552. Der Nikolaus kommt in unser Haus

Der Nikolaus kommt in unser Haus

Finn lag in seinem Bett und hatte Angst. Große Angst sogar.
Er dachte über die letzten Monate nach. Zu oft hatte er auf Mama und Papa nicht gehört. Zu oft hatte er seine große Schwester geärgert. Und viel zu oft hatte er in der Schule gequatscht und Blödsinn gemacht, statt seinen Lehrern zuzuhören. Würde er heute dafür Ärger bekommen?
Unruhig wälzte er sich im Bett hin und her. An Schlaf war überhaupt nicht zu denken.
Da! Ein Geräusch! War er das?
Finn schluckte. Sein Herz pochte bis in seinen Hals hinein. Ein unangenehmes Gefühl.
»Ich muss was tun.«, flüsterte er zu sich selbst.
Unsicher stand er aus seinem Bett auf, schlich sich durch die Wohnung bis zum Flur. Dort öffnete er die Tür und spähte nach draußen.
Er hatte richtig gehört. Auf der Treppe war jemand. Ein Fremder mühte sich Stufe für Stufe nach oben.
»Er kommt!«, war sich Finn mehr als sicher und machte sich auf alles gefasst.
Und schon kam er um die letzte Ecke. An seinem Mantel erkannte ihn Finn sofort: Der Nikolaus. Schwer atmend stützte sich dieser auf seinem Stab auf. Immer wieder machte er Pausen. Doch schließlich erklomm er auch die letzte Treppenstufe und stand Finn mit ernstem Gesicht gegenüber.
»So so.«, sagte er in ruhigem Ton. »Da steht der Finn, den ich suche, gerade vor mir und wartet schon auf mich.«
Finn schluckte. Er sah unsicher auf den Boden. Seine Hände zitterten. Was sollte er jetzt sagen? Was sollte er tun? Würde er ein paar Schläge mit der Rute auf den Hintern bekommen, wie es ihm Mama immer wieder angedroht hatte? Tränen quollen aus seinen Augen hervor.
»Es tut mir Leid, Nikolaus.«, versuchte er sich zu entschuldigen. »Ich weiß, dass ich kein artiges Kind war. Ich weiß auch nicht, was dieses Jahr mit mir los war. Aber ich will das alles wieder gut machen. Ich werde immer auf meine Eltern hören. Ich werde mich bei Lina entschuldigen und sie nie wieder ärgern. Und in der Schule werde ich ab heute viel besser aufpassen.«
Der Nikolaus kniete sich vor dem Jungen nieder und grinste.
»Ja sowas. Das hätte ich gar nicht erwartet. Es freut mich immer sehr, wenn ein Kind seine Fehler einsieht und sich bessern möchte. Das freut mich wirklich sehr.«
Finn sah nun das erste Mal auf und seinem Gegenüber direkt ins Gesicht.
»Ich bekomme also nicht die Rute?«
Der Nikolaus bekam einen ernsten Gesichtsausdruck.
»Rute? Wer hat dir denn so einen Blödsinn erzählt? Eine Rute? Wer macht denn sowas? Ich haue keine Kinder. Nein, nein. Vergiss diesen Blödsinn.«
Er richtete sich wieder auf.
»Das erzählen viel zu viele Eltern ihren Kindern. Dabei besitze ich nicht mal eine Rute. Nein, nein, nein.«
Er öffnete seinen Sack und holte einen Schokoladennikolaus daraus hervor, den er Finn in die Hand drückte.
»Der ist für dich. Ich bereite Kindern lieber Freude, als ihnen etwas auf den Hintern zu geben. Aber nur die artigen Kinder bekommen ein Geschenk von mir – oder diejenigen, die bereit sind, ihre Fehler einzugestehen und sich zu bessern. Das ist mir dann selbst immer eine sehr große Freude.«
Finn lächelte und bedankte sich.
»Ich verspreche dir, dass ich von nun an ein artiges Kind sein werde.«
Dann verabschiedeten sie sich voneinander. Der Nikolaus packte seinen Sack zurück auf die Schulter und ging die Treppe wieder hinunter. Finn schlich zurück in sein Bett und konnte endlich ruhig und glücklich schlafen.

