619. Wenn Christbäume Weihnachten feiern

Wenn Christbäume Weihnachten feiern

Es waren die letzten Tage vor Weihnachten. Die Männer des Dorfes gingen, mit scharfen Äxten bewaffnet, in den nahen Wald und fällten einige Tannen, um sie mit sich nach Hause zu nehmen. Die Bäume, die stehen bleiben durften, wunderten sich sehr. Es war noch nie vorgekommen, dass die Menschen komplette Tannen fort schafften. Vorher hatten sie immer alle Äste abgeschnitten und im Wald gelassen.
»Da stimmt doch etwas nicht. Was geht da bloß vor sich?«, wunderte sich eine Tanne.
Sie wurde so neugierig, dass sie unter größten Mühen ihre Wurzeln aus dem Erdreich zog und sich auf den Weg ins Dorf machte. Leise schlich sie sich durch die Straßen und engen Gassen und warf da und dort einen Blick in die Häuser.
Überall entdeckte sie die gefällten Tannen, wie sie in den Wohnzimmern standen und von den Menschen rundherum mit bunten Kugeln und Kerzen geschmückt wurden.
»Das ist ja noch seltsamer, als ich es mir vorgestellt habe. Was hat das nur zu bedeuten? Normalerweise werden wir doch in Stücke zerhackt und verbrannt.«
Sie wanderte weiter, hielt immer wieder ein Ohr an die Fenster und lauschte den Gesprächen und Erzählungen. Die Menschen redeten die ganze Zeit von Christbäumen, von Weihnachten und von einer besinnlichen Zeit.
»Ob dieses Weihnachten wirklich so schön ist? Und wenn ja, warum feiern wir das in unserem Wald nicht auch?«
Die Tanne ging wieder zurück und dachte noch lange über all das nach, was sie gesehen und gehört hatte. Es ließ sie einfach nicht mehr los. Schließlich fasste sie einen Entschluss.
»Wir werden in diesem Jahr auch Weihnachten feiern.«
Als sie an einem Feld vorbei kam, entdeckte sie eine alte Vogelscheuche, die einem Menschen nicht ganz unähnlich war. Kurzerhand griff sie zu und nahm ihren Fund mit.
Als sie wieder bei den anderen Tannen im Wald stand und ihre Wurzeln in die Erde grub, erzählte sie vom Weihnachtsfest und den Christbäumen.
»Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schön sie alle aussahen.«
»Aber wer von uns soll sich denn so schick machen, dass sie die anderen daran erfreuen können?«
Die erste Tanne grinste.
»Niemand. Wenn die Menschen Bäume schmücken, machen wir es genau umgekehrt. Wir schmücken einen Menschen. Na gut, keinen Echten. Wir nehmen einfach diese Puppe.«
Dann stellten sie die Vogelscheuche zwischen sich auf und schmückten sie mit Eicheln, Zapfen, Moosen und Schneeflocken.
Wären die Menschen zu dieser Zeit nicht damit beschäftigt gewesen, ihr eigenes Weihnachtsfest zu feiern, hätten sie sich bestimmt gewundert, warum im Wald ein Weihnachtslied gesungen wurde, obwohl außer den vielen Bäumen niemand sonst zu sehen war.

