330. Ein Picknick im Wald

Ein Picknick im Wald

In den letzten Wochen hatte es ohne Pause geregnet. Dunkle Wolken hatte für lange Zeit die Sonne verdeckt. Doch nun war es endlich seit drei Tagen wieder schön. Das Grau am Himmel hatte sich verzogen und einem kräftigen Blau Platz gemacht. Mittlerweile war es auch wärmer geworden. Da lohnte es sich, etwas draußen zu unternehmen.
»Wir werden heute ein Picknick machen.«, hatte Mama schon beim Frühstück entschieden.
»Ein Picknick?«, hatte Anna-Lena neugierig gefragt.
»Was ist denn das?«
Mama lachte.
»Wir verlegen das Mittagessen und deine geplante Teeparty nach draußen. Wir nehmen einen Korb, packen da eine Decke hinein, etwas zu Essen, Teller, Besteck, Getränke und gehen zusammen in den Wald und machen es uns auf der großen Lichtung bequem.«
Anna-Lena bekam hoch erfreute Augen.
»Juhuu. Das ist eine prima Idee. Ich hole gleich alles her, was ich noch brauche.«
Und schon flitzte sie in ihr Zimmer.

Zwei Stunden später war es so weit. Mama hatte in der Küche noch einige Dinge vorbereitet. In einer Schlüssel hatte sie Kartoffelsalat gemacht, in einer großen Dose lagen Butterbrote. Obst durfte natürlich auch nicht fehlen. Der leckere Apfelsaft musste ebenfalls mit.
»Jetzt müssten wir eigentlich alles haben.«
In diesem Moment kam Ann-Lena die Treppe herunter gelaufen. Sie hatte sich einen Rucksack umgeschnallt.
»Da sind nur meine wichtigsten Puppen und Kuscheltiere drin.«, erklärte sie.
»Die freuen sich alles schon auf das Picknick. Ich konnte es ihnen nicht ausreden. Sie haben sogar geweint, als ich sagte, sie müssten zu Hause bleiben. Also nehm ich sie alle mit.«
Mama nahm ihre Tochter an die eine Hand, den Korb an die andere und gemeinsam gingen sie ein Liedchen singend in den Wald.
Überall roch es angenehm nach Natur. Hier und da waren bunte Blüten zu sehen Wenn man sich leise verhielt, hatte man sogar die Chance ein scheues Reh hinter einem Busch zu entdecken.
»Da vorn ist schon die Lichtung.«, sagte Mama.
Sie hatten ihr Ziel erreicht. An Ort und Stelle breiteten sie gemeinsam die Decke aus und setzten sich darauf. Anna-Lena ließ es sich nicht nehmen, die einzelnen Schüsseln, Dosen, Teller und Becher um sich herum zu verteilen.
»Hm, womit fange ich denn an?«, fragte sie sich und griff sich kurz darauf ein Butterbrot mit Käse.
»Das ist richtig lecker. Hier draußen schmeckt es noch viel besser als zu Hause.«, erklärte sie begeistert mit vollem Mund.
Doch bevor sie den ersten Bissen schlucken konnte, stockte ihr der Atem, denn eine kleine Erdbeere bewegte sich plötzlich von ihrem Teller weg zum Rand der Decke.
»Was ist denn das?«
Nun wurde auch Mama neugierig, denn es war nicht bei der einen Erdbeere geblieben. Nach und nach bewegten sich nun auch kleine Tomaten, Gurkenscheiben und mehr.
»Da geht doch was nicht mit rechten Dingen zu.«, sagte Mama misstrauisch.
Sie schnappte sich eine laufende Erdbeere und sah darunter.
»Schau mal einer an.«
Sie hatte die Lösung des Rätsels gefunden. Winzig kleine Ameisen hatten sich das Obst und Gemüse geschnappt und wollten es nun in ihren Hügel schleppen.
»Na gut.«, sagte Mama.
»Die dürft ihr behalten. Aber der Rest ist für uns.«
Zusammen mit Anna-Lena brachte sie die Sachen zu einem nahen Tisch.
»Dann essen wir halt doch nicht auf dem Boden.«
Anna-Lena musste aber immer noch grinsen, denn sie beobachtete weiterhin das wandernde Diebesgut, wie es sich seinen Weg durch die Wiese bahnte.