(c) 2016, Marco Wittler

539. Fabio kann nicht schlafen

Fabio kann nicht schlafen

Es war dunkel draußen. Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden und die Nacht hatte schon längst begonnen.
Fabio lag in seinem Bett und wälzte sich unruhig hin und her.
»Ich kann nicht schlafen.«, beschwerte er sich immer wieder. Doch auch das half ihm nicht ins Land der Träume.
Immer wieder sah er zum Nachtlicht, dass in der Steckdose neben der Tür leuchtete.
»Das reicht nicht. Es ist mir viel zu dunkel.«
Die kleinen Sterne am Himmel brachten auch nicht genug Licht, damit sich Fabio in seinem Bett sicher fühlen konnte.
»Wo ist denn bloß der Mond? Der leuchtet doch so schön.«
Wieder wälzte er sich hin und her. Aber der Schlaf wollte einfach nicht kommen.
»Ich muss jetzt was dagegen unternehmen.«, entschied er irgendwann und stand auf.
Auf leisen Sohlen schlich Fabio ins Wohnzimmer. Dort öffnete er einen Schrank und holte eine Taschenlampe hervor. Mit der verkroch er sich wieder ins Bett und leuchtete von einer Wand zur anderen.
»Das ist auch doof. Wenn ich die Taschenlampe halten muss, kann ich wieder nicht schlafen. So funktioniert das nicht.«
Er legte die Lampe also auf seinen Nachttisch, dann auf den Schreibtisch, irgendwann auf die Fensterbank. Aber das gefiel Fabio alles nicht.
»Ich will den Mond sehen können. Dann kann ich bestimmt schlafen.«
Der Mond wollte allerdings nicht kommen.
Fabio seufzte und stand ein zweites Mal auf. Er schlich sich hinunter in den Keller und suchte in Papas Schränken, bis er ein langes Seil fand. Das nahm er mit in sein Zimmer.
Das eine Ende des Seils band er zu einem Lasso, an das andere band er die Taschenlampe.
Dann öffnete er das Fenster. Mit beiden Armen holte Fabio weit aus und warf das Lasso zum Himmel hinauf, bis es an einem Stern hängen blieb.
»Los, zieh das Seil rauf.«, rief er dem Stern entgegen.
Der Stern lächelte und zog am Seil die Taschenlampe zum Himmel hinauf.
»So gefällt mir das schon viel besser.«, war Fabio zufrieden.
»Jetzt leuchtet da oben mein eigener Mond.«
Glücklich und ganz ohne Angst schlief er ein paar Minuten später ein und träumte einen tollen Traum.

(c) 2015, Marco Wittler

522. Süßes oder Saures

Süßes oder Saures

Jonas sah in seinen Beutel. Gute gefüllt war. Fast bis zum Rand. Halloween war einfach eine richtig tolle Sache. Von Haus zu Haus gehen, Leute erschrecken und dafür auch noch Süßigkeiten bekommen. Herrlich.
Seine Freunde Max, Paul und Daniel hatten ebenfalls volle Taschen. Alle Vier freuten sich schon riesig auf zu Hause. Dann würden sie sich ihre Bäuche voll schlagen.
»Machen wir Schluss für heute?« fragte Max in die Runde. »Ich habe so viele Bonbons und Schokolade bekommen. Es passt nichts mehr in meine Tasche.«
So sah es auch bei den anderen Jungs aus. Ihre Beutel waren so schwer, dass sie sie kaum noch tragen konnten.
»Lasst uns noch bei einem letzten Haus anklingeln. Es ist ja eh nur eins hier bis zur nächsten Kreuzung.« schlug Jonas vor.
Seine Freunde willigten ein. Sie gingen weiter bis zum letzten Haus, klingelten und rief laut: »Süßes oder Saures!«
Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie ein schlurfendes Geräusch. Ein Stöhnen mischte sich hinzu.
»Sie müssen nicht zur Tür kommen, wenn es ihnen zu anstrengend ist.« sagte Paul unsicher.
Doch dann öffnete sich bereits die Tür. Zu sehen bekamen die Jungs allerdings nur einen Schatten, der einem sehr großen Menschen ähnlich sah. Dieser hielt einen mächtigen Gegenstand in der Hand. Ein rasselndes Stöhnen drang noch immer aus seiner Kehle.
Er schaltete das Licht im Hausflur an. Den Jungs gefror augenblicklich das Blut in den Adern. Vor sich sahen sie einen riesigen Mann mit breiten Schultern und sehr muskulösen Armen. In seinen Händen, die Bärenpranken glichen, hielt er eine große, schwere Axt, deren Schneide mit Blut verschmiert war.
»Uaarrrrgh!« brüllte er den Kindern und begann seine bedrohliche Waffe zu schwingen.
»Schnell!« rief Jonas panisch. »Der bringt uns alle um! Weg hier!«
Die Jungs ließen ihre Taschen fallen, nahmen ihre Füße in die Hände und rannten um ihr Leben. Allerdings liefen nur drei Jungs die Straße entlang. Einer von ihnen war stehen geblieben und hielt sich vor Lachen den Bauch. Es war Jonas, der sich nun zu dem bedrohlichen Mann umdrehte und ihm auf die Schulter klopfte.
»Hat prima geklappt, Onkel Peter.« war er begeistert.
»Jetzt haben wir vier Taschen voller Süßigkeiten für uns allein.«
Sie nahmen die Taschen, brachten sie ins Haus und ließen sich schmecken, was sie erbeutet hatten.

