30. Die Ballettschuhe (Ninas Briefe 4)

Die Ballettschuhe

Hallo Steffi!

Danke für deinen tollen Brief und die verrückten Spaßfotos von dir. Besonders die mit der Taucherbrille waren richtig lustig und Tommy hat sich gewundert, warum ich so laut gelacht hatte. Aber ich habe es ihm natürlich nicht verraten. Der Kleine muss ja nicht alles wissen, oder?
Aber nun zu etwas ganz Anderem. Mama und ich waren vor zwei Monaten im Ballett. Papa und Tommy hatten keine Lust. Das wäre doch Mädchenkram. Dabei stimmt das gar nicht. Im Publikum saßen auch Männer. Na ja, drei habe ich jedenfalls gezählt. Dafür tanzten dann später welche über die Bühne. Aber die sahen in ihren Kostümen fast wie Frauen aus.
Schwanensee hatte Mama das alles genannt, aber irgendwie gab es dort weder Vögel, noch wurde in irgendwelchen Teichen herum geplanscht. Als ich dann einen Blick auf das Programm warf, stand da was von Nussknackern. Dabei ist doch noch gar nicht Weihnachtszeit.
Als es dann endlich richtig los ging, hatte ich aber bemerkt, dass hier irgendwer die Geschichte im Fernsehen geklaut hatte. Weißt du noch, als letztes Jahr dieser Barbie Film lief? Die hat doch ein richtiges Abenteuer mit einem Nussknacker erlebt. Und nun saß ich hier im Ballett und so ein komischer Typ namens Tschaikowski behauptete einfach, sich das alles selber ausgedacht zu haben. So ein Lügner, findest du nicht auch?
Aber trotzdem war das Stück richtig gut. Sie hatten alle unglaublich schön getanzt und die Musik hatte mir auch sehr gut gefallen.
Nach der Vorführung hatte Mama noch eine riesige Überraschung für mich. Wir durften nämlich hinter die Bühne, uns die Kostüme anschauen und mit den Tänzern sprechen. Und weil ich so viel Spaß hatte, wollte ich dann auch Ballett Unterricht nehmen und in so süßen Kleidchen tanzen. Allerdings sagte Mama mir dann auf dem Heimweg, dass man das Ding Tütü nennt, obwohl es gar nicht nach Feuerwehr oder Polizei aussieht. Aber trotzdem haben wir es dann am nächsten Tag gekauft. Nur die Ballerinaschuhe ließen wir im Laden. Das waren nur ganz einfache Schläppchen und dazu noch viel zu teuer.
Am Tag, bevor meine erste Tanzstunde beginnen sollte kam Oma zu Besuch. Sie hatte ein Geschenk für mich dabei, obwohl mein Geburtstag erst in ein paar Monaten war. Ich konnte es gar nicht erwarten, das Paket zu öffnen und hatte das Papier drum herum ganz schnell aufgerissen.
Und jetzt rate doch mal, was ich bekommen hatte. Ganz genau! Ballettschühchen. Die waren zwar nicht mehr ganz neu, aber dafür hatte Tante Lisa darin schon getanzt und ganz tolle und erfolgreiche Auftritte gehabt. Da konnte doch wirklich nichts mehr schief gehen.
Aber, ob du es glaubst, oder nicht, mit diesem Gedanken hatte ich mich total geirrt. Doch das hatte ich erst viel später bemerkt.
Das erste Training war richtig klasse. Die Lehrerin hatte uns nur ein paar wenige Übungen beigebracht, die ich aber sofort fehlerfrei nachmachen konnte. Ich war selber richtig erstaunt von mir. Es war, als wenn ich das schon seit Jahren tanzen würde.
In der zweiten Woche ging es so weiter. Ich war so gut, dass die anderen Mädchen nicht mehr hinter her kamen. Die waren nachher so richtig sauer auf mich.
Nach dem ersten Monat fragte mich Birgit, so heißt unsere Trainerin, ob ich nicht Lust hätte, auf einer Bühne vor richtigem Publikum, zu tanzen. In einem Ballettstück war eine Ballerina gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen. Da die Premiere bereits zwei Wochen später sein sollte, käme nur ich in Frage, wegen meines großen Talents. Ich sagte also zu und fing an, täglich zu üben.