(c) 2017, Marco Wittler

618. Der erste Christbaum oder „Papa, warum schmücken wir eigentlich Christbäume?“ (Paapa erklärt die Welt 42)

Der erste Christbaum
Oder »Papa, schmücken wir eigentlich Christbäume?«

Papa hatte in der letzten Stunde in einer Ecke des Wohnzimmers den Christbaum aufgestellt und mit einer langen Lichterkette ausgestattet. Der Baum war viel größer, als die anderen in den Jahren zuvor. Er reichte mit seiner Spitze bis zur Decke.
»Den Christbaum habe ich gut ausgesucht. Er ist wunderschön.«, war seine kleine Tochter Sofie stolz auf ihre Wahl.
»Jetzt müssen wir ihn nur noch mit bunten Kugeln schmücken.«
Sie schob einen großen Pappkarton quer durch den Raum und holte die erste Kugel heraus. Vorsichtig reichte sie sie Papa nach oben, der bereits auf einer Trittleiter stand. Doch bevor sie die zerbrechliche Glaskugel abgab, zog Sofie ihre Stirn kraus.
»Papa, warum schmücken wir eigentlich Christbäume?«
»Wie meinst du das? Natürlich weil das schön aussieht. Warum auch sonst?«
Sofie verdrehte die Augen und legte die Kugel zurück in den Pappkarton. Dann stand sie auf, stellte sich vor Papa und stemmte die Hände in die Seiten.
»Du weißt ganz genau, was ich meine. Nimm mich bitte nicht auf den Arm. Du weißt doch sonst immer alles.«
Sie seufzte.
»Warum schmücken wir unseren Christbaum? Das muss sich doch jemand ausgedacht haben.«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Christbäumen und dem Weihnachtsfest. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Stadt, die mitten in einem großen Wald lag. Die äußersten Häuser waren nur wenige Meter von den nächsten Bäumen entfernt.
Kurz vor dem Weihnachtsfest schneite es das erste Mal in diesem Jahr. Schon nach wenigen Stunden war die Erde weiß geworden und die Bäume sahen aus, als hätte sie jemand mit Puderzucker bestreut.
Während sich die Menschen der Stadt, wie in jedem Jahr überlegten, wie sie zum Fest ihre Häuser schmücken könnten, sah ein kleines Mädchen aus dem Fenster und war begeistert über den Schnee.
»Papa, schau mal da draußen.«
»Ja, ich weiß.«, antwortete ihr Vater. »Es schneit. Das ist nichts besonderes.«
»Aber schau doch mal, wie wunderhübsch alles aussieht.«
Der Vater seufzte leise und legte dann seine Arbeit zur Seite. Dann ging er hinüber zum Fenster und warf ebenfalls einen Blick nach draußen.
Dort war nichts, was er nicht schon oft genug in seinem Leben gesehen hatte. Die unzähligen Bäume des Waldes und der Schnee, der sie mittlerweile bedeckte.
»Ist das nicht schön?«, schwärmte das kleine Mädchen.
Der Vater setzte sich auf einen kleinen Schemel, legte seine Arme auf das Fensterbrett und dachte an die Zeit zurück, als er selbst noch ein kleiner Junge gewesen war. Er hatte unglaublich viele Stunden am Fenster gesessen und dem wilden Treiben der Schneeflocken zugesehen. Irgendwann war das vorbei gewesen. Irgendwann war seine Kindheit beendet. Als Erwachsener hatte ihm immer die Zeit für so etwas Schönes gefehlt.
»Ja, das ist wirklich unglaublich schön.«, schwärmte er leise.
Da kam ihm plötzlich eine Idee. Er sprang auf und lief durch das kleine Haus, während er sprach.
»Weißt du was? Mir fällt da gerade etwas wirklich Unglaubliches ein. Jetzt weiß ich endlich, wie wir an Weihnachten unser Haus schmücken können. Wir brauchen etwas mehr Glanz unter unserem Dach. Und den habe ich gerade gesehen.«
Er lief in eine Kammer, kam mit einem Mantel bekleidet und mit einer Axt bewaffnet zurück. Damit ging er nach draußen zum Waldrand.
Kurz darauf kam er mit einer kleinen Tanne zurück und stellte sie in einer Ecke des Raums auf.
»Ist das nicht herrlich? Wie schön das Licht der Kerzen im Schnee glitzert.«
Der Vater und seine Tochter waren begeistert. Doch die Begeisterung verschwand bereits nach wenigen Minuten. Für den Schnee war das Haus zu warm. Er taute auf, verwandelte sich in Wasser und fiel in dicken Tropfen zu Boden. Dort sammelte er sich in mehreren Pfützen.
»So funktioniert das nicht.«, war der Vater enttäuscht. »Ich dachte, ich hätte mir etwas wirklich Großartiges einfallen lassen.«
»Ist nicht schlimm.«, sagte deine Tochter.
Dann lief sie zu ihrem Bett und holte unter dem Kopfkissen ein kleines Säckchen hervor.
»Kannst du vielleicht meine Murmeln an den Baum hängen?«, fragte sie. »Die können auch glitzern, weißt du?«
Dankbar nahm der Vater die Murmeln an. Um jede einzelne band er einen dünnen Faden und hängte sie dann an den Ästen des Baumes auf.
Nun glitzerte das Licht der Kerzen wieder im ganzen Raum.
»Der Baum ist wunder-, wunderschön.«, flüsterte das kleine Mädchen.
»Von deiner Idee sollten wir allen anderen Menschen in der Stadt erzählen. Sie sollten auch so etwas Schönes im Haus haben.«

»Und seitdem schmücken alle Menschen ihre Christbäume?«, fragte Sofie.
Papa nickte. »Ja, das stimmt. Mit ein paar einfachen Glasmurmeln hat das alles angefangen.«
»Eine wirklich tolle Idee, die dem Vater da eingefallen ist. Das war eine prima Geschichte, Papa.«
Dann hielt sich Sofie ihre Hand vor den Mund und kicherte leise.
»Und trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort davon.«
Sie reichte Papa die erste Glaskugel, die er nun an den Christbaum hängte.

(c) 2017, Marco Wittler

617. Das Lebkuchenhaus

Das Lebkuchenhaus

Lisa sah an sich herab. Ihre Kochschürze war von oben bis unten mit Zuckerguss und bunten Zuckerperlen verziert. Ein klarer Fall für die Waschmaschine. Aber das war ihr egal. Sie war trotzdem auf ihr eigentliches Kunstwerk stolz: Ihr erstes Lebkuchenhaus, dass sie mit Mamas Hife gebaut und verziert hatte.
Jetzt musste es nur noch über Nacht trocknen und konnte dann ab Morgen, wenn endlich das Weihnachtsfest begonnen hatte, geplündert werden. Darauf freute sie sich schon ganz besonders.
Sie stellte das Lebkuchenhaus auf den Schrank und betrachtete es später noch einmal, bevor sie schlafen ging.

