501. Schöne Frühlingsblumen

Schöne Frühlingsblumen

Der kleine Maulwurf buddelte sich durch die Erde nach oben. Kurz bevor er durch die Oberfläche stieß, hielt er an. Er hatte gefunden, wonach er suchte. Über seinem Kopf baumelten leckere Gras- und Blumenwurzeln, die er sich nun genüsslich schmecken ließ.
»Frische Frühlingswurzeln schmecken besonders lecker.« sagte sich der kleine Maulwurf immer wieder.
»Da sind ganz viele Vitamine drin. Die kann ich nach diesem langen, kalten Winter gut gebrauchen.«
Immer wieder zog er an den weißen, dicken Halmen und stopfte sie sich in den Mund.
»Mmmh. Einfach gut. Schade, dass es solche Leckerbissen nicht im Winter gibt.«
In diesem Moment klopfte es von oben. Neugierig buddelte sich der Maulwurf aus und entdeckte ein kleines Mädchen.
»Hey, was soll denn das?« beschwerte sie sich laut.«
Du kannst doch nicht alle Wurzeln auffressen. Meine armen Blümchen können dann kein Wasser mehr trinken und verdursten. Schau dir an, wie welk sie schon geworden sind.«
Traurig hielt sie ihm einen verdorrten Strauß Blumen unter die Nase.
»Das tut mir leid.« entschuldigte sich der Maulwurf. »Ich habe gar nicht gewusst, dass Blumen so schön sind. Ich bin heute zum ersten Mal an der Oberfläche. Wenn ich das nur gewusst hätte. Jetzt weiß ich gar nicht, was ich noch essen kann. Ich werde verhungern.«
Gemeinsam überlegten sie nun, wie sie beide zufrieden sein konnten.
Nach ein paar Minuten liefen sie zusammen über die Wiese und pflanzten neue Blumen in den Boden.
»Das ist jetzt meine Blumenecke.« erklärte das Mädchen begeistert.
Der kleine Maulwurf versprach ihr, sich der Ecke nicht zu nähern. Alle anderen Wurzeln durfte er weiter futtern.

(c) 2014, Marco Wittler

492. Schneckenfrühling (Ninos Schneckengeschichten 10)

Schneckenfrühling

›Mai.‹
So stand es seit ein paar Tagen auf dem Kalenderblatt an Ninos Wand. Das freute ihn sehr, denn der Frühling war seine liebste Jahreszeit.
»Dann putze ich mal schnell mein Häuschen, damit es gut aussieht, wenn ich damit ausgehe.«
Ein Häuschen mit dem man ausgehen kann? Stellst du dir auch gerade diese Frage?
Tja, mit Ninos Haus konnte man tatsächlich ausgehen, denn Nino war eine kleine Schnecke mit einem kleinen Schneckenhaus auf dem Rücken. Und genau dieses putzte er nun von oben bis unten, von vorne nach hinten und von links nach rechts, bis es überall blitzte und blinkte.
Dann packte er seine sieben Sachen zusammen und machte sich auf den Weg zur großen Blumenwiese.
Es ging über Stock und Stein, durch Feld, Wald und Wiesen.
»Puh.« schaufte Nino. »Der Weg ist ganz schön weit.«
Das lag vor allem aber daran, dass Schnecken nicht so schnell laufen können. Er brauchte Tag um Tag. Trotzdem gab er nicht auf.
Als er schließlich an seinem Ziel angekommen war, staunte er nicht schlecht. Es war keine einzige Blume zu entdecken. Weit und breit blühte nichts. Stattdessen lag überall braunes Laub und die Bäume waren kahl.
»Oh je. Das gleiche Problem wie jedes Jahr. Es dauert bis zum Herbst, bis ich die Blumenwiese erreicht habe.«
Er seufzte einmal laut, drehte um und machte sich auf den langen Heimweg.

