622. Der antike Adventskalender

Der antike Adventskalender

Max saß in seinem Zimmer und hörte sich eine alte Schallplatte von Papa an. Moment. Eine Schallplatte? Du fragst dich, was das ist? Also: Eine Schallplatte ist so etwas Ähnliches wie eine CD, nur sehr viel älter und größer. Max fand alte Sachen schon immer besonders cool. Deswegen hatte er nicht nur Papas Schallplattenspieler in seinem Zimmer, sondern auch Oma altes Radio, einen Gameboy statt einer Playstation und ein Handy mit Tasten. Ein Smartphone wäre für ihn nie in Frage gekommen. Und deswegen saß Max nun in seinem Zimmer und hörte eine Schallplatte.
Irgendwann kam Papa herein. »Hörst du wieder meine alten Platten?«, fragte er neugierig.
»Ja klar.«, antwortete Max. »Es gibt keine coolere Musik. Willst du dich zu mir setzen?«
Papa schüttelte den Kopf.
»Keine Zeit. Mama schickt mich. Sie möchte wissen, was für einen Adventskalender du dir dieses Jahr wünschst.«
Max sah erschrocken auf seinen Wandkalender.
»Ist schon wieder Dezember?«
»Noch nicht. Aber Morgen.«
Max dachte schnell nach und sah sich dabei in seinem Zimmer um. Dann begann er zu grinsen.
»Darf ich es euch denn mal so richtig schwer machen?«
Dachte ließ sich den Gedanken kurz durch den Kopf gehen und nickte schließlich.
»Du weißt doch, dass ich auf altes Zeug stehe.«, begann Max. »Deswegen wünsche ich mir einen alten, antiken Adventskalender. Ich weiß zwar nicht, wie die früher ausgesehen haben, möchte aber trotzdem einen haben.«
»Uff!«, machte Papa. »Und du willst wirklich keinen mit Schokolade?«
Max schüttelte den Kopf.
»Na gut. Dann mache ich mich mal auf die Suche.«

Ein paar Tage später, es war der 1. Dezember, kam Max mittags aus der Schule. Er war schon sehr auf seinen Adventskalender gespannt. Ob Papa es geschafft hatte, seinen ungewöhnlichen Wunsch zu erfüllen?
Im Haus zog er schnell seine Jacke und seine Schuhe aus. Dann flitzte er in sein Zimmer und sah sich um.
Ein Kalender war nirgendwo zu sehen. Der Einzige Gegenstand, der eigentlich nicht ins Zimmer gehörte, war ein kleines Holshäuschen und ein Strohhalm von einer Getreidepflanze.
»Was ist denn das?«
»Das ist dein antiker Adventskalender.«, erklärte Papa.
»Vor dir steht eine Krippe. Na gut. Es stellt den Stall von Bethlehem dar. Die Krippe ist die Futterstelle der Tiere, in der Jesus als Baby gelegt wurde. Es fehlt allerdings das Stroh, damit das Baby weich liegen kann.«
»Und dazu soll dieser eine Halm reichen?«, wunderte sich Max.
»Nee.«, lachte Papa.
»Es braucht genau 24 Strohhalme. Du bekommst jeden Tag einen dazu. Wenn alle Halme aufgebraucht sind, ist Heiligabend. So haben das die Kinder vor 400 Jahren gemacht.«
»Hm.«, machte Max.
»Cool ist das ja schon irgendwie. Antik auch. Aber die Schokolade wäre mir dann doch lieber gewesen.«
Papa grinste und holte etwas aus Max Kleiderschrank.
»Und deswegen habe ich dir zusätzlich einen normalen Adventskalender gekauft.«
Da Max fiel ein Stein vom Herzen.

(c) 2017, Marco Wittler

547. Endlich ist es so weit

Endlich ist es so weit!

Tim war aufgeregt. Er hatte die ganze Nacht kaum schlafen können. Und wenn er mal nicht wach im Bett gelegen hatte drehten sich seine Träume immer nur um diese eine ganz bestimmte Sache.
Und jetzt war es endlich so weit.
Kaum hatte der Wecker geklingelt, sprang er aus seinem Bett, flitzte ins Bad und machte sich für den Tag fertig. Nach dem Waschen und Zähne putzen zog er sich seine Klamotten an und ging hinunter in die Küche. Mama und Papa saßen bereits am Tisch und bereiteten das Frühstück vor.
»Endlich ist es so weit!«, rief Tim, als er durch die Tür kam.
»Endlich darf ich …«
Doch dann wurde er von Mama unterbrochen.
»Erstmal darfst du dich an den Tisch setzen und mit uns frühstücken. Danach schauen wir weiter.«
Tim seufzte und setzte sich auf seinen Stuhl. Geduldig füllte er seine Schüssel mit Müsli und Milch und aß alles auf. Mit dem letzten Bissen ließ er den Löffel fallen. Er schluckte noch einmal, putzte sich mit einer Serviette den Mund ab und sprang auf.
»Aber jetzt ist es endlich so weit!«, rief er wieder.
»Na gut.«, seufzte Mama. »Jedes Jahr das Gleiche.«
Grinsend lief Tim zur gegenüber liegenden Wand. Dort hing sein Adventskalender. Heute durfte er das Türchen mit der ‚1‘ öffnen. Mit einem Ruck riss er die dünne Pappe heraus, nahm die Schokolade und stopfte sie sich in den Mund. Genüsslich schloss er die Augen und lutschte das kleine Stück, bis es komplett geschmolzen war.
»Wie lange habe ich darauf warten müssen.«
Mama lachte. »Es ist doch nur Schokolade. Davon gibt es das ganze Jahr oft genug etwas.«
»Nein, Mama. Das hier ist Adventsschokolade. Die gibt es nur einmal im Jahr. Die ist was Besonderes. Die kann ich nur vierundzwanzig Mal im Jahr genießen.«, erklärte Tim, der sich bereits auf Morgen freute.
Mama hingegen seufzte ein weiteres Mal. Die übertriebene Freude würde es jetzt jeden Morgen nach dem Frühstück geben.

(c) 2016, Marco Wittler