Am nächsten Morgen hüpfte Lisa putzmunter und voller Erwartungen aus ihrem Bett. Schnell zog sie sich an und machte sich im Bad fertig. Ob das Christkind schon die Geschenke gebracht hatte?
Lisa wollte gleich ins Wohnzimmer stürmen und nachschauen, aber Mama hielt sie davon ab.
„Erstmal wird gefrühstückt, junge Dame.“
Also setzte sich Lisa leicht schmollend an den Küchentisch und aß sich ein Brot mit ihrer Lieblingserdbeermarmelade.
In der Zwischenzeit bereitete Mama alles andere vor, was sie bis jetzt noch nicht geschafft hatte. Irgendwann kam auch sie in Küche und sah ziemlich grimmig aus.
„Sag mal, hast du heute Nacht das ganze Lebkuchenhaus aufgegessen? Es sind nur noch ein paar Krümel übrig.“
Lisa war überrascht. Warum sollte sie so etwas machen?
„Wie kannst du sowas nur machen? Willst du Bauchschmerzen bekommen? Zu viel Zucker ist ungesund.“
„Aber … ich war das doch gar nicht. Ich habe heute Nacht ganz artig in meinem Bett geschlafen. Ich war nicht mal zur Toilette.“
Dass überzeugte Mama aber nicht.
„Wer soll es denn sonst gegessen haben? Hier wohnt sonst niemand.“
Lisa war den Tränen nahe. Sie sprang auf und lief in ihr Zimmer. Mama folgte ihr. Gemeinsam sahen sie sich um, bis sie schließlich die wahren Übeltäter fanden.
Lisas Meerschweinfamilie hatte in der Nacht die Tür zum Käfig geöffnet. Danach hatten sich die Tiere auf das Lebkuchenhaus gestürzt und dieses komplett aufgefuttert. Die mehr als dicken Bäuche und die Zuckerperlen an ihren Mäulern waren Beweis genug.
„Tut mir leid, dass ich dich in Verdacht hatte.“, entschuldigte sich Mama bei Lisa. Dann wandte sie sich den Meerschweinchen zu.
„Und ihr kommt die nächsten Tage auf Diät. Nächste Woche kaufen wir dann einen ausbruchsicheren Käfig.“

(c) 2017, Marco Wittler

616. Die Mütze des Weihnachtsmanns

Die Mütze des Weihnachtsmanns

Felix wachte auf. Er war sich nicht sicher, meinte aber ein Geräusch im Wohnzimmer gehört zu haben.
„Ist er es? Kann das wirklich sein?“
Immerhin war es die Nacht vor Weihnachten. Also sollte irgendwann zwischen dem Abend und dem nächsten Morgen der Weihnachtsmann durch den Kamin herein kommen und die Geschenke unter den Baum legen.
Schnell rieb sich Felix den Schlaf aus den Augen und stand auf. Diese einmalige Gelegenheit wollte er sich nicht entgehen lassen. Welches Kind auf der Welt kam schon dazu, den Weihnachtsmann mit eigenen Augen zu sehen?
Er zog sich die Pantoffeln an die Füße, warf sich den kuschelig warmen Bademantel über und schlich hinunter zum Wohnzimmer. Als er vor der verschlossenen Tür stand atmete er noch einmal tief ein. Dann drückte er vorsichtig die Klinke und öffnete die Tür.
Felix schlich sich hinein und sah sich überall um. Doch da war niemand zu sehen. War er zu früh und der Weihnachtsmann war gerade auf dem Weg nach unten? Nein, das konnte nicht sein, denn unter dem Christbaum lagen bereits die Geschenke.
„Verdammt!“, fluchte Felix leise. „Ich hab ihn verpasst.“
Verärgert ließ er sich in Papas großen Ohrensessel fallen. Da fiel sein Blick auf einen Gegenstand im Kamin.
„Das ist doch …“
Felix musste tief Luft holen. Dann kniff er sich zu kurz in den Arm, weil er zu träumen glaubte.
„Au!“
Nein er träumte nicht. Vor ihm lag die Mütze des Weihnachtsmanns.
„Ob sie wirklich echt ist?“
Er nahm sie hoch, betrachtete sie von allen Seiten, von innen und außen. Dann setzte er sie sich auf den Kopf, stand auf und stolzierte grinsend zum Flur, in dem ein großer Spiegel stand. Als er sein Spiegelbild betrachtete, durchfuhr ihn ein riesiger Schock. In seinem Gesicht wuchs in Windeseile ein dichter, weißer Bart. Außerdem wurde sein Bauch immer dicker.
„Oh nein. Was soll das? Wie kann das sein?“
Felix wurde von Panik ergriffen. Er konnte nicht mehr klar denken, wusste nicht, was er jetzt machen sollte. Da tippte ihm jemand mit dem Finger auf die Schulter und räusperte sich streng.
„Ich glaube, die Mütze gehört mir.“, sagte eine tiefe Stimme.
Felix drehte sich um. Vor ihm stand der Weihnachtsmann. Nachdem sich die Panik und sein Erstaunen gelegt hatten, setzte er die Mütze ab und gab sie seinem Gegenüber.
„Tut mir leid.“, entschuldigte er sich.
„Kommt nicht wieder vor.“
Der Weihnachtsmann grinste.
„Ist schon gut. Schau mal in den Spiegel.“
Felix schloss die Augen, kniff sie fest zu. Dann drehte er sich zum Spiegel und machte sie nur ganz langsam wieder auf. Der Bart verschwand bereits wieder und der Bauch wurde auch immer kleiner.
„Puh, ist ja noch mal gut gegangen.“
Er wollte sich gerade beim Weihnachtsmann bedanken, da musste er feststellen, dass dieser bereits wieder verschwunden war.

