554. Weihnachten im Krankenhaus (Ninas Briefe 22)

Weihnachten im Krankenhaus

Hallo Steffi.

Es ist wieder so weit, dass ich dir einen Brief schicke. Der Letzte ist ja schon eine ganze Weile her. Im Moment habe ich auch sehr viel Zeit, dir zu schreiben, denn ich liege seit drei Tagen im Krankenhaus.
Warum ich im Krankenhaus liege? Na ja, das ist so eine Sache. Ich wollte unbedingt mit meinen Inlinern bei uns auf dem Gehweg fahren. Papa hatte es mir verboten. Also bin ich heimlich nach draußen. Dummerweise lag dort etwas Schnee, der Boden war rutschig und ich bin nur ein paar Meter weit gekommen. Schon vor der ersten Kurve bin ich ausgerutscht und habe mir das linke Bein gebrochen.
Bis auf die Schmerzen und den ungemütlichen Gipsverband, ist es gar nicht so schlimm. Das Essen schmeckt lecker, die Krankenschwestern sind super nett und ich bekomme jeden Tag Besuch. Was mich aber so richtig gestört hat, dass ich Weihnachten hier drin bleiben musste. Ich konnte also nicht mit meiner Familie vor dem Weihnachtsbaum sitzen, Lieder singen und Geschenke auspacken.
Ich konnte mir schon im Voraus das Gesicht meines kleinen Bruders Tommi vorstellen, wie er vor Schadenfreude von einem Ohr zum anderen grinst. Er packt seine Geschenke aus und freut sich, dass ich einen Tag länger warten muss.
An Heiligabend war es dann auch so weit. Mama, Papa, Tommi, Oma und Opa haben mich am Mittag besucht. Wir haben viel gelacht, Lieder gesungen – und dann sind sie nach Hause gefahren. Vom Fenster aus habe ich ihnen noch zugewunken. Und dann war ich allein in meinem Zimmer. Weihnachten musste ich allein verbringen. Kannst du dir das vorstellen? Das ist echt grausam. Das wünscht man niemandem.
Um nicht ganz allein zu sein, haben wir uns in einem kleinen Gemeinschaftsraum getroffen, also die anderen kranken Kinder, ein paar Krankenschwestern und ich. Das war zwar nicht das Gleiche, aber trotzdem ganz nett. Ein gutes Rezept, um das Heimweh zu vergessen.
Nach einer halben Stunde klopfte es plötzlich an der Tür. Ein kleiner Kopf schob sich grinsend herein.
»Hier sind wir richtig.«, rief er hinter sich. »Los, kommt rein!«
Es war Tommi. Ja, wirklich. Ich hatte keine Halluzinationen oder Träume und du hast richtig gelesen. Tommi, mein kleiner Bruder, war wieder ins Krankenhaus gekommen.
Nun öffnete er die Tür ganz und stürmte herein. Ihm folgten Mama, Papa, Oma und Opa. Während Papa einen kleinen, fertig geschmückten Weihnachtsbaum herein brauchte, hatten die anderen jeden Menge Geschenke unter den Armen.
Und das war noch lange nicht alles. Auch die Familien der anderen Kinder waren gekommen. Sie wollten Weihnachten bei uns im Krankenhaus feiern. Was für eine coole Idee.
Steffi, du kannst dir nicht vorstellen, wie toll dieser Abend wurde. Es war das schönste Weihnachtsfest meines Lebens. Wir hatten so unglaublich viel Spaß.
Ich musste mich immer wieder bei Mama und Papa für diese geniale Idee bedanken.
Aber irgendwann flüsterte mir Mama etwas Überraschendes ins Ohr – etwas, womit ich niemals gerechnet hatte:
»Das war nicht unsere Idee.«, sagte sie. »Dein kleiner Bruder Tommi war so traurig, dass du allein im Krankenhaus bist, dass er unbedingt Weihnachten hier feiern wollte.«
Ja wirklich. Mein kleiner Tommi hat an mich gedacht. Dabei ärgert er mich doch sonst immer nur. Ist er nicht ein richtig toller, kleiner Bruder? Ich hab ihn richtig lieb.
Na ja. Und nun ist dieser schöne Abend vorbei. Meine und die anderen Familien sind mittlerweile nach Hause gefahren. Ich liege jetzt hier in meinem Bett und schreibe an meinem Brief an dich. Ich hoffe, dass er bald bei dir ankommt und du mir schnell antworten kannst.