(c) 2015, Marco Wittler

371. Wenn sich Piraten fürchten

Wenn sich Piraten fürchten

Die Angst ging im Dorf um. In der kleinen Gemeinde am Meer war es still geworden. Alle Piratenschiffe lagen ungenutzt im Hafen. An diesem Tag traute sich keiner der Freibeuter aus dem Haus. Es war viel zu gefährlich, sich auf der Straße sehen zu lassen. Nur das leise Zirpen einer kleinen Grille war zu hören.
Doch dann wurde die Stille gestört. Das laute Läuten der Kirchenglocke ertönte hoch über den weiß verschneiten Straßen.
»Oh nein. Könnt ihr es hören?«, bibberten die Piraten in ihrem Versteck.
»Gleich ist es so weit. Sie werden kommen und uns holen.«
Ein leises Zähneklappern war zu hören. Sie wussten, dass sich das Verstecken nicht lohnte. Jedes Jahr hatten sie es versucht und jedes Jahr waren sie am Ende doch noch entdeckt worden.
»Oh je, da kommen sie.«
In den Straßen war plötzlich eine große Gruppe Frauen zu sehen. Sie hatten sich mit Fackeln bewaffnet und leuchteten in jedes Haus hinein.
»Kommt schon. Wir wissen, dass ihr da seid. Wir erwischen euch ja doch.«
Ganz still waren nun die Piraten. Dicht kuschelten sie sich aneinander und suchten bei den anderen Schutz. Doch dann öffnete sich die Tür zu ihrem Versteck und eine grimmige Frau trat herein.
»Ach Jungs. Was soll das denn? Warum hockt ihr denn jedes Jahr im gleichen Versteck? Außerdem ist es doch gar nicht so schlimm.«
Dann nahmen sie die zitternden Piraten an den Händen und führten sie hinaus. Jeder wurde in sein Haus gebracht, wo sie ängstlich schrien.
Nun fragst du dich sicher, wovor so ein mutiger Pirat Angst hat. Ich will es dir erzählen.
Jedes Jahr am Abend vor Weihnachten wird es Zeit, dass sich die Piraten baden. Der Dreck und Gestank von einem ganzen Jahr klebt an ihrer Haut und es ist dringend Zeit, dass sie mal wieder richtig sauber geschrubbt werden. Die Frauen möchten nämlich zur Feier beim Christbaum einen sauberen Mann am Tisch sitzen haben.
Und so müssen auch heute noch jedes Jahr zu den Feiertagen die Piraten unter lauten Protesten und Angstgeschrei in die Badewanne steigen.