(c) 2017, Marco Wittler

615. Der kleine Christbaum

Der kleine Christbaum

In einer großen Baumschonung am Waldrand standen Tannenbäume dicht an dicht. Eine war schöner als die andere. Selbst in ihrer Größe vesuchten sie sich gegenseitig zu überbieten. Sie würden wahrlich prächtige Christbäume in der nahen Weihnachtszeit abgeben und in jedem Wohnzimmer zum Mittelpunkt werden. Nur mitten drin stand eine kleine Tanne, die über die Jahre hinweg einfach nicht gewachsen war. Während die anderen Meter um Meter gen Himmel gestrebt waren, hatte sie es gerade mal auf schlappe dreißig Zentimeter gebracht.
Anfang Dezember war es dann irgendwann so weit. Der Waldbauer kam in die Schonung und sah sich zufrieden um. In diesem Jahr würde er mit seinen Tannen ein gutes Geschäft machen können. Nach und nach markierte er jeden einzelnen Baum mit einem bunten Bändchen. Jeder von ihnen bekam eines ab. Nur die kleine Tanne ging leer aus. Das wunderte sie, denn es war ihr allergrößter Wunsch, eines Tages in einem warmen Wohnzimmer zu stehen, mit einer Fülle Geschenke unter ihren Ästen und geschmückt mit bunten Kugeln und Lametta. Das war das Ziel einer jeden Tanne in der Baumschonung.
„Vielleicht hat er mich vergessen oder einfach nur übersehen, weil ihm eine andere Tanne im Weg stand.“, machte sich die kleine Tanne Mut.
„Wenn die anderen erstmal weg sind, dann wird er mich entdecken und zum Christbaum machen.“

Einen Tag später stand der Waldbauer wieder zwischen den Bäumen. Dieses Mal war er allerdings nicht allein gekommen. Ihm folgten mehrere starke Männer, die Sägen und Äxte in Händen hielten. Jetzt war es also soweit. Nun würden die Tannen gefällt und in den nächsten Tagen als Christbäume verkauft werden. Die Aufregung unter dem Bäumen stieg spürbar an.
Eine tanne nach der anderen wurde umgelegt und zum Hof des Bauern abtransportiert. Die Schonung wurde immer leerer. Irgendwann fiel dann auch der vorletzte Baum. Einzig die kleine Tanne stand noch in der Mitte und wartete gespannt darauf, nun selbst an der Reihe zu sein.
„Das war es dann für dieses Jahr.“, rief der Waldbauer plötzlich. „Ihr könnt einpacken, Männer.“
Die Arbeiter schafften ihr Werkzeug in mehrere Wagen und fuhren davon. Die kleine Tanne blieb allein zurück.
„Und was ist mit mir? Warum nehmt ihr mich denn nicht mit? Ich will doch auch ein Christbaum werden.“
Traurig verdrückte sie sich ein paar Tränchen und schniefte laut.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte da plötzlich ein leises Stimmchen.
Die kleine Tanne sah sich verwirrt um. Schließlich stand sie nun ganz allein in der Baumschonung. Von den Anderen waren nur ein paar Baumstümpfe und Wurzeln übrig geblieben. Dann entdeckte sie eine kleine Raupe, die auf einem ihrer Äste saß. Das kleine Insekt hatte sich mit einem langen Schal ordentlich eingewickelt und eine warme Pudelmütze aufgesetzt, um in der Winterkälte nicht zu erfrieren.
„Meinst du mich?“, fragte die kleine Tanne verwirrt.
„Ja. Natürlich meine ich dich. Wen denn sonst? Es ist ja kein anderer Baum mehr hier. Also: was ist mir dir los? Warum bist du so traurig?“
Die kleine Tanne schniefte ein weiteres Mal.
„Ach, weißt du, ich habe mir schon mein ganzes Leben lang gewünscht, einmal eine stattliche Tanne zu werden und eines Tages als geschmückter Christbaum im Mittelpunkt eines warmen Wohnzimmers zu stehen und die Menschen zu erfreuen. Aber nun stehe ich hier ganz allein am kalten Waldrand und wurde einfach übersehen und vergessen.“
„Sei doch froh, dass du hier noch stehen darfst. Denk mal darüber nach, was jetzt mit den anderen Tannen geschieht. Sie wurden gefällt, ihrer Wurzeln beraubt. Sie stehen für ein paar Tage in einem viel zu warmen Wohnzimmer, verlieren nach und nach ihre Nadeln und landen nach dem Weihnachtsfest auf dem Müll. Du hingegen darfst hier am Waldrand bleiben. Ist das nicht viel schöner?“
Die kleine Tanne hätte nur zu gern ihren Kopf geschüttelt. Aber für einen Baum war das einfach zu schwer.
„Nein. Du verstehst das nicht, kleine Raupe. Ich bin eine Tanne. Es ist meine Aufgabe, ein Christbaum zu werden. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt. Ich lande gerne irgendwann auf dem Müll, wenn ich dafür den Menschen für ein paar Tage Glanz und Freude in die Häuser bringen darf. Außerdem ist es kein wirklich schönes Leben, wenn man ganz allein in der Baumschonung lebt und einsam ist.“
Die kleine Raupe seufzte. Sie wusste nicht mehr weiter. Sie wünschte der kleinen Tanne alles Gute und krabbelte davon.

