609. Weihnachtspullis von Oma

Weihnachtspullis von Oma

Es klingelte an der Tür. Draußen stand der Paketbote und hielt einen großen Pappkarton in Händen. Mama öffnete und nahm es verwirrt entgegen. Sie hatte nichts bestellt und wusste auch nicht, dass jemand etwas schicken wollte.
Sie brachte das Paket ins Wohnzimmer und stellte es auf den großen Esstisch, während der Rest der Familie neugierig herbei kam.
„Was ist denn da drin?“, wollte Mia wissen.
„Nun warte doch erstmal ab, bis sie es geöffnet hat. Außerdem wollte ich das auch grad fragen.“, mischte sich sofort ihre ältere Schwester Lina ein, die nicht weniger neugierig war.
Nur Papa war die Ruhe selbst. Er setzte sich mit einer großen Tasse Kaffee an den Tisch und trank einen Schluck.
„Ganz ruhig, Mädels. Ihr erfahrt schon noch früh genug, was da drin steckt. Was steht eigentlich auf dem Absender?“
Mama drehte und wendete das Paket, konnte aber nicht feststellen, wer es geschickt hatte. Dann nahm sie ein Messer und zerschnitt vorsichtig das Klebeband.
„Ich schaue einfach rein. Mal schauen, ob wir dann schlauer sind.“
Ganz oben auf dem Inhalt lag ein Brief. Es musste ein Weihnachtsbrief sein, denn auf dem Umschlag waren Christbäume, Engel und Schneeflocken abgebildet. Auf seiner Vorderseite stand etwas in schnörkeliger Schönschrift geschrieben.

Für meine geliebte Familie
von Oma

„Ein Weihnachtspaket von Oma? Aber wir fahren doch an Weihnachten immer zu ihr und bekommen unsere Geschenke dort.“, wunderte sich Mia.
Mama öffnete den Umschlag und holte den Brief heraus. Sie las den anderen vor, was darin geschrieben stand.

Liebe Petra, lieber Manfred, meine lieben Enkelinnen Lina und Mia.
Jedes Jahr freue ich mich darauf, dass ihr die lange Fahrt durch das ganze Land auf euch nehmt und mich zum Weihnachtsfest besuchen kommt. Das hätte mir auch dieses Jahr gefallen. Aber daraus wird leider nichts.
Meine liebe Freundin Annegret hat bei einem Preisauschreiben eine Kreuzfahrt mit einem großen Schiff gewonnen. Und mich nimmt sie mit. Zwei Tage vor Weihnachten geht es los und erst Anfang des neuen Jahres sind wir wieder zurück. Zwei Wochen Meer, Swimming Pools, leckeres Essen und ganz viele Städte zu bestaunen. Ihr versteht bestimmt, dass ich dieses Angebot nicht ablehnen konnte.
Aber weil ich euch eure Weihnachtsgeschenke nicht vorenthalten möchte, habe ich sie euch jetzt schon geschickt. Ratet mal, was ihr bekommt? Es hat etwas mit meinem neuen Hobby zu tun. Ich stricke nämlich seit ein paar Monaten leidenschaftlich gern.

Liebe Grüße von Oma

„Oma strickt?“, wunderte sich Mia. „Ich dachte immer, das könnte sie nicht leiden.“
„War auch so.“, erinnerte sich Mama.
„Ach, und hier steht noch, dass sie sich ein paar Fotos mit den Geschenken wünscht. Die sollen wir ihr dann mit dem Handy schicken.“
Lina, die schon etwas Unangenehmes befürchtete, griff in das Paket und holte etwas Wolliges daraus hervor.
„Ein Strickpullover? Weiß Oma denn nicht, dass ich sowas gar nicht anziehe? Ist doch voll uncool.“
Es waren vier Pullover an der Zahl. Jeder Einzelne hatte ein Namensschild aus Papier am Kragen. Papa bekam einen schlichten Pulli in schwarz, Mama einen in weiß. Mia faltete ihren auseinander und entdeckte darauf einen Weihnachtsschlitten mit Rentieren.
„Der ist ja super.“, freute sie sich. „Ein richtiger Weihnachtspullover. Darf ich den gleich anziehen?“
Lina verdrehte die Augen. Weihnachtspullis waren in ihren Augen noch viel uncooler als die Normalen. Sie nahm ihren in die Hände, faltete ihn auseinander und besah ihn sich äußerst kritisch von allen Seiten.
„Ein Weihnachtsbaum?“, fragte sie angeekelt. „Ist das ihr Ernst? Wer soll denn sowas anziehen? Da wäre mir der Schwarze von Papa sogar lieber.“
„Und die müssen wir dann auch noch für Fotos anziehen.“, seufzte Mama.
„Das könnt ihr vergessen.“, beschwerte sich Lina. „Da mache ich nicht mit. Wenn das meine Freunde sehen, dann kann ich gleich einpacken. Dann bin ich unten durch.“
Mia grinste. Sie hatte plötzlich eine Idee, die sie Papa ins Ohr flüsterte. Er nickte kurz und verschwand ohne ein Wort in der nahen Abstellkammer. Er kramte ein wenig durch die Regale, dann kam er mit einem Pappkarton zurück.
Dann zog er sein Hemd aus, schlüpfte in Linas Weihnachtsbaumpullover und grinste nun ebenfalls.
„Passt als wäre er für mich gemacht.“
Er öffnete den kleinen Karton und holte ein paar bunte Weihnachtskugeln daraus hervor. Diese hängte er einzeln an die Maschen den Pullovers und verzierte ihn so noch zusätzlich.
„Jetzt sieht es auch wie ein echter Weihnachtsbaum aus.“, erklärte er. „Das Foto wird Oma bestimmt gefallen.“
„Weihnachtsbaum? Das ist eher ein Weihnachtsbauch.“, lachte Mama und piekte Papa mit dem Zeigefinger in seinen dicken Bauch.
Mit dieser Lösung konnte nun auch Lina leben. Sie zog den schwarzen Pullover an und ließ sich dann mit der ganzen Familie für Oma fotografieren.

