610. Warten auf den Weihnachtsmann

Warten auf den Weihnachtsmann

Noch nie hatte ihn jemand zu Geischt bekommen. Naja, zumindest hatte ihn noch kein Kind gesehen, denn die Erwachsenen behaupteten immer wieder, dass sie mit ihm in engem Kontakt stehen würden. Der Weihnachtsmann war das letzte, große Geheimnis dieser Welt, das es noch aufzudecken gab. Einer, der sich daran beteiligte, war Paul.
Paul hatte sich mit seinem besten Freund Finn abgesprochen. Gemeinsam wollten sie in der Weihnachtsnacht wach bleiben, um den Weihnachtsmann auf frischer Tag zu ertappen. Sie wollten beide sehen, wie er mit dem Geschenkesack den Kamin herunter kam.
Nachdem Mama und Papa ins Bett gegangen waren, stand Paul wieder auf und schlich sich heimlich ins Wohnzimmer zurück. Dort machte er es sich mit einer Packung Keksen, einer Flasche Milch und einer dicken Wolldecke gemütlich. Um nicht doch noch einzuschlafen, hatte er sich sein Lieblingsbuch mitgenommen.
Stunde um Stunde verging, aber bisher war der Weihnachtsmann noch nicht aufgetaucht. Auch bei Finn, mit dem er sich per Handys Nachrichten schrieb, hatte sich bisher nichts getan.
Also steckte Paul seine Nase weiter in sein Buch und las weiter. Aber mit jeder Seite wurde er müder. Irgendwann begannen die einzelnen Buchstaben scheinbar vor seinen Augen zu tanzen. Sie hüpften von oben nach unten und von links nach rechts. Sie tauschten ihre Plätze und verwirrten ihren kleinen Leser, wie sie nur konnten.
Irgendwann verdrehte Paul die Augen und rieb sie sich kräftig. Dann gähnte er laut.
„Puh, ist das anstrengend. Ich hätte nicht gedacht, dass Warten so müde machen kann.“
Er aß ein paar Kekse, trank einen großen Schluck Milch und versuchte es weiter mit seinem Buch. Immer wieder sah er verstohlen zum Kamin. Aber dort war niemand zu sehen.
Ein paar Minuten später begannen Pauls Augenlider zu flattern. Er konnte sie kaum noch offen halten und gähnte nun immer öfter. Kurz darauf war er eingeschlafen.

Am nächsten Morgen wurde er von der Sonne geweckt. Er sah sich schnell um. Unter dem Christbaum lagen Geschenke. Die Kekse, die noch vor ein paar Stunden neben ihm lagen, waren komplett aufgegessen, die Milchflasche war leer.
„Verdammt. Ich hab ihn verpasst.“
Er schrieb eine Nachricht an Finn. Auch sein Freund war irgendwann eingeschlafen und hatte niemanden im Wohnzimmer gesehen.
Verärgert stand Paul auf und wollte in sein Zimmer gehen. Da fiel sein Blick auf einen Brief, der am Abend noch nicht da gewesen war. Er öffnete den Umschlag, holte einen Zettel hervor und las, was darauf geschrieben stand.

Lieber Paul.
Vielen Dank, dass du versucht hast, auf mich zu warten. Es ist nicht schlimm, dass du dabei eingeschlafen bist. Ich bin nachts auch immer müde. Aber vielleicht sehen wir uns ja im nächsten Jahr.
Dein Weihnachtsmann

Paul staunte. Es gab den Weihnachtsmann tatsächlich. Dieser Brief war der Beweis. Oder vielleicht doch nicht? Er wusste es einfach nicht. Deswegen nahm er sich jetzt schon vor, im nächsten Jahr einen neuen Versuch zu starten.