Am nächsten Tag tat sich wieder etwas am Waldrand. Es war eine kleine Mäusefamilie, die von Baumstumpf zu Baumstumpf lief. Überall schnupperten sie und suchten nach etwas, das sie aber nicht finden konnten.
„Haben wir dieses Jahr wirklich Pech?“, war der Mäusevater enttäuscht. „Jedes Jahr hinterlassen die Menschen beim Fällen der Bäume ein paar grüne Tannenzweige, die wir als Christbaum benutzen können, aber dieses Mal gehen wir wohl leider leer aus. Das wird ein trauriges Weihnachtsfest für unsere kleinen Mäusekinder. Wir werden die Geschenke in diesem Jahr wohl unter den Küchentisch legen müssen.“
Er wollte schon umkehren und seine Familie zurück in ihre Höhle scheuchen, als sein Blick auf die kleine Tanne fiel.
„Was ist denn das? Träume ich etwas oder wollen mir meine alten Augen einen Streich spielen? Das kann doch gar nicht wahr sein?“
Langsam näherte er sich der kleinen Tanne und schnupperte an ihr.
„Es ist ein Tannenbaum, ein richtig echter Tannenbaum, nicht nur ein paar gefallene Zweige. Das habe ich noch nie erlebt.“
Er wischte sich ein paar Freudentränen aus dem Gesicht. Dann machte er sich vorsichtig an die Arbeit und buddelte die kleine Tanne vorsichtig aus der Erde. Dann brachte die Mäusefamilie ihren Fund gemeinsam nach Hause und pflanzte ihn vor der Höhle wieder in den Waldboden.
Während der Mäusevater in Windeseile alle Verwandten aus der Umgebung zum bevor stehenden Weihnachtsfest einlud, schmückte die Mäusemutter die kleine Tanne und verwandelte sie in einen echten Christbaum. Ein paar Stunden später versammelten sich die Mäuse des Waldes um sie herum, sangen Weihnachtslieder und bedachten sich gegenseitig mit kleinen Geschenken.
Der kleinen Tanne war es warm ums Herz geworden. Ihr großer Traum war endlich wahr geworden. Sie war nun ein echter Christbaum. Sie stand zwar nicht in einem warmen Wohnzimmer, dafür war sie aber auch nicht gefällt worden.

Jahr für Jahr trafen sich nicht nur die Mäuse, sondern immer mehr Tiere des Waldes am kleinen Christbaum und feierten gemeinsam Weihnachten. Jahr für Jahr wurde sie größer und größer und entwickelte sich zu einer stattlichen Tanne, deren Glanz den ganzen Wald erleuchtete.
„Ich bin nicht nur ein Christbaum geworden.“, dachte sich die Tanne an jedem Weihnachtsfest. „Ich bin auch ein großer Baum geworden und darf Jahr für Jahr Christbaum sein. Das haben die anderen Tannen aus der alten Baumschonung nicht geschafft.“

(c) 2017, Marco Wittler

614. Das neue Kinderzimmer

Das neue Kinderzimmer

Tim saß in seinem Schrank und las in seinem Lieblingsbuch.
Moment mal. Er saß im Schrank? Ja, tatsächlich. Und das hatte auch einen guten Grund. Denn Tim und seine Familie waren erst vor ein paar Wochen in ein neues Haus gezogen. Im Kinderzimmer fehlte es bisher noch an ordentlichen Möbeln.
In der einen Ecke stand das Bett, in der anderen der Schreibtisch und gegenüber der große, alte Kleiderschrank, der schon seit über einhundert Jahren im Besitz der Familie war. Und weil Tim noch keinen gemütlichen Sessel besaß und kein Sofa, hatte er es sich mit ein paar dicken Kissen unter dem Po im Schrank gemütlich gemacht. Um ordentlich lesen zu können, trug er seine Stirnlampe auf dem Kopf, die er sonst beim abendlichen Laufen mit Papa benutzte.
In diesem Moment steckte Mama den Kopf durch die Tür und suchte ihren Sohn.
„Tim? Wo bist du?“
Sie suchte kurz in jeder Richtung, bis es ihr wieder einfiel.
„Sitzt du schon wieder im Schrank? Warum setzt du dich denn zum Lesen an den Schreibtisch oder auf dein Bett? Der Schrank ist doch viel zu ungemütlich. Außerdem macht man sowas einfach nicht.“
Tim öffnete eine der beiden Türen und sah nach draußen.
„Wieso macht man das nicht? Steht das irgendwo geschrieben? Gibt es da ein Gesetz oder eine Regel?“
Dann hielt er Mama sein Buch unter die Nase.
„Du glaubst ja nicht, wozu Schränke so alles benutzt werden. In diesem Roman gehen sogar durch den Schrank in das Land Narnia und erleben unglaubliche Abenteuer.“
Mama seufzte.
„Aber Narnia ist nur eine Geschichte.“
Tim grinste.
„Wer weiß. Vielleicht leben wir ja auch nur in einer Geschichte, die gerade jemand liest.“
Jetzt musste Mama lachen. Dass sie nur Teil einer Gute Nacht Geschichte sein sollte, konnte sie sich so gar nicht vorstellen.
An meinem Schreibtisch ist es viel zu ungemütlich.“, erklärte Tim. „Und das Bett ist zum Schlafen gedacht. Ich finde es halt einfach cool, einen ganz besonderen Platz zum Lesen zu haben.“
Mama gab es auf. Gegen so viele Argumente kam sie im Moment einfach nicht an – noch nicht. Aber bis Weihnachten sollte sich das geändert haben.