(c) 2014, Marco Wittler

473. Winterblumen

Winterblumen

Es war warm. Es war sogar viel zu warm. Es war viel zu warm für einen Januartag. Die Sonne schien, Wolken gab es nur ganz wenige am Himmel und das Thermometer zeigte stolze fünfzehn Grad an. Das verärgerte nicht nur die Kinder, die so gern mit ihren Schlitten die Hänge hinab düsen wollten, sondern war auch sehr ungewohnt für die Natur. Die Schneeglöckchen und die Krokusse blühten bereits auf den Wiesen und in den Vorgärten und alle anderen Blumen und Bäume trugen schon dicke Knospen, die sich in den nächsten Tagen öffnen würden.
»Das ist ja wie im Frühling.« wunderte sich Hannah und sah sich begeistert um.
»Bei so vielen bunten Farben macht es mir auch nichts mehr aus, dass es noch keinen Schnee gegeben hat. Dann bleibt der Schlitten halt im Schuppen. Ich kann auch was anderes machen.«
Sie flitzte ins Haus, holte ihre Fotokamera und knipste ein Bild nach dem anderen.

Ein paar Tage später blühte es überall in allen Farben des Regenbogens. Der Winter war eigentlich schon längst vergessen, als es plötzlich merklich kälter wurde. Graue Wolken zogen auf und verdeckten sie wärmende Sonne. Dann begann es zu schneien. Stundenlang fielen unzählige Schneeflocken vom Himmel und bedeckten die Erde unter sich. Die Erwachsenen fluchten, weil sie nun die Schneeschieber aus den Kellern holen mussten. Die Kinder hingegen jubelten. Sie holten ihre Schlitten hervor und düsten die Hügel herunter. Nur Hannah war nicht begeistert.
»Was ist denn jetzt mit den vielen Blumen und Blüten?« fragte sie ihren Opa, der mit ihr am Fenster stand.
»Für die es es jetzt zu kalt. Sie werden erfrieren und dann im Frühling nicht neu wachsen. Das wird erst wieder was im nächsten Jahr.«
»Aber das ist doch traurig. Wovon sollen sich denn die Bienen ernähren, wenn es keine Blüten gibt? Dagegen muss man doch was tun.«
Sofort überlegte Hannah fieberhaft, was sie unternehmen konnte.
»Ich glaube, ich habe da eine Idee. Hilfst du mir?« blickte sie Opa bittend an.

Am Nachmittag kam Mama von der Arbeit. Sie staunte nicht schlecht, als sie nach draußen in den Garten sah.
»Da steht ja ein Zelt. Wer baut denn das im Winter auf? Was für eine verrückte Idee.«
Neugierig ging sie raus, näherte sich dem Zelt und warf einen Blick hinein.
»Hannah? Opa? Was macht ihr denn da?«
Hannah grinste.
»Wir schützen ein paar Blüten vor dem Schnee, damit die Bienen bei uns etwas zum Fressen finden, wenn sie aus dem Winterschlaf erwachen.«
Tatsächlich hatten die beiden bereits den bisher gefallenen Schnee aus dem Zelt geschaufelt.
»Mit dem restlichen Schnee bedecken wir dann das komplette Zelt. Da ist es wie ein Iglu. Dann ist es im Innern wärmer als draußen.« erklärte Opa weiter.
»Die Blumen werden überleben, die Bienen müssen nicht hungern und wir haben eine tolle Beschäftigung für die nächsten Tage.