(c) 2017, Marco Wittler

608. Einsame Weihnachten

Einsame Weihnachten

Felix konnte es kaum noch aushalten. Die Anspannung in ihm war riesig groß und würde bestimmt bald aus ihm raus platzen.
„Wann fahren wir denn endlich?“, drängelte er immer wieder.
„Gleich.“, beruhigte ihn Mama. „Papa packt nur noch die letzten Taschen ins Auto. Du kannst dir ja schon deine Jacke anziehen und die Mütze aufsetzen.“
„Juhuu!“, jubelte Felix. „Endlich geht es los. Endlich kann ich Oma wiedersehen.“
Und insgeheim dachte er auch schon an die Bescherung am Abend. Er freute sich riesig auf seine Weihnachtsgeschenke. Was er wohl dieses Jahr alles bekommen würde?
Zehn Minuten später saß die ganze Familie im Auto und fuhr los. Es ging durch die kleine Wohnsiedlung, bis sie an einem kleinen Café auf die Hauptstraße einbogen.
„Da ist ja noch Licht an. Ich dachte, an Weihnachten haben alle Geschäfte geschlossen und die Besitzer feiern auch mit ihren Familien.“
„Im Normalfall ist das auch so. Aber der alte Gerd sitzt jedes Jahr allein in seinem Café. Er deckt die Tische ein, kocht Kaffee, backt Kuchen und wartet auf Gäste. Das war schon immer so.“
Ganz alleine Weihnachten feiern? Das gefiel Felix überhaupt nicht.
„Kann man denn da gar nichts machen? Können wir den Gerd nicht mal zu Weihnachten einladen? Der ist immer so nett zu uns, wenn wir bei ihm Kuchen essen.“
Papa seufzte.
„Diese Idee hatte ich auch schon ein paar Mal. Ich habe den alten Gerd schön öfter eingeladen. Aber bis jetzt hat er immer abgelehnt. Er sagte, dass er nicht allein wäre und sich in seinem Café wohl fühlen würde.“
Sie fuhren weiter. Oma wartete bestimmt schon. Aber irgendwie war die Weihnachtsfreude nicht mehr ganz so groß, wie vorher.
„Können wir es nicht noch einmal versuchen? Vielleicht mag der Gerd dieses Jahr doch mal mit uns feiern.“
Papa nickte. „Na gut. Einmal versuchen wir es noch.“
Er drehte am nächsten Kreisverkehr und fuhr zurück zum Café. Dann parkte er sein Auto davor und alle stiegen aus. Gemeinsam betraten sie die warme Stube, in der es bereits lecker nach Kaffee und Kuchen duftete.
„Guten Abend, Gerd. Wir wünschen dir frohe Weihnachten.“, sagte Papa.
Der alte Gerd lächelte.
„Frohe Weihnachten. Was kann ich für euch tun?“
„Ähm … ja … also …“
Papa stotterte etwas herum, bevor er mit der Sprache raus kam.
„Du kennst das ja. Weihnachten ist das Fest der Liebe, Freundschaft, des Beisammenseins. Und an Tagen wie diesen sollte niemand allein sein. Deswegen wollte ich wieder mal fragen, ob du Weihnachten nicht mit uns zusammen verbringen möchtest.“
Gerd lächelte noch immer.
„Vielen Dank für euer Angebot. Ich weiß das wirklich zu schätzen. Aber mir geht es eigentlich ganz gut. Und ich werde auch nicht so ganz allein sein. Ich bekomme bestimmt bald Gäste. Sie sind schon auf dem Weg zu mir. Ich Kuchen gebacken, Kaffee gekocht und die Tische sind auch fertig eingedeckt. Es wird bestimmt ein schöner, besinnlicher und fröhlicher Abend. Nehmt es mir also bitte nicht übel, wenn ich auch dieses Jahr euer Angebot ablehne.“
Papa wollte es noch ein zweites Mal versuchen, Gerd zu überreden, aber dieser winkte sofort ab.
„Ihr müsst euch wirklich keine Sorgen um mich machen. Es ist alles in bester Ordnung. Und nun macht euch wieder auf den Weg. Ihr wollt doch nicht zu spät kommen. Außerdem werden meine eigenen Gäste bald da sein.“
In diesem Moment waren bereits laute Geräusche von draußen zu hören. Was er genau hörte, konnte Felix gar nicht sagen. Es klang wie das Geklapper von Hufen auf Asphalt, wie das Klingen von kleinen Glöckchen, Gelächter und anderen Dingen.
Nun war es der alte Gerd, der seufzte. „Ach je. Sie sind zu früh dran. Der Chef ist wohl eher fertig geworden. Er wird bestimmt nicht begeistert sein, wenn hier noch andere Gäste im Café sind. Sobald er seine Arbeit erledigt hat, ist er froh, Ruhe zu haben.“
Die Tür öffnete sich und eine große Schar Leute stürmte herein. Es waren aber keine üblichen Gäste. Keiner von ihnen schien ein Mensch zu sein. Sie waren nicht größer als Felix, trugen Anzüge in rot und grün und hatten spitze Ohren.
„Weihnachtselfen!“, entfuhr es Felix überrascht. „Es gibt sie wirklich.“
Er dachte hitzig nach. „Aber das bedeutet dann auch, dass es auch ihn gibt, den …“
Weiter kam er mit seinen Gedanken nicht. Denn dann stand er auch bereits in voller Größe und Breite in der Tür.
„… Weihnachtsmann.“, beendete der alte Gerd den Gedanken und begrüßte damit seinen berühmten Gast.
„Ich freue mich, dass du es geschafft hast. Setz dich doch. Dein Kaffee kommt gleich.“
Er versuchte, den Blick des Weihnachtsmanns auf die unerwarteten Gäste zu verdecken. Doch das gelang ihm nicht.
„Wen haben wir denn da?“, rief der Weihnachtsmann erfreut. Er baute sich vor Felix auf, hängte seine Daumen in seinem breiten Gürtel ein und betrachtete den Jungen von oben bis unten.
„Felix Schmidt. Kenn ich doch. Bist ein braver Junge dieses Jahr gewesen. Schön, dich und deine Familie mal persönlich zu treffen.“
Er schüttelte jedem die Hand.
„Hey Gerd. Warum hast du nicht gesagt, dass du noch mehr Gäste eingeladen hast? Dann hätte ich die Geschenke gleich mitgebracht. Und wo ist die Oma von Felix? Die fehlt doch noch in unserer Runde. Sie backt immer so leckere Kekse für mich. Holt sie her!“
Papa nickte sofort, holte seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche und stürmte dann nach draußen zu seinem Wagen. Dann gab er Gas und fuhr schnell los, um Oma zu holen.
Den restlichen Abend verbrachten sie alle gemeinsam in Gerds Café und hatten so viel Spaß wie nie zuvor an Weihnachten.

(c) 2017, Marco Wittler

607. Das peinliche Wichtelgeschenk

Das peinliche Wichtelgeschenk

Nick betrat andächtig die Schule. Heute war ein besonderer Tag. Es war der letzte Unterricht vor den Weihnachtsferien. Heute würden sie nichts mehr lernen müssen. Stattdessen durfte jeder Kekse mitbringen und kurz Schulschluss wurde unter den Kindern in seiner Klasse gewichtelt.
Für das Wichteln hatte jedes Kind ein Geschenk mitgebracht. Im Gegensatz zum letzten Jahr, hatte Nick die Regeln etwas verändert. In seiner Aufgabe als Klassensprecher hatte er einen entsprechenden Vorschlag gemacht, der auch angenommen wurde.
Vorbei war nun die Zeit, in der die meisten Kinder unzufrieden mit ihren Geschenken waren. Niemand sollte mehr ein Geschenk bekommen, das er nicht mochte. Jeder sollte sich etwas aussuchen dürfen. Und darauf freute er sich schon sehr. Aber bis dahin war noch etwas Zeit.
Statt nun in den Klassenraum zu gehen, blieb Nick an der Eingangstür der Schule stehen. Er wartete auf seine Mitschüler und begrüßte an diesem Tag jeden einzelnen persönlich. Nach und nach trudelten sie ein. Wenn einer von ihnen mit dem Auto gebracht wurde, versuchte Nick zu erraten, wer sich darin befand.
In den ersten Wagen, der vorfuhr, konnte Nick nicht hinein sehen. Die Fenster der Rückbank waren mit Einhornbildern verziert.
„Das muss eins von unseren Mädchen sein.“, war er sich sicher. „Ich tippe auf Sofie.“
Der Wagen blieb stehen. Die Tür öffnete sich. Statt Sofie stieg aber ein Junge aus. Es war Max, der mit hochrotem Kopf auf schnellstem Weg in die Schule lief. Als er an Nick vorbei kam, flüsterte er ihm schnell etwas zu.
„Du hast nichts gesehen. Vor allem keine Einhörner.“
Dann lief er weiter in die Klasse.

