342. Ein ungewöhnliches Tier

Ein ungewöhnliches Tier

Es war ein schöner, sonniger Tag, als Prinzessin Flora durch den Wald spazierte. Überall sangen die Vögel lustige Lieder zu denen die kleinen Grillen zirpten. Da konnte sich auch die Prinzessin nicht zurück halten. Sie hüpfte, sie sprang, sie sang. Doch plötzlich hörte sie ganz in der Nähe ein leises Wimmern.
»Huch, was ist denn das?«, fragte sie sich und spähte durch die Büsche hindurch.
»Wie kann man denn an einem solchen Tag nur weinen?«
Nach ein paar Minuten entdeckte sie ein kleines Pferd, das mitten auf einer Lichtung im Gras lag und bitterliche Tränen weinte.
»Hallo, kleines Pferd. Warum weinst du?«, fragte Flora besorgt.
Das Pferd blieb liegen und drehte sich nicht einmal herum. Dafür schluchzte es nur noch lauter.
»Komm nicht näher und sie mich nicht an. Ich bin so hässlich, dass mich niemand leiden kann und mich jeder auslacht.«, jammerte es.
So etwas konnte sich die Prinzessin nicht vorstellen, schließlich lebte in ihrem Schloss ein altes Weib mit Buckel und einer großen, hässlichen Warze auf der Nase. Aber trotzdem begegnete man ihr mit Respekt, weil sie nett, weise und klug war.
Flora kam langsam näher und ging ein paar Schritte um das Pferd herum und nur ein paar Augenblicke später entdeckte sie das Problem. Auf der Schnauze des Tieres saß ein großes Horn. Es war kein edler Schmuck, wie ihn ein Einhorn auf der Stirn trug, sondern ein klobiges Ding, ähnlich einem Nashorn.
»Jedes Tier im Wald lacht über mich. Sogar die wunderschönen Einhörner meiden mich. Ich bin das einsamste Tier der ganzen Welt.«
Das Pferd begann wieder laut zu weinen. Die Prinzessin bekam großes Mitleid, aber sie wusste keine Lösung für dieses Problem. Man konnte das Horn nicht einfach absägen oder weg zaubern.
In diesem Moment waren Schritte zu hören. Sie kamen schnell näher und werden mehr und mehr. Es schien, als wären alle Bewohner des Waldes auf den Beinen. Plötzlich raschelte es in den nahen Büschen und unzählige Tiere kamen zum Vorschein. Sie alle sahen unglaublich verschreckt und ängstlich aus.
»Verschwindet!«, riefen ein paar von ihnen.
»Sucht euch ein sicheres Versteck oder verlasst den Wald. Ein gefährlicher und hungriger Wolf ist hier eingetroffen.«
Die Tiere rannten so schnell sie konnten und verschwanden auf der anderen Seite der Lichtung im Dickicht.
»Du solltest besser auch verschwinden, bevor dir etwas geschieht.«, sagte das Pferd zur Prinzessin. Doch diese weigerte sich zu gehen.
»Du kannst doch nicht hier liegen bleiben und dich fressen lassen.«
Und da kam er auch schon. Kurz bevor er zu sehen war, hörte man bereits leises Knurren. Auf leisen Pfoten kam er langsam näher. Mit seinen wachsamen Augen ließ er das Pferd und die Prinzessin nicht mehr aus den Augen.
»So ist es brav.«, flüsterte er beschwörend.
»Bleibt einfach, wo ihr seid, dann ist es umso schneller für euch vorbei und es tut nur halb so weh.«
Er leckte sich über die scharfen Zähne und überlegte, wen der beiden er als erstes fressen sollte. Er entschied sich schließlich für die Prinzessin. Mit einem kräftigen Sprung raste er plötzlich auf Flora zu.
»So haben wir aber nicht gewettet.«, rief das Pferd und stand unerwartet auf.
Es stellte sich dem Wolf in den Weg und empfing ihn mit seinem spitzen Horn.
Schmerzverzerrt verzog er sein Maul, jaulte laut auf und verzog sich humpelnd zurück.
»Du hast mir das Leben gerettet.«, sprach die Prinzessin ehrfürchtig.
»Und wir haben es alle gesehen.«, riefen die Tiere des Waldes, die nun aus ihren Verstecken kamen.
Ehrfürchtig verneigten sie sich vor dem Pferd mit dem Horn und bedankten sich, dass es den bösen Wolf vertrieben hatte. Von diesem Moment an, war das Pferd nie wieder einsam.

(c) 2010, Marco Wittler

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