(c) 2014, Marco Wittler

400. Die hungrige Raupe

Die hungrige Raupe

Die kleine Raupe Lilli lief auf der Wiese hin und her. Sie war auf der Suche nach frischen, leckeren Blütenblättern. Aber nirgendwo waren welche zu finden. Ein Bauer hatte am Tag zuvor das Gras gemäht.
»Wie soll ich denn nun etwas zu Fressen finden? Ich werde verhungern und nie zu einem wunderschönen Schmetterling werden.«
Eine dicke Krokodilsträne lief an ihrer Wange herunter und sie begann laut zu schluchzen.
In diesem Moment kam eine Biene vorbei geflogen. Sie hörte die weinende Raupe und landete.
»Hallo, kleine Raupe, was ist denn mit dir los?«
Die Raupe schniefte, wischte sich die Nase mit ihrem Ärmel sauber und antwortete.
»Ich habe großen Hunger, aber es gibt auf unserer Wiese keine einzige Blume mehr. Ich muss verhungern und sterben.«
Die Biene hörte sich die Sorgen an und nickte immer wieder.
»Nicht weit von hier ist noch eine Wiese. Sie liegt auf der anderen Seite des Bachs. Du musst nur zur anderen Seite, dann kannst du so viel fressen, wie du willst.«, schlug sie vor.
»Aber wie soll ich denn auf die andere Seite kommen?«, wollte die Raupen wissen.
»Ich habe keine Flügel und kann nicht fliegen. Schwimmen kann ich auch nicht.«
Sie seufzte einmal ganz laut und dann noch ein weiteres Mal. Daran konnte die Biene leider auch nichts ändern. Sie verabschiedete sich und wünschte der Raupe viel Glück, dass sie doch noch etwas zu Fressen finden würde.
Lilli trottete langsam zum Bach, in der Hoffnung, einen Weg hinüber zu finden. Bei ihrem langen Marsch hing ihr Magen immer tiefer und knurrte immer lauter, bis schließlich das Plätschern des Wasser alles übertönte.
»Ach je, was soll ich bloß machen? Ich werde es nie über das Wasser schaffen.«
Die kleine Raupe sah sich um. Auch hier gab es keine Blütenblätter zum Fressen. Nur ein paar Pusteblumen, die nicht gemäht worden waren.
»Die schmecken auch nicht.«
Plötzlich waren Schritte zu hören. Ein Mensch näherte sich. Lilli suchte sofort Schutz hinter einem Stein. Sie wollte nicht von einem Schuh zertreten werden. Ein paar Augenblicke sah sie dann ein Kind. Es lief auf die Pusteblumen zu, riss eine davon ab und blies die Samen in die Luft. Wie eine Gruppe Fallschirmspringer flogen sie weit weg, auf die andere Seite des Flusses.
Lilli beobachtete diesen wunderschönen Flug ganz genau und träumte sofort davon, sich eines Tages als Schmetterling ebenfalls in die Lüfte zu erheben.
»Moment mal.«, sagte sie dann zu sich selbst.
»Ich hab da eine ganz verrückte Idee.«
Schnell krabbelte sie zur nächsten Pusteblume, kletterte am Stiel hinauf und hielt sich an den Blumensamen fest. Im gleichen Augenblick packte das Kind die Blume, riss sie ab und blies kräftig darauf.
Die Samen lösten sich von der Blume und segelten langsam und gemütlich durch die Luft.
»Juhuu!«, jubelte Lilli laut. Nun schwebte sie doch noch auf die andere Seite des Bachs. Doch bevor sie mit ihrem Fallschirm landete, bewunderte sie die Schönheit der anderen Wiese. Überall standen Blumen in allen Farben des Regenbogens.
»Jetzt muss ich nie wieder hungern.«, freute sich die kleine Raupe.
»Jetzt werde ich doch noch ein wunderschöner Schmetterling.«