(c) 2011, Marco Wittler

342. Ein ungewöhnliches Tier

Ein ungewöhnliches Tier

Es war ein schöner, sonniger Tag, als Prinzessin Flora durch den Wald spazierte. Überall sangen die Vögel lustige Lieder zu denen die kleinen Grillen zirpten. Da konnte sich auch die Prinzessin nicht zurück halten. Sie hüpfte, sie sprang, sie sang. Doch plötzlich hörte sie ganz in der Nähe ein leises Wimmern.
»Huch, was ist denn das?«, fragte sie sich und spähte durch die Büsche hindurch.
»Wie kann man denn an einem solchen Tag nur weinen?«
Nach ein paar Minuten entdeckte sie ein kleines Pferd, das mitten auf einer Lichtung im Gras lag und bitterliche Tränen weinte.
»Hallo, kleines Pferd. Warum weinst du?«, fragte Flora besorgt.
Das Pferd blieb liegen und drehte sich nicht einmal herum. Dafür schluchzte es nur noch lauter.
»Komm nicht näher und sie mich nicht an. Ich bin so hässlich, dass mich niemand leiden kann und mich jeder auslacht.«, jammerte es.
So etwas konnte sich die Prinzessin nicht vorstellen, schließlich lebte in ihrem Schloss ein altes Weib mit Buckel und einer großen, hässlichen Warze auf der Nase. Aber trotzdem begegnete man ihr mit Respekt, weil sie nett, weise und klug war.
Flora kam langsam näher und ging ein paar Schritte um das Pferd herum und nur ein paar Augenblicke später entdeckte sie das Problem. Auf der Schnauze des Tieres saß ein großes Horn. Es war kein edler Schmuck, wie ihn ein Einhorn auf der Stirn trug, sondern ein klobiges Ding, ähnlich einem Nashorn.
»Jedes Tier im Wald lacht über mich. Sogar die wunderschönen Einhörner meiden mich. Ich bin das einsamste Tier der ganzen Welt.«
Das Pferd begann wieder laut zu weinen. Die Prinzessin bekam großes Mitleid, aber sie wusste keine Lösung für dieses Problem. Man konnte das Horn nicht einfach absägen oder weg zaubern.
In diesem Moment waren Schritte zu hören. Sie kamen schnell näher und werden mehr und mehr. Es schien, als wären alle Bewohner des Waldes auf den Beinen. Plötzlich raschelte es in den nahen Büschen und unzählige Tiere kamen zum Vorschein. Sie alle sahen unglaublich verschreckt und ängstlich aus.
»Verschwindet!«, riefen ein paar von ihnen.
»Sucht euch ein sicheres Versteck oder verlasst den Wald. Ein gefährlicher und hungriger Wolf ist hier eingetroffen.«
Die Tiere rannten so schnell sie konnten und verschwanden auf der anderen Seite der Lichtung im Dickicht.
»Du solltest besser auch verschwinden, bevor dir etwas geschieht.«, sagte das Pferd zur Prinzessin. Doch diese weigerte sich zu gehen.
»Du kannst doch nicht hier liegen bleiben und dich fressen lassen.«
Und da kam er auch schon. Kurz bevor er zu sehen war, hörte man bereits leises Knurren. Auf leisen Pfoten kam er langsam näher. Mit seinen wachsamen Augen ließ er das Pferd und die Prinzessin nicht mehr aus den Augen.
»So ist es brav.«, flüsterte er beschwörend.
»Bleibt einfach, wo ihr seid, dann ist es umso schneller für euch vorbei und es tut nur halb so weh.«
Er leckte sich über die scharfen Zähne und überlegte, wen der beiden er als erstes fressen sollte. Er entschied sich schließlich für die Prinzessin. Mit einem kräftigen Sprung raste er plötzlich auf Flora zu.
»So haben wir aber nicht gewettet.«, rief das Pferd und stand unerwartet auf.
Es stellte sich dem Wolf in den Weg und empfing ihn mit seinem spitzen Horn.
Schmerzverzerrt verzog er sein Maul, jaulte laut auf und verzog sich humpelnd zurück.
»Du hast mir das Leben gerettet.«, sprach die Prinzessin ehrfürchtig.
»Und wir haben es alle gesehen.«, riefen die Tiere des Waldes, die nun aus ihren Verstecken kamen.
Ehrfürchtig verneigten sie sich vor dem Pferd mit dem Horn und bedankten sich, dass es den bösen Wolf vertrieben hatte. Von diesem Moment an, war das Pferd nie wieder einsam.

