618. Der erste Christbaum oder „Papa, warum schmücken wir eigentlich Christbäume?“ (Paapa erklärt die Welt 42)

Der erste Christbaum
Oder »Papa, schmücken wir eigentlich Christbäume?«

Papa hatte in der letzten Stunde in einer Ecke des Wohnzimmers den Christbaum aufgestellt und mit einer langen Lichterkette ausgestattet. Der Baum war viel größer, als die anderen in den Jahren zuvor. Er reichte mit seiner Spitze bis zur Decke.
»Den Christbaum habe ich gut ausgesucht. Er ist wunderschön.«, war seine kleine Tochter Sofie stolz auf ihre Wahl.
»Jetzt müssen wir ihn nur noch mit bunten Kugeln schmücken.«
Sie schob einen großen Pappkarton quer durch den Raum und holte die erste Kugel heraus. Vorsichtig reichte sie sie Papa nach oben, der bereits auf einer Trittleiter stand. Doch bevor sie die zerbrechliche Glaskugel abgab, zog Sofie ihre Stirn kraus.
»Papa, warum schmücken wir eigentlich Christbäume?«
»Wie meinst du das? Natürlich weil das schön aussieht. Warum auch sonst?«
Sofie verdrehte die Augen und legte die Kugel zurück in den Pappkarton. Dann stand sie auf, stellte sich vor Papa und stemmte die Hände in die Seiten.
»Du weißt ganz genau, was ich meine. Nimm mich bitte nicht auf den Arm. Du weißt doch sonst immer alles.«
Sie seufzte.
»Warum schmücken wir unseren Christbaum? Das muss sich doch jemand ausgedacht haben.«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Christbäumen und dem Weihnachtsfest. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Stadt, die mitten in einem großen Wald lag. Die äußersten Häuser waren nur wenige Meter von den nächsten Bäumen entfernt.
Kurz vor dem Weihnachtsfest schneite es das erste Mal in diesem Jahr. Schon nach wenigen Stunden war die Erde weiß geworden und die Bäume sahen aus, als hätte sie jemand mit Puderzucker bestreut.
Während sich die Menschen der Stadt, wie in jedem Jahr überlegten, wie sie zum Fest ihre Häuser schmücken könnten, sah ein kleines Mädchen aus dem Fenster und war begeistert über den Schnee.
»Papa, schau mal da draußen.«
»Ja, ich weiß.«, antwortete ihr Vater. »Es schneit. Das ist nichts besonderes.«
»Aber schau doch mal, wie wunderhübsch alles aussieht.«
Der Vater seufzte leise und legte dann seine Arbeit zur Seite. Dann ging er hinüber zum Fenster und warf ebenfalls einen Blick nach draußen.
Dort war nichts, was er nicht schon oft genug in seinem Leben gesehen hatte. Die unzähligen Bäume des Waldes und der Schnee, der sie mittlerweile bedeckte.
»Ist das nicht schön?«, schwärmte das kleine Mädchen.
Der Vater setzte sich auf einen kleinen Schemel, legte seine Arme auf das Fensterbrett und dachte an die Zeit zurück, als er selbst noch ein kleiner Junge gewesen war. Er hatte unglaublich viele Stunden am Fenster gesessen und dem wilden Treiben der Schneeflocken zugesehen. Irgendwann war das vorbei gewesen. Irgendwann war seine Kindheit beendet. Als Erwachsener hatte ihm immer die Zeit für so etwas Schönes gefehlt.
»Ja, das ist wirklich unglaublich schön.«, schwärmte er leise.
Da kam ihm plötzlich eine Idee. Er sprang auf und lief durch das kleine Haus, während er sprach.
»Weißt du was? Mir fällt da gerade etwas wirklich Unglaubliches ein. Jetzt weiß ich endlich, wie wir an Weihnachten unser Haus schmücken können. Wir brauchen etwas mehr Glanz unter unserem Dach. Und den habe ich gerade gesehen.«
Er lief in eine Kammer, kam mit einem Mantel bekleidet und mit einer Axt bewaffnet zurück. Damit ging er nach draußen zum Waldrand.
Kurz darauf kam er mit einer kleinen Tanne zurück und stellte sie in einer Ecke des Raums auf.
»Ist das nicht herrlich? Wie schön das Licht der Kerzen im Schnee glitzert.«
Der Vater und seine Tochter waren begeistert. Doch die Begeisterung verschwand bereits nach wenigen Minuten. Für den Schnee war das Haus zu warm. Er taute auf, verwandelte sich in Wasser und fiel in dicken Tropfen zu Boden. Dort sammelte er sich in mehreren Pfützen.
»So funktioniert das nicht.«, war der Vater enttäuscht. »Ich dachte, ich hätte mir etwas wirklich Großartiges einfallen lassen.«
»Ist nicht schlimm.«, sagte deine Tochter.
Dann lief sie zu ihrem Bett und holte unter dem Kopfkissen ein kleines Säckchen hervor.
»Kannst du vielleicht meine Murmeln an den Baum hängen?«, fragte sie. »Die können auch glitzern, weißt du?«
Dankbar nahm der Vater die Murmeln an. Um jede einzelne band er einen dünnen Faden und hängte sie dann an den Ästen des Baumes auf.
Nun glitzerte das Licht der Kerzen wieder im ganzen Raum.
»Der Baum ist wunder-, wunderschön.«, flüsterte das kleine Mädchen.
»Von deiner Idee sollten wir allen anderen Menschen in der Stadt erzählen. Sie sollten auch so etwas Schönes im Haus haben.«

