616. Die Mütze des Weihnachtsmanns

Die Mütze des Weihnachtsmanns

Felix wachte auf. Er war sich nicht sicher, meinte aber ein Geräusch im Wohnzimmer gehört zu haben.
„Ist er es? Kann das wirklich sein?“
Immerhin war es die Nacht vor Weihnachten. Also sollte irgendwann zwischen dem Abend und dem nächsten Morgen der Weihnachtsmann durch den Kamin herein kommen und die Geschenke unter den Baum legen.
Schnell rieb sich Felix den Schlaf aus den Augen und stand auf. Diese einmalige Gelegenheit wollte er sich nicht entgehen lassen. Welches Kind auf der Welt kam schon dazu, den Weihnachtsmann mit eigenen Augen zu sehen?
Er zog sich die Pantoffeln an die Füße, warf sich den kuschelig warmen Bademantel über und schlich hinunter zum Wohnzimmer. Als er vor der verschlossenen Tür stand atmete er noch einmal tief ein. Dann drückte er vorsichtig die Klinke und öffnete die Tür.
Felix schlich sich hinein und sah sich überall um. Doch da war niemand zu sehen. War er zu früh und der Weihnachtsmann war gerade auf dem Weg nach unten? Nein, das konnte nicht sein, denn unter dem Christbaum lagen bereits die Geschenke.
„Verdammt!“, fluchte Felix leise. „Ich hab ihn verpasst.“
Verärgert ließ er sich in Papas großen Ohrensessel fallen. Da fiel sein Blick auf einen Gegenstand im Kamin.
„Das ist doch …“
Felix musste tief Luft holen. Dann kniff er sich zu kurz in den Arm, weil er zu träumen glaubte.
„Au!“
Nein er träumte nicht. Vor ihm lag die Mütze des Weihnachtsmanns.
„Ob sie wirklich echt ist?“
Er nahm sie hoch, betrachtete sie von allen Seiten, von innen und außen. Dann setzte er sie sich auf den Kopf, stand auf und stolzierte grinsend zum Flur, in dem ein großer Spiegel stand. Als er sein Spiegelbild betrachtete, durchfuhr ihn ein riesiger Schock. In seinem Gesicht wuchs in Windeseile ein dichter, weißer Bart. Außerdem wurde sein Bauch immer dicker.
„Oh nein. Was soll das? Wie kann das sein?“
Felix wurde von Panik ergriffen. Er konnte nicht mehr klar denken, wusste nicht, was er jetzt machen sollte. Da tippte ihm jemand mit dem Finger auf die Schulter und räusperte sich streng.
„Ich glaube, die Mütze gehört mir.“, sagte eine tiefe Stimme.
Felix drehte sich um. Vor ihm stand der Weihnachtsmann. Nachdem sich die Panik und sein Erstaunen gelegt hatten, setzte er die Mütze ab und gab sie seinem Gegenüber.
„Tut mir leid.“, entschuldigte er sich.
„Kommt nicht wieder vor.“
Der Weihnachtsmann grinste.
„Ist schon gut. Schau mal in den Spiegel.“
Felix schloss die Augen, kniff sie fest zu. Dann drehte er sich zum Spiegel und machte sie nur ganz langsam wieder auf. Der Bart verschwand bereits wieder und der Bauch wurde auch immer kleiner.
„Puh, ist ja noch mal gut gegangen.“
Er wollte sich gerade beim Weihnachtsmann bedanken, da musste er feststellen, dass dieser bereits wieder verschwunden war.