Ganz viele, liebe und weihnachtliche Grüße,
deine Nina.

P.S.: Schimpf nicht immer so viel über deinen kleinen Bruder. Der ist bestimmt auch irgendwann mal ganz lieb und nett zu dir.

(c) 2016, Marco Wittler

506. Briefe aus dem Kindergarten

Briefe aus dem Kindergarten

Mama saß am Schreibtisch, hatte ein paar Blätter Papier vor sich liegen und schrieb mit ihrem teuren Füller darauf.
»Mama, was machst du da?« wollte ihr kleiner Sohn Max wissen.
»Ich schreibe einen Brief an meine Freundin.« antwortete sie und hielt ihm die beschriebenen Seiten vor die Nase.
»Ui, sind das viele Wörter.« staunte Max mit großen Augen. »Aber die kann ich gar nicht lesen.«
Mama lachte. »Du bist ja auch noch im Kindergarten. Das Lesen lernst du, wenn du in die Schule gehst.«
Max sah sich noch einmal den Brief an.
»Ich will auch einen Brief schreiben. An meinem besten Freund Leon aus dem Kindergarten.«
Mama seufzte. »Aber wie willst du das denn machen? Ihr könnt doch Beide noch nicht lesen.«
»Das geht auch ohne Buchstaben.« entschied Max, schnappte sich ein paar leere Blätter und verschwand mit seinen Buntstiften im Kinderzimmer.

Nach einer halben Stunde kam er stolz grinsend zurück und präsentierte seinen Brief.
»Ich bin schon fertig.«
Auf den Blättern hatte er ganz viele, kleine Bildchen gemalt. Grinsende Gesichter, Regentropfen, Autos, eine Rutsche, Häuser und noch vieles mehr.
»Schöne Bilder hast du Leon gemalt. Die werden ihm bestimmt gefallen.« lobte Mama.
»Das ist aber keine normalen Bilder.«
Max machte ein strenges Gesicht, wie er es schon oft bei Mama gesehen hatte.
»Das ist ein Bilderbrief. Wenn Leon sie sich ansieht, weiß er genau, was ich ihm schreiben wollte.«
»Ganz bestimmt.« antwortete Mama, glaubte aber trotzdem nicht, dass man sich mit Bildern schreiben konnte.

Drei Tage später lag ein Umschlag im Briefkasten. Auf ihm stand Leons Name.
»Das ist bestimmt die Antwort von Leon.« freute sich Max. »Er hat mir gestern im Kindergarten erzählt, dass er mir geschrieben hat.«
Dann wurde der Umschlag aufgerissen und die Seiten heraus geholt.
»Siehst du, er hat mir auch Bilder gemalt.« präsentierte Max den Brief Mama, die dort aber nur ein paar bunte Bildchen sah. Da waren grinsende Gesichter, Regentropfen, Autos, eine Rutsche, Häuser und noch vieles mehr.
»Also ich kann da gar nichts lesen.« gab sie verzweifelt auf.
»Aber Mama. Das ist doch ganz einfach.«
Max zeigte auf die ersten zwei Bilder, ein lachendes Gesicht und ein Briefumschlag. »Leon hat sich sehr gefreut, dass ich ihm einen Brief geschickt habe.«
Der Finger wanderte weiter auf ein Strichmännchen mit Briefumschlag und einem Kasten, der in einem Baum steckte.
»Er hat meinen Brief mit in sein Baumhaus genommen und ihn dort gelesen. Seine Mama brachte ihm noch einen Teller mit leckeren Keksen und einer Tasse heißem Kakao.«
Bild für Bild las Max den Brief vor. Bei keinem einzigen Bild musste er überlegen, was es bedeuten konnte. Es war für ihn, als hätte jemand richtige Wörter benutzt. Mama konnte nur noch staunen. Damit hätte sie nie gerechnet.