»Und seitdem schmücken alle Menschen ihre Christbäume?«, fragte Sofie.
Papa nickte. »Ja, das stimmt. Mit ein paar einfachen Glasmurmeln hat das alles angefangen.«
»Eine wirklich tolle Idee, die dem Vater da eingefallen ist. Das war eine prima Geschichte, Papa.«
Dann hielt sich Sofie ihre Hand vor den Mund und kicherte leise.
»Und trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort davon.«
Sie reichte Papa die erste Glaskugel, die er nun an den Christbaum hängte.

(c) 2017, Marco Wittler

615. Der kleine Christbaum

Der kleine Christbaum

In einer großen Baumschonung am Waldrand standen Tannenbäume dicht an dicht. Eine war schöner als die andere. Selbst in ihrer Größe vesuchten sie sich gegenseitig zu überbieten. Sie würden wahrlich prächtige Christbäume in der nahen Weihnachtszeit abgeben und in jedem Wohnzimmer zum Mittelpunkt werden. Nur mitten drin stand eine kleine Tanne, die über die Jahre hinweg einfach nicht gewachsen war. Während die anderen Meter um Meter gen Himmel gestrebt waren, hatte sie es gerade mal auf schlappe dreißig Zentimeter gebracht.
Anfang Dezember war es dann irgendwann so weit. Der Waldbauer kam in die Schonung und sah sich zufrieden um. In diesem Jahr würde er mit seinen Tannen ein gutes Geschäft machen können. Nach und nach markierte er jeden einzelnen Baum mit einem bunten Bändchen. Jeder von ihnen bekam eines ab. Nur die kleine Tanne ging leer aus. Das wunderte sie, denn es war ihr allergrößter Wunsch, eines Tages in einem warmen Wohnzimmer zu stehen, mit einer Fülle Geschenke unter ihren Ästen und geschmückt mit bunten Kugeln und Lametta. Das war das Ziel einer jeden Tanne in der Baumschonung.
„Vielleicht hat er mich vergessen oder einfach nur übersehen, weil ihm eine andere Tanne im Weg stand.“, machte sich die kleine Tanne Mut.
„Wenn die anderen erstmal weg sind, dann wird er mich entdecken und zum Christbaum machen.“