(c) 2017, Marco Wittler

195. Der Zwergenaufstand – Beim Barte des Piraten

Der Zwergenaufstand – Beim Barte des Piraten

Die Sonne schien in das große Schlafzimmer hinein. Großer Zwerg, der wegen seiner geringen Körpergröße nur GZ genannt wurde, war sofort wach. Gut gelaunt stand er auf und weckte die anderen Zwerge. Brummel und Bär kamen nur widerwillig unter der Decke hervor, Goldlöckchen stimmte sofort ein Freudenlied an, während Hasenfuß sich sofort wieder versteckte. Ihn plagte die Angst, dass die Nacht sich nur als heller Tag ausgab. Faulpelz dachte sofort an das anstehende Frühstück. Sein Magen knurrte schon sehr.
Der einzige, der sich gar nicht rührte war Puck.
»Puck? Ich koche uns gleich Kaffee. Willst du denn nicht aufstehen?«, fragte GZ.
Nichts geschah.
»Ich werde ihn von der Matratze schubsen.«, entschied Bär und zeigte allen seine Muskeln.
Doch dann nahm er Pucks Decke hoch und sah nur einen Haufen Kissen.
»Er ist verschwunden.«
In diesem Moment hörten sie einen Schrei aus der Küche. Sofort rannten sie die Treppe hinab und entdeckten Goldlöckchen, der einen Brief in seiner zittrigen Hand hielt. Er las den anderen vor, was dort geschrieben stand.
»Ich habe einen von eurer verdammten Truppe entführt. Ich gebe euch Zeit bis die Sonne     untergegangen ist. Sollte ich bis dahin mein Eigentum nicht zurück bekommen haben, werdet ihr euren Freund nie wieder sehen. Dann werde ich ihn als Arbeitssklaven in ein     fremdes Land verkaufen.«
Unterschrieben war der Brief von einem Piraten.
»Wir müssen sofort etwas unternehmen.«, entschied GZ.
Also setzten sich die Zwerge zusammen und schmiedeten einen Plan.

In der Zwischenzeit wachte Puck an einem dunklen Ort auf. Er konnte nichts sehen, stieß sich aber den Kopf an einer sehr tiefen Decke. Die vier Wände um ihn herum waren sehr nah. Er war in einer alten Eichentruhe gefangen. Während er nach seinen Kameraden rief, hörte er eine Stimme. Es war der Pirat.
»Du wirst dort nicht heraus kommen, bevor ich nicht bekommen habe, was ihr mir gestohlen habt. Deine Freunde werden dich nicht befreien können. Wir Piraten sind unbesiegbar. Das ist ein Naturgesetz.«
Er lachte laut und verschwand in seiner Kajüte.

Die sechs Zwerge hatten sich auf eine lange Wanderung gemacht. Viele Stunden waren sie durch die Berge unterwegs, bis sie am Hafen ankamen. Sie mussten sich zuerst umsehen, entdeckten dann aber ein Schiff mit einer schwarzen Flagge am Masten. Darauf waren ein Totenschädel und zwei gekreuzte Knochen zu sehen.
»Das muss der Kahn des Piraten sein.«, war sich Brummel sicher.
»Dann gehe ich mal an Bord und werde ihm den Hintern versohlen, bis ihm Hören und Sehen vergeht.«, knurrte Bär.
Doch GZ hielt sie alle zurück.
»Wir können doch nicht so einfach auf das Schiff gehen. Wir müssen uns etwas einfallen lassen, damit wir nicht auch noch gefangen genommen werden.«
Doch solche Argumente wollten Brummel und Bär nicht gelten lassen.
»Wir sind Zwerge. Wir sind unbesiegbar.«
Und schon stürmten sie an Bord. Der Pirat hörte den Lärm und kam mit seinem Schwert an Deck. Er war drängte die Zwerge zusammen und drohte ihnen, sie alle zu bekämpfen. Doch dann stolperte er über Hasenfuß, der sich vor Angst flach auf den Boden gelegt hatte.
Der Pirat stürzte und ließ seine Waffe fallen. Das Schwert rutschte über den Boden und fiel über Bord. Nun konnte er sich nicht mehr wehren. Die Zwerge hatten den Kampf friedlich gewonnen. Sie befreiten Puck.
»Warum hast du ihn überhaupt entführt?«, fragte GZ.
»Wir wissen noch immer nicht, was wir dir gestohlen haben sollen.«
Da erklärte der Pirat, dass er vor ein paar Tagen am frühen Morgen beim Zähneputzen aufgefallen war, dass ihm jemand den Bart gestohlen hatte.
»Ohne Bart bin ich doch kein richtiger Pirat.«
Nun mussten die Zwerge lachen. Sie forderten auf, dass der Pirat sie richtig anschauen sollte.
»Wir sind moderne Zwerge. Wir rasieren uns täglich.«
Doch wer sollte dann die Bärte gestohlen haben?
Plötzlich kam eine kleine Person aus dem Schatten heraus. Es war eine Hexe.
»Du verdammter Pirat.«, fluchte sie.
»Ich hatte gehofft, dass du für mich die Zwerge aus dem Weg räumst. Aber du bist ja zu nichts zu gebrauchen. Ich kann Schneewittchen nicht vergiften, so lange es diese Zwerge gibt.«
Vor Wut drehte sie sich im Kreis. Diese Chance nutze Hasenfuß aus, der nun neuen Mut gefasst hatte. Er stand auf und stieß die Hexe über Bord. Bevor sie fiel rutschte ihr ein Bart aus der Tasche.
»Da ist ja mein Bart.«
Der Pirat jubelte. Nun waren alle wieder glücklich. Die Zwerge hatten an diesem Tag einen neuen Freund gewonnen.