(c) 2010, Marco Wittler

323. Die kleine Plüschrobbe

Die kleine Plüschrobbe

Im Kinderzimmer herrschte große Aufregung. Alle Kuscheltiere wurden nervös und begannen zu zittern.
»Sie sind wieder da.«, rief der kleine graue Elefant, der sich am Fenster postiert hatte.
Was war da nur los? Ich will es dir erklären.
In diesem Kinderzimmer lebte ein Mädchen namens Mia. Tag für Tag wuselte sie von einer Ecke in die nächste, machte große Unordnung und ärgerte ihre Kuscheltiere.
Da konnte es schon mal vorkommen, dass die grüne Schildkröte gegen die Wand flog oder der dicke Teddy über den Boden geschliffen wurde.
In den letzten drei Wochen war Mia mit ihren Eltern im Urlaub gewesen. Und genau jetzt, in diesem Moment kam die Familie wieder nach Hause.
»Oh je, oh je.«, jammerte ein kleiner Hund.
»Jetzt ist die Schonzeit vorbei. Gleich kommt sie herein gestürmt und dann werden wir wieder stundenlang gequält.«
Ein leises Wimmern war aus seinem Maul zu hören.
»Du hast es doch noch gut.«, quatschte der Elefant dazwischen.
»Mich packt sie immer am Rüssel und schleudert mich hin und her. So ein gemeines und fieses Kind habe ich noch nie erlebt. Nur zu gern würde ich mich in den Kindergarten schleichen und mich von einem anderen Kind adoptieren lassen. Es kann ja nur besser werden.«
Dieser Meinung waren sie alle, die sie dort in den Regalen saßen.
»Aber schaut sie euch doch mal an.«, warf plötzlich die kleine Robbe ein.
»Sie sieht so müde aus. Der Urlaub war bestimmt ereignisreich und die Rückfahrt unglaublich anstrengend. Ich bin mir sicher, dass sie niemandem von uns etwas antun wird. Sie will bestimmt nur kuscheln und einschlafen.«
Sofort schüttelten alle entsetzt die Köpfe.
»Das kommt auf keinen Fall in Frage.«, hieß es da.
»Ich gehe das Risiko nicht ein.«, war eine weitere zittrige Stimme zu hören.
»Das ist bestimmt nur ein Trick. Ich werd mir schon mal ein sicheres Versteck unter dem Schrank suchen.«, sagte der Fuchs.
»Tut sie euch denn gar nicht leid?«, sagte die Robbe traurig.
Doch auf diese Frage bekam sie keine Antwort.
Alle ihre Freunde drehten sich um und sahen weg.
Im Flur wurde ein Schlüssel ins Türschloss gesteckt und gedreht. Ein paar Stimmen waren zu hören.
»Sie sind drin. Gleich geht’s los.«, flüsterte der Elefant, der kurz davor stand, in Panik zu geraten.
Mia öffnete die Tür, kam in ihr Zimmer und ließ ihre kleine Tasche auf den Boden fallen. Sie sah sich um. Ihre Augen wanderten durch die Regale. Nach und nach betrachtete sie ein Kuscheltier nach dem anderen, bis ihr die kleine Robbe auffiel, die sich als einzige nicht abgewandt hatte.
Mia überlegte kurz, dann ging sie darauf zu, schnappte sich die Robbe und legte sich mit ihr auf das Bett.
»Ich bin ja sooo müde.«, stöhnte das Mädchen.
»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie anstrengend Autofahren ist.«
Dann drückte sie ihr Kuscheltier sanft an sich und schlief fast sofort ein. Doch vorher murmelte sie noch ein paar kleine Worte.
»Lieb, dass du auf mich gewartet hast.«
Die kleine Robbe hätte vor Freude einen Luftsprung machen können. Aber davon wäre Mia bestimmt wieder wach geworden. Stattdessen warf sie einen Blick zu den Regalen und sah die vielen erstaunten Augen ihrer Freunde, die nun richtig neidisch waren und nur zu gern mitkuscheln würden.