Ein paar Schulstunden und etliche Kekse später war es dann so weit. Das Wichteln begann. Nick stand vorne am Pult und griff nach und nach in einen großen Sack. Er holte jedes Päckchen einzeln hervor und öffnete das Geschenkpapier. Zu jedem fand sich ein Kind, dass sich über die Geschenke freute.
Fast zum Schluss, es waren nur noch zwei Päckchen übrig, hielt Nick ein buntes Einhorn mit langer Regenbogenmähne in den Händen. Er sah durch die Klasse, stellte aber fest, dass alle Mädchen bereits ein Geschenk in Händen hielten. Und dann fiel sein Blick auf Max. Kurz sah er in dessen Augen riesige Begeisterung. Doch dann schüttelte dieser kaum merklich den Kopf. Es schien ihm zu peinlich zu sein, ein Geschenk anzunehmen, über das sich sonst nur Mädchen freuen würden. Er musste große Angst haben, dass die anderen Jungs ihn auslachen würden.
Wie zur Bestätigung kam aus der letzten Reihe sofort ein dummer Spruch.
„Na los, Nick, gib Max das Einhorn. Der kann das bestimmt gebrauchen. Der hat auch noch kein Geschenk.“
Sofort begannen die anderen Jungs zu lachen, während MAx ganz rot im Gesicht wurde.
„Nix da!“, sagte Nick mit fester Stimme. „Das Einhorn bleibt bei mir. Sowas hab ich mir schon immer gewünscht.“
Die Jungs in der Klasse verstummten. Der coole Nick stand auf Einhörner? Damit hatte keiner von ihnen gerechnet. Waren Einhörner vielleicht doch ein tolles Spielzeug?
Niemand traute sich, Nick zu beleidigen oder ihn auszulachen. Er war immerhin der Klassensprecher und sehr beliebt. Mit ihm wollte niemand Streit haben.
Das letzte Geschenk, ein Spielzeugauto landete schließlich in den Händen von Max.

Kurz nach Schulschluss verabschiedete Nick seine Klassenkameraden an der Tür des Klassenraums. Der letzte, der noch blieb, war Max, der schließlich ganz verlegen auf ihn zukam.
„Hey, danke. Das hätte ich echt nicht von dir gedacht. Ich bin echt froh, dass du mir geholfen hast. Die anderen hätten mich bestimmt voll fertig gemacht, wenn sie wüssten, dass ich Einhörner mag.“
Nick grinste und tauschte sein Einhorn gegen das Auto.
„Ist doch nur ein Einhorn. Nichts, wofür man fertig gemacht werden sollte. Dein Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben.“
Gemeinsam verließen sie die Schule. Kurz bevor sich ihre Wege trennten, verriet auch Nick noch ein großes Geheimnis, das niemand sonst wissen sollte.
„Wenn bei uns eine Feier ansteht, dann tragen mein Papa und ich immer rosa Hemden, weil man da irgendwie echt cool drin aussieht.“
Dann grinste er und zwinkerte noch einmal zum Abschied.
„Ich wünsch dir frohe Weihnachten und viel Spaß mit deinem Einhorn.“

(c) 2017, Marco Wittler

606. Weihnachtsschrecken

Weihnachtsschrecken

Im Weihnachtsdorf am Nordpol ging es hektisch zu. Jedes Rentier und jeder Weihnachtself war damit beschäftigt, die letzten Vorbereitungen für das Weihnachtsfest zu treffen. Ein paar Geschenke mussten noch gebaut, die anderen eingepackt und mit bunten Schleifen verziert werden. Der Schlitten wurde geputzt und letzten Sicherheitschecks unterzogen, damit unterwegs nichts passieren konnte. Die Hufe der Rentiere wurden blitzblank gereinigt, die Felle gebürstet und die Geweihe hübsch geschmückt.
Hin und wieder sah auch der Weihnachtsmann durch das Fenster seines Büros nach draußen und überzeugte sich, dass alles nach Plan verlief. Danach richtete er seinen Blick wieder auf die vielen Wunschzettel auf seinem Schreibtisch und bearbeitete die Seiten in seinem goldenen Buch.
Nur wenige Tage vor der Weihnachtsmann kam plötzlich Unruhe in das Dorf. Rentiere und Wichtel rannten in großer Panik auseinander und suchten Schutz, wo sie nur konnten. Die einen liefen in die Ställe, andere schafften es bis hinter eine schützende Tür. Und wieder andere konnten sich nur hinter kleinen Kisten verstecken. Von überall waren ängstliche Schreie zu hören.
Der Weihnachtsmann bemerkte dies recht schnell und verließ augenblicklich sein Haus. Was er dann sah, hatte er noch nie zuvor erlebt. Bisher war der Nordpol immer ein friedlicher und freundlicher Ort gewesen.
Von allen Seiten näherten sich grässliche Gestalten. Sie waren Monster, Vampire, Geister, Zombies und mehr gruseliges Gesindel. Sie scheuchten die Bewohner des Weihnachtsdorfs zusammen und erschreckten sie, wo sie nur konnten.
„Was zum Geier ist hier los?“, dröhnte plötzlich die laute Stimme des Weihnachtsmanns über den großen Dorfplatz.
„Was hat das alles zu bedeuten und wer seid ihr, dass ihr so viel Angst über meine Freunde bringt?“
Ein besonders großes Monster, welches der Anführer sein musste, blieb stehen und sah dem Weihnachtsmann ernst ins Gesicht.
„Wir sind die Halloween Armee.“, erklärte es. „Es ist unsere Aufgabe, in der gruseligsten Nacht des Jahres Angst und Schrecken über die Welt zu bringen. Und du wirst uns auch nicht davon abhalten.“
Der Weihnachtsmann seufzte und kramte in seiner Manteltasche. Er holte sein Handy hervor und öffnete den Kalender.
„Meinst du nicht, dass ihr etwas spät dran seid? In drei Tagen ist Weihnachten. Halloween liegt schon fast zwei Monate hinter uns.“
Das Monster riss entsetzt seine Augen auf.
„Wie? Was? Wir sind zu spät?“
In diesem Moment blieben auch die anderen Halloweengeschöpfe stehen und stellten ihre Jagd ein.
„Aber … ääh … wie kann das denn sein? Das ist uns noch nie passiert.“
Ein verlegenes Lächeln schlich sich in das Gesicht des Monsters.
„Tut uns leid. Das war nicht unsere Absicht.“
Es griff sich an den Kopf und zog ihn hoch. Darunter kam ein anderer Kopf zum Vorschein. Das Monster war nur ein Kostüm gewesen. Darin steckte kein Geringerer als der Osterhase.
„Okay Leute. Halloween ist vorbei. Ihr könnt eure Kostüme ablegen.“
Nach und nach fielen die Masken und ganz andere Wesen kamen zum Vorschein. Mutter Natur, Väterchen Frost und viele andere.
„Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie anstrengend es ist, mehrere Jobs gleichzeitig zu haben.“, erklärte der Osterhase. „Da kommt man ganz schön durcheinander.“
„Ist schon gut.“, nahm der Weihnachtsmann die Entschuldigung an. „Ist ja nichts Schlimmeres passiert.“
Dann lud er die unerwarteten Gäste auf einen entspannenden Kaffee in sein Haus ein.

