs erschien. Wie ein Wilder raste er über die Wiese. Er hielt nicht einmal vor Igor an, sondern schnappte ihn sich im Lauf. Doch dann heulte er jaulend auf, stolperte dabei über seine eigenen Pfoten und ließ seine Beute sofort wieder frei.
»Hilfe, was war denn das?«, fragte er sich verzweifelt und betastete vorsichtig seine blutenden Lippen.
»Das kann doch unmöglich sein.«
Ein weiteres Mal schnappte er zu. Dieses Mal piekte er sich sogar mehrmals in die Zunge.
»Au, au, aua.«
Schon tropfte etwas Blut auf den Boden.
»Was ist das für eine böse Zauberei?«, fragte der Fuchs und besah sich den Hamster nun genauer.
»Wo hast du all die Stacheln her? Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.«
Igor streckte sich stolz in die Länge und richtete sich auf die Hinterbeine auf.
»Die sind mir über Nacht gewachsen, damit du mich nicht mehr fressen kannst. Deswegen bin ich auch kein Feldhamster mehr, sondern ein ganz neues Tier. Ich bin jetzt Igor, der Igel.«
Er trippelte ein paar Schritte auf den Fuchs zu und machte ein böses Gesicht.
»Und nun verschwinde von hier, sonst steche ich dir in deine Pfoten.«
Das ließ sich der Fuchs natürlich nicht zweimal sagen. Ohne ein weiteres Wort drehte er um und lief so schnell wie er konnte in den nahen Wald und tauchte nie wieder auf.

(c) 2009, Marco Wittler

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