Zwei Tage vor der Aufführung hatte ich dann meine Schuhe zu Hause vergessen und musste mir welche von Birgit leihen. Und an diesem Tag ging wirklich alles schief. Ich konnte nicht einmal mehr die einfachsten Übungen tanzen. Nichts wollte mehr so, wie in den letzten Wochen, klappen. Es war zum Verzweifeln.
Doch dann kam Birgit auf eine Idee. Sie rief Mama an und lies sich die Telefonnummer von Tante Lisa geben. Diese erzählte ihr dann, dass sie selber nie gut tanzen konnte. Das Talent hatte immer in den Ballettschläppchen gesteckt. Sie seien uralt und kämen von einer längst verstorbenen Tänzerin aus Russland.
Du kannst dir nicht vorstellen, wie baff wir waren und riesengroße Augen bekamen. So etwas war doch eigentlich völlig unmöglich. Aber jede andere Erklärung schied irgendwie aus. Meine Lehrerin bat mich also, meine Schuhe nie wieder zu vergessen und gut darauf aufzupassen.
Ich versprach es ihr und wir trafen uns bald darauf in der Garderobe des Theaters wieder, wo ich nervös in mein Kostüm schlüpfte.
Doch dann kam der große Schrecken. Birgits kleiner Hund hatte sich meine Schuhe geschnappt und verschwand nun auf den Flur. Wir konnten gar nicht so schnell hinter her gucken, wie er damit weg lief.
Wir rannten ihm natürlich sofort nach, denn ohne meine Zauberschläppchen konnte ich doch unmöglich auftreten. Aber leider war der kleine Kläffer nirgendwo zu finden.
Ich war am Boden zerstört und konnte nur noch weinen, als Mama plötzlich in der Tür stand. In der einen Hand hielt sie meine Schuhe, in der anderen den gemeinen Dieb. Jetzt konnte ich doch meinen Auftritt hinter mich bringen. Ich war überglücklich.
Nach dem Stück stürmte ich zurück in die Garderobe. Ich war so gut gewesen, dass es unheimlich viel Applaus gegeben hatte. Das alles hatte ich nur Mama zu verdanken. Sie ist halt einfach die Beste von allen.
Allerdings kam ich dann auf dem Heimweg doch noch einmal ins Grübeln. Mama warf mir eine Tasche zu. Darin fand ich dann ein paar Ballerinaschuhe. Die sahen aber alles andere als gut aus, denn sie waren völlig zerfetzt.
Sie erzählte mir dann, dass es die von Tante Lisa wären, die der Hund zum Teil gefressen hatte. Die, in denen ich getanzt hatte, waren welche von einer anderen Tänzerin gewesen, also nur Ersatzschläppchen.
Doch warum war ich dann auf der Bühne so gut gewesen? Lag es vielleicht gar nicht an den Schuhen? Oder ist Mama vielleicht eine Hexe, die etwas nachgeholfen hatte?
Na ja, bis jetzt habe ich darauf noch keine Antwort bekommen und Mama sagt auch nichts dazu. Da mir das alles viel zu unheimlich geworden ist, habe ich mit dem Ballett aufgehört.
Vielleicht finde ich ja ein anderes Hobby, mit dem ich mich austoben kann.

Nun bin ich auch schon mit meinem Brief zu Ende. Aber dafür freue ich mich schon auf deine Antwort und noch mehr, dass wir uns am Samstag endlich wieder sehen werden.

Bis Bald.

Deine Nina.

P.S.: Pass auf, wenn dir jemand Ballerinaschuhe schenkt. Vielleicht sind die dann auch verzaubert.

 (c) 2005, Marco Wittler

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One thought on “30. Die Ballettschuhe (Ninas Briefe 4)

  1. Eine schöne Geschichte! Nur schade, dass sie am Ende mit Ballett aufhört, wo sie doch so gut gewesen ist. Aber mir gefällt die Message der Geschichte, dass man all sein Können eigentlich immer in sich trägt und äußere Faktoren eigentlich keine große Rolle spielen 🙂

    Liebe Grüße,
    Jessy

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