(c) 2017, Marco Wittler

605. Die Weihnachtsschnecke rettet Weihnachten (Ninos Schneckengeschichten 12)

Die Weihnachtsschnecke rettet Weihnachten

Nino sah auf den Kalender und lächelte. „Schau mal, Wuschel. Morgen ist endlich Weihnachten.“
Er sah aus dem Fenster, sah eine Weile den tanzenden Schneeflockenin der Dunkelheit des Abends zu und kam schließlich zu einer Idee.
„Ich glaube, ich werde dieses Jahr beide Häuser schmücken.“
Beide Häuser, fragst du dich jetzt vielleicht. Ja, du hast richtig gelesen. Nino besaß zwei Häuser. Eines, in dem er lebte und eines, in das er sich bei Gefahr zurückziehen konnte.
Auch wenn das seltsam klingt, für Nino war das völlig normal. Denn Nino war eine Schnecke.
„Ich hänge eine lange Lichterkette ans Haus und mein Schneckenhaus bekommt ein paar Glöckchen und bunte Kugeln. Das sieht bestimmt richtig schön und weihnachtlich aus.“
Er sah zu Wuschel, der aufgeregt neben ihm stand und mit seinem Schwanz wedelte.
„Ist schon gut.“, sagte Nino. „Du warst dieses Jahr ein ganz besonders artiger Hund. Ich werde auch deine Hütte schmücken.“
Wuschel wuffte in freudiger Erwartung.
„Deine Weihnachtssocke hänge ich natürlich auch auf. Vielleicht steckt dir der Weihnachtsmann etwas hinein.“
Die beiden verbrachten den ganzen Abend damit, den Weihnachtsschmuck aus dem Keller zu holen und überall aufzuhängen. Kurz bevor sie fertig waren, hörten sie ein lautes Poltern auf dem Dach.
„Oh je!“, rief Nino entsetzt.
„Das ist bestimmt der Weihnachtsmann. Wenn wir nicht artig in unseren Betten liegen, wird er uns unsere Geschenke nicht herein bringen. Dann gehen wir dieses Jahr leer aus.“
So schnell wie es einer Schnecke möglich war, packte Nino seinen Wuschel und verzog sich mit ihm in sein Schneckenhaus. Dort stellten sie sich schlafen und gaben keinen Mucks von sich.
Es polterte weiter auf dem Dach, aber niemand kam durch den Kamin ins Wohnzimmer geklettert.
„Da stimmt etwas nicht.“, wunderte sich Nino. Hoffentlich ist der Weihnachtsmann nicht im Kamin stedken geblieben. Wir sollten lieber mal nach dem Rechten sehen.“
Er kam aus seinem Schneckenhaus hervor, setzte Wuschel auf dem Teppich ab und warf vorsichtig einen Blick in den Kamin.
„Nein, da ist niemand. Vielleicht steht er nich auf dem Dach und findet in seinem riesigen Sack unsere Geschenke nicht.“
Nino überlegte, ob er nach draußen gehen und nachschauen sollte, als es vor der Tür laut krachte.
„Du meine Güte. Was war denn das?“
Sofort lieben Schnecke und Hund zur Haustür, öffneten sich und sahen nach Draußen. Im Garten lag ein großer, roter Schlitten – der Schlitten des Weihnachtsmanns. Zumindest lag dort, was von ihm übrig geblieben war.
„Verflixt und zugenäht. Wie konnte das nur passieren? Was soll ich denn jetzt machen?“, war eine Stimme auf dem Dach zu hören.
Nino blickte auf und entdeckte dort oben den Weihnachtsmann.
„Weihnachtsmann, was ist passiert? Brauchst du Hilfe?“
Der Weihnachtsmann seufzte verzweifelt.
„Da kann mir wohl niemand mehr helfen. Mein Schlitten ist kaputt und ich muss noch eine Menge Geschenke verteilen. Das restliche Weihnachten muss wohl ausfallen. Hätte ich doch bloß den letzten TÜV Termin nicht vergessen. Und meine Rentiere haben sich so sehr bei dem Krach erschrocken, dass sie auf und davon sind.“
Ninos Gedanken rasten. Ein Weihnachtsfest ohne Geschenke war kein Weihnachtsfest. Er musste etwas unternehmen.
„Ich werde dir helfen. In meinem Schneckenhaus ist genug Platz für alle Geschenke. Ich diene dir als Ersatzschlitten.“
Der Weihnachtsmann lächelte verlegen.
„Ich möchte dir nicht zu nahe treten, mein hilfreicher Freund, aber du bist nur eine Schnecke. Ich glaube nicht, dass du schnell genug bist, damit ich alle Geschenke rechtzeitig verteilen kann.“
Nino grinste.
„Los Wuschel. Hol es!“
Wuschel kläffte kurz. Dann lief er ins Haus zurück und kam nur wenige Sekunden später mit seiner Leine und einem Skateboard zurück.
„Wegen meines Schneckentempos bin ich vor ein paar Jahren am Weihnachtsabend im Schnee stecken geblieben. Deswegen haben mir meine Freunde ein Skateboard und einen Hund geschenkt, der mit schnell wie der Wind durch die Straßen der Stadt ziehen kann.“
Der Weihnachtsmann kratzte sich durch seinen dichten Bart am Kinn und dachte dabei nach.
„In Ordnung. Lassen wir es auf einen Versuch ankommen.“
Er wuchtete den großen Sack aus den Überresten seines Schlittens und verstaute ihn in Ninos Schneckenhaus. Dann setzte er sich darauf und gab seinem neuen Helfer das Startkommando. Dieses leitete Ninos sofort an seinen felligen Freund weiter.
„Los Wuschel. Gib Gas! Wir haben eine große Menge Geschenke zu verteilen. Lauf wie der Wind!“
Wuschel setzte sich in Bewegung und zog das Skateboard mit der Schnecke hinter sich her. Freudig kläffend flitzte er so von Haus zu Haus.
Die ganze Nacht ging durch die Straßen. Der Geschenkesack wurde immer leerer. Erst mit dem Auftauchen der ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages, waren sie fertig und standen wieder vor Ninos Haus. Allerdings befanden sich im Sack noch immer zwei Geschenke.
„Für wen sind denn diese beiden Pakete?“, wollte Nino wissen. „Wir haben alle Häuser hinter uns. Wir sind fertig.
Der Weihnachtsmann grinste.
„Diese beiden Geschenke sind für meine neuen Helfer Nino und Wuschel.“
Während sie ins Haus gingen, um noch gemütlich einen heißen Tee zu trinken, übergab der Weihnachtsmann seinen kleinen Freunden ihre Pakete.

