457. Der gierige Affe

Der gierige Affe

Der kleine Affe saß unter einer großen Bananenpflanze und sah hungrig nach oben.
»Ich habe Hunger.«, rief er seiner Mutter zu.
»Holst du mir eine Banane?«
Die Affenmutter war verzweifelt. Alle ihre Kinder kletterten mittlerweile ganz allein an Bäumen und Sträuchern nach oben und holten sich ihr Essen selbst. Nur der Kleinste von ihnen wollte einfach nicht lernen, wie man klettert. Vielleicht war er aber auch nur zu faul.
»Versuch es doch mal selbst. Irgendwann musst du es doch mal lernen. Ich kann nicht den Rest deines Lebens für dich sorgen.«
Der kleine Affe sah wieder nach oben zu den leckeren Bananen.
»Aber Klettern ist so schwer und so anstrengend. Das schaffe ich nie. Du kannst das viel besser.«
Die Affenmutter seufzte und kletterte an der großen Pflanze nach oben.
»Das ist aber das letzte Mal. Ab Morgen musst du dir den Essen selbst holen.«
Der kleine Affe jubelte, als er seine Banane bekam. Es dauerte nur wenige Sekunden bis er sie geschält und gegessen hatte.
»Mehr, ich will mehr. Die sind ja so lecker.«
Wieder kletterte die Affenmutter hoch und holte eine Banane.
»Noch mehr. Noch viel mehr.«
Rauf und runter kletterte die Mutter. Der kleine Affe schien aber nicht satt zu werden. Er wollte immer mehr. Irgendwann reichte es ihr.
»Nein. Ab jetzt werde ich dir nichts mehr holen. Du bist so gierig, dass du gar nicht mehr weißt, wann Schluss ist. Jetzt musst du dich selbst um deine Bananen kümmern. Lern endlich Klettern oder verhungere.«
Dann verschwand sie, ohne sich noch einmal umzusehen, im dichten Urwald.
Der kleine Affe hätte nicht gedacht, dass sie tatsächlich gehen würde. Deswegen war er nun richtig überrascht.
»Pah, wenn du mir nicht mehr helfen willst, hole ich mir meine Bananen eben selbst. Die sind so lecker, dass ich das auch allein schaffe. Ich brauche dich nicht. Und ohne Klettern schaffe ich das garantiert auch.«
Er versuchte mit den Armen nach den Bananen zu greifen, kam aber nicht ran. Beim zweiten Versuch machte er sich richtig lang, schaffte es aber trotzdem nicht.
»Verdammt. Irgendwie muss das doch gehen.«
Der kleine Affe machte einen langen Hals und wollte nun die Bananen direkt von der Pflanze fressen. Aber immer noch fehlte ein gutes Stück, bis er auch nur in die Nähe der Leckereien kam.
Er machte seinen Hals noch länger, reckte seinen Kopf so hoch er nur konnte. Zentimeter für Zentimeter schob er ihn in die Höhe. Er konnte die Bananen schon riechen. Und nach ein paar Minuten, er hatte selbst schon nicht mehr damit gerechnet, stupste er mit seiner Nase an der ersten Banane an.
»Juhuu, ich habe es geschafft.«
Vor Freude biss er in die Banane und schluckte ein Stück von ihr herunter.
»Seht her, was ich kann.«, rief er in den Urwald zu seiner Affenfamilie.
»Ich kann Bananen fressen, ohne zu klettern.«
Doch als die Affen neugierig aus dem Dickicht kamen, lachten sie sich fast tot, denn der kleine Affe hatte einen unglaublich langen Hals bekommen. Seine Mutter schüttelte den Kopf.
»Was hast du denn jetzt nur wieder angestellt?«
Der kleine Affe grinste.
»Ich hatte keine Lust zu klettern. Also hab ich einfach meinen Hals länger gemacht.«
So war aus dem gierigen Affen die erste Giraffe geworden.

