290. Ein Schatten im Aquarium

Ein Schatten im Aquarium

Im Wohnzimmer wurde ein neuer Schrank aufgebaut. Doch dieses Mal räumte ihn Mama nicht mit ihrem Dekokram voll. Keine Vase, keine Blümchen, nichts. Der Schrank blieb leer.
Das wunderte Michelle natürlich sehr. Also fragte sie nach.
»Mama, warum machst du denn den neuen Schrank nicht schick? Stimmt was damit nicht?«
Mama grinste.
»Nein, damit ist alles in Ordnung. Aber Papa hat noch etwas damit vor.«
Michelle wurde noch neugieriger. Aber sie wusste auch, dass sie keine Antworten mehr bekommen würde. Also verzog sie sich in ihr Zimmer und wartete.

Am späten Nachmittag kam dann endlich Papa nach Hause. Aus dem Kofferraum seines Wagens holte er ein paar schwere Pakete, die einzeln ins Wohnzimmer brachte.
»Was ist denn da drin?«, fragte Michelle.
Als Papa seinen Einkauf auspackte, war die Verwunderung groß. Da war ein Sack mit Sand, ein paar Geräte und ein großer Glaskasten.
»Was soll das denn werden? So was hab ich noch nie gesehen.«
Während Papa alles zusammen baute, erklärte er seiner Tochter, dass er ein Aquarium gekauft hatte. Er befüllte es mit Wasser und setzte Pflanzen in den sandigen Boden. Zum Schluss öffnete er noch eine Tüte und schüttete ein paar bunte Fische in das Becken.
»Jetzt können wir uns die Tierchen jeden Tag anschauen und füttern.«, erzählte Papa.
»Meine Eltern haben damals auch ein Aquarium gekauft, als ich so alt war wie du.«
Michelle staunte. Jetzt hatte sie ihre eigene Unterwasserwelt. Das musste sie unbedingt sofort ihren Freundinnen erzählen.

Am nächsten Tag saßen vier Mädchen vor dem Aquarium und bestaunten die Fische. Jeder von ihnen hatte bereits einen Namen bekommen. Michelle dachte sich mit ihren Freundinnen lustige Fischgeschichten aus, die sie sich gegenseitig erzählten.
»Und jetzt schaut mal was passiert, wenn ich Futter ins Wasser mache.«
Kaum hatte sie den Deckel geöffnet und ein paar Futterflocken ins Becken gestreut, wuselten die Fische ganz aufgeregt hin und her und fraßen, so viel sie erwischen konnten.
Doch plötzlich bewegte sich im Wasser etwas, das Michelle vorher noch nicht gesehen hatte.
Ein dunkler Schatten schnellte hervor, schnappte sich eine Futterflocke und verschwand sofort wieder hinter einem alten Stück Baumwurzel.
»Was war denn das?«, fragte Isabelle verwirrt. Auch Lena und Sarah hatten nicht erkennen können, was das für ein Tier gewesen war.
»Was lebt denn noch in deinem Aquadingsda?«
Doch Michelle wusste es selbst nicht. Bisher hatte sie immer nur ihre Fische gesehen.
Etwas ängstlich zogen sich die Mädchen zurück und kamen der geheimnisvollen Unterwasserwelt nicht mehr zu nahe.

Am Abend des nächsten Tages saß Papa vor dem Aquarium, als Michelle gerade ins Bett gehen wollte.
»Du sag mal, Kleines, hast du deine Fische heute schon gefüttert?«, fragte er mit ernster Miene.
Seine Tochter schüttelte traurig und ängstlich den Kopf.
»Ich mag sie nicht mehr füttern. Da ist was drin, was mir Angst macht.«
Papa sah neugierig in das Wasserbecken, konnte aber nichts entdecken.
»Was soll denn da drin sein? Da sind doch nur deine Fische.«
Also erzählte Michelle, was sie am Tag zuvor mit ihren Freundinnen beobachtet hatte.
»Ein dunkler Schatten? Das ist ja seltsam.«, murmelte Papa.
»Und er hat sich etwas zu Fressen geholt und ist dann sofort wieder verschwunden?«
Michelle nickte.
»Dann wollen wir dieses merkwürdige Wesen mal aus seinem Versteck locken.«
Papa öffnete den Deckel des Aquariums, nahm sich etwas Futter zwischen die Finger und streute es dann in das Wasser.
Sofort stürzten sich die Fische darauf und fraßen so viel sie konnten.
»Wo kam denn der Schatten her?«
Michelle zeigte auf die alte Wurzel.
In diesem Moment bewegte sich dort tatsächlich etwas. Es war klein und grau. Als es das Futter entdeckte, machte es einen Satz vorwärts und wollte sich gerade seine Mahlzeit schnappen. Doch da war Papa schneller.
Er holte ein Netz hinter seinem Rücken hervor und fing das seltsame Wesen ein.
»Dann wollen wir doch mal schauen, was du eigentlich bist.«
Vorsichtig sah er sich seinen Fund an. Michelle war ebenfalls neugierig.
»Das ist ja ein Frosch. Der ist aber süß.«
Da mussten beide lachen.
»Los, setz ihn wieder ins Wasser.«, sagte Michelle.
»Er hat viel zu viel Angst in deiner großen Hand.«
Papa gehorchte und setzte das Tierchen wieder zurück und sah dabei zu, wie es wieder in seinem Versteck verschwand.
»Und wir waren so dumm und hatten so viel Angst davor.«

Am nächsten Tag saßen wieder vier Mädchen vor der Unterwasserwelt. Von allen Seiten suchten sie nach den Frosch. Sie wollten ihn unbedingt sehen, denn das war doch wirklich etwas ganz Besonderes.

(c) 2009, Marco Wittler

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