(c) 2015, Marco Wittler

305. Brieffreunde

Brieffreunde

Anna saß am Ufer des Meeres und spielte mit ihrer Sandburg. Mit einer kleinen Schaufel baute sie einen Schutzwall, der die nahende Flut aufhalten sollte. Doch schon jetzt schwappten immer wieder einzelne Wellen in ihr Bauwerk hinein.
»Dann bau halt nicht so nah am Wasser.«, schlug Mama vor.
Doch Anna wollte sich nicht belehren lassen.
Das ist mir egal. Gerade das Kämpfen mit dem Meer macht doch richtig Spaß.«
Und schon wieder rollte das Wasser heran. Dieses Mal war die Welle etwas kräftiger und ergoss sich über die ganze Sandburg.
»Oh je.«, seufzte Anna und besah sich die Katastrophe.
»Jetzt muss ich wieder von vorn anfangen.«, jubelte sie.
Während sie das Wasser aus ihrer Burg schaufelte, sah sie ein seltsames Glitzern.
»Nanu, was ist denn das?«
Das Meer schien etwas an den Strand gespült zu haben.
Anna griff zu und zog eine Glasflasche aus dem Matsch.
»Wer wirft denn einfach seinen Müll ins Meer? Das macht man doch nicht.«
Sie wollte schon aufstehen und die Flasche zum Mülleimer bringen, als sie ein gerolltes Blatt Papier im Innern entdeckte. Es schien noch unversehrt zu sein.
»Schau mal Mama. Was ist denn das?«
Mama kam heran und besah sich das Fundstück.
»Das ist eine Flaschenpost, Spätzchen. Da drin steckt ein Brief. Willst du ihn lesen?«
Anna wurde sofort neugierig. Also nickte sie begeistert mit dem Kopf.
Mama zog den Korken aus der Flasche, schüttelte den Brief heraus und gab ihn ihrer Tochter.
Anna las sofort laut vor, was darauf stand:

Hallo unbekannter Leser.

Mein Name ist Luisa, ich bin acht Jahre alt und lebe in einem kleinen Dorf in Süddeutschland.
Heute ist mein erster Urlaubstag am Meer. Ich habe noch nie so viel Wasser auf einem Haufen gesehen. Ich hätte nicht gedacht, dass es überhaupt so viel davon auf der Welt gibt. Das ist einfach unglaublich.
Damit ich immer eine Erinnerung an meinen Urlaub habe, hat mir meine Mama vorgeschlagen, meine Erlebnisse in Briefen aufzuschreiben und diese dann mit einer Flaschenpost ins Meer zu werfen.
Ich hoffe natürlich, dass sie irgendwann gefunden wird und mir dann jemand antwortet. Also schreib mir einfach deine Erlebnisse und dann ab die Post.

Liebe Grüße,
deine Luisa.

Dann stand da noch eine Postanschrift.
»Darf ich der Luisa antworten?«, fragte Anna?
Mama nickte.
»Prima. Dann lass uns sofort ins Hotel gehen. Ich will Briefe schreiben.«
Mama seufzte. Sie hatte sich so sehr auf eine schöne braune Haut gefreut.

Zurück im Hotel holte Anna sofort etwas zu Schreiben aus ihrem Köfferchen und setzte ihren Füller an.
In einem langen  Brief berichtete sie Luisa von ihren Ferien, von der langen Fahrt zum Urlaubsort, von ihren verzweifelten Kämpfen gegen die Wellen und natürlich auch vom Fund der Flaschenpost.
Zum Schluss schrieb sie noch ihren Namen und ihre Adresse darunter und packte den Brief in einen Umschlag.
»Fertig.«
Mama nahm den Brief und brachte ihn gleich zur Hotelrezeption. Dort gab sie ihn ab.
Als sie wieder im Zimmer war, hielt ihr Anna noch etwas unter die Nase.
»Schau. Das ist jetzt meine Flaschenpost. Ich habe sogar einen Brief rein gesteckt. Vielleicht finden den ja bald ein anderes Kind.

Zwei Wochen später waren Mama und Anna wieder zu Hause angekommen. Sie machten sich sofort über den Briefkasten her. Darin steckten unzählige Postkarten von Mamas Freunden. Und ganz hinten lag noch ein Brief von Luisa.

Hallo liebe Anna.

Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich über deine Antwort gefreut habe. Ich habe schon lange nicht mehr an meine Flaschenpost gedacht. Da nie ein Brief zu mir kam, hatte ich schon befürchtet, dass die Flasche im Meer untergegangen sei.
Du darfst dich auch nicht wundern, dass ich mittlerweile schon achtzig Jahre alt bin.
Aber gerade deswegen freut es mich umso mehr, an meinem Lebensabend noch einmal an meinen ersten Urlaub am Meer erinnert worden zu sein.

Liebe Grüße,
deine Luisa.

In den nächsten Jahren schrieben sich die beiden noch viele unzählige Briefe, berichteten sich von Urlaubsfahrten und mehr.
Eines Tages, Anna war schon erwachsen geworden, klingelte es an ihrer Haustür. Nach unzähligen Jahren brachte ihr der Postbote einen Brief.
»Was ist denn das?«, fragte sich Anna, denn der Absender war ihr nicht bekannt.
Also öffnete sie den Brief und las die gekritzelten Worte eines kleines Mädchens. Sofort musste Anna freudig lächeln.

Hallo Anna.

Mein Name ist Emily und ich habe gerade deine Flaschenpost im Meer gefunden …

(c) 2010, Marco Wittler

232. Eine Fahrt nach Berlin (Ninas Briefe 21)

Eine Fahrt nach Berlin

Hallo Steffi.

Heute schreibe ich dir mal von einem ganz anderen Ort. Wir sind heute mit der ganzen Familie unterwegs und schauen uns unsere Hauptstadt Berlin an. Leider ist mein nerviger Bruder Tommi auch dabei.
Du kannst dir nicht vorstellen, wie anstrengend die Fahrt hierher war . Ich hatte versucht, ein Buch zu lesen, aber bei jeder Kuh, jedem Schaf, jedem Auto und allem anderen, was se zu sehen gab, drehte Tommi durch. Er fand das so schrecklich aufregend.
Irgendwann waren wir angekommen. Das erste Ziel unserer Hauptstadtsafari war ein großes, altes Gebäude. Zuerst setzte sich mich auf die riesige Wiese davor. Ich hatte sofort das Gefühl, dieses Haus schon einmal gesehen zu haben. Mir wollte es aber nicht einfallen. Über dem Eingang stand in großen schwarzen Buchstaben ›dem deutschen Volke‹ geschrieben.
Irgendwann hielt ich es einfach nicht mehr aus. Ich stand auf und verkündete meiner Familie, dass ich nun jemanden fragen wollte. Papa grinste mich nur an und lief mir langsam nach. Doch irgendwie hatte ich einfach kein Glück, denn die Antworten, die ich bekam, konnte ich nicht verstehen.
»Je ne parle allemand.«, sagte eine Frau und ein Mann bekam nur ein »I don’t speak german.« heraus.
Ich zuckte nur mit den Schultern und entschuldigte mich dann immer mit dem Satz: »Tut mir leid, aber ich spreche kein ausländisch.«
Dass sich in Berlin so viele Touristen aus anderen Ländern tummeln, hätte ich gar nicht erwartet. Aufgeben wollte ich trotzdem nicht.
»Die Frau dort frage ich jetzt.«, entschied ich spontan.
Als Papa sie sah, wollte er mich aufhalten.
»Lass das lieber.«, sagte er und bekam eine ganz unruhige Stimme.
»Sie sieht aus, als hätte sie es eilig.«
Doch davon ließ ich mich nicht abschrecken. Ich lief zu ihr und sprach sie an.
»Wissen sie vielleicht, was das für ein komisches Haus ist?«, fragte ich.
Die Frau sah mich plötzlich ganz komisch an, dann lächelte sie.
»Das, mein Kind, ist der Reichstag. Dort drin treffen sich die wichtigsten Politiker Deutschlands. Sie reden jeden Tag darüber, was man in unserem Land besser und schöner machen kann.«
Ich staunte Bauklötze. Dann musste dieser Reichstag das wichtigste Haus Deutschlands sein.
»Weißt du was? Ich werde dir und deiner Familie das Gebäude von innen zeigen.«
Und schon nahm sie mich an die Hand und führte uns an der langen Warteschlange vorbei zum Eingang.
»Aber Vordrängeln ist doch nicht erlaubt.«, beschwerte ich mich.
Doch der Mann an der Eingangstür flüsterte mir zu, dass es für diese Frau in Ordnung sei.
Wir gingen gemeinsam über eine große Treppe nach oben, bis wir unter einer großen Glaskuppel ankamen. Die Frau zeigte nach unten, denn man konnte von hier aus in einen riesigen Raum schauen. Dort standen überall Stühle und an der Wand hing ein großer Adler.
»Dort treffen sich die Politiker immer, um miteinander über unser Land zu reden. Sie treffen gemeinsam ganz wichtige Entscheidungen.«
Danach verabschiedete sie sich von uns.
»Ich muss euch nun leider verlassen. Auf mich wartet die Arbeit. Aber wenn du wissen möchtest, wer die Chefin hier ist und was sie alles zu tun hat, darfst du mich gern wieder fragen.«
Sie drückte mir eine kleine Karte mit ihrem Namen in die Hand und ging winkend die Treppe herunter.
Nun war ich natürlich neugierig und las mir die Karte durch. Darauf stand der Name der Frau und ihr Beruf: Bundeskanzlerin von Deutschland.
Mir wären beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen. Die wichtigste Frau unseres Landes hatte mir den Reichstag gezeigt.

