506. Briefe aus dem Kindergarten

Briefe aus dem Kindergarten

Mama saß am Schreibtisch, hatte ein paar Blätter Papier vor sich liegen und schrieb mit ihrem teuren Füller darauf.
»Mama, was machst du da?« wollte ihr kleiner Sohn Max wissen.
»Ich schreibe einen Brief an meine Freundin.« antwortete sie und hielt ihm die beschriebenen Seiten vor die Nase.
»Ui, sind das viele Wörter.« staunte Max mit großen Augen. »Aber die kann ich gar nicht lesen.«
Mama lachte. »Du bist ja auch noch im Kindergarten. Das Lesen lernst du, wenn du in die Schule gehst.«
Max sah sich noch einmal den Brief an.
»Ich will auch einen Brief schreiben. An meinem besten Freund Leon aus dem Kindergarten.«
Mama seufzte. »Aber wie willst du das denn machen? Ihr könnt doch Beide noch nicht lesen.«
»Das geht auch ohne Buchstaben.« entschied Max, schnappte sich ein paar leere Blätter und verschwand mit seinen Buntstiften im Kinderzimmer.

Nach einer halben Stunde kam er stolz grinsend zurück und präsentierte seinen Brief.
»Ich bin schon fertig.«
Auf den Blättern hatte er ganz viele, kleine Bildchen gemalt. Grinsende Gesichter, Regentropfen, Autos, eine Rutsche, Häuser und noch vieles mehr.
»Schöne Bilder hast du Leon gemalt. Die werden ihm bestimmt gefallen.« lobte Mama.
»Das ist aber keine normalen Bilder.«
Max machte ein strenges Gesicht, wie er es schon oft bei Mama gesehen hatte.
»Das ist ein Bilderbrief. Wenn Leon sie sich ansieht, weiß er genau, was ich ihm schreiben wollte.«
»Ganz bestimmt.« antwortete Mama, glaubte aber trotzdem nicht, dass man sich mit Bildern schreiben konnte.

Drei Tage später lag ein Umschlag im Briefkasten. Auf ihm stand Leons Name.
»Das ist bestimmt die Antwort von Leon.« freute sich Max. »Er hat mir gestern im Kindergarten erzählt, dass er mir geschrieben hat.«
Dann wurde der Umschlag aufgerissen und die Seiten heraus geholt.
»Siehst du, er hat mir auch Bilder gemalt.« präsentierte Max den Brief Mama, die dort aber nur ein paar bunte Bildchen sah. Da waren grinsende Gesichter, Regentropfen, Autos, eine Rutsche, Häuser und noch vieles mehr.
»Also ich kann da gar nichts lesen.« gab sie verzweifelt auf.
»Aber Mama. Das ist doch ganz einfach.«
Max zeigte auf die ersten zwei Bilder, ein lachendes Gesicht und ein Briefumschlag. »Leon hat sich sehr gefreut, dass ich ihm einen Brief geschickt habe.«
Der Finger wanderte weiter auf ein Strichmännchen mit Briefumschlag und einem Kasten, der in einem Baum steckte.
»Er hat meinen Brief mit in sein Baumhaus genommen und ihn dort gelesen. Seine Mama brachte ihm noch einen Teller mit leckeren Keksen und einer Tasse heißem Kakao.«
Bild für Bild las Max den Brief vor. Bei keinem einzigen Bild musste er überlegen, was es bedeuten konnte. Es war für ihn, als hätte jemand richtige Wörter benutzt. Mama konnte nur noch staunen. Damit hätte sie nie gerechnet.

(c) 2015, Marco Wittler

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12 thoughts on “506. Briefe aus dem Kindergarten

  1. Hallo Marco,
    toller Blog. Auch wenn das Thema mich nicht wirklich betrifft, gefällt mir das ganzeziemlich gut. Vor allem das Layout ist passend zum Thema. Ich werde die Seite mal meiner Mutter empfehlen (sie arbeitet nämlich im Kindergarten).
    LG Nils

    • Hallo Nils.

      Vielen Dank für das Lob. Gerade von jemandem, dem das Thema / der Inhalt nicht so wirklich interessiert, kommt die Kritik ehrlicher rüber. Man ist objektiver.
      Und vielen Dank für den Tipp an deine Mutter. Ich hoffe, meine Seite gefällt ihr.