(c) 2017, Marco Wittler

604. Das kleine Rentier und die rote Nase

Das kleine Rentier und die rote Nase

Das kleine Rentier stand auf dem großen Weihnachtsplatz am Nordpol zwischen vielen anderen großen und kleinen Rentieren und Weihnachtswichteln. Gemeinsam warteten sie darauf, dass der berühmte Rudolf mit seiner Rentiergruppe den Schlitten anzog und dem Weihnachtsmann half, die vielen Geschenke an die artigen Kinder der Welt zu verteilen.
Und da kam er auch schon aus seinem Haus: Der Weihnachtsmann war bereit. Überall auf dem großen Platz wurde gejubelt und applaudiert.
Der Weihnachtsmann winkte noch einmal in die Runde. Dann stieg er ein, nahm die Zügel des Schlittens in die Hände und gab das Startsignal. Schon ging es los. Rudolf zog als erster. Dann taten es ihm die anderen Rentiere gleich.
Das kleine Rentier sah begeistert zu, wie der große Schlitten kleiner und kleiner wurde, bis er schließlich in der Dunkelheit der Weihnachtsnacht verschwand.
Während sich die meisten Wichtel und Rentiere auf den Weg nach Hause machten, blieb es selbst noch eine ganze Weile stehen und blickte in den Himmel hinauf.
»Wie gerne würde ich auch mal eines Tages den Schlitten des Weihnachtsmanns durch die Lüfte ziehen. Am Liebsten würde ich dann ganz vor sein und wie Rudolf die Richtung bestimmen.«
Ein paar größere Rentiere blieben stehen und blickten das kleine Rentier an. Nach ein paar Sekunden begannen sie zu lachen und hielten sich die Bäuche.
»Du willst den Schlitten ziehen? Du willst den Platz von Rudolf einnehmen? Ein kleiner Zwerg, wie du einer bist, taugt dafür nicht. Träum lieber von Dingen, die dir mehr liegen. Du kannst Rudolf die Hufe putzen. Mehr aber auch nicht.«
Dann gingen sie weiter und lachten immer wieder so laut sie konnten.
Das kleine Rentier wurde traurig. Trotzdem wollte es seinen Traum nicht aufgeben. Konnte es denn überhaupt etwas Schöneres geben, als den Schlitten zu ziehen?

Am nächsten Tag waren der Weihnachtsmann, Rudolf und die anderen Rentiere wieder zurück am Nordpol. Der Schlitten wurde in einer Garage untergebracht, die Rentiere machten es sich in ihren Ställen gemütlich und der Weihnachtsmann begann bereits mit den Planungen für das nächste Jahr. Die Wichtel gingen in ihre Werkstatt und fertigten bereits die neuen Geschenke an. So würde es nun die nächsten zwölf Monate weiter gehen.
Das kleine Rentier träumte in dieser Zeit weiter davon, eines Tages den Schlitten zu ziehen. Also sammelte es ein paar seiner Freunde, um für das Weihnachtsfest zu trainieren. Sie holten den alten, viel zu kleinen Schlitten hervor, der seit Jahrhunderten nicht mehr vom Weihnachtsmann benutzt worden war und trainierten damit immer wieder.

Die Monate vergingen. Es wurde Frühling, es wurde Sommer. Dann kam der Herbst und schließlich der nächste Winter. Für den Nordpol machte das allerdings keinen Unterschied, da dort das ganze Jahr über Schnee lag.
Schließlich wurde es Weihnachten. Der große Schlitten stand wieder auf dem Weihnachtsplatz bereit, die Rentiere, ganz vorne der berühmte Rudolf mit der roten Nase, hatten das Zaumzeug angelegt. Es fehlte nur noch der Weihnachtsmann. Auf ihn warteten, wie in jedem Jahr, die Rentiere und die Wichtel, um ihm bei seinem Abflug zuzujubeln.
Und dann war es auch schon so weit. Die Tür zum Haus des Weihnachtsmanns öffnete sich. Der Weihnachtsmann höchstpersönlich kam heraus und winkte in die Runde. Langsam ging er auf seinen Schlitten zu.
Er wollte gerade einsteigen, als er eine Stimme hörte, die ihn rief. Er sah sich um, denn es war noch nie geschehen, dass ein Einzelner in diesem Moment auf sich aufmerksam machte.
»Wer ruft nach mir?«, wollte der Weihnachtsmann wissen. Er legte seine Hand an die Stirn und sah über den gesamten Platz hinweg.
Ganz weit hinten, ganz am Rand entdeckte er seinen alten Schlitten. Davor stand eine Gruppe kleiner Rentiere, die Zaumzeug angelegt hatte und ebenfalls darauf wartete, dass der Weihnachtsmann zu ihnen kam.
»Guck mal einer an. Was ist denn das?«
Der Weihnachtsmann war amüsiert. »Da stehen meine lieben, kleinen Rentiere und wollen mir helfen. Das ist ja mal eine tolle Überraschung.«
Nun drehten sich auch die anderen Rentiere und Wichtel um. Sie waren allerdings weniger amüsiert. Die meisten von ihnen sahen ganz schön grimmig aus. Ein paar von ihnen sagten sogar ganz schlimme Dinge.
»Verzieht euch in euren Kindergarten. Ihr habt hier nichts zu suchen mit eurem mickrigen Schlitten. Damit könnt ihr niemals den Weihnachtsmann und seinen Schlitten um die Welt ziehen. Ihr seid unglaublich lächerlich. Und ein echter Rudolf fehlt euch auch. Keiner von euch hat eine rote Nase.«
Das kleine Rentier ließ sich davon nicht entmutigen. Stattdessen grinste es. Dann zog es eine rote Clownsnase hervor und steckte diese auf seine eigene.
Der Weihnachtsmann hielt sich den Bauch und lachte vor Vergnügen.
»Schau dir das an, Rudolf. Du bekommst tatsächlich Konkurrenz.«
Auch Rudolf konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Die Idee der kleinen Rentiere war nicht nur lustig, sondern auch genial.
»Hey Boss.«, rief Rudolf. »Was hältst du davon wenn meine Jungs und ich in diesem Jahr einfach mal Urlaub machen? Wir hatten noch nie an Weihnachten frei. Ich bin mir sicher, dass unsere Kleinen den Job hervorragend erledigen werden. Und wenn ich ganz ehrlich bin, der kleine Schlitten hat früher auch gereicht, um deinen Geschenkesack zu transportieren.«
Der Weihnachtsmann kratzte sich an seinem haarigen Kinn und dachte nach. Er schmunzelte und nickte schließlich.
»Du hast Recht. Lassen wir es einfach auf einen Versuch ankommen.«
Er ging auf den kleinen Schlitten zu und amüsierte sich über die erstaunten Gesichter der anderen Rentiere und Wichtel. Damit hatten sie alle nicht gerechnet.
»Ladet den Sack um und spannt meine Rentiere ab. Beeilt euch, Weihnachtswichtel. Ich habe einen engen Terminplan.«
Dann stieg er auf seinen alten Schlitten und zwinkerte dem kleinen Rentier grinsend zu.
»Dann zeig mir mal, kleiner Rudolf, was du und deine Freunde drauf haben.«
Das kleine Rentier war unglaublich stolz und freute sich sehr auf die kommende Weihnachtsnacht. Schon wenige Minuten später ging es los. Die kleinen Rentiere zogen den Schlitten in die Dunkelheit und waren nur Augenblicke später nicht mehr zu sehen.