(c) 2012, Marco Wittler

367. Mama, ich hab dich lieb

Mama, ich hab dich lieb

»Los, Papa. Es wird Zeit.«
Sofie drängelte bereits, obwohl es erst acht Uhr in der Früh war.
»Du weißt doch, dass heute Muttertag ist. Ich muss mich doch noch um ein Geschenk kümmern. Das mache ich doch jedes Jahr.«
Papa seufzte einmal und kroch laut gähnend aus seinem warmen Bett.
»Zum Glück scheint draußen die Sonne. Bei Regen würden mich keine zehn Pferde vor die Tür kriegen.«
Er zog sich an und schlurfte langsam ins Bad.
»Was machst du denn da?«, fragte Sofie entsetzt.
Papa bekam ein paar Denkfalten auf der Stirn, als er antwortete.
»Wonach sieht es denn aus? Ich will mir die Zähne putzen.«
Sofie verdrehte die Augen und zog Papa zurück in den Flur.
Doch nicht jetzt. Das kannst du auch später noch machen. Ich hab es ganz ganz eilig.«
Gemeinsam verließen sie also das Haus und setzten sich ins Auto. Papa steckte den Zündschlüssel in das Schloss, drehte ihn herum und fuhr los.
»Wie lange dauert es denn noch, bis wir an der großen Wiese angekommen sind?«, kam die Frage aus dem Kindersitz, noch bevor sie die Auffahrt verlassen hatten.
Fünf Minuten später hatten sie ihr Ziel erreicht. Sofie sprang aus dem Wagen und flitzte anschließend auf der Wiese hin und mehr. Sie pflückte so lange bunte Blumen, bis sie keine mehr tragen konnte.
»Ich glaube, dass reicht jetzt. Wir können weiter fahren.«
Sie ließ sich von Papa ins Auto helfen, der kurz darauf ein paar Kilometer weiter fuhr. Vor einer kleinen Kirche blieben sie schließlich stehen.
»Weißt du auch den richtigen Weg?«, fragte Sofie, als sie mit den Blumen durch ein großes Gittertor ging.
Papa nickte und half ihr mit den vielen Blumen, während sie ein paar schmale Wege entlang gingen.
»Da vorn ist es.«, sagte Papa.
»Dankeschön. Ich kann die restlichen Meter allein gehen. Wartest du hier auf mich?«
Papa nickte und blieb stehen. Seine kleine Tochter schleppte die Blumen weiter und blieb schließlich vor einem der vielen Gräber stehen.
»Alles gute zum Muttertag.«
Sie legte die Blumen nieder.
»Mama, ich hab dich lieb.«
Dann warf sie dem Grabstein noch eine Kusshand zu, bevor sie wieder zurück lief.
»Der Mama geht es gut, hat sie mir erzählt. Sie vermisst uns beide. Außerdem soll ich dich ganz lieb von ihr grüßen. Sie hat uns ganz doll lieb.«
Papa lächelte und seufzte noch einmal, bevor er mit Sofie den Friedhof verließ und sie in den Wagen stiegen.

(c) 2011, Marco Wittler

364. Rosenmontag oder „Papa, warum heißt der Tag Rosenmontag?“ (Papa erklärt die Welt 35)

Rosenmontag
oder ›Papa, warum heißt der Tag Rosenmontag?‹

Durch die Straßen der Stadt zogen unzählige Menschen. Sie alle hatten die verrücktesten Verkleidungen an. Hin und wieder warfen sie mit Bonbons und kleinen Blumensträußen.
»Ist der Rosenmontag nicht ein toller Tag?«, fragte Papa seine Tochter Sofie, die auf seinen Schultern saß und sich das bunte Treiben ansah.
»Ja, das macht einen riesigen Spaß.«
In diesem Moment fiel Papa die Neugier seiner kleinen Tochter ein. Er seufzte und bereitete sich auf die kommende Frage vor.
»Warum heißt der Tag heute Rosenmontag?«, fragte Sofie neugierig.
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Rosenmontag. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal in der Stadt Köln ein junge, wunderschöne Frau mit dem Namen Eisabeth, auf deren Liebe ein junger Mann namens Paul hoffte. Doch bisher hatte sie ihr Herz nicht an ihn verschenkt, denn Paul traute sich nicht, ihr seine Liebe zu gestehen.
Tag für Tag saß er hinter seinem Fenster und beobachtete Elisabeth, wenn sie die Straße entlang ging. Nur zu gern wäre Paul nach draußen gestürmt und hätte ihr eine Rose geschenkt. Aber dazu war er viel zu schüchtern.
»Wenn ich doch bloß mutiger wäre.«, verfluchte er sich dann immer selbst.
Doch das ganze Gejammer brauchte ihn auch nicht weiter. Es musste endlich etwas passieren.
Niedergeschlagen ging Paul eines Abends ins Gasthaus und traf sich dort mit seinen Freunden.
»Sie ist so schön, so unglaublich schön.«, schwärmte er mal wieder.
Seine Freunde verdrehten die Augen.
»Müssen wir uns das noch oft anhören? Du nervst ganz schön.«, grummelte Hans und schüttelte den Kopf.
»Schnapp dir endlich das Mädchen und werde glücklich mit ihr.«
Doch davon wollte Paul nichts wissen. Er wusste doch gar nicht, wie er das anstellen sollte. Also klagte er den anderen lieber sein Leid.
Doch plötzlich begann Hans zu grinsen.
»Ich habe da eine Idee. Ich werde dir zu deinem Glück verhelfen. Am Montag ist es dann so weit.«
Paul verstand nichts. Das hatte Hans auch so beabsichtigt. Mit einem Lächeln stand er auf und verließ die Runde.
»Verbringt bitte den Abend ohne mich, meine lieben Freunde. Ich habe noch ein paar Vorbereitungen zu machen. Am Montag wird der Paul endlich seine Freundin bekommen.«