Und nun werden wir uns noch das Brandenburger Tor anschauen. Deswegen ist mein Brief an dieser Stelle auch schon zu Ende.

Bis bald.

Deine Nina.

(c) 2009, Marco Wittler

146. Das Geheimnis der kleinen Blume (Ninas Briefe 20)

Das Geheimnis der kleinen Blume

Hallo Steffi.

Erinnerst du dich noch an die kleine geheimnisvolle Blume, die ich von der Elfenkönigin geschenkt bekam? Endlich habe ich heraus bekommen, wofür sie gut ist. Aber ich fange erst einmal von vorn an.
Eine ziemlich lange Zeit habe ich sie jeden Tag in die Hand genommen, angeschaut, untersucht und darüber nachgedacht, was man mit ihr anstellen könnte. Eine Lösung habe ich allerdings nie gefunden. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie sehr ich mir den Kopf darüber zerbrochen habe.
Das Seltsamste daran war allerdings, dass sie nicht welkte. Sie blieb frisch wie am ersten Tag. Ich bewahrte sie in einem kleinen Kästchen auf, damit mein Bruder Tommi sie nicht finden konnte. Schließlich vergaß ich mein kostbares Geschenk nach und nach.
Und nun ist es Herbst geworden. Draußen werden zwar die Blätter der Bäume bunt, aber Blumen und Blüten gibt es fast keine mehr. Da fiel mir wieder ein, dass ich irgendwo ein kleines Kästchen versteckt hatte. Ich fand es unter meinem Bett wieder. Ganz gespannt öffnete ich es und durfte feststellen, dass meine Blume noch immer so schön aussah, als wäre es gerade erst mitten im Frühling. Da ging es mir gleich fiel besser.
Da die Sonne an diesem Nachmittag schien, ging ich in den Garten, setzte mich auf den Rasen und sah mir wieder einmal das kleine Pflänzchen an.
»Auch wenn du mir dein Geheimnis nicht verraten willst, bist du doch eine sehr schöne Erinnerung an die warmen Jahreszeiten. Ich hoffe, dass du auch den ganzen Winter über blühen wirst.«
Ich hielt sie hoch in den lauen Wind. Dieser ergriff gleich seine Chance und blies sanft durch die Blütenblätter. Feine Pollen rieselten zum auf mich herab.
Zuerst dachte ich mir nichts dabei. Doch dann begann es in meinem ganzen Körper zu kribbeln. Ich fand das ganz lustig, aber plötzlich schien sich alles zu verändern. Es flimmerte mir vor den Augen und ich bekam das Gefühl, die Welt um mich herum nur noch durch eine Lupe sehen zu können. Sie wurde nämlich immer größer und größer.
Aber dieser Eindruck war völlig falsch. Denn irgendwann wurde mir bewusst, dass nicht die Welt größer, sondern ich kleiner geworden war. Ich wollte aufstehen und sofort zu Mama laufen, doch dann verlor ich den Boden unter den Füßen. Ich schwebte in schwindelerregender Höhe durch den Garten.
Ich blickte hinter mich und entdeckte zwei durchsichtige, kräftig schlagende Flügelchen an meinem Rücken.
Schlagartig wurde mit bewusst, was geschehen war. Der Pollen der Blume hatte mich in eine kleine Elfe verwandelt. Ich hätte eigentlich angst haben sollen, doch stattdessen machte es mir sogar Spaß. Ich drehte eine Runde nach der anderen und flog sogar ein paar Loopings. Es war, als wäre ich schon mein ganzes Leben lang eine Elfe gewesen.
Aber konnte ich wirklich für immer so bleiben? Was würden meine Eltern dazu sagen? Außerdem bekam ich Angst, dass Tommi mich mit einem Insekt verwechseln würde. Ich sah ihn schon mit einer Fliegenklatsche hinter mir her laufen.
Ich flog also in den Wald und suchte nach dem Königreich der Elfen.