(c) 2017, Marco Wittler

603. Die Weihnachtsmaus

Die Weihnachtsmaus

Frederick, die kleine Maus, kam aus seinem Mauseloch gekrochen. Der tägliche Hunger führte ihn auf direktem Weg zum Kühlschrank, den er mittlerweile schon sehr gut ohne Hilfe öffnen konnte. Den Menschen, die im Haus lebten, bemerkten nicht einmal, dass noch jemand bei ihnen lebte und sich hier und da etwas stibitzte.
Auf seinem Weg in die Küche musste er das große Wohnzimmer durchqueren. Glücklicherweise lagen die Menschen und auch der große Hund mit den scharfen Zähnen in ihren Betten und schliefen tief und fest.
Schon direkt hinter der Tür blieb Frederick stehen und sah sich verwirrt um. Es hatte sich etwas verändert. Der ganze Raum war mit bunten Lichtern geschmückt. In einer Ecke des stand eine riesige Tanne, die mit farbigen Kugeln, silbernen Fäden und elektrischen Kerzen geschmückt war.
»Was ist denn hier los?«, fragte sich Frederick. »So etwas habe ich hier noch nie gesehen.«
Er sah sich vorsichtig um und entdeckte schließlich auf einem Paket die Aufschrift ‚Frohe Weihnachten‘.
»Weihnachten? Kenne ich nicht. Was mag das wohl sein?«
Die kleine Maus versuchte, so viel wie möglich über dieses Weihnachten heraus zu bekommen. Fündig wurde sie irgendwann in einem Kinderbuch, das auf dem Sofa lag.
In dem Buch war von einem dicken Mann in einem roten Mantel die Rede. Es war der Weihnachtsmann, der jedes Jahr die artigen Kinder mit Geschenken belohnte und die bösen Kinder bestrafte.
»Das ist ja toll. Ich frage mich nur, warum der Weihnachtsmann nicht auch die kleinen Mäuse beschenkt. Ich kenne nämlich keine einzige Maus, die nicht artig ist.«
Frederick setzte sich auf das Sofa, knabberte einen Keks und blätterte immer wieder die Seiten des Buches durch, bis ihm eine Idee in den Sinn kam.
»Vielleicht ist der Weihnachtsmann zu sehr mit den Menschenkindern beschäftigt, weil es so viele von ihnen gibt. Er braucht Hilfe von einer Weihnachtsmaus.«
Frederick grinste über das ganze Gesicht. Dann sprang er vom Sofa und lief zurück in sein Mauseloch. Sofort machte er sich an die Arbeit, Geschenke für alle Mäusekinder zu basteln, die er kannte. Jeden einzelnen Tag bis zum Weihnachtsfest arbeitete er daran, sie alle am Weihnachtsabend glücklich zu machen.

Irgendwann war es dann so weit. Auf dem Kalender im Flur der Menschen stand es in großen Buchstaben geschrieben: Weihnachten.
Heute Nacht würde der Weihnachtsmann in dieses Haus kommen – wenn alles aus dem Buch der Wahrheit entsprach.
Frederick packte die vielen Geschenke in einen großen Sack und kleidete sich in einen weiten, roten Mantel und zog sich eine passende Mütze auf den Kopf. Dann wartete er am Eingang seines Mauselochs – und wartete und wartete. Irgendwann wurde er müde, so müde, dass ihm die Augen schwer wurden und er einschlief.
Tief in der Nacht schreckte Frederick dann hoch. Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Es war aus dem Wohnzimmer gekommen. Schnell lief er hinüber und spähte in den Raum. Dort tat sich etwas. Irgendwer kam gerade in diesem Moment aus dem Kamin geklettert. Ein Mann richtete sich auf und sah sich um. Da er niemanden sehen konnte, zog er einen großen Sack aus dem Kamin.
»Das ist er.«, flüsterte Frederick begeistert zu sich selbst. »Es gibt ihn wirklich. Das ist der Weihnachtsmann.«
Sofort eilte er in das Wohnzimmer. Vor Freude klatschte er in seine kleinen Pfoten und tanzte wie wild um sich selbst.
»Juhuu! Ich habe dich gefunden, Weihnachtsmann. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue.«
Der Weihnachtsmann erschrak. Sofort sah er sich in alle Richtungen um, konnte aber niemanden entdecken.
»Hm? Spielt mir da jemand einen üblen Streich?«
Er sah sich ein zweites Mal um.
»Los, komm aus deinem Versteck, wo auch immer du bist.«
Frederick kicherte.
»Weihnachtsmann, ich bin hier unten, direkt vor deinen großen Stiefeln.«
Der Weihnachtsmann rückte seine Brille zurecht und blickte nach unten.
»Huch, was ist denn das? Eine kleine Maus in einem Weihnachtsmantel. Bist du eine Weihnachtsmaus?«
Frederick nickte stolz.
»Ich bin so begeistert von deiner Aufgabe, dass ich mir gedacht habe, die vielen artigen Mäusekinder müssten auch beschenkt werden. Und wenn das jemand übernehmen kann, dann die Weihnachtsmaus.«
Frederick machte eine kleine Pause und wurde rot im Gesicht.
»Ich schaffe das allerdings nicht allein. Ich brauche dazu deine Hilfe. Mit meinen kleinen Beinchen komme ich in einer Nacht nicht sehr weit.«
Der Weihnachtsmann grinste. »Kein Problem ist unlösbar. Ich werde dir gerne helfen. Auf meinem Schlitten finden wir bestimmt noch einen Platz für dich und deinen Geschenkesack.«
Dann griff er vorsichtig nach Frederick und seinem Sack und stopfte beide in eine seiner Manteltaschen. Gemeinsam kletterten sich dann den Kamin hinauf und machten sich auf den Weg, die artigen Menschenkinder und die artigen Mäusekinder zu beschenken.

(c) 2017, Marco Wittler

602. Teddys Wunschzettel

Teddys Wunschzettel

Teddy saß im Regal. Ganz hinten links in der letzten Ecke war sein Platz. Dort hatte er schon immer gesessen, seit er im Spielwarengeschäft vor vielen Jahren angekommen war. Gekauft hatte ihn in der langen Zeit niemand. Er war immer übersehen worden. An Kindergeburtstagen zu Weihnachten oder einfach zwischendurch, waren immer die anderen Kuscheltiere gekauft worden. Es waren immer die Großen, Schönen, Bunten gewesen. Oder einfach die, die ganz vorn im Regal gesessen hatten. Nur Teddy, der blieb wo er war und verstaubte mit der Zeit.
Doch dieses Weihnachten sollte alles anders werden. Teddy wollte nicht mehr der alte Bär in der Ecke bleiben, der über den die anderen Kuscheltiere hinter vorgehaltener Hand lachten. Teddy wollte endlich ein Zuhause bei einem kleinen Kind finden. Er hatte sich auch schon genau überlegt, wie er das anstellen wollte. Er schrieb einen Brief an den Weihnachtsmann.

Hallo lieber Weihnachtsmann.
Hier schreibt Dir Teddy. Du weißt schon, der kleine, alte Bär aus der hintersten Ecke im Spielwarengeschäft. Der, den bisher niemand gekauft hat. Der, an den nie jemand denkt.
Ich fühle mich hier an meinem Platz sehr einsam, auch wenn ganz viele andere Spielzeuge um mich herum leben. Denn im Verkaufsregal zu sitzen ist etwas anderes, als von einem kleinen Kind lieb gehabt zu werden. Das fehlt mir sehr. Jedes Jahr, wenn ich zusehe, wie die anderen nach und nach verkauft und verpackt werden, macht mich das traurig, dass ich wieder nicht unter einem Weihnachtsbaum oder auf einem Geburtstagstisch sitzen werde.
Deswegen schreibe ich Dir diesen Brief und hoffe, dass Du mir helfen kannst.
Mein einziger und größter Wunsch ist es, dieses Weihnachten endlich in das Herz eines ganz besonderen Kindes geschlossen zu werden. Eines, das mich nimmt, wie ich bin.
Ich bin zwar nicht der schönste Teddy, auf mir liegt schon eine Staubschicht, mein Fell glänzt schon etwas länger nicht mehr und ein Auge fehlt mir auch schon, seit ich einmal aus dem Regal gefallen bin, aber ich ich habe trotzdem noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass mich jemand findet und mit sich nach Hause nimmt. Vielleicht kannst Du mir ja dabei helfen, dass mein Traum in Erfüllung geht.

