375. Das Schlossgspenst

Das kleine Schlossgespenst

Das kleine Schlossgespenst Theodor von Felsenstein sah genervt aus seinen kleinen Fenster in den Burghof hinab. Schon wieder trieb sich dort eine Gruppe Touristen herum.
»Was wollen die eigentlich alle hier? Das ist mein kleines Schloss. Hier lebe ich und sonst niemand. Und das schon seit vierhundertdreiundzwanzig Jahren.«
Doch das viele Ärgern half nichts. Es kamen jeden Tag mehr Menschen, die sich das Schloss anschauen wollten.
»Ich hab die Nase voll. Bei so viel Trubel bekommt man einfach keine Ruhe mehr. Ich packe meine Sachen und haue ab.«
Und so geschah es auch. In der folgenden Nacht schnappte sich Theodor seinen Rucksack und flog davon.
Es ging den Berg hinab und quer über den Wald und dann immer weiter an einer Straße entlang.
»Irgendwo werde ich schon eine neue Bleibe finden. Es muss ja kein Schloss oder eine Burg sein. Mir reicht ja schon ein altes, verlassenes Haus oder eine Höhle.«
Es sollte auch nicht lange dauern, bis Theodor etwas Passendes gefunden hatte.
»Das ist aber eine schöne Höhle.«
Er sah sich überall um. Es war alles ordentlich sauber und aufgeräumt. Am anderen Ende war sogar ein zweiter Ausgang.
»Da kann ich dann heimlich verschwinden, wenn mich wieder jemand stört.«
Er machte es sich hinter einer dünnen Ritze gemütlich und schlief sehr bald ein.

Am nächsten Morgen wurde Theodor von lautem Lärm geweckt. Eine große Zahl Blechkisten rasten stinkend durch die Höhle. Auf der einen Seite kamen sie herein, auf der anderen düsten sie wieder hinaus.
»Was ist denn hier los? Was soll das alles?«
Das Schlossgespenst war verwirrt und wurde schon wieder sauer.
»Hier bleibe ich keine Minute länger. Da ist es in meinem alten Schlossturm doch noch gemütlicher. Die Touristen stinken wenigstens nicht so eklig.«
Er packte seinen Rucksack und flog nach draußen. Als er sich noch einmal umdrehte, staunte er nicht schlecht. Da stand ein großes Schild, welches er in der Nacht übersehen hatte.

›Heute Eröffnung des Autobahntunnels‹

stand in großen Buchstaben darauf geschrieben.
»Oh nein. Wie kann man nur so einen Fehler machen?«, warf er sich selbst vor. Er machte sich auf den Weg in seine alte Heimat und schwor sich, nie wieder über die leisen Touristen zu schimpfen.

(c) 2011, Marco Wittler

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