(c) 2013, Marco Wittler

073. Das Leben im Dschungel

Das Leben im Dschungel

Bubu kletterte schnell den Baum hinauf zur Spitze. Von dort aus hatte er einen sehr guten Überblick. Er konnte den Dschungel von einem bis zum anderen Ende sehen. Jedenfalls dachte er das. Dich in Wahrheit war der Dschungel so riesig, dass seine Enden in jeder Richtung hinter dem Horizont verschwanden.
Zu sehen war hier oben aber nicht sehr viel außer dem riesigen grünen Blätterdach.
»Also hier oben ist nichts zu sehen.«, rief er nach unten.
»Vielleicht hast du dich auch verhört.«
Nana stemmte die Arme in die Hüfte und sah erbost nach oben.
»Ich habe mich nicht verhört. Ich habe sehr gute Ohren und weiß genau, wann ich mich irre und wann nicht. Das Fauchen des Panthers kam eindeutig von oben. Er muss dort irgendwo sein. Wenn wir nicht aufpassen, wird er uns noch alle fressen, bevor wir es mitbekommen.«
Bubu kletterte wieder nach unten und zuckte mit den Schultern. Gesehen hatte er nichts.
»Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie ein Panther so weit klettern könnte. Dafür ist er viel zu schwer. Wir Affen purzeln schließlich auch schon mal von den dünneren Ästen herab.«
Nana überlegte und nickte schließlich.
»Ach, du hast ja Recht. Aber trotzdem habe ich ein Geräusch gehört. Aber nun ist es weg.«
Zusammen kletterten sie weiter nach unten und schlossen sich wieder der großen Affenfamilie an, die etwa zehn Meter über dem Urwaldboden die Bäume bewohnte. Sie hatten es sich hier oben sehr gemütlich gemacht und kleine Hütten gebaut, um sich vor Angriffen von Raubtieren schützen zu können, die ab und zu vom Boden aus herauf kletterten.
Und dann war da wieder ein Geräusch. Nana sah sich sofort besorgt um. Es war ein Brummen, dass aus der Luft kam. Diesmal hörte es Bubu auch. Er kletterte erneut nach oben und sah sich um. Im Himmel flog ein großer silberner Vogel, der während seines Fluges etwas verloren hatte. Es sah aus wie ein großes eckiges Ei, das nun langsam zu Boden schwebte.
Bubu bekam Angst. Er kehrte schnell nach Hause zurück, um den anderen erzählen zu können, was er gesehen hatte.
Einige der Affen wollten ihm nicht glauben. Sie waren der Meinung, dass Eier immer rund wären. Außerdem würden sie nicht schweben, sondern wie ein Stein zu Boden fallen und dort kaputt gehen. Zum Beweis holte einer von ihnen ein Ei aus seinem Vorratsschrank und warf es weg. Und tatsächlich fiel es wie ein Stein.
Allerdings achtete niemand mehr darauf, wie es in der Tiefe kaputt ging, denn plötzlich hörten sie ein lautes Krachen und Knacken über ihren Köpfen.
Die Kinder versteckten sich sofort unter ihren Betten, während die Größeren verstört nach oben sahen. Irgendetwas tat sich in den Baumkronen, und es kam schnell näher.
Dann war es da. Es raste heran und vorbei, bis es auf dem Boden aufschlug. Es war das eckige Ei, das Bubu gesehen hatte.
»Das ist es. Das ist das Ding, das der silberne Vogel verloren hat. Es hing vorhin noch an einer großen roten Feder, von der es sanft herab getragen wurde. Offenbar ist sie verloren gegangen, sonst wäre das Ding nicht so schnell an uns vorbei gefallen. Was mag es wohl sein?«
Bubu und Nana kletterten zum Boden. Die anderen achteten darauf, dass sich nicht von irgendwo ein Raubtier näherte.
Bubu streckte vorsichtig eine Hand aus und berührte das Ding. Er zog sie schnell zurück und sprang hinter einen Baumstumpf. Aber es geschah nicht.
Erneut ging er auf das Ding und fasste es nun fester an.
»Es ist aus Holz gemacht. Es ist gar kein Ei. Und gefährlich scheint es auch nicht zu sein.«
Erleichterung ging durch die Affenfamilie. Offenbar war es nur eine große Kiste, die nun unter ihnen lag. Doch wozu sollte sie gut sein?
Die Antwort auf diese Frage erhielten sie drei Tage später, als es wieder seltsame Geräusche gab. Diesmal kamen sie vom Boden. Irgendetwas kam langsam näher und zerbrach Äste und fällte Bäume. Ein lautes Krachen und Knacken war zu hören. Und dann waren da Stimmen von Tieren, die noch kein Affe zuvor jemals gehört hatte.
Alle bekamen es mit der Angst zu tun. Um welche Wesen handelte es sich? Waren sie friedlich oder würden sie die Affen fressen wollen?
Schließlich fiel ein letzter Baum und eine kleine Horde unbekannter Wesen kam auf die kleine Lichtung unterhalb der Affensiedlung.
Bubu war neugierig und kletterte leise näher, um sich alles anzusehen.