Ob du es glaubst oder nicht, es war viel einfacher zu finden, als ich dachte. Ich konnte spüren, in welchem Baum der Eingang lag. Ich wurde magisch davon angezogen. Schon nach kurzer Zeit entdeckte ich ein Loch in einem Baum. Furchtlos flog ich hinein und fand mich schon in der nächsten Sekunde in einer quietschbunten Welt wieder. Ich war im Elfenland angekommen.
Die anderen Elfen bemerkten mich sehr schnell, begrüßten mich freundlich und führten mich überall herum. Ich erfuhr, dass nur die Elfenkönigin selber eine gebürtige Elfe war. Alle anderen waren auf die gleiche Weise, wie ich zu einem geflügelten Wesen geworden.
Man führte mich zum Schloss. Im Thronsaal wurde ich bereits erwartet. Die Königin, die ich damals befreit hatte, saß mir gegenüber und lächelte.
»Es ist schön, dass du das Geheimnis der Blume heraus gefunden hast, liebe Nina. Ich heiße dich in meinem Reich willkommen. Denn das ist mein wahres Geschenk an dich.«
Ich hatte so viele Fragen auf den Lippen. Aber ich war auch zu nervös, um sie alle loszuwerden. Nur eine einzige brachte ich ohne Stottern hervor.
»Wie werde ich wieder zu einem Menschen? Meine Familie wird sich bestimmt schon bald große Sorgen um mich machen.«
Was sagte ich da? Konnte ich wirklich so dumm sein? Ich wurde von einer Königin eingeladen, bei ihr zu leben. Das Schloss war so luxuriös und ich war ein richtigte Elfe geworden. Das war so traumhaft. Also warum sollte ich wieder ein Mensch werden wollen?
»Fühlst du dich denn bei uns nicht wohl?«
Ich fühlte mich sogar sehr wohl. Und genau das wollte ich ihr auch sagen.
»Es ist wirklich schön hier. Aber ich gehöre einfach nicht hierher. Mein Platz ist bei meiner Familie.«
Ich konnte es gar nicht glauben, was ich da sagte. Aber es kam eindeutig aus meinem Mund.
»Niemand wird gezwungen, bei mir zu leben.«, sagte die Königin schließlich.
»Genieße noch ein wenig den Aufenthalt bei uns. Wenn du wieder nach Hause zurück möchtest, dann benutze einfach wieder den Pollen deiner kleinen Blume.«
Das klang gut. Ich schlug also kräftig mit meinen Flügeln und sah mir das ganze Königreich an. Ich sang, tanzte und spielte mit den vielen Elfen. Das war so unglaublich schön.
Doch irgendwann wurde es Zeit zu gehen. Ich verabschiedete mich und verstreute erneut etwas Pollen über meinem Kopf.
Kaum hatte ich das getan, zog es mich fort. Ich konnte gegen diesen Sog nichts ausrichten. Meine Flügel waren dafür zu schwach. Ich wurde aus dem Baum heraus gezerrt und raste durch die Wolken hindurch quer über die Stadt hinweg, bis ich schließlich ganz sanft wieder in unserem Garten landete.
Ich war wieder so groß wie noch vor ein paar Stunden. Meine Elfenflügel waren verschwunden.
Es musste ein Traum gewesen sein. Anders konnte ich mir das nicht erklären. Doch dann kam Tommi aus dem Haus gelaufen.
»Das hab ich genau gesehen.«, rief er mir sauer entgegen.
»Du bist durch die Luft geflogen. Das werde ich Mama und Papa erzählen. Dann bekommst du ganz viel Ärger.«
Ich musste lachen. Es war wohl doch kein Traum gewesen. Aber wer würde meinem kleinen Bruder schon so etwas glauben? Meine Eltern bestimmt nicht.
Ich ging zurück in mein Zimmer und versteckte meine kleine Blume wieder unter dem Bett. Da hörte ich noch einmal die Stimme der Elfenkönigin.
»Du kannst jederzeit zu Besuch in mein Königreich kommen. Benutze dafür einfach deine Blume.«