(c) 2009, Marco Wittler

Auf der zweiten Seite (Bitte den Button dazu anklicken) befindet sich diese Geschichte noch einmal in der textlichen Hörspielfassung.

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035. Papas Bart

Papas Bart

Es war an einem Sonntag Morgen. Mama hatte, wie jeden Tag, schon den Frühstückstisch gedeckt und wartete nur noch darauf, dass alle in die Küche zum Essen kamen. Anna Lena und Jan Luka waren schon lange wach, hatten in ihren Kinderzimmern gespielt und nur darauf gewartet, dass sie ihre Butterbrote bekamen.
Nun stürmten sie die Treppe hinunter und kletterten auf ihre Stühle.
„Wo ist denn der Papa?“
Mama sah sich um, aber Papa war weit und breit nicht zu sehen.
„Der liegt noch im Bett und schnarcht“, sagte Jan Luka.
Anna Lena musste Lachen. „Der schnarcht so laut, dass sogar die Nachbarn nicht mehr schlafen können.“
„Na sowas aber auch. Dann wird es aber Zeit, dass der Papa bald mal aufsteht. Wir haben ja alle Hunger und müssen auf ihn warten.“
Mama ging die Treppe hoch und klopfte an die Schlafzimmertür. Und tatsächlich hörte sie das laute Schnarchen.
So nicht mein Lieber, dachte sich Mama und ging hinein. Sie setzte sich auf die Bettkante und rüttelte an Papas Schulter.
Das Schnarchen hörte auf und Papa wurde wach. „Was ist denn los? Brennt das Haus? Oder müssen wir uns schnell verstecken, weil Oma zu Besuch kommt?“
„Nein. So schlimm ist es auch wieder nicht. Aber wir drei warten nur noch darauf, dass du zu uns in die Küche kommst. Wir wollen endlich frühstücken.“
Papa kratzte sich am Kopf. „Ist es schon so spät? Ich muss wohl verschlafen haben. Aber ich komme gleich. Ich zieh mich nur schnell an und wasche mich.“
Er gab Mama noch einen Kuß auf die Wange und stand auf.
„Iiih. Du piekst aber ganz schön. Du könntest dich mal wieder rasieren, du Bär. Oder vielleicht machst du einfach mal den ganzen Bart ab. Vielleicht siehst du dann gleich viel besser aus.“
Mama machte den gleichen Scherz, wie an jedem Morgen. Sie wusste ganz genau, dass Papa sich niemals von seinem Bart trennen würde. Sie hatte ihn auch noch nie ohne ihn gesehen. Sie lachte noch kurz und ging zurück in die Küche.
Zehn Minuten später stand Papa in der Küchentür. Er war angezogen und frisch gewaschen. Sein Bart war nun auch nicht mehr so lang wie beim Aufstehen. So sah er gleich viel gepflegter aus, dachte sich Mama.
Papa kam herein und gab seinen beiden Kindern einen Kuß auf die Wange.
„Iiiih, du schmatzt aber eklig rum.“, sagte Jan Luka und wischte sich das Gesicht mit der Hand ab.
„Iiiih, du piekst aber dolle, Papa. Du musst dich mal rasieren.“ Anna Lena konnte sich das Lachen nicht verdrücken. Aber immerhin hatte sie genau das gesagt, was Mama ihr vorgesagt hatte. Jan Luka hatte seinen Text völlig vergessen und etwas Falsches gesagt. Aber das war egal. Papa guckte verdutzt aus der Wäsche und die anderen lachten laut.
„Na wartet, ihr drei. Euch zeig ich es noch.“
Papa kniff ein Auge zu, grinste und setzte sich an den Tisch. „Aber jetzt ist es erstmal Zeit zum frühstücken. Wem soll ich ein Butterbrot schmieren?“
Die beiden Kinder ließen ihre Hände in die Luft schnellen und meldeten sich beide.
„Hab ich es mir doch gedacht. Ihr seht ja beide schon fast verhungert aus.“
Papa schnappte sich zwei Butterbrote und begann vergnügt, sie zu schmieren.
„Kinder, ihr müsst euch aber mit dem Essen beeilen. Ihr wisst ja, dass wir heute noch zur Oma fahren wollen. Die wartet nämlich schon auf uns.“
Anna Lena und Jan Luka freuten sich schon. Sie waren schon viel zu lange nicht mehr bei Oma zu Besuch gewesen. Aber nun war die lange Wartezeit vorbei.
„Ich kann heute leider nicht mit euch kommen.“, sagte Papa. „Onkel Klaus kommt heute vorbei. Wir machen zusammen den großen Grill sauber, damit wir heute Abend die Würstchen Saison eröffnen können.“
Juhuu. Die Kinder freuten sich. Grillen machte immer einen riesen Spass.