Liebe Grüße,
Dein Teddy.

Den Brief steckte Teddy in einen bunten Umschlag und legte ihn auf den großen Stapel auf dem Verkaufstresen.
Er ließ sich auch nicht vom leisen Gekicher der anderen Kuscheltiere entmutigen. Er hörte sie schon flüstern: „Schaut euch mal den alten Teddy an. Der glaubt wirklich noch daran, dass er eines Tages verkauft wird. So einen Schmuddelbären will doch keiner mehr haben.“
Doch das war ihm egal. Er setzte sich wieder an seinen Platz, in die hinterste Ecke des Regals und träumte von seiner Zukunft in einem bunten Kinderzimmer.

Am nächsten Tag räumte die Verkäuferin des Spielzeugladens die Regale leer und wischte Staub. Danach sortierte sie die Kuscheltiere neu ein und platzierte sie ordentlich nebeneinander.
„Nanu, was ist denn das? Den habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen.“
Sie hielt Teddy in Händen und betrachtete ihn von allen Seiten.
„Nein, was sich hier alles in den letzten Jahren angesammelt hat. Ich glaube, ich muss mal wieder altes Spielzeug aussortieren, dass sich nicht verkaufen lässt. Und mit diesem Teddy fange ich jetzt an.“
Aussortieren? Altes Spielzeug? Teddy bekam Angst. so alt war er doch auch nicht. Nur wegen einem bisschen Staub, einem fehlenden Augen und matten Fell durfte man ihn doch nicht aussortieren. Er gehörte ins Regal, damit ihn jemand kaufen konnte.
Teddy bekam Angst. Nur zu gern hätte er geschrien und gebrüllt. Aber als Spielzeug war das leichter gedacht als getan. Er konnte sich nicht einmal wehren. Die Verkäuferin nahm ihn mit nach hinten, öffnete eine Tür und warf Teddy in einen großen Müllcontainer.
Da lag er nun. Lange war er übersehen und vergessen worden. Und nun endete sein Leben im Müll. Das hatte er sich ganz anders vorgestellt.
Doch dann hörte er eine kleine, leise Stimme.
„Hast du das gesehen, Mama? Die Frau hat ein Spielzeug weggeworfen. Darf ich mir das mal ansehen?“
Die Mutter zögerte etwas.
„Das dürfen wir nicht machen. Das ist verboten. Der Müll gehört immer noch der Frau aus dem Geschäft. Wenn wir uns etwas davon nehmen, bekommen wir Ärger mit der Polizei. Das ist nämlich Diebstahl.“
„Aber Mama. Du weißt doch, wie gern ich ein Spielzeug zu Weihnachten haben möchte, auch wenn du dieses Jahr kein Geld dafür hast. Mir würde schon ein altes Spielzeug reichen, das niemand anderes mehr haben will. Bitte, bitte.“
Die Mutter seufzte.
„Na gut. Aber wir beeilen uns, damit uns niemand erwischt.“
Gemeinsam näherten sie sich dem Müllcontainer und sahen hinein. Teddy, der im Container lag, sah nach draußen und entdeckte Mutter und Kind. Beide waren in alte Klamotten gekleidet, die sie bestimmt schon einige Jahre getragen hatten. Es schien ihnen wohl nicht besonders gut zu gehen.
Da öffnete sich wieder die Hintertür des Geschäfts. Die Verkäuferin war wieder da. In ihren Händen hielt sie weitere Spielzeuge, die sie aussortiert hatte.
„Was machen sie hier?“, fragte sie die Beiden.
„Wir … äh.“
Die Mutter begann zu stottern. Sie schien Angst zu haben, dass nun die Polizei gerufen werden würde.
„Ist schon gut.“, sagte die Verkäuferin.
„Sucht euch ein Spielzeug aus. Meinem Chef wird es bestimmt nicht auffallen, wenn etwas im Müllcontainer fehlt. Ihr könnt es bestimmt gebrauchen.“ Aber erzählt es bitte nicht weiter.“
Mutter und Kind nickten. Dann sah das Kind wieder in den Container.
„So viel Spielzeug habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen.“, flüsterte es. „Ich kann mich gar nicht entscheiden.“
Teddy versuchte mit einem seiner Arme zu winken. Er wollte dem Kind etwas zurufen, irgendwie auf sich aufmerksam zu machen. Aber für ein kleines, altes Spielzeug war das gar nicht so einfach. Er konnte einfach nur hoffen, dass es sich für ihn entscheiden würde.
Doch dann sah er die viel schöneren Spielzeuge, zwischen denen er lag. Da wusste er, dass er keine Chance hatte.
„Den da will ich. Der gefällt mir gut.“
Das Kind zeigte mit einem Finger in den Container.
„Wen meint sie? Wen hat sie ausgesucht?“, wollte Teddy wissen. „Wer von uns ist der Glückliche?“
Und dann kam langsam die Hand der Mutter herab. Sie ergriff Teddy und hob ihn vorsichtig heraus.
„Der sie aber nicht mehr schön aus. Er ist schmutzig, sein Fell glänzt nicht mehr und ein Auge fehlt ihm auch noch.“, sagte die Mutter.
„Willst du dir nicht etwas Schöneres aussuchen?“
„Nein. Denn etwas Schöneres gibt es in dem Container nicht. Ich möchte gern den Teddy haben.“
Die Mutter gab ihrem Kind den Teddy.
Und Teddy konnte sein Glück noch gar nicht wirklich fassen. Er war tatsächlich von einem Kind ausgesucht worden. Von einem echten Kind. Er würde in einem richtigen Kinderzimmer leben und spielen. Und ein Kind würde ihn lieb haben. Das war der schönste Tag in seinem ganzen Leben.