(c) 2010, Marco Wittler

275. Da klappern doch die Zähne

Da klappern doch die Zähne

Jimmy lag unter dem Bett und zitterte. Er bibberte am ganzen Körper und seine Zähne klapperten ohne Pause. Mit seinen großen Händen hielt er sich die Augen zu.
»Warum ist die Welt nur so grausam? Warum besteht sie nur aus so vielen schrecklichen Wesen?«
In diesem Moment kam sein Stubenkamerad Bob herein.
»Oh nein.«, stöhnte er.
»Ist es schon wieder so weit?«
Jimmy sah nur kurz zu ihm hoch, schloss dann aber gleich wieder seine Augen.
»Ich komme nicht raus, egal was du sagst. Ich habe viel zu viel Angst, dass mich irgendetwas da draußen anfällt und frisst. Wahrscheinlich denken diese Ungeheuer jetzt schon darüber nach, wie sie hier eindringen können und mich anschließend lecker zubereiten können. Ich mache da einfach nicht mit.«
Bob verzweifelte. Tagein und tagaus das selbe Problem. Und bisher hatte er es noch nie geschafft, seinen Freund unter dem Bett hervor zu bekommen.
»Du musst endlich mal erwachsen werden und dich deiner Angst stellen.«, entschied Bob.
»Du hast noch kein einziges Mal in deinem Leben dieses Haus verlassen. Du weißt doch gar nicht, was dich da draußen erwartet.«
Jimmy rutschte noch etwas weiter unter sein Bett.
»Doch, das weiß ich ganz genau. Im Fernsehen haben sie davon berichtet. Sie sehen grässlich aus und fressen jedes normale Wesen wie mich.«
Was sollte man nur dagegen unternehmen? So eine Panik würde doch jeden davon abhalten, ins Freie zu gehen.
Bob dachte angestrengt nach. Irgendwie musste es ihm doch gelingen, seinen Freund auf die Straße zu befördern.
»Die frische Luft wird dir gut tun.«
Doch dieser Vorschlag reichte noch nicht aus.
»Ich habe bisher auch ganz gut ohne sowas gelebt.«, antwortete Jimmy.
Bob wollte verzweifeln. Er warf einen Blick aus dem Fenster und staunte. Er konnte gar nicht glauben, was er da sah.
Sofort lief er durch die ganze Wohnung und durchsuchte Schubladen und Schränke, bis er fand, wonach er suchte.
»Unglaublich. Das wirst du nicht glauben.«, rief er laut.
Jimmy wurde neugierig und sah durch seine Finger hindurch.
»Was willst du denn mit dem Staubwedel anstellen?«
Bob schüttelte kräftig den Kopf.
»Du hast doch überhaupt keine Ahnung. Das ist kein Staubwedel, sondern der super mega geheime Zauberstab meines Großvaters. Damit konnte er böse, gemeine Ungeheuer in ganz normale Wesen verwandeln.«
Er lief zum Fenster, schwang den Staubwedel hin und her, während er unverständliche Zaubersprüche nuschelte.
»So. Schon erledigt. Jetzt können wir ganz gefahrlos nach draußen gehen. Es wird uns nichts und niemand anfallen. Dir wird nichts geschehen.«
Jimmy wollte es eigentlich nicht glauben, aber die Hoffnung war stärker. Also krabbelte er vorsichtig unter dem Bett hervor und warf einen nervösen Blick aus dem Fenster.
»He, du hast ja Recht. Das glaub ich einfach nicht. Da sind wirklich nur ganz normale Leute auf der Straße und es geht richtig friedlich vor sich.«
Er machte vor Freude einen Luftsprung und umarmte seinen Freund Bob.
»Los, lass uns nach draußen gehen. Es ist ein so herrlicher Tag.«
Gemeinsam öffneten sie nur Sekunden später die Tür und gingen an die frische Luft. Jimmy sah sich freudig um und begrüßte jeden, der ihm entgegen kam.
»Hallo, Herr Vampir und hallo, Frau Zombie.«, rief er.
»Seien sie gegrüßt, Fräulein Geist.«
Er konnte sich sogar nicht davon abhalten lassen, Herrn und Frau Mumie die in Stoffen eingewickelten Hände zu schütteln. Nicht ein einziger Mensch war zu sehen. Gab es denn nun überhaupt welche?
Die größte Freude überkam Jimmy, als er eine Horde Monster über einen Zebrastreifen flitzen sah.
»Schau mal. Die sehen so aus wie ich.«
Bob atmete erleichtert auf. Doch ein wenig war er noch verwundert. Warum hatten sich die Menschen als Monster verkleidet?
Plötzlich wehte der Wind durch die Straße und blies eine Zeitung vor sich her. Bob hob sie auf und sah auf die Titelseite. Dort stand:
›Menschen in Kostümen. Heute ist Halloween.‹

272. Der Sprung in die Tiefe

Der Sprung in die Tiefe

Marie und Julie standen am Rand und sahen in die Tiefe. Beim Blick von hier oben, rutschte ihnen sofort das Herz in die Hose. Sie nahmen sich an der Hand und redeten sich Mut zu.
»Das schaffen wir schon. Das ist gar nicht so schwer, wie alle immer sagen.«
Weit unter ihnen plätscherte Wasser. Schon viele Mutige waren aus dieser luftigen Höhe herab gesprungen. Doch vermutlich hatte es auch schon viele gegeben, die sich von ihrer Angst hatten abhalten lassen.
»Wir müssen es tun, sonst halten uns die anderen für Feiglinge.«
Die beiden Mädchen sahen sich verzweifelt an. Sie spürten ihre pochenden Herzen. Noch nie hatte jemand eine solche Mutprobe von ihnen verlangt. Doch wer dazu gehören wollte, musste auch etwas dafür tun.
»Weißt du was?«, fragte Marie.
»Wir machen die Augen, zählen bis drei und springen dann einfach. Vielleicht ist ja nichts dabei.«
Die anderen Kinder standen um sie herum und feuerten sie an.
»Wir haben wohl keine andere Wahl.«, sagte Julie plötzlich mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
Sie zählten bis drei und sprangen.
Rasend schnell ging es in die Tiefe und ganze zehn Zentimeter später landeten die Füße der beiden Freundinnen in der großen Pfütze, die sich auf dem Spielplatz befand.
In diesem Moment kamen zwei Mütter um die Ecke gebogen. Sie hatten einen verzweifelten Ausdruck im Gesicht.
»Oh nein, nicht schon wieder. Warum macht ihr das nur immer wieder.«, sagten sie gemeinsam.
Marie und Julie sahen an sich herab und waren mit ihren patschnassen Schuhen und Hosen zufrieden.