Der Mittag ging schneller vorbei, als sie dachten. Das Essen bei Oma war lecker und der Nachtisch das Beste.
„Kinder, wir müssen jetzt nach Hause. Der Papa ist bestimmt schon mit Putzen fertig. Da wollen wir ihn nicht so lange warten lassen. Schließlich muss ich noch den Kartoffelsalat machen.“
Mama packte ihre beiden Kinder wieder ins Auto und sie fuhren nach Hause.
Dort angekommen machte Papa die Tür auf und schnappte sich sofort die Mama und gab ihr einen dicken Kuss.
„Huch, was ist denn mit dir passiert? Du piekst ja gar nicht mehr.“
Die Kinder schauten Papa ganz überrascht an, denn sein Bart war verschwunden. Kein Haar davon war mehr da. Er musste sich heimlich rasiert haben.
Anna Lena grinste zu Jan Luka hinüber. „Der sieht jetzt aber komisch aus. So gar nicht mehr wie unser Papa. Also mit Bart hat er mir doch besser gefallen.“
Mama nahm den Papa in den Arm und drückte ihn. „Das ist super lieb von dir, mein Schatz, dass du dir doch mal den Bart rasiert hast, aber als meinen Kratzbär mag ich dich mehr. Also rasier dich nicht noch einmal ganz.“
Jetzt mussten alle laut lachen. Denn in diesem Moment kam Onkel Klaus zur Tür. Und zum ersten sahen sie auch ihn ohne Bart.
„Ja ja.“, sagte Mama. „Wenn man euch Jungs mal einmal alleine lässt, dann macht ihr nur Blödsinn. Ich habe es ja kommen sehen.“
Alle gingen lachend ins Haus zurück. Jetzt war genug gescherzt. Denn der Kartoffelsalat musste noch gemacht werden.

(c) 2006, Marco Wittler04