»Das ist ja unglaublich. Sie sehen fast aus wie wir, nur das sie fast kein Fell haben. Ob sie Nacktaffen sind?«
Der kleine Affe wusste gar nicht, was er da vor sich hatte. Und er wusste auch nicht, welche Gefahr ihm und seiner Familie nun drohte.
Die Nacktaffen, wie er die Wesen nannte, waren Menschen. Sie waren gekommen, um Affen für einen Zoo zu fangen. In der großen Holzkiste versteckte sich ein großer Käfig, der später von einem Hubschrauber abholt werden sollte.
Die Menschen hatte lange silberne Stöcke dabei, die sie nun in die Luft hielten und sich damit genau umsahen.
Auch die Affen sahen sich nun alles genau an. Sie waren so neugierig geworden, dass sie ihre Hütten verließen und immer näher an die Menschen heran kamen. Bis schließlich ein lauter Knall ertönte und Nana zum Boden fiel.
Bubu war entsetzt. Was er gerade gesehen hatte, erschreckte ihn so sehr, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Was war da bloß geschehen?
Erneut knallte es und dann immer wieder. Mit jedem neuen Knall fiel ein weiterer Affe von einem Ast.
Die Familie geriet in Panik und alle versuchten sich zu verstecken, doch die silbernen Stöcke waren schneller.
Schließlich lagen zwanzig Affen auf dem Boden und rührten sich nicht mehr.
Bubu hatte Glück gehabt. In seinem Versteck hatte ihn niemand gesehen. Und so überlegte er, was nun zu tun sei. Gegen die silbernen Stöcke hatten sie keine Chance, also wollte er so schnell wie möglich mit der restlichen Familie fliehen und eine neue Siedlung aufbauen. Aber dazu mussten die Nacktaffen erst einmal verschwinden oder Schlafen.
In der Zwischenzeit hatten die Menschen die Holzkiste geöffnet und trugen die Affen in den Käfig. Es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis Nana und die anderen aus einem tiefen Schlaf erwachten und sich verwundert umsahen. Sie waren nun nicht mehr in den Bäumen sondern von metallenen Stangen umgeben.
»Hilfe, bitte helft uns.«
Doch das Betteln und Flehen wurde nicht erhört. Die Affen in Freiheit hatten viel zu viel Angst. Sogar Bubu wusste nicht, wie er die Gefangenen befreien sollte. Vielleicht würde die Nacht eine Antwort bringen.
Als es dunkel wurde, zogen sich die Menschen in eine kleine Behausung zurück. Es war eine Hütte, die nur aus Stöcken und einem dünnen Fell bestand. Nur einer von ihnen blieb zurück und entzündete ein Feuer.
Bubu erkannte seine Chance und schlich sich von hinten an ihn heran und klaute den Käfigschlüssel. Er öffnete das Gefängnis und lies die Affen frei.
Die Freude war riesig. Aber dennoch blieben alle still. Sie hatten Angst erwischt zu werden. Schließlich beratschlagten die Affen, was nun zu tun sei. Würden sie die Menschen nicht vertreiben können, würden diese schon am nächsten Morgen erneut mit den Silberstöcken eine Jagd veranstalten.
»Ich habe da eine geniale Idee.«
Bubu kletterte zum Boden hinab, legte sich allein in den Käfig und wartete darauf, entdeckt zu werden.
Es dauerte auch nur ein paar Minuten, bis der Mann am Lagerfeuer herüber sah und erschreckt feststellen musste, dass die Affen fast alle verschwunden waren. Er weckte schnell die anderen und kam schließlich mit ihnen langsam in den Käfig, um den letzten verbliebenen Affen anzusehen.
Auf diesen Moment hatte Bubu nur gewartet. Er sprang kreischend auf, kletterte an den Käfigstangen empor, über die Köpfe der Menschen hinweg und nach draußen. Er warf die Käfigtür zu und hörte, die das Schloss einschnappte.
Nun waren die Nacktaffen ihre eigenen Gefangenen geworden und hatten keine Chance auf eine Flucht. Sie mussten darauf warten, befreit zu werden.
Die Affen jubelten und feierten Bubu als ihren großen Retter und Helden. Die Menschen hingegen bettelten und heulten. Aber es sollte ihnen nichts nützen.
Zwei Tage später war erneut ein Geräusch am Himmel zu hören. Die Affen versteckten sich sofort in ihren Hütten. Nur Bubu beobachtete, was sich nun tat.
Aus dem Himmel kam ein langes Seil herab, welches bis zum Käfig herab reichte. Die gefangenen Menschen befestigten es daran und wurden kurz darauf nach oben gezogen und verschwanden für immer.
Von nun an konnten die Affen wieder in Ruhe in ihrem Dschungel leben und mussten sich nie wieder vor den Menschen fürchten. Und wenn es doch einmal Probleme gab, dann hatte Bubu meistens eine Lösung zur Hand.

(c) 2008, Marco Wittler