Das war es auch schon wieder. Ich freue mich auf deinen nächsten Brief.

Deine Nina.

P.S.: Was hälst du davon, wenn wir bei deinem nächsten Besuch gemeinsam in das Elfenland fliegen?

(c) 2008, Marco Wittler

109. Ein Leben in der Badewanne (Ninas Briefe 19)

Ein Leben in der Badewanne

Liebe Steffi.

Heute wollte ich einmal etwas ganz Neues ausprobieren. Du kennst mich gut genug. Neugierig bin ich ja schon immer gewesen.
Papa hat heute endlich die Arbeiten am neuen Badezimmer beendet. Es sieht jetzt richtig schick aus. Da wäre ich so gern sofort drin eingezogen. Aber Mama hat nur gelacht, während sie den letzten Dreck von den neuen Fliesen weg wischte.
Mir war es allerdings wesentlich ernster, als sie dachte.
»Darf ich denn wenigstens als erste in die Badewanne?«, bettelte ich sie an.
»Bitte, bitte.«
Mama rollte nur mit den Augen, gab aber schnell nach. So konnte ich wenigstens meinem kleinen Bruder zuvor kommen.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich gefreut habe.
Kaum war Mama fertig, schlüpfte ich in das Bad und schloss hinter mir ab.
»Mach aber nicht zu lange. Wir anderen wollen auch noch in die Badewanne.«, hörte ich Mama von draußen sagen, was ich allerdings nur zu gern ignorierte. Ich hatte mir einen Plan zurecht gelegt, gegen den die ganze Familie niemals ankommen würde.
Ich lies das Wasser in die Wanne, schüttete etwas Badezusatz hinein und zog mich langsam aus, während ich den Blubberblasen zusah, die wild auf der Oberfläche tanzten.
Ich stieg hinein. Vorsichtig prüfte ich mit den Zehen die Temperatur. Es war ein wenig heiß, aber es würde bald kühler werden. Ich legte mich hin, schloss die Augen und begann mich zu entspannen.
Mir gefiel das richtig gut. Als die Wanne voll war, drehte ich das Wasser ab und hatte von nun an meine Ruhe.
Aber wie du es dir vorstellen kannst, hielt das leider nicht lange an. Der erste, der mich nervte, war Tommi. Mein kleiner Bruder klopfte erst einmal, dann immer öfter und lauter an die Tür, weil ich nicht antwortete.
»Ich muss mal.«, rief er.
»Dann geh auf die Gästetoilette.«, gab ich kurz angebunden zurück.
»Ich liege gerade in der Badewanne und entspanne. Lass mich bloß in Ruhe.«
Ich überlegte, ob ich mir Ohrstöpsel besorgen sollte, doch dann hätte ich aufstehen müssen. Das war keine gute Idee. Ich schloss wieder die Augen und dachte an gar nichts.
Nach ein paar Minuten klopfte es wieder. Es war erneut Tommi.
»Ich bin fertig auf der Gästetoilette. Du kannst jetzt drin bleiben.«
Ich wurde langsam wütend.
»Hau endlich ab, du Zwerg. Geh in dein Zimmer und spiel irgendwas.«
Ich war der Meinung, dass das reichen würde. Endlich meine wohl verdiente Ruhe. Aber, ob du es glaubst oder nicht, damit ging es erst richtig los. Papa war der nächste, der mir das Bad streitig machen wollte.
»Nina, bitte beeil dich. Ich habe jetzt meine Werkzeuge alle im Keller verstaut und würde mich gerne einmal abduschen.«
Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Wie konnte er es wagen, mich zu stören. Doch dann kam mir eine Idee.
»Ich bleibe für immer in diesem Bad. Ich fühle mich hier richtig wohl und bin nun hier eingezogen. Meinetwegen könnt ihr aus meinem Zimmer ein neues Bad machen. Ich brauche es nicht mehr. Die Badewanne reicht mir völlig aus.«