Zur gleichen Zeit landete der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten am Nordpol. Bevor er ausstieg, bedankte er sich noch bei seinem guten Freund, dem Sandmännchen.
„Vielen Dank, mein Freund.“, sagte er schmunzeld. Wenn du nicht helfen würdest, hätte mich schon längst ein Kind entdeckt. Aber mit deinem Sand bekommst du sie alle zum Schlafen.“

(c) 2017, Marco Wittler

516. Eine E-Mail für Oma

Eine E-Mail an Oma

Sophie saß an ihrem Schreibtisch und langweilte sich. Vor ihr lagen ein Blatt Papier und einige Buntstifte. Ihr fiel aber nichts ein, was sie hätte malen oder schreiben können.
In diesem Moment steckte Mama den Kopf zur Tür herein.
»Na, was machst du gerade, Spätzchen?« fragte sie.
»Nichts!« war die kurze Antwort.
»Ich wollte einen Brief an Oma schreiben, aber mit fällt nichts ein.«
Mama überlegte ein wenig und hatte dann ein paar Vorschläge.
»Schreib ihr, wie es dir gerade geht und worüber du nachdenkst. Du kannst ihr von unserem Ausflug zum Leuchtturm berichten und was du noch alles in den Ferien erlebt hast.«
Sophie nickte strahlend. Das ist eine tolle Idee. Ich fange sofort an, damit ich nachher Omas Antwort lesen kann.«
Nun musste Mama grinsen. »So schnell geht das aber nicht. Wenn dein Brief fertig ist, müssen wir ihn zuerst zum Briefkasten bringen. Der Postbote holt ihn dann ab und erst ein oder zwei Tage später kommt der Brief dann bei Oma an. Wenn sie dir zurück schreibt, dauert es noch einmal so lange.«
Sophie ließ sofort wieder ihre Mundwinkel nach unten sinken.
»Ich muss dann wirklich so lange warten? Das dauert mir zu lange. Da muss es doch was Schnelleres geben.«
Mama nickte. »Ich habe da eine Idee. Wir sollten mal an meinen Computer gehen.«
Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer, setzten sich aufs Sofa und schalteten den Computer an. Nach einer kurzen Minute konnten sie loslegen.
»Und wie bekommen wir da meinen Brief rein?«
Sophie versuchte verzweifelt ein Blatt Papier in den Monitor zu schieben.
»Da ist doch gar kein Schlitz.«
Mama schüttelte den Kopf.
»Wir schreiben Oma eine E-Mail. Wir tippen alles über die Tastatur und schicken deinen Brief dann über das Internet weg. Dann kann ihn Oma schon nach ein paar Sekunden lesen.«
»Nach ein paar Sekunden schon?« Sophie bekam große Augen.
»Kommt dann ein Postbote mit einer Rakete vorbei?«
»Nein.« sagte Mama. »Das alles ganz von allein.«
Sophie wollte das nicht so richtig glauben, begann dann aber zu tippen und hörte nicht auf, bevor sie fertig war.
»Und nun ab die Post.« rief sie begeistert und klickte mit der Maus auf ‚Senden‘.
»Mein ist jetzt wirklich schon bei Oma angekommen?«
Mama nickte.
»Das werde ich sofort überprüfen.«
Sophie sprang auf, verließ die Wohnung und lief eine Etage tiefer.
»Oma, wo bist du? Ich habe dir einen Brief geschrieben. Ist der schon da? Schau doch mal in deinen Computer.« war das Letzte, das Mama durch die offene Tür hörte.

Nach einer Viertelstunde kam Sophie wieder nach oben. Sie war ganz aus der Puste, setzte sich aber sofort wieder zu Mama an den Computer.
»Der Brief war tatsächlich sofort da. Unglaublich. Ich hab ihn dann gleich mit Oma zusammen gelesen. Danach haben wir mir dann auch geantwortet. Jetzt bin ich neugierig, ob das in die andere Richtung auch so schnell geht.«
Sie sah auf den Monitor und begann zu grinsen.
»Da ist ja mein Brief. Jetzt müssen wir beiden nur noch lesen was Oma und ich mir geschrieben haben.«