(c) 2009, Marco Wittler

269. Der Wackelzahn

Der Wackelzahn

Hin und her ging es, rauf und runter, vor und zurück und in alle anderen Richtungen auch. In Leon sah in den Spiegel und spielte mit der Spitze seiner Zunge an seinem ersten Wackelzahn.
»Das ist ja seltsam. Warum ist der denn nicht mehr so fest, wie die anderen Zähne auch?«
Sofort lief er in die Küche.
»Mama, einer meiner Zähne wackelt. Was ist denn mit dem los?«
Mama musste lächeln. Dann erklärte sie Leon, was nun geschah.
»Das ist ganz normal. Weil du jeden Tag ein Stückchen größer wirst, wächst auch dein Mund mit. Und irgendwann sind deine Zähne für ihn zu klein. Deshalb fallen sie heraus und machen neuen, größeren Zähnen Platz.«
Sie öffnete ihren eigenen Mund und zeigte ihre großen Zähne vor.
»Aber der Zahn wackelt doch nur. Er fällt gar nicht raus. Wie soll denn dann der Neue wachsen können?«, beschwerte sich ihr Sohn.
In diesem Moment kam Onkel Paul herein.
»Habe ich richtig gehört? Der Kleine hat einen Wackelzahn, der nicht fallen will? Da kenne ich eine gute Methode.«
Er öffnete Leons Mund.
»Ich schau mir das nur mal eben an. Du musst keine Angst haben.«
Doch dann fing er an, mit den Fingern zu ziehen. Es war allerdings der falsche Zahn. Leon erschrak und biss Onkel Paul auf die Finger.
»Du kannst doch nicht einfach meine Zähne ziehen. Das tut doch weh.«
»Der Biss schmerzt auch.«, beschwerte sich Paul und verließ die Küche.
»Was ist denn hier los?«, fragte Christian, Leons großer Bruder.
»Ich habe einen Wackelzahn. Schau mal hier.«
Und schon spielte Leon wieder mit der Zunge daran herum.
»Das wird aber nichts mit neuen Zähnen, solang der noch wackelt. Der muss raus. Ich glaube, ich weiß auch schon wie.«
Christian kramte in seinen vollen Hosentaschen herum und zog eine lange Schnur daraus hervor.
»Das eine Ende binde ich um deinen Zahn, das andere um den Türgriff. Sobald Papa nach Hause kommt, zieht er deinen Zahn ganz schmerzlos heraus.«
Und so wurde es auch gemacht. Leon saß nun auf einem Stuhl und wartete darauf, dass Papa die Tür öffnen und den Zahn heraus ziehen würde. Alle waren ganz still.
Plötzlich hörten sie, wie die Haustür geöffnet wurde. Es konnte also nur noch Sekunden dauern. Die Türklinke zur Küche wurde herunter gedrückt und dann schwang die Tür auf. Leon hatte allerdings Angst bekommen und sprang Papa sofort entgegen.
»Was ist denn hier los?«, wollte Papa wissen.
»Christian hat meinen Wackelzahn mit einer Schnur an die Tür gebunden, damit du ihn damit heraus ziehst. Aber das kann doch unmöglich schmerzfrei sein.«
»Das darf doch wohl nicht wahr sein. Ihr benutzt ja richtig mittelalterliche Methoden. So zieht man doch heute keinen Zahn mehr.«
Papa schüttelte den Kopf.
»Ich werde euch jetzt mal zeigen, wie das geht.«
Er nahm seine Krawatte ab und band sie Leon um die Augen.
»Und nun öffne ganz langsam den Mund.«
Papa wagte es nicht, hinein zu fassen. Stattdessen steckte er seinem Sohn ein Brötchen in den Mund.
Leon war so überrascht, dass er sofort abbiss. Noch während er vor sich hin kaute, nahm er die Krawatte von den Augen und sah Papa verwundert an.
»Ich dachte du willst meinen Wackelzahn ziehen und nicht mich füttern.«
Papa lachte.
»Dann schau doch mal in den Spiegel.«
Und tatsächlich war der Zahn verschwunden. Er hatte sich beim Biss in das Brötchen gelöst.
»Das war eine richtig gute Idee, Papa. So machen wir das jetzt bei den anderen Zähnen auch, wenn sie zu wackeln beginnen.«