Von draußen hörte ich nur ein leises Grummeln. Papa war sauer, schien aber nicht zu wissen, was er nun unternehmen sollte. Schließlich ging er die Treppe nach unten.
Ruhe!
Doch dann kamen erneut Schritte in meine Nähe. Mama sollte mich wohl besänftigen, um mich hier heraus zu bekommen.
»Nina, mein Schatz. Warum willst du denn im Bad bleiben. Da ist es doch so unglaublich langweilig. Mehr als Baden und Duschen kann man doch gar nicht machen. In ein paar Minuten fängt doch deine Lieblingssendung im Fernsehen an.«
Mama war ziemlich schlau, das musste man ihr lassen. Tommi hätte spätestens jetzt die Tür geöffnet und wäre ins Wohnzimmer gestürmt. Aber ich war noch ein wenig klüger.
»Ich muss nicht raus kommen. Ich habe hier alles, was ich brauche.«
Ich nahm eine Fernbedienung in die Hand und schaltete meinen eigenen Fernseher an, den ich mir auf den Badschrank gestellt hatte. Warum im Wohnzimmer schauen, wenn es auch in der Wanne geht? Schöner geht es doch gar nicht.
Ich konnte mir sehr gut Mamas verdutztes Gesicht vorstellen. Ich konnte mir deswegen ein Grinsen nicht mehr verkneifen. So langsam machte die Besetzung des Bades richtig Spaß.
»Deine Haut wird doch ganz schrumplig. Willst du denn schon wie eine alte Frau aussehen?«, war ihr nächster Versuch.
»Das ist mir egal. Ich bin im Bad eingeschlossen. Mich sieht eh niemand. Da muss meine Haut nicht so glatt sein.«
Mama zog wieder ab und lies mich alleine.
Eine ganze Stunde war ich nun schon in der Wanne. Noch immer fühlte ich mich pudelwohl.
»Nina, hast du keinen Hunger? Das Mittagessen steht auf dem Tisch. Komm raus und dann in die Küche.«
Papa wagte sich wieder vor. Glück hatte er mit seiner Taktik allerdings keine.
»Ich bin gut versorgt. Esst ihr ruhig ohne mich.«
Ich nahm meine Keksdose und futterte sie leer.
Mittlerweile war das Wasser abgekühlt. Ich begann zu frösteln. Also entschied ich mich dafür, etwas vom kalten Wasser abzulassen und wärmeres nachzufüllen.
Ich drehte die Hähne auf und hielt meinen Fuß darunter. Das Prickeln auf der Haut mochte ich schon immer besonders gern.
Doch dann traf es mich wie ein Schlag.
Alles, was da in die Wanne floss, war eiskalt. Vor Schreck sprang ich sofort aus dem Wasser und wickelte mich in ein dickes Handtuch.
»Hilfe, was ist denn da passiert? Das kann doch gar nicht möglich sein.«
Draußen vor der Tür hörte ich lachende Stimmen Es waren Tommi, Mama und Papa.
»Wir haben dir das warme Wasser abgedreht. Auch wenn du im Bad bleibst, in die Wanne steigst du nicht mehr.«, rief mein Bruder.
Wie gemein. Mit so einem fiesen Plan hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte wohl doch verloren. Ich öffnete die Tür und lies die anderen rein. Offensichtlich war es doch nicht so einfach ein Badezimmer über längere Zeit zu verteidigen.
Und nun sitze ich hier in meinem Zimmer und schreibe an diesem Brief. Aber es werden nur noch ein paar Zeilen, denn mir fällt da gerade ein neuer Plan ein, den ich für heute Nachmittag vorbereiten werde. Ich will als nächstes die Küche besetzen. Da gibt es schließlich immer was zu essen.

Bis bald,
deine Nina.

P.S.: Versuch doch auch mal einen Raum zu blockieren. Mir hat es jedenfalls jede Menge Spaß gemacht.

(c) 2008, Marco Wittler

101. Der Schatz im See