Eine Woche später war es dann so weit. Heiligabend. Tim hatte seit Gestern seine zeit bei Oma verbracht und würde erst zur Bescherung wieder zu Hause sein. Währenddessen war Papa im Kinderzimmer besonders fleißig gewesen. Die alten Möbel hatte er abgebaut und durch ganz neue ersetzt.
In der einen Ecke stand nun ein Hochbett, darunter ein gemütliches Sofa mit einem schicken Bücherregal, das darauf wartete, mit spannenden Geschichten gefüllt zu werden. Zumindest ein großer MP3 Player stand schon drin. Daneben, unter dem Fenster stand auch ein neuer Schreibtisch mit passendem Drehstuhl. Der alte Familienschrank stand nun im Wohnzimmer und war einem anderen gewichen, der zum restlichen Zimmer passte. Das einzige, was noch fehlte, waren Bilder und Poster. Aber die sollte sich Tim später selbst aussuchen.
„Jetzt kann Tim es sich auf dem Sofa so richtig gemütlich machen.“, war Mama stolz auf die Auswahl der Möbel, die sie getroffen hatte.

Die Bescherung war ein voller Erfolg gewesen. Tim war von seinem neuen Zimmer begeistert. Endlich ein cooles Hochbett. Endlich beim Einschlafen Höhenluft schnuppern. Und für das Bücherregal hatte es auch schon eine ordentliche Füllung gegeben. Oma hatte ein paar spannende Bücher gefunden und ihrem Enkel geschenkt. Was für ein tolles Weihnachtsfest.
Irgendwann nach dem Essen saßen Mama, Papa und Oma allein Im Esszimmer und tranken gemeinsam Kaffee. Tim war mittlerweile verschwunden.
„Wo ist der Junge eigentlich?“, fragte Oma neugierig.
„Der hat seine Nase bestimmt schon in die neuen Bücher gesteckt.“, lachte Mama. „Du weißt doch, wie gern er liest.“
Sie standen auf und machten sich auf den Weg ins Kinderzimmer. Aber dort war Tim nicht zu finden. Das Bett war leer, das Sofa mit Kuscheltieren überfüllt. Ein Kind hätte darauf keinen Platz mehr gefunden.
Mama dachte kurz nach, dann öffnete sie den Kleiderschrank. Doch auch da war Tim nicht zu finden.
„Tim? Wo bist du?“, rief sie durch das Haus.
Tim meldete sich und seine Stimme schien aus dem Wohnzimmer zu kommen.
„Ich bin hier!“
Die Familie ging neugierig ins Wohnzimmer. Doch auch dort war das Sofa leer.
„Tim?“
Die Tür des alten Schranks öffnete sich. Tim saß grinsend darin. Unter seinem Po lagen dicke Kissen. Er hatte ein Buch in der Hand und seine Stirnlampe auf dem Kopf.
„Ja?“
„Was machst du denn da?“, wollte Mama wissen.
„Danke für das neue Kinderzimmer und das tolle Sofa.“, erklärte Tim. „Aber das hier ist halt einfach der coolste Leseplatz im ganzen Haus.“

(c) 2017, Marco Wittler

613. Weiße Weihnachten

Weiße Weihnachten

„Ob es dieses Jahr schneien wird?“
Hannah sah zuerst auf auf den Kalender, dann durch das Fenster nach draußen. Es war definitiv kalt genug für Schnee. Es würde am heutigen Heligabend nicht regnen, wie es in den Jahren zuvor geschehen war. Aber eines fehlte zum weißen Glück. Die Wolken. Der Himmel war sternenklar.
„Nein. Ich habe wohl auch dieses Jahr wieder Pech. Ist das doof.“
In diesem Moment kam Papa in den Hausflur.
“ Nicht gleich traurig sein. Es wird schon irgendwann ein Weihnachtsfest geben, das weiß sein wird.“
„Aber wie lange soll das denn nich dauern? Ich bin jetzt zehn Jahre alt und habe noch nie weiße Weihnachten erlebt. Soll ich erst eine Oma werden? So lange halte ich das nicht mehr durch.“
Papa dachte kurz nach. Dann grinste er über das ganze Gesicht.
„Ich glaube, ich habe da eine Idee.“
Er ging in den Keller und kam wenige Minuten später mit mehreren Sprühflaschen und einem Ventilator zurück, den er mit einer Handkurbel ausgestattet hatte.
„Was hast du denn damit vor?“
„Wir machen unseren eigenen Schnee. Alles was wir dafür brauchen ist eine Schneemaschine.“
Er öffnete ein Fenster, stellte den Ventilator auf das Fensterbrett und begann zu an der Kurbel zu drehen.
„Die Kurbel ist wichtig. Wir dürfen keinen Strom benutzen, weil das mit Wasser zu gefährlich ist.“
Dann nahm er eine der Flaschen und versprühte ganz feine Wassertropfen, die durch den Ventilator verwirbelt und nach draußen gepustet wurden. Danach dauerte es nur wenige Augenblicke, bis sich die feinen Tropfen in kleine Schneeflocken verwandelten. Es schneite.
„Juhuu! Papa, du bist der Größte.“
Hannah schnappte sich auch eine Sprühflasche und half mit, die erste weiße Weihnacht ihres Lebens zu erschaffen.