(c) 2015, Marco Wittler

512. Schlittenfahrt im Sonnenschein (Hallo Oma Fanny 24)

Schlittenfahrt im Sonnenschein

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Ich schreibe dir heute von einem ganz besonderen Erlebnis.
Gestern Abend saß ich mit Papa vor dem Fernseher. Da liefen die Nachrichten und berichteten aus ganz vielen Ländern. Am Ende kam dann das Wetter. Also eigentlich nicht, denn das geht ja nur draußen. Aber ein Mann stand vor einer Deutschlandkarte und hat uns gezeigt, wie das Wetter werden sollte.
Er kündigte an, dass es von Norden bis Süden, also im ganzen Land, kräftig schneien sollte. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich vor Freude gejubelt habe. Ich wollte sofort meinen Schlitten aus dem Keller holen, aber ich durfte nicht. Mama schickte mich ins Bett.
Heute Vormittag, bin ich nach dem Aufstehen sofort an mein Fenster gelaufen. Es war aber keine einzige Schneeflocke zu sehen. Nicht einmal Wolken hatten sich zu uns verirrt. Der Himmel war überall blau und die Sonne schien. Da war ich richtig enttäuscht. Ich wollte doch unbedingt Schlitten fahren.
Ich war zwar traurig, bin dann aber trotzdem in den Keller gegangen, um meinen Schlitten zu holen. Ich habe mich dann in den Garten gesetzt und mit dem blauen Himmel gemeckert, dass er endlich verschwinden und den Schneewolken Platz machen sollte.
Stattdessen stach mir dann die Sonne mit einem Strahl direkt ins Auge.
Da hatte ich plötzlich eine großartige Idee. Ich hab mir meinen Schlitten genommen und bin auf dem Sonnenstrahl nach oben geklettert. Ganz weit oben habe ich mich dann umgedreht und bin mit dem Schlitten zurück in den Garten gefahren. Das war so lustig, dass ich den ganzen Tag nichts anderes mehr gemacht habe.

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.
Dein Noah.

(c) 2015, Marco Wittler

417. Mein Wunschzettel

Mein Wunschzettel

Lieber Weihnachtsmann.

Bald ist wieder Weihnachten und Mama hat mir gesagt, dass es Zeit wird, einen Wunschzettel zu schreiben.
Ich habe mir ganz lange Gedanken darüber gemacht, was ich mir von dir alles wünschen könnte. Du kannst dir bestimmt vorstellen, dass da ganz schön viel zusammen gekommen ist. Ich kann noch ein paar neue Autos gebrauchen, neue Schienen und Züge für meine Holzeisenbahn, Legosteine, einen eigenen Computer, an dem nur ich spielen darf, ein lautes Radio, ein Klavier mit ganz vielen Tasten, ein Fahrrad und noch viel mehr. Bei so vielen Wünschen brauche ich bestimmt auch noch ein größeres Kinderzimmer.
Doch dann fiel mir noch etwas anderes ein. Mama hat mir mal erzählt, dass unartige Kinder keine Geschenke von dir bekommen. Und, naja, … so ganz artig war ich dieses Jahr leider nicht. Ich glaube, ich habe sogar ziemlich viel Blödsinn angestellt.
Jeden Tag habe ich meine Schwester geärgert. Beim Fußball viel zu oft gefoult. In der Schule war ich auch nicht so gut. Ich habe meinen Lehrern oft nicht zugehört, im Unterricht Quatsch gemacht, meine Mitschüler gestört und immer wieder meine Hausaufgaben vergessen.
Mama musste sich auch immer wieder über mich ärgern, wenn ich jeden Tag zickig war und ihr nicht helfen wollte.
Der Papa musste sehr oft mit mir schimpfen und von Opa musste ich mir auch immer wieder was anhören.
Und deswegen wünsche ich mir dieses Jahr keine Geschenke. Die habe ich wohl nicht verdient. Ich möchte mir von dir nur eine einzige Sache wünschen. Bitte hilf mir dabei, dass ich im nächsten Jahr artiger sein kann.

Dein Tommi.

(c) 2012, Marco Wittler