(c) 2009, Marco Wittler

203. Geist sucht Schloss

Geist sucht Schloss

Herr Simon saß in seinem Wohnzimmer und las die Zeitung. Das war seine Lieblingsbeschäftigung. Er kam am Nachmittag von der Arbeit, kochte sich eine Tasse Kaffee und setzte sich dann zum Lesen in seinen Sessel.
»Wie herrlich das duftet.«
Er nahm einen großen Schluck und las weiter. Doch weit kam er nicht, denn er hörte ein verdächtiges Geräusch. Irgendwer schien sich im Haus zu befinden.
»Hallo?«, rief Herr Simon.
»Ist da jemand?«
Die Schritte verstummten. Es war wieder still.
War alles nur eine Sinnestäuschung gewesen? Herr Simon war sich nicht sicher. Aber dann war er sich sicher, dass nur er selbst einen Haustürschlüssel besaß. Er blätterte eine Seite weiter und überflog die Todesanzeigen.
Doch was war das? Schon wieder ein Geräusch? War doch jemand im Haus?
Herr Simon legte die Zeitung leise zur Seite, stellte den Kaffee auf den Tisch und stand auf. Er hielt die Hand ans Ohr und schlich von Raum zu Raum.
In der Küche war nichts zu hören. Auch im Badezimmer war alles still. Im Schlafzimmer war es ganz friedlich und im Büro war niemand zu entdecken.
»Das scheint vom Dochboden zu kommen.«, sagte sich Herr Simon.
Er blickte im Flur zur Decke. Dort war die Einstiegsluke. Er öffnete einen Schrank, holte eine Stange heraus und zog die Bodentreppe herunter. Auf ihr stieg er Stufe für Stufe nach oben.
Vorsichtig steckte er den Kopf durch die Luke und sah sich um.
»Wer ist da?«
Es kam keine Antwort.
»Ich bin bewaffnet und kann mich wehren.«
Doch so sehr er auch in seiner Hosentasche suchte, es war nichts zu findet, womit er einen Einbrecher bedrohen konnte.
Die Geräusche waren nun wieder verstummt. Deswegen stieg Herr Simon den Rest der Treppe hinauf und schaltete das Licht an.
In diesem Moment verschwand etwas hinter einer Kiste und versteckte sich.
»Wer ist da?«
Doch der Fremde antwortete nicht.
Herr Simon sah sich um und fand einen alten Regenschirm, den er sich nun schnappte. Einen Schlag damit würde den Einbrecher zwar nicht verletzen, aber wenigstens etwas verwirren.
Langsam schlich Herr Simon auf die Kiste zu. Als er direkt davor stand, sprang er hoch und wollte dem Fremden einen Hieb versetzen. Doch dann erlebte er eine Überraschung.
»Bitte schlagen sie mich nicht.«, war eine unheimliche Stimme zu hören.
»Du meine Güte.«, rief Herr Simon entsetzt.
»Ich habe einen Geist auf meinem Dachboden.«
Er ließ den Regenschirm fallen und wollte sofort weg laufen, doch dann flog der Geist um ihn herum.
»Haben sie bitte keine Angst. Ich werde ihnen nichts tun.«
Herr Simon beruhigte sich. Nun konnte er eh nicht mehr fort laufen.
»Mein Name ist Theodor von Geisterfels. Ich bin auf der Suche nach einem neuen Heim.«
Sofort schüttelte Herr Simon verzweifelt den Kopf.
»Du kannst auf keinen Fall in meinem Haus bleiben. Was sollen denn die Leute denken. Die werden mich bestimmt für verrückt erklären. Außerdem gehört ein Geist in eine Burg.«
Theodor blickte traurig zum Boden.
»Meine Burg gibt es nicht mehr. Sie ist mit den Jahrhunderten baufällig geworden und wurde vor einer Woche abgerissen. An ihrer Stelle soll ein modernes Hotel gebaut werden. Dort ist man dann als Gespenst völlig unerwünscht.«
Der Geist schniefte leise, nachdem er in sein Bettlaken geschnäuzt hatte.
»Dann werde ich mir wohl eine andere Bleibe suchen müssen.«
Theodor schwebte fort und verschwand durch die Wand. Doch da gab es ein Problem. Seine Geisterkette knallte dabei gegen das Gemäuer und ließ den Putz herab bröseln.
»Was ist denn das?«, fragte sich Herr Simon.
Er sah sich die Beschädigung genauer an. Unter dem Putz tauchten ein altes Wappen und eine Jahreszahl auf.
»1654, Schloss Felsenburg.«
Er kratzte sich am Kinn. Doch dann fiel ihm etwas ein.
»Mein Haus ist Teil des alten Stadtschlosses. Das wusste ich gar nicht. Das ist ja eine Überraschung.«
In diesem Moment tauchte der Geist wieder auf.
»Du lebst in einem alten Schloss? Dann kann ich ja doch auf deinem Dachboden bleiben.«
Herr Simon lachte.
»Es sieht wohl ganz so aus.«
Von diesem Tag an war Herr Simon nicht mehr allein in seinem Haus. Nun saß er jeden Tag nach der Arbeit mit seinem Freund Theodor im Wohnzimmer. Gemeinsam tranken sie Kaffee, lasen zusammen in der Zeitung und rasselten hin und wieder nacheinander an der Geisterkette.

(c) 2009, Marco Wittler