Der Montag war gekommen. Paul war unglaublich aufgeregt. Er wusste noch immer nicht, was heute geschehen sollte, als Hans ihn zu Hause abholte.
»Hier zieh das an, komm mit mir mit und stell keine Fragen.«
Paul war verwirrt und sah in die Tasche hinein, die er nun in Händen hielt. Im Innern fand er ein Kostüm.
»Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich damit das Herz einer Frau gewinnen kann, oder?«
Hans schüttelte den Kopf.
»Ich sagte doch, du sollst keine Fragen stellen.«
Ein paar Minuten später sahen sich die beiden zum Verwechseln ähnlich. Beide hatten sich in bunte Clowns verwandelt.
»Los geht’s. Wir wandern jetzt gemeinsam zum Dom. Dort wartet schon die schöne Elisabeth auf eine Überraschung. Ich habe sie um elf Minuten nach elf Uhr her bestellt, ohne ihr zu sagen, worum es geht.«
Vor Pauls Augen drehte sich alles. Er verstand nichts mehr.
»Warum wandern wir gemeinsam? Wer ist denn da noch?«
Die Antwort auf seine Frage bekam er nur wenige Sekunden später, als er das Haus verließ. In allen Straßen standen unzählige Clowns bereit. Sie alle sahen so aus wie er.
»Du meine Güte, das sieht aus, als wären das alle Männer der gesamten Stadt.«
Hans nickte zufrieden.
»Und wir marschieren nun gemeinsam zur Elisabeth und werden sie überraschen.«
In einem großen Umzug gingen nun die Clowns zum Dom. Als sie nacheinander vor Elisabeth traten, holten sie jeweils eine einzelne Rose hervor, legten sie ihr zu Füßen und flüsterten ihr etwas zu. Es war immer der selbe Satz:
»Er liebt dich.«
Der letzte in der Reihe war Paul. Sein Herz pochte wie wild. Er hatte große Angst. Doch plötzlich wurde ihn klar, dass er nichts zu verlieren hatte.
»In diesem Kostüm wird sie mich nicht einmal erkennen. Also kann es gar nicht so schlimm werden.«
Er warf alle Angst fort, kniete sich vor Elisabeths Füßen auf den Boden, hielt ihr eine Rose hin und gestand ihr seine Liebe. Dann sah er ihr tief in die Augen und wartete gespannt auf ihre Antwort.
»Ich liebe dich auch, mein Paul.«, waren ihre Worte.
Dann fiel sie ihm um den Hals und gab ihm einen langen Kuss.

Sofie strahlte von einem Ohr zum anderen, während sich eine ältere Dame neben Papa leise räusperte.
»Das war eine tolle Geschichte. Aber ich glaube ihnen davon kein einziges Wort.«
Nun musste Sofie laut lachen.
»Hey, das sage ich doch sonst immer.«