(c) 2017, Marco Wittler

601. Marathon

Marathon

Endlich war es so weit. Auf diesen Tag hatte sich Papa ein ganzes Jahr vorbereitet. Mehrmals in der Woche hatte er hart trainiert, war immer wieder die Geh- und Waldwege entlang gelaufen. Das alles nur für ein einziges Ziel: Den Weihnachtsmarathon im Dorf zu gewinnen.
Schon ein paar Mal hatte er es versucht. Im ersten Jahr war er gar nicht bis ins Ziel gekommen. Die Strecke über zweiundvierzig Kilometer war bei den kalten Temperaturen einfach zu viel gewesen. Doch danach hatte er sich Jahr für Jahr nach vorn gekämpft. Das einzige, was Papa noch fehlte, war der Sieg. Dieses Mal wollte er ihn sich endlich holen.
An diesem Tag war die ganze Familie auf den Beinen. Papas Sohn Max stand mit seiner dicken Winterjacke am Start und feuerte Papa an. Hinter ihm standen noch Oma, Opa, Mama und seine kleine Schwester Sara. Sie alle drückten Papa die behandschuhten Daumen.
Und da ertönte der Startschuss. Die einhunderfünfzig Läufer, denen der Dezember nicht zu kalt zum Laufen war, setzten sich in Bewegung. Schon wenige Meter hinter der Startlinie begann Papa sein erstes Überholmanöver. Nach und nach ließ der einen Läufer nach dem anderen hinter sich. Es sah gut aus für den Sieg. Aber noch lagen die zweiundvierzig Kilometer vor ihm.
Nachdem alle Teilnehmer hinter der ersten Kurve verschwunden waren, wurde es langweilig und kalt. Max und der Rest der Familie zogen sich in das nahe Gemeindehaus der Dorfkirche zurück. Dort war es warm. Es gab heißen Tee, Kuchen und eine ordentliche Gulaschsuppe. Die Erwachsenen unterhielten sich miteinander, während sich die Kinder schminken oder von einem Zauberer verzaubern lassen konnten. Ein paar Spielstationen gab es auch noch.
„Wie lange wird Papa denn unterwegs sein?“, fragte Max irgendwann.
„Wenn alles gut geht, dann kommen die ersten Läufer nach etwa vier Stunden ins Ziel.“, erklärte Opa
Max übte sich also weiter in Geduld und wartete.
Nach fast vier Stunden hielt es ihn nicht mehr im Gemeindehaus. Er wollte Papas Sieg nicht verpasst. Also ging er gemeinsam mit seiner Familie nach draußen. Sie stellten sich in der Nähe der Ziellinie auf, hielten mehrere Kameras und Handys bereit, um ein möglichst gutes Foto von Papa machen zu können.
Über der Ziellinie hing eine große Uhr, auf der die aktuelle Zeit der Läufer angezeigt wurde. Ein Mann mit Mikrofon kommentierte alles, was er sah und was ihm sonst noch einfiel.
Die Uhr zeigte 3:59:00. In einer Minute würden die vier Stunden rum sein. Papa hatte sich gewünscht, das erste Mal in seinem Leben unter diesen vier Stunden bleiben zu können.
„Das wird bestimmt richtig schwer, weil es viel kälter ist.“, hatte er gesagt. Trotzdem wollte er sein Bestes geben.
„Und da sehe ich auch schon den ersten Läufer auf die Zielgerade biegen. Wenn er so weiter macht, wird er unter vier Stunden bleiben.“, sagte der Sprecher von seinem erhöhten Stehplatz.
„Nur noch wenige Meter trennen ihn vom Ziel. Ach, und da kommt auch schon der Zweite. Sie sind ganz nah beeinander. Das wird ein Kopf an Kopf rennen. Wer wird wohl unseren diesjährigen Weihnachtsmarathon gewinnen?“
Max streckte sich. Er machte seinen Hals so lang wie möglich, um etwas sehen zu können.
Tatsächlich war das Papa, der ganz vorn lief.
Max jubelte. Er feuerte Papa an. Doch da war plötzlich der zweite Läufer. Dieser gab nochmal richtig Gas. Er holte Papa ein. Dann erkämpfte sich Papa wieder einen kleinen Vorsprung, der er aber sofort wieder verlor. Bis zum Ziel waren die Beiden auf gleicher Höhe. Aber auf dem letzten Meter fiel Papa zurück und der Andere gewann den Marathon.
Max staunte. Denn es war nicht irgendwer, der da gewonnen hatte. Der Sieger trug einen langen Mantel und eine dicke Mütze in roter und weißer Farbe. Seine Füße steckten nicht in Laufschuhen, sondern in dicken Stiefeln. Im Gesicht hatte er einen langen, weißen Bart. Und seinen Sieg bejubelte er mit einem lauten ‚Ho ho ho‘.
Der Gewinner war der Weihnachtsmann.
„Ich habe gegen den Weihnachtsmann verloren?“, war Papa verzweifelt. „Das darf doch nicht wahr sein. Was machst du denn hier? Ich wusste gar nicht, dass du Marathon läufst.“
Der Weihnachtsmann grinste.
„Glaubst du etwa, ich würde es schaffen, in einer Nacht alle Geschenke zu verteilen, wenn ich nicht vorher trainieren würde?“
Papa seufzte. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Zum Trost fiel ihm Max um den Hals.
„Papa, das hast du ganz, ganz toll gemacht. Für mich bist du die Nummer Eins. Gegen so einen Profi hat halt niemand eine Chance.“

(c) 2017, Marco Wittler

600. Der Adventskalender

Der Adventskalender

Tim lag aufgeregt in seinem Bett. Er war schon sehr früh wach geworden, weil er es nicht mehr aushalten konnte. Gleich würde Mama in sein Zimmer kommen, das Licht einschalten und ihn wecken. Dann würde Tim gleich aus den Federn springen, zu seinem Adventskalender laufen und das erste Türchen öffnen. Schokolade noch vor dem Frühstück, das gab es nur im Dezember. Aber dann gleich vierundzwanzig Mal hintereinander. Was für eine tolle Jahreszeit.
Es konnte sich nur noch um wenige Minuten handeln. Oder sollte Tim schon heimlich aufstehen und schon jetzt die Schokolade naschen? Nein. Dann wäre die ganze Aufregung und Vorfreude dahin. Also wartete er geduldig.
Fünf Minuten später öffnete sich die Tür. Tim schloss schnell die Augen und stellte sich schlafend. Mama schaltete das Licht ein, schüttelte sanft an Tims Schulter, bis er gähnend die Augen öffnete.
»Es wird Zeit aufzustehen. Gleich geht es in die Schule.«
Tim stand sofort hellwach auf und zog sich geschwind an.
»Darf ich, Mama?«
Mama seufzte und lächelte. »Na los. Mach dein Türchen auf und lass dir die Schokolade schmecken.«
Tim flitzte zu seinem Schreibtisch und öffnete Türchen Nummer Eins … und war verwirrt.
»Was soll denn das? Wo ist meine Schokolade? Hier ist nichts drin. Da stimmt doch was nicht.«
Er sah sich den Kalender genauer an und stellte fest, dass jedes Türchen schon geöffnet und wieder verschlossen worden war. Also öffnete auch er die Türen nacheinander.
»Leer … leer … leer … nichts … gar nichts … noch mehr nichts …«
Tränen standen ihm in den Augen.
»Mama, der Kalender ist komplett leer. Es hat ihn jemand leer gefuttert, bevor ich das machen konnte. Wer macht denn sowas?«
Er warf sich in Mamas Arme und begann zu weinen. In diesem Moment kam Papa keuchend ins Kinderzimmer.
»Oh, verdammt. Ich bin zu spät dran.«
Papa wurde rot im Gesicht.
»Zu spät wofür?«, fragte Mama. Sie bekam plötzlich einen strengen Ton in ihrer Stimme.
»Hast du etwa …?«
Papas Gesicht wurde nun dunkelrot wie eine reife Kirsche.
»Ähm … ich … also.«
Er seufzte.
»Tut mir wirklich leid. Aber ich hatte gestern Abend einen unglaublichen Hunger auf etwas Süßes. Ich konnte einfach nicht widerstehen. Passiert aber bestimmt nicht wieder.«
Dann holte er aus einer Einkaufstasche einen neuen Adventskalender hervor.
»Ich dachte, ich schaffe es noch, bevor du aufstehst, aber dann war die Schlange an der Kasse so lang. Da standen ganz viele Väter mit roten Gesichtern und Adventskalendern in den Händen.«
Jetzt konnte Tim wieder grinsen.
»Dann bist du ja nicht der einzige Papa, der seinen Kindern die Schokolade weg gefuttert hat.«
»Ja genau. Und stell dir vor, drei von ihnen haben keine Kalender mehr bekommen. Das Regal war nämlich irgendwann leer.«
Da war Tim froh, dass sein Papa rechtzeitig zum Einkaufen gefahren war.

(c) 2017, Marco Wittler