Einen Tag später stand der Waldbauer wieder zwischen den Bäumen. Dieses Mal war er allerdings nicht allein gekommen. Ihm folgten mehrere starke Männer, die Sägen und Äxte in Händen hielten. Jetzt war es also soweit. Nun würden die Tannen gefällt und in den nächsten Tagen als Christbäume verkauft werden. Die Aufregung unter dem Bäumen stieg spürbar an.
Eine tanne nach der anderen wurde umgelegt und zum Hof des Bauern abtransportiert. Die Schonung wurde immer leerer. Irgendwann fiel dann auch der vorletzte Baum. Einzig die kleine Tanne stand noch in der Mitte und wartete gespannt darauf, nun selbst an der Reihe zu sein.
„Das war es dann für dieses Jahr.“, rief der Waldbauer plötzlich. „Ihr könnt einpacken, Männer.“
Die Arbeiter schafften ihr Werkzeug in mehrere Wagen und fuhren davon. Die kleine Tanne blieb allein zurück.
„Und was ist mit mir? Warum nehmt ihr mich denn nicht mit? Ich will doch auch ein Christbaum werden.“
Traurig verdrückte sie sich ein paar Tränchen und schniefte laut.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte da plötzlich ein leises Stimmchen.
Die kleine Tanne sah sich verwirrt um. Schließlich stand sie nun ganz allein in der Baumschonung. Von den Anderen waren nur ein paar Baumstümpfe und Wurzeln übrig geblieben. Dann entdeckte sie eine kleine Raupe, die auf einem ihrer Äste saß. Das kleine Insekt hatte sich mit einem langen Schal ordentlich eingewickelt und eine warme Pudelmütze aufgesetzt, um in der Winterkälte nicht zu erfrieren.
„Meinst du mich?“, fragte die kleine Tanne verwirrt.
„Ja. Natürlich meine ich dich. Wen denn sonst? Es ist ja kein anderer Baum mehr hier. Also: was ist mir dir los? Warum bist du so traurig?“
Die kleine Tanne schniefte ein weiteres Mal.
„Ach, weißt du, ich habe mir schon mein ganzes Leben lang gewünscht, einmal eine stattliche Tanne zu werden und eines Tages als geschmückter Christbaum im Mittelpunkt eines warmen Wohnzimmers zu stehen und die Menschen zu erfreuen. Aber nun stehe ich hier ganz allein am kalten Waldrand und wurde einfach übersehen und vergessen.“
„Sei doch froh, dass du hier noch stehen darfst. Denk mal darüber nach, was jetzt mit den anderen Tannen geschieht. Sie wurden gefällt, ihrer Wurzeln beraubt. Sie stehen für ein paar Tage in einem viel zu warmen Wohnzimmer, verlieren nach und nach ihre Nadeln und landen nach dem Weihnachtsfest auf dem Müll. Du hingegen darfst hier am Waldrand bleiben. Ist das nicht viel schöner?“
Die kleine Tanne hätte nur zu gern ihren Kopf geschüttelt. Aber für einen Baum war das einfach zu schwer.
„Nein. Du verstehst das nicht, kleine Raupe. Ich bin eine Tanne. Es ist meine Aufgabe, ein Christbaum zu werden. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt. Ich lande gerne irgendwann auf dem Müll, wenn ich dafür den Menschen für ein paar Tage Glanz und Freude in die Häuser bringen darf. Außerdem ist es kein wirklich schönes Leben, wenn man ganz allein in der Baumschonung lebt und einsam ist.“
Die kleine Raupe seufzte. Sie wusste nicht mehr weiter. Sie wünschte der kleinen Tanne alles Gute und krabbelte davon.

Am nächsten Tag tat sich wieder etwas am Waldrand. Es war eine kleine Mäusefamilie, die von Baumstumpf zu Baumstumpf lief. Überall schnupperten sie und suchten nach etwas, das sie aber nicht finden konnten.
„Haben wir dieses Jahr wirklich Pech?“, war der Mäusevater enttäuscht. „Jedes Jahr hinterlassen die Menschen beim Fällen der Bäume ein paar grüne Tannenzweige, die wir als Christbaum benutzen können, aber dieses Mal gehen wir wohl leider leer aus. Das wird ein trauriges Weihnachtsfest für unsere kleinen Mäusekinder. Wir werden die Geschenke in diesem Jahr wohl unter den Küchentisch legen müssen.“
Er wollte schon umkehren und seine Familie zurück in ihre Höhle scheuchen, als sein Blick auf die kleine Tanne fiel.
„Was ist denn das? Träume ich etwas oder wollen mir meine alten Augen einen Streich spielen? Das kann doch gar nicht wahr sein?“
Langsam näherte er sich der kleinen Tanne und schnupperte an ihr.
„Es ist ein Tannenbaum, ein richtig echter Tannenbaum, nicht nur ein paar gefallene Zweige. Das habe ich noch nie erlebt.“
Er wischte sich ein paar Freudentränen aus dem Gesicht. Dann machte er sich vorsichtig an die Arbeit und buddelte die kleine Tanne vorsichtig aus der Erde. Dann brachte die Mäusefamilie ihren Fund gemeinsam nach Hause und pflanzte ihn vor der Höhle wieder in den Waldboden.
Während der Mäusevater in Windeseile alle Verwandten aus der Umgebung zum bevor stehenden Weihnachtsfest einlud, schmückte die Mäusemutter die kleine Tanne und verwandelte sie in einen echten Christbaum. Ein paar Stunden später versammelten sich die Mäuse des Waldes um sie herum, sangen Weihnachtslieder und bedachten sich gegenseitig mit kleinen Geschenken.
Der kleinen Tanne war es warm ums Herz geworden. Ihr großer Traum war endlich wahr geworden. Sie war nun ein echter Christbaum. Sie stand zwar nicht in einem warmen Wohnzimmer, dafür war sie aber auch nicht gefällt worden.