(c) 2011, Marco Wittler

303. Juhuu, wir sind da

Juhuu, wir sind da

Ganz klein war es. Es steckte tief im Dunklen und war in einen monatelangen Schlaf versunken. Viele schöne Träume geisterten durch seinen Kopf. Aber es wusste ganz genau, dass es da noch mehr geben musste. Eines Tages würde etwas ganz Besonderes geschehen. Dann würde es nicht mehr nur ein kleines Körnchen sein.
Eines Tages wurde es wärmer und das Körnchen erwachte. Es gähnte laut und lang.
»Huuuch. Was ist denn das? Ich bin erwacht. Dabei hätte ich doch so gern noch weiter geschlafen. Es war doch gerade so richtig gemütlich geworden.«
Es sah sich um. Doch in jeder Richtung war es dunkel. Man konnte nicht einmal eine Hand vor Augen sehen.
»He, warum ist es denn so dunkel? Kann denn nicht mal jemand das Licht einschalten?«
Aber es kümmerte sich niemand. Es blieb dunkel. Stattdessen war plötzlich ein vielstimmiges Gähnen zu hören. Da wurden noch mehr kleine Körnchen wach. Und schon war es mit der angenehmen Ruhe vorbei.
Nun fragten sie sich alle, wo sie sich befanden und was nun zu tun sei. Eine Antwort bekamen sie aber nicht.
»Wir sollten uns bewegen.«, schlug das kleine Körnchen vor.
»Wenn wir einfach so liegen bleiben, kommen wir doch nie im Form. Da wird uns etwas Sport gut tun.«
Und schon zappelte es hin und her, kam aber nicht recht vom Fleck. Außerdem gefiel es ihm nicht, dass es von oben immer wärmer wurde, unten aber kalt blieb.
»Ich will hier raus. Dort oben wird es mir ganz bestimmt besser gefallen. Ich wachse hier raus.«
Das Körnchen begann sich zu recken und zu strecken. Es wurde lang und länger. Es wuchs regelrecht durch die Dunkelheit nach oben, bis es schließlich aus seinem Schlafplatz ausbrach und zum ersten Mal in seinem Leben das Licht der Sonne erblickte.
»Ui, ist das schön hier. Und alles ist so herrlich warm. Leute, das müsst ihr euch unbedingt anschauen.«
Es dauerte gar nicht lange, bis auch die anderen hinterher kamen. Manche mussten sich erst die Augen reiben. Aber dann war der Jubel groß.
»Juhuu, wir sind da.«, riefen sie einem Menschen entgegen, der gerade an ihnen vorbei ging.
»Huch. Wer ruft denn da?«, fragte sich dieser, sah aber nichts anderes als die ersten frisch gewachsenen Blumenstengel des Frühlings, die lustig im Wind hin und her wehten.