      Lieben Gruß,
      der Marco

  2. Hej Marco,
    danke für deinen Besuch auf meiner Seite. Eine tolle Geschichte hast du dir da ausgedacht. Ich habe nach dem Lesen überlegt, ob ich sie meinem Sohn vorlesen sollte. Er ist für solche Dinge immer zu haben…
    Beste Grüße
    Björklunda

    • Hallo Björklunda.

      Vielen Dank für dein Lob. Das hat mich sehr gefreut. Ich hoffe, du hast deinem Sohn die Geschichte vorgelesen und dass sie ihm gefallen hat.

      Lieben Gruß,
      der Marco

  3. Wirklich eine schöne Geschichte. Ich werde nachher noch ein wenig weiter stöbern. Danke für den Kommentar auf meinem Blog. Ich hoffe du besuchst mich mal wieder.
    lg

    • Hallo Karin.

      Vielen Dank für dein Lob und viel Spaß noch beim Stöbern. Ich schaue bestimmt wieder bei dir vorbei.

      Lieben Gruß,
      der Marco

  4. Hallo!

    Eine tolle Idee, einen Blog mit Vorlesegeschichten für Kinder zu starten! 😀

    Diese Geschichte fand ich interessant, weil du hier ein Thema aufgreifst, das nicht nur im Kindergartenalter wichtig ist – nämlich die verschiedenen Arten der Kommunikation.
    Das Kind aus deiner Geschichte – jetzt zeichnet es noch Bilderbriefe. Wenn es groß ist, wird es jedoch keine Briefe schreiben. Höchstens in der Schule. Es wird whatsappen (oder was auch immer dann aktuell sein wird) und statt Wörtern oft Reaction Memes und Emoticons verwenden.
    Die Jugend von heute hat keine Angst, dass die Eltern ihnen beim Chatten über die Schultern schauen – die Eltern verstehen die moderne Bildersprache der Jugendlichen oft nicht.
    Etwas per Hand, noch dazu mit Füller schreiben, ist dagegen das Antiquierteste, was man heutzutage machen kann. Erst Recht, wenn man damit einen Brief schreiben will – und gerade darum gibt es umgekehrt diesen Retrotrend, teure Füller zu kaufen und wieder Briefe zu schreiben.

    Es ist eine spannende Welt, in der wir leben.
    Ich hoffe, dass die fiktiven Menschen aus deiner Geschichte irgendwann die Generationenlücke wieder schließen und einander verstehen lernen.

    LG,
    Evanesca

    • Hallo Evanesca.

      So Groß hab ich den Inhalt meiner Geschichte gar nicht gesehen. In der Regel schreibe ich frei aus dem Bauch heraus. Ich plane nicht, ich überlege mir keine Scripts. Meist habe ich nur eine kurze Idee, einen Satz oder ein Bild im Kopf. Der Rest entsteht beim Schreiben von allein. Am Ende schaue ich dann, was dabei heraus gekommen ist.

      Was die Generationenlücke angeht, denke ich, braucht es nur moderne Eltern. Wir interessieren uns schon, was unsere Kids am Computer und im Internet machen. Ich nutze das Internet ja selbst schon seit 1998. Man sollte sich einfach für die Interessen der Kids erwärmen. Umgekehrt wird es nicht geschehen, weil unsere Kinder moderner und anders sein wollen, als wir es sind. Das ist ja auch ihr natürliches Recht.

      Lieben Gruß,
      der Marco

  5. Schöne Idee einen Blog mit Geschichten zu schreiben. Du hast übrigens einen schönen Schreibstil. 🙂

    Als ich ein Kind war, bekam ich zum Geburtstag mal ein kleines aber dickes Buch mit dem Titel 365 Geschichten oder so. Für jeden Tag eine kurze Geschichte zum Einschlafen. Das hat mich daran erinnert, als ich den Titel deiner Seite gelesen hatte.

    • Hallo Suzu.

      Vielen Dank für deine tolle Kritik. 🙂
      Ich hab für den Titel meines Blogs einen ähnlichen Ansatz gehabt, wie dein Buch. Allerdings wollte ich unbedingt noch den 29. Februar berücksichtigen. Der kommt zwar nur alle vier Jahre, aber an dem Tag sollen die kleinen Leseratten und Zuhörer nicht leer ausgehen.

      LG,
      der Marco

    • Vielen Dank für das Lob. 🙂 Eine Flaschenpost zu verschicken ist toll, auch wenn die Antwort vielleicht Jahre braucht. Ich mag eh alles, was mit dem Meer zu tun hat.

      LG,
      der Marco

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