295. Weihnachten ist für alle da

Weihnachten ist für alle da

Endlich.
Der letzte Schultag stand vor der Tür. Lisa hatte nur noch das Nötigste in ihrem Ranzen. Unterricht sollte eh nicht mehr stattfinden. Es war eine kleine Weihnachtsfeier geplant.
Schon ein paar Minuten vor Beginn der ersten Stunde raschelten auf allen Tischen die Plätzchentüten. Hier und da lagen Schokoladennikoläuse und mehr. Und als dann die Türglocke ertönte kam die Klassenlehrerin mit einem dampfenden Topf herein.
»Guten Morgen, Rasselbande. Ich hab euch schon mal etwas Kinderpunsch in der Küche aufkochen lassen. Jetzt können wir richtig feiern.«
In den nächsten drei Stunden wurde viel gelacht und unzählige Weihnachtslieder gesungen. Die Schüler erzählten sich gegenseitig, was sie sich als Geschenk unter dem Weinachtsbaum erhofften.
Nur Johannes saß still auf seinem Platz und hielt sich die ganze Zeit zurück. Er sah so aus, als würde er nicht dazu gehören, als wäre Weihnachten etwas völlig Fremd für ihn.
Irgendwann wurden natürlich auch die anderen Kinder auf ihn aufmerksam und begannen zu tuscheln.
»Der ist ja ein richtiger Langweiler.«, flüsterte Hannah.
»Mit so einem Miesepeter kann man gar nicht richtig feiern.«, war von Jasmin zu hören.
»Der hätte doch gleich zu Hause bleiben können.«, meckerte Max.
»Vielleicht geht’s ihm auch einfach nur nicht gut heute.«, vermutete Lisa.

Die Zeit verging wie im Fluge. Nach einer Weile waren die Teelichter herunter gebrannt, der Punsch ausgetrunken und der Ferienbeginn ganz nahe heran gerückt.
Als dann auch noch die Schulglocke ein letztes Mal bimmelte, hielt es die Kinder kaum noch auf ihren Stühlen. Sie wünschten sich alles Gute für die Feiertage und das neue Jahr und stürmten dann nach draußen in den Schnee.
Lisa ließ sich Zeit. Sie wartete auf Johannes, der nur sehr langsam seine Jacke überzog. Als sie allein im Raum waren, fasste sie sich ein Herz und ging auf ihn zu.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte Lisa.
»Es ist doch bald Weihnachten und du schaust aus wie drei Tage Regenwetter.«
Johannes sah sie kurz an und richtete dann wieder seinen Blick zum Boden. Er holte tief Luft und seufzte laut.
»Ich kann Weihnachten nicht leiden. Jedes Jahr wird in allen Familien groß gefeiert, gegessen und geschenkt. Wenn die Ferien vorbei sind, prahlen alle mit ihren neuen Sachen. Und ich kann nie mitreden.«
Lisa verstand nicht genau, was er ihr damit sagen wollte, also hakte sie nach.
»Ist das denn bei euch zu Hause anders?«
Johannes nickte und erzählte, dass seine Mutter viel zu arm sei, um Weihnachten feiern zu können. Es musste jedes Jahr ausfallen.
»Seit Papa eine neue Frau hat, und nicht mehr bei uns ist, geht es uns richtig schlecht. Wir sind schon froh, wenn Mamas Geld bis zum Monatsende reicht.«
Mit traurigen Augen verließ er das Klassenzimmer und ließ Lisa allein zurück.

Beim Mittagessen war Lisa ruhig. Zu ruhig. Sie sprach nicht ein einziges Wort. Stattdessen war sie in Gedanken versunken.
»Was ist denn mit dir los, mein Schatz?«, fragte Papa verwirrt.
»Du redest doch sonst immer wie ein Wasserfall, bis dein Essen kalt ist.«
Sie schluckte hastig ihre Nudeln runter und erzählte dann von Johannes und seiner Mutter.

Johannes saß am Esstisch und stocherte lustlos in seinen Kartoffeln herum, als es klingelte. Sie stand auf ging zur Tür.
»Wer ist denn das? Wir haben doch keinen Besuch eingeladen.«
Es dauerte einen Moment, bis sie mit zwei Gästen wieder in die Küche kam. Es waren Lisa und ihre Mama.
»Wir möchten euch zu uns nach Hause einladen und mit euch gemeinsam Weihnachten feiern.«, sagte Lisa nervös mit hochrotem Kopf.
Johannes und seine Mutter wussten gar nicht was sie sagen sollten. Sie konnten es gar nicht fassen, dass Weihnachten in diesem Jahr nicht ausfallen würde.
Sie hatten einen so dicken Kloß im Hals, dass sie mehr als ein leises Dankeschön nicht heraus bekamen. Aber beide hatten dicke Tränen in den Augen.

Am Weihnachtsabend saßen sie alle zusammen um den großen Tisch herum. In der Ecke stand der bunt geschmückte Weihnachtsbaum unter dem unzählige Päckchen lagen.
In diesem Jahr waren sie zu fünft. Lisa mit ihren Eltern und Johannes mit seiner Mutter hatten viel Spaß beim Essen und verlebten einen schönen Abend.
Nach dem Essen wurden die Geschenke geöffnet. Das erste davon drückte Lisa Johannes in die Hände.
»Das ist für dich, denn heute ist Weihnachten und da soll jeder glücklich sein. Weihnachten ist für alle da.«

(c) 2009, Marco Wittler

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