(c) 2009, Marco Wittler

106. Eine Raupe im Rosenbeet

Eine Raupe im Rosenbeet

Es war Freitag Morgen um acht Uhr. Herr Meier saß am Küchentisch, trank seinen Kaffee und las gemütlich in der Zeitung. Das Frühstück hatte er bereits gegessen und er freute sich schon sehr auf die Arbeit in seinem Garten. Ein großer Rosenstock, um den herum noch viele kleinere Rosen wuchsen, war sein ganzer Stolz. An diesem Wochenende sollten sich die ersten Knospen öffnen und die Blüten in ihrer ganzen Pracht und Farbe leuchten.
»Ich gehe nachher nach draußen.«, sagte er seiner Frau, ohne hinter der Zeitung hervor zu schauen.
»Ich werde die alten Rosenblätter abschneiden und das Unkraut aus dem Boden zupfen. Ja, genau das werde ich machen.«
Frau Meier lächelte nur. Sie wusste nur zu gut, wie viel Freude ihr Mann an seinem Garten hatte, seit er Rentner geworden war.
»Dann kannst du doch auch gleich mal nach meinem Gemüsebeet schauen. Da ist bestimmt auch genug Unkraut gewachsen. Kannst du das nicht für mich erledigen?«, fragte sie schließlich.
»Das ist ganz unmöglich.«, kam die Antwort prompt.
»Du weißt doch, dass meine preisgekrönten Rosen viel Arbeit kosten und meine ganze Aufmerksam brauchen. Da werde ich den ganzen Tag dran arbeiten. Deine Möhren müssen einfach warten, bis ich fertig bin. Vielleicht finde ich am Montag noch etwas Zeit. Ansonsten musst du dich selber darum kümmern.«
Herr Meier legte die Zeitung beiseite, verschränkte die Arme vor der Brust und setzte eine ernste Miene auf.
Seine Frau musste bei diesem Anblick lachen.
»Dann kümmere du dich ruhig um deine Rosen. Wenn ich vom Friseur zurück bin, mache ich selber das Unkraut weg. Dafür klaue ich mir dann deine schönste Rosenblüte für meine Wohnzimmervase.«
Mit diesen Worten verschwand sie im Flur, noch ehe er etwas erwidern konnte. Sie zog sich eine Jacke über und verließ das Haus.
»Die soll bloß ihre Finger von meinen Rosen lassen.«, murmelte er vor sich hin.
»Da wird nicht eine einzige Blüte abgeschnitten. Immerhin kommen nächste Woche Sonntag die Wettbewerbspreisrichter. Ich will doch auch in diesem Jahr den ersten Platz gewinnen. Dafür muss der Rosenstock perfekt sein. Und weil wir Samstag abend für eine Woche weg fahren, bleibt mir nur noch dieses Wochenende, um alles fertig zu bekommen.«
Herr Meier trank den letzten Schluck Kaffee aus und ging in den Garten. Er hatte sich eine alte Strickjacke übergezogen und eine Arbeitshose. Nun war er mit einer rostigen Schere bewaffnet und wollte die braunen Blätter entfernen. Er nahm sich ein hölzernes Stühlchen, setzte sich vor sein Bett und begann mit seiner Arbeit.
Weit kam er allerdings nicht, denn schon nach wenigen Minuten traf ihn der Schlag. Er bekam einen riesigen Schrecken als er ein Tier entdeckte.
»Potzblitz, was ist denn das?«
Auf einem der Blätter saß eine kleine Raupe und fraß gemütlich vor sich hin.
»Dir werd ich helfen. Du kannst doch nicht einfach meine Rosen als Frühstück missbrauchen.«
Er nahm die Raupe wütend zwischen seine Finger und wollte sie gerade zerquetschen, als seine Frau in den Garten kam.
»Ich bekomme den Wagen nicht an. Kannst du mir mal helfen?«, rief sie. Doch dann sah sie das hochrote Gesicht ihres Mannes.
»Was ist denn mit dir passiert?«
Er hielt den Übeltäter in die Luft.
»Das hier ist passiert. Eine Raupe frisst meine Rosen auf. Ich werd sie zerquetschen, damit sie weiß, was sie angestellt hat.«
Frau Meier eilte schnell an das Bett und nahm ihm die Raupe ab.
»Aber du kannst doch nicht einfach so ein armes und wehrloses Geschöpf töten. Es hat dir doch gar nichts getan. Es liegt einfach in seiner Natur, dass es Blätter frisst. Oder hat die mal ein Hase gebissen, nur weil du abends einen Salat gegessen hast?«
Herr Meier lies den Kopf hängen und schüttelte ihn langsam hin und her.
»Dachte ich mir das doch. Dann darf auch diese kleine Raupe weiter leben.«
Sie brachte die Raupe an den Rand des Grundstücks und legte sie auf einem Löwenzahnblatt ab. Dann nahm sie ihrem Mann mit nach vorn auf die Straße, damit er das Auto starten konnte.
Den restlichen Tag verbrachte Herr Meier nun in besserer Laune. Es kamen ihm keine Tiere mehr in die Quere. Nach und nach sah der Rosenstock immer schöner aus.

Am Samstag Nachmittag saß Herr Meier wieder im Garten. Er kümmerte sich nun um die restlichen Rosen in seinem Bett. Es sollte alles perfekt aussehen. Er jätete Unkraut, zupfte braune Blätter ab und steckte hin und wieder ein Düngerstäbchen in den Boden.
»Ihr sollt ja auch morgen richtig schick aussehen, wenn die Rosenjury an die Tür klopft. Wir wollen doch wieder den ersten Preis bekommen.«
Nach und nach füllte sich der Eimer mit Pflanzenresten. Als er voll war, stand Herr Meier auf und brachte alles zum Komposter. Als er das Grünzeug hinein werfen wollte, erschrak er.
»Was ist denn das? Das darf doch nicht war sein. Woher kommt denn dieses Ungeheuer?«
Wieder lief er vor Wut rot im Gesicht an. Im Eimer saß eine kleine Raupe und krabbelte hin und her. Er lies alles Fallen und lief zum Bett zurück. Mit dem ersten Blick entdeckte er noch weitere Übeltäter.
»Das gibt es nicht. Was mache ich denn jetzt?«
Er überlegte bereits, ob er sie alle mit dem Gartenschlauch wegspülen und ertränken sollte, doch dann bestand auch die Gefahr, dass die frischen Rosenblüten fleckig und braun werden würden.
»Das ist die größte Katastrophe, die die Welt je gesehen hat. Meine Rosen sehen bald löchrig wie ein schweizer Käse aus und die anderen Züchter werden über mich lachen und mit dem Finger auf mich zeigen.«
Frau Meier hatte gehört, was im Garten vor sich ging und kam nach draußen.
»Was ist denn hier los? Ist was nicht in Ordnung?«
Ihr Mann war gar nicht mehr in Lage zu sprechen. Er zeigte nur noch auf die unzähligen Raupen.
»Ach, mein Lieber. Das ist doch gar nicht schlimm. Das sind doch nur Raupen.«
Sie nahm ihren Mann an die Hand und zog ihn zum Haus.
»Du gehst jetzt erstmal in die Küche, setzt dich hin und trinkst einen Kaffee. Danach wird es dir bestimmt besser gehen. Während du dich wieder beruhigst, kümmere ich mich um die Raupen.«
Herr Meier wollte zuerst nicht, doch dann gab er nach und ging ins Haus. Seine Frau bückte sich und besah sich den Schaden. Doch so schlimm sah es noch gar nicht aus.
Ganz vorsichtig wollte sie nun die Raupen von den Blättern nehmen und an eine andere Stelle des Gartens tragen. Doch dann sah sie etwas Erstaunliches. Mit den Raupen veränderten sich.
»Na, wenn das mal nicht eine große Überraschung wird.«, sagte sie und lies die Tiere auf den Rosen sitzen.