(c) 2010, Marco Wittler

328. Über den Bach

Über den Bach

Durch die große Wiese und am Spielplatz vorbei führte ein kleiner Bach. Die vielen Kinder, die sich hier den schönen Tag vertrieben, sprangen immer wieder von einem Ufer zum anderen. Dazu mussten sie nicht einmal großen Anlauf nehmen. Ein kleiner Hopser genügte.
Dieses bunte Treiben wurde unbemerkt von zwei kleinen Ameisen beobachtet.
»Schau dir nur die Menschenkinder an.«, sagte Pips.
»Ich möchte auch einmal auf die andere Seite des Wassers. Vielleicht ist die Welt dort ganz anders. Wolltest du das nicht auch schon immer mal wissen?«
Fips, die zweite Ameise kratzte sich am Kopf.
»Um ehrlich zu sein, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich war eigentlich schon immer glücklich auf unserer Seite. Aber jetzt, wo du es erwähnst, wäre es doch mal einen Versuch wert, sich das andere Ufer anzuschauen.«
Gemeinsam liefen sich vorbei an hohen Grashalmen und Blumen, bis sie das Wasser erreicht hatten. Sie sahen nach links und rechts und überlegten, was nun zu tun sei.
»Eine Brücke gibt es nicht. Und schwimmen können wir auch nicht. Wenn wir einfach so in den Bach steigen, wird uns die Strömung fort reißen. Wir würden jämmerlich ertrinken.«
Fips wusste sich keinen Rat und wäre gern sofort umgekehrt.
»Das war eine ganz dumme Idee.«
Aber Pips hatte schon einem Plan gearbeitet, den er nun in die Tat umsetzen wollte. Er kletterte auf eine Blume, hangelte sich an einem Stiel entlang und biss ein großes Blatt ab. Dann kam er wieder zurück auf den Boden.
»Wir werden das Blatt als Boot benutzen. Es ist leicht genug, um auf dem Wasser zu schwimmen. Wir müssen uns nur noch darauf setzen und zur anderen Seite paddeln.«
Und so setzten sie das Blatt auf den Bach, kletterten darauf und stießen sich vom Ufer ab.
Langsam setzten sie sich in Bewegung und kamen tatsächlich vorwärts. Fips war zunächst nicht wohl bei der Sache. Doch dann machte es ihm langsam richtig Spaß.
»Mein Freund, das war die beste Idee deines Lebens. Du bist ein Genie.«
Doch in diesem Moment wurde das Blatt von der Strömung ergriffen und raste den Bachlauf entlang.
»Du meine Güte.«, rief Fips entsetzt.
»Wie sollen wir denn jetzt überhaupt nur eines der beiden Ufer erreichen, wenn wir den ganzen Bach entlang schippern? Das war doch keine gute Idee.«
Doch selbst an diesem Problem schien Pips schon zu arbeiten. Er lief im Kreis, sah sich das Blatt ganz genau an und zog hin und wieder an den Rändern.
Schließlich grinste er breit.
»Du musst mir helfen.«, rief er seinem Freund zu.
Gemeinsam stellten sie sich auf die vorderste Spitze des Blattes.
»Sobald ein neuer Windstoß kommt, ziehen wir den Rand hoch.«
Fips nickte unsicher, ergriff mit seinen Händen aber sofort das Blatt. Sekunden später pfiff ein Wind über den Bach. Die zwei Ameisen zogen den Rand hoch und staunten, denn von einer Sekunde zur anderen wurden sich hoch in die Luft gehoben und segelten über die Wiese hinweg. Es ging hin und her, rauf und runter, bis sie schließlich sicher auf dem Boden zwischen den Gräsern landeten.
»Siehst du.«, sagte Pips und grinste.
»Wir haben es geschafft und sind sicher angekommen.«
Fips grinste nun auch.
»Ja, es hat richtig Spaß gemacht. Aber geschafft haben wir es trotzdem nicht, denn wir sind auf unserer Seite des Baches gelandet.«
Pips sah sich um, blickte zur anderen Seite des Baches und seufzte.
»Wir sind immer noch da, wo wir immer waren. Aber zumindest haben wir ein spannendes Abenteuer erlebt.«
Dem konnte auch Fips nicht widersprechen.

(c) 2010, Marco Wittler