(c) 2017, Marco Wittler

612. Es gibt ihn nicht

Es gibt ihn nicht

Am Weihnachtsabend saß Finn gespannt in einem großen, gemütlichen Ohrensessel und wartete gespannt. Die Zeit verrann. Sekunde für Sekunde, Minute für Minute und Stunde für Stunde.
„Wo bleibt er denn?“, wurde er langsam ungeduldig. „Ich bin jedes Jahr zu früh eingeschlafen und habe mich nie bei ihm für meine Geschenke bedanken können. Dieses Mal werde ich es aber schaffen.“
Papa, der gegenüber auf dem Sofa saß, kratzte sich verwirrt am Kinn und bekam einen neugierigen Gesichtsausdruck.
„Ihn? Wen meinst du denn?“
Finn seufzte theatralisch.
„Mensch, Papa. Stell dich nicht dümmer, als du bist. Du weißt genau, wen ich meine: natürlich den Weihnachtsmann.“
Nun seufzte auch Papa.
„Pass mal auf.“, Begann er ganz ruhig in einem Tonfall, in dem er gern schwierige Dinge erklärte.
„Weißt du, das mit sem Weihnachtsmann ist so eine komische Sache.“
Finn bekam große Augen, während Papa nervös aufstand und durch das Wohnzimmer ging. Irgendwann blieb er vor dem großen Kamin stehen.
„Es gibt ihn gar nicht. Er ist nur ein Märchen für kleine Kinder. Aber da du jetzt schon etwas älter bist, wird es Zeit für sie Wahrheit.“
Finn schluckte.
„Wen meinst du? Wen gibt es nicht?“
„Den Weihnachtsmann.“
Finn schloss die Augen und schüttelte den Kopf.
„Ach Papa. Warum erzählst du mir denn so eine Lügengeschichte. Du willst mich mal wieder auf den Arm nehmen. Ich weiß doch ganz genau, dass es ihn doch gibt.“
„Aha.“, machte Papa. „Und woher willst du das so genau wissen?“
Finn zeigte mit dem Finger hinter Papa und grinste.
„Weil er gerade durch den Kamin herunter geklettert ist und hinter dir steht.“
Papa drehte sich um und erschrak. Da stand tatsächlich der Weihnachtsmann hinter ihm.
„Ja … ääh … also … öhm …“
Er wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Also verzog er sich schnell mit einem roten Gesicht aus dem Wohnzimmer.
„Und mich gibt es doch.“, grinste der Weihnachtsmann und drückte Finn ein Geschenk in die Hand.
„Vielen Dank für die vielen, tollen Geschenke, die du mir immer gebracht hast.“
„Immer wieder gern. Du bist ja auch immer ein artiger Junge.“
Dann verabschiedete er sich und kletterte durch den Kamin zurück aufs Dach.

(c) 2017, Marco Wittler

611. Weihnachten in der Telefonzelle

Weihnachten in der Telefonzelle

Max saß gelangweilt in seinem Zimmer. Nur zu gern wäre er nach draußen gegangen, um sich mit seinen Freunden zu treffen. Aber das ging heute nicht, denn es war Weihnachten. Da blieb man natürlich bei der Familie.
Heiligabend war schon vorbei, der erste Feiertag auch. Nun war der zweite Weihnachtstag dran. Das war der langweiligste Tag von allen. Da passierte gar nichts mehr. Die Verwandtschaft war schon wieder auf dem Weg nach Hause. Heute würde es nur noch Brettspiele mit Mama, Papa und Max Schwester Emmi geben. Laaangweilig!
Max sah aus dem Fenster. Sein Blick fiel auf die alte Telefonzelle, die auf dem Dorfplatz stand. Seit einer Ewigkeit hatte niemand mehr einen Anruf in ihr getätigt. Es besaß schließlich jeder ein Handy. So war die Zelle mittlerweile zum Treffpunkt der Dorfjungs geworden. Aber selbst die waren im Moment nicht zu sehen. Sie alle waren zu Hause bei ihren Familien und langweilten sich.
Max ging seufzend ins Wohnzimmer und setzte sich zu den anderen an den großen Esstisch, auf dem Papa gerade ein Spiel aufbaute.
„Kann ich nicht nach draußen gehen? Meine Freunde kommen auch gleich. Wir wollen ein bisschen labern und so.“
Nun seufzte auch Papa.
„Es ist Weihnachten. Die anderen sitzen bestimmt auch nicht in der Telefonzelle. Außerdem ist es ganz schön kalt geworden. Ihr holt euch nur eine Lungenentzündung, wenn ihr stundenlang da draußen nur so rumsteht.“
„Ich kann mir meine Winterjacke anziehen. Damit friere ich auch nicht. Hab ich eh noch nie.“
Papa schüttelte den Kopf.
„du bleibst schön hier im Warmen. Außerdem kommt gleich noch Besuch. Dann solltest du hier sein?“
„Besuch? Heute? Weihnachten ist doch schon fast vorbei. Och nee.“
Schon wollte sich Max in sein Zimmer verkriechen, als es an der Tür klingelte.
„Zu spät. Sie sind schon da.“, sagte Papa und ging in den Flur zur Tür.
Er öffnete und mehrere Familien aus der Nachbarschaft kamen herein. Seltsamerweise waren das alle Eltern von Max Freunden. Seine Freunde waren ebenfalls dabei. Sie alle sahen nicht grad glücklich aus. Statt bei den Eltern zu sitzen, wollten sie doch in die Telefonzelle, dem kultigsten Treffpunkt aller Zeiten. Da konnte man auch mal die Zähne zusammen beißen und ein paar Stunden frieren.
„Wir haben uns da mal was überlegt.“, begann Papa den Jungs zu erklären.
Da es nun wirklich zu kalt ist, um draußen in einer Telefonzelle zu stehen und es ganz schön früh dunkel wird, haben wir eine Überraschung für euch alle geplant.“
Err öffnete die Tür zum Keller und ging die Treppe hinab. Er gab den Besuchern und auch Max zu verstehen, dass sie ihm folgen sollten. Zielstrebig steuerte er den Partyraum an, in dem sich eine Theke und ein paar Sitzgelegenheiten befanden.
„Aber Papa. Das ist nicht das selbe. Wir lieben unsere Telefonzelle.“
Papa grinste und ging in den Partyraum. Allerdings ließ er das Licht abgeschaltet. Es blieb so dunkel, dass niemand etwas sehen konnte.
„Seid ihr alle drin?“, fragte er. „Gut, dann wird es Zeit für unsere Überraschung.“
Er drückte auf den Lichtschalter, es wurde hell. Die Jungs rieben sich erst die Augen, dann sahen sie sich um, nur um sich dann ungläubig wieder die Augen zu reiben.
„Eine Telefonzelle?“, fragte Max. „Eine echte Telefonzelle in unserem Keller? Ist das dein Ernst? Das ist da irre.“
Er drückte Papa an sich und bestaunte dann den neuen Treffpunkt der Jungs.
„Weihnachten ist doch irgendwie ganz cool.“, waren sie sich einig. Nun mussten sie über die Wintermonate nicht mehr frieren.