Eine Woche später kamen die beiden ganz spät in der Nacht nach Hause. Herr Meier war ganz nervös.
»Hoffentlich ist alles mit meinen Rosen in Ordnung. Ich habe die ganze Zeit im Urlaub daran denken müssen, dass sie nicht mehr da sind und der Garten von dicken Raupen überquillt. Morgen Vormittag kommen doch die Wettbewerbsrichter.«
Frau Meier schmunzelte. Sie wusste nur zu genau, was morgen geschehen würde. Doch darüber schwieg sie.

Am nächsten Morgen lief Herr Meier sofort nach dem Frühstück in den Garten und sah nach dem Rechten. Die Rosen standen noch alle. Doch bei genauerem Hinsehen entdeckte er sofort ein paar lästige Tiere.
»Du meine Güte. Die Raupen sind immer noch da. Ich dachte, du hättest dich darum gekümmert? Was soll ich denn jetzt machen? Wenn die Richter löchrige Blätter sehen ist alles aus.«, schimpfte er.
»Jetzt muss alles ganz schnell gehen.«
Er wollte gerade die Tierchen entfernen, als es an der Tür klingelte. Die Wettbewerbsrichter waren bereits da und wollten sofort die Rosen sehen.
Herr Meier war verzweifelt und wusste nicht, was er machen sollte. Nun musste er mit Raupen verseuchte Pflanzen vorzeigen. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Er schloss die Augen, lies sich von seiner Frau in den Garten führen und entschuldigte sich bei allen Anwesenden im Voraus.
»Es tut mir wirklich leid, meine Herren. Aber in diesem Jahr haben wir eine Ungezieferplage erleben müssen. Sie werden leider nicht das vorfinden, was sie erwarten.«
Aber als sie gemeinsam in den Garten kamen erlebten sie eine große Überraschung.
»Gute Güte, was ist denn das? So einen farbenfrohen Rosenbusch haben wir bisher noch nirgendwo gesehen. Wie haben sie denn das geschafft?«
Herr Meier öffnete langsam seine Augen und wollte nicht glauben, was er nun sah. Sein Rosenbusch leuchtete in allen vorstellbaren Farben. Die Raupen hatten sich während des Urlaubs verpuppt. Und aus den Puppen waren in den letzten Minuten wunderschöne Schmetterlinge geschlüpft, die nun alle um den Strauch herum flogen oder auf ihm saßen.
»Also dafür haben sie auf jeden Fall den ersten Preis verdient. Damit kann kein anderer Züchter konkurrieren.«, war das Urteil der Wettbewerbsrichter.

Nachdem der Besuch wieder verschwunden war, sah Herr Meier noch einmal durch ein Fenster nach draußen in den Garten und dachte ein wenig nach.
»Es ist doch unglaublich, welche Wunder die Natur für uns parat hält. Und ich dummer Kerl hätte beinahe alles kaputt gemacht.«

(c) 2008, Marco Wittler