300. Rüpelsterne oder „Papa, wie kommen Sterne in die See?“ (Papa erklärt die Welt 32)

Rüpelsterne
oder ›Papa, wie kommen Sterne in die See?‹

Sofie saß auf ihrem Platz und starrte in das unendliche Sternenmeer. In dieser Nacht war der Himmel klar und unzählige kleine, weiße Punkte waren in allen Richtungen zu sehen.
»Ich bin ja schon so aufgeregt.«, sagte Sofie und wippte die ganze Zeit unruhig hin und her.
Papa hatte diesen Satz jetzt schon mindestens zehn Mal in der letzten halben Stunde gehört. Aber er grinste nur stumm vor sich hin.
Doch seine kleine Tochter hielt es kaum noch aus.
»Dauert das immer so lange, bis die Sonne aufgeht?«
Papa nickte.
»Die Sonne ist sehr groß und schwer. Deswegen kann sie nicht an den Himmel hüpfen.«, erklärte er.
In diesem Moment fuhr ein seltsames Glitzern vom Horizont aus über das Wasser.
»Ui, was ist denn das?«, staunte Sofie.
»Warum leuchtet denn das Meer plötzlich überall?«
Papa kniff die Augen zusammen und sah angestrengt auf das Wasser.
»Das müssen die Seesterne sein.«
Sofie hielt inne. Sie war verwirrt. Hatte sie doch bisher immer gedacht, dass Sterne nur am Himmel hängen würden. Papa fiel sofort auf, was er nun angerichtet hatte. Also bereitete er sich schnell vor.
»Papa, wie kommen denn die Sterne in die See?«
Sofies Neugierde war geweckt.
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Seesternen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine Gruppe wilder Sterne, die wie ein Haufen Rüpel durch den Himmel zogen und mit jedem Artgenossen und sogar hin und wieder mit dem Mond Streit anfingen.
»Dein Licht leuchtet aber nicht so hell wie meins.«, war noch einer der harmlosesten Sprüche.
»Du könntest dir auch mal wieder das Gesicht waschen.«, musste sich der Mond anhören.
»Ich hab doch gar keine Flecken im Gesicht. Das sind Krater.«
Über viele Jahrhunderte ging das jede Nacht so. Niemand unternahm etwas dagegen.
Irgendwann hatte aber dann doch jemand die Nase voll.
Ein großer, dicker Wal versuchte im tiefen Ozean zu schlafen. Er wälzte sich auf dem sandigen Boden hin und her. Aber er bekam kein Auge zu. Der Lärm im Himmel war einfach viel zu laut.
»Ruhe da oben. Haltet endlich mal den Mund.«, brüllte er den Sternen entgegen.
»Ich will endlich schlafen.«
Aber der Lärm blieb und an Schlaf war einfach nicht zu denken.
»Wartet ab. Euch werde ich schon helfen.«, knurrte der Wal den Rüpeln entgegen.
Er hob seine riesige Schwanzflosse so hoch er konnte und ließ sie kraftvoll auf das Wasser klatschen. Im hohen Bogen spritzte das Wasser zum Himmel hinauf und fegte die fiesen Sterne vom Himmel.
Sie waren so überrascht, dass sie sich nicht mehr rechtzeitig irgendwo festhalten konnten. Und so fielen sie in den großen Ozean.
Der Wal sah sich um und war zufrieden.
»Jetzt müsst ihr bei mir hier unten bleiben. Und wagt es euch nicht, mich zu ärgern.«
Seit dieser Zeit strahlen ein paar Sterne aus dem Wasser heraus und heißen Seesterne.

Sofie bekam große Augen.
»Das sind ja fiese Sterne. Die hätte ich auch vom Himmel gefegt.«
Papa grinste zufrieden. Hatte er sich nun endlich mal eine Geschichte ausgedacht, die ihm seine Tochter abnahm?
In diesem Moment begann Sofie zu lachen.
»Die Geschichte war schön. Aber trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort davon.«
Nur einen Augenblick später ging die Sonne auf und ließ ihre Strahlen über das Meer .
»Ui, ist das schön.«

(c) 2010, Marco Wittler

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