(c) 2017, Marco Wittler

610. Warten auf den Weihnachtsmann

Warten auf den Weihnachtsmann

Noch nie hatte ihn jemand zu Geischt bekommen. Naja, zumindest hatte ihn noch kein Kind gesehen, denn die Erwachsenen behaupteten immer wieder, dass sie mit ihm in engem Kontakt stehen würden. Der Weihnachtsmann war das letzte, große Geheimnis dieser Welt, das es noch aufzudecken gab. Einer, der sich daran beteiligte, war Paul.
Paul hatte sich mit seinem besten Freund Finn abgesprochen. Gemeinsam wollten sie in der Weihnachtsnacht wach bleiben, um den Weihnachtsmann auf frischer Tag zu ertappen. Sie wollten beide sehen, wie er mit dem Geschenkesack den Kamin herunter kam.
Nachdem Mama und Papa ins Bett gegangen waren, stand Paul wieder auf und schlich sich heimlich ins Wohnzimmer zurück. Dort machte er es sich mit einer Packung Keksen, einer Flasche Milch und einer dicken Wolldecke gemütlich. Um nicht doch noch einzuschlafen, hatte er sich sein Lieblingsbuch mitgenommen.
Stunde um Stunde verging, aber bisher war der Weihnachtsmann noch nicht aufgetaucht. Auch bei Finn, mit dem er sich per Handys Nachrichten schrieb, hatte sich bisher nichts getan.
Also steckte Paul seine Nase weiter in sein Buch und las weiter. Aber mit jeder Seite wurde er müder. Irgendwann begannen die einzelnen Buchstaben scheinbar vor seinen Augen zu tanzen. Sie hüpften von oben nach unten und von links nach rechts. Sie tauschten ihre Plätze und verwirrten ihren kleinen Leser, wie sie nur konnten.
Irgendwann verdrehte Paul die Augen und rieb sie sich kräftig. Dann gähnte er laut.
„Puh, ist das anstrengend. Ich hätte nicht gedacht, dass Warten so müde machen kann.“
Er aß ein paar Kekse, trank einen großen Schluck Milch und versuchte es weiter mit seinem Buch. Immer wieder sah er verstohlen zum Kamin. Aber dort war niemand zu sehen.
Ein paar Minuten später begannen Pauls Augenlider zu flattern. Er konnte sie kaum noch offen halten und gähnte nun immer öfter. Kurz darauf war er eingeschlafen.

Am nächsten Morgen wurde er von der Sonne geweckt. Er sah sich schnell um. Unter dem Christbaum lagen Geschenke. Die Kekse, die noch vor ein paar Stunden neben ihm lagen, waren komplett aufgegessen, die Milchflasche war leer.
„Verdammt. Ich hab ihn verpasst.“
Er schrieb eine Nachricht an Finn. Auch sein Freund war irgendwann eingeschlafen und hatte niemanden im Wohnzimmer gesehen.
Verärgert stand Paul auf und wollte in sein Zimmer gehen. Da fiel sein Blick auf einen Brief, der am Abend noch nicht da gewesen war. Er öffnete den Umschlag, holte einen Zettel hervor und las, was darauf geschrieben stand.

Lieber Paul.
Vielen Dank, dass du versucht hast, auf mich zu warten. Es ist nicht schlimm, dass du dabei eingeschlafen bist. Ich bin nachts auch immer müde. Aber vielleicht sehen wir uns ja im nächsten Jahr.
Dein Weihnachtsmann

Paul staunte. Es gab den Weihnachtsmann tatsächlich. Dieser Brief war der Beweis. Oder vielleicht doch nicht? Er wusste es einfach nicht. Deswegen nahm er sich jetzt schon vor, im nächsten Jahr einen neuen Versuch zu starten.

Zur gleichen Zeit landete der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten am Nordpol. Bevor er ausstieg, bedankte er sich noch bei seinem guten Freund, dem Sandmännchen.
„Vielen Dank, mein Freund.“, sagte er schmunzeld. Wenn du nicht helfen würdest, hätte mich schon längst ein Kind entdeckt. Aber mit deinem Sand bekommst du sie alle zum Schlafen.“

(c) 2017, Marco Wittler