Jahr für Jahr trafen sich nicht nur die Mäuse, sondern immer mehr Tiere des Waldes am kleinen Christbaum und feierten gemeinsam Weihnachten. Jahr für Jahr wurde sie größer und größer und entwickelte sich zu einer stattlichen Tanne, deren Glanz den ganzen Wald erleuchtete.
„Ich bin nicht nur ein Christbaum geworden.“, dachte sich die Tanne an jedem Weihnachtsfest. „Ich bin auch ein großer Baum geworden und darf Jahr für Jahr Christbaum sein. Das haben die anderen Tannen aus der alten Baumschonung nicht geschafft.“

(c) 2017, Marco Wittler

162. Die verlorene Weihnachtskugel (Tommis Tagebuch 8)

Die verlorene Weihnachtskugel

Hallo liebes Tagebuch, ich bin es, der Tommi.
Weißt du eigentlich, was wir für eine Jahreszeit haben? Ach nein. Du hast ja keine Kalenderseite. Dann verrate ich es dir. In ein paar Tagen ist Weihnachten. Und genau deswegen hat Papa heute den Baum aufgestellt.
Mit meiner Schwester Nina haben dann Mama und Papa zusammen alles geschmückt. Die Lichterketten kamen zuerst, dann die zerbrechlichen Glaskugeln und zum Schluss das Lametta.
Ich durfte wieder einmal nicht mithelfen. Papa sagt, dass ich noch zu klein wäre und ich die teuren Kugeln kaputt machen könnte. Also sah ich nur zu und langweilte mich.
Später waren die drei dann draußen spazieren. Ich bin nicht mit ihnen gegangen. Ich hatte keine Lust mehr. Wenn ich nicht mit ihnen schmücken darf, will ich mit ihnen auch nicht laufen. So einfach ist das.
Und dann saß ich ganz allein im Wohnzimmer auf dem Sessel und sah auf den geschmückten Baum. Schön war er ja geworden, aber eine der Kugeln saß noch nicht am richtigen Platz. Nur zu gern hätte ich sie umgehängt, aber das durfte ich ja nicht.
Ich überlegte hin und her und hatte am Ende ein richtig schlechtes Gewissen als ich aufstand und es trotzdem tat. Doch als ich die Kugel in der Hand hielt, stolperte ich über den Teppich und fiel hin. Das kostbare Stück flog im hohen Bogen durch den Raum und verschwand durch das offene Fenster.
Ich erwartete bereits das Zersplittern am Boden. Doch das blieb aus. Ich stand auf und sah nach unten. Die Kugel war tatsächlich auf dem Rasen gelandet und heil geblieben.
Sofort zog ich meine Jacke an, lief in den Vorgarten und wollte sie einsammeln, doch da war sie schon fort. Ich sah mich um. Ein paar Meter weiter entdeckte ich eine kleine Katze, die die Kugel mit ihren Pfoten spielend vor sich her schob.
»Lass das Ding liegen und verzieh dich!«, rief ich ihr nach.
Davon ließ sie sich allerdings nicht stören. Also lief ich ihr nach und wollte sie vertreiben. Das Kätzchen erschrak, als ich in sein Fell griff. Die Pfoten wollten die Kugel noch festhalten, schoben sie stattfdessen aber zur Seite. Unser Baumschmuck kullerte die Wiese herab und landete im Bach.
Du meine Güte. Da konnte ich doch unmöglich hinein springen. Dafür war es viel zu kalt. Aber in ein paar hundert Metern Entfernung gab es ein kleine Brücke, von der aus ich die schwimmende Kugel einfangen konnte.
Ich lief so schnell ich konnte, doch dann konnte ich vom Weiten aus sehen, dass Mama, Papa und Nina auf der Brücke standen. Ich konnte also unmöglich die Kugel retten.
Nina sah mich sofort und wurde auch gleich auf das glitzernde Glas im Wasser aufmerksam. Sie grinste über das ganze Gesicht. Sie würde alles verraten. Doch dann griff sie ins Wasser, zwinkerte mir zu und ließ die Kugel in ihrer Jackentasche verschwinden.
Schon kurz, nachdem die Drei wieder zu Hause waren, hing die Kugel wieder am Baum. Manchmal können große Schwestern auch richtig klasse sein.

Dein Tommi.

(c) 2008, Marco Wittler