305. Brieffreunde

Brieffreunde

Anna saß am Ufer des Meeres und spielte mit ihrer Sandburg. Mit einer kleinen Schaufel baute sie einen Schutzwall, der die nahende Flut aufhalten sollte. Doch schon jetzt schwappten immer wieder einzelne Wellen in ihr Bauwerk hinein.
»Dann bau halt nicht so nah am Wasser.«, schlug Mama vor.
Doch Anna wollte sich nicht belehren lassen.
Das ist mir egal. Gerade das Kämpfen mit dem Meer macht doch richtig Spaß.«
Und schon wieder rollte das Wasser heran. Dieses Mal war die Welle etwas kräftiger und ergoss sich über die ganze Sandburg.
»Oh je.«, seufzte Anna und besah sich die Katastrophe.
»Jetzt muss ich wieder von vorn anfangen.«, jubelte sie.
Während sie das Wasser aus ihrer Burg schaufelte, sah sie ein seltsames Glitzern.
»Nanu, was ist denn das?«
Das Meer schien etwas an den Strand gespült zu haben.
Anna griff zu und zog eine Glasflasche aus dem Matsch.
»Wer wirft denn einfach seinen Müll ins Meer? Das macht man doch nicht.«
Sie wollte schon aufstehen und die Flasche zum Mülleimer bringen, als sie ein gerolltes Blatt Papier im Innern entdeckte. Es schien noch unversehrt zu sein.
»Schau mal Mama. Was ist denn das?«
Mama kam heran und besah sich das Fundstück.
»Das ist eine Flaschenpost, Spätzchen. Da drin steckt ein Brief. Willst du ihn lesen?«
Anna wurde sofort neugierig. Also nickte sie begeistert mit dem Kopf.
Mama zog den Korken aus der Flasche, schüttelte den Brief heraus und gab ihn ihrer Tochter.
Anna las sofort laut vor, was darauf stand:

Hallo unbekannter Leser.

Mein Name ist Luisa, ich bin acht Jahre alt und lebe in einem kleinen Dorf in Süddeutschland.
Heute ist mein erster Urlaubstag am Meer. Ich habe noch nie so viel Wasser auf einem Haufen gesehen. Ich hätte nicht gedacht, dass es überhaupt so viel davon auf der Welt gibt. Das ist einfach unglaublich.
Damit ich immer eine Erinnerung an meinen Urlaub habe, hat mir meine Mama vorgeschlagen, meine Erlebnisse in Briefen aufzuschreiben und diese dann mit einer Flaschenpost ins Meer zu werfen.
Ich hoffe natürlich, dass sie irgendwann gefunden wird und mir dann jemand antwortet. Also schreib mir einfach deine Erlebnisse und dann ab die Post.

Liebe Grüße,
deine Luisa.

Dann stand da noch eine Postanschrift.
»Darf ich der Luisa antworten?«, fragte Anna?
Mama nickte.
»Prima. Dann lass uns sofort ins Hotel gehen. Ich will Briefe schreiben.«
Mama seufzte. Sie hatte sich so sehr auf eine schöne braune Haut gefreut.

Zurück im Hotel holte Anna sofort etwas zu Schreiben aus ihrem Köfferchen und setzte ihren Füller an.
In einem langen  Brief berichtete sie Luisa von ihren Ferien, von der langen Fahrt zum Urlaubsort, von ihren verzweifelten Kämpfen gegen die Wellen und natürlich auch vom Fund der Flaschenpost.
Zum Schluss schrieb sie noch ihren Namen und ihre Adresse darunter und packte den Brief in einen Umschlag.
»Fertig.«
Mama nahm den Brief und brachte ihn gleich zur Hotelrezeption. Dort gab sie ihn ab.
Als sie wieder im Zimmer war, hielt ihr Anna noch etwas unter die Nase.
»Schau. Das ist jetzt meine Flaschenpost. Ich habe sogar einen Brief rein gesteckt. Vielleicht finden den ja bald ein anderes Kind.

Zwei Wochen später waren Mama und Anna wieder zu Hause angekommen. Sie machten sich sofort über den Briefkasten her. Darin steckten unzählige Postkarten von Mamas Freunden. Und ganz hinten lag noch ein Brief von Luisa.

Hallo liebe Anna.

Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich über deine Antwort gefreut habe. Ich habe schon lange nicht mehr an meine Flaschenpost gedacht. Da nie ein Brief zu mir kam, hatte ich schon befürchtet, dass die Flasche im Meer untergegangen sei.
Du darfst dich auch nicht wundern, dass ich mittlerweile schon achtzig Jahre alt bin.
Aber gerade deswegen freut es mich umso mehr, an meinem Lebensabend noch einmal an meinen ersten Urlaub am Meer erinnert worden zu sein.

Liebe Grüße,
deine Luisa.

In den nächsten Jahren schrieben sich die beiden noch viele unzählige Briefe, berichteten sich von Urlaubsfahrten und mehr.
Eines Tages, Anna war schon erwachsen geworden, klingelte es an ihrer Haustür. Nach unzähligen Jahren brachte ihr der Postbote einen Brief.
»Was ist denn das?«, fragte sich Anna, denn der Absender war ihr nicht bekannt.
Also öffnete sie den Brief und las die gekritzelten Worte eines kleines Mädchens. Sofort musste Anna freudig lächeln.

Hallo Anna.

Mein Name ist Emily und ich habe gerade deine Flaschenpost im Meer gefunden …

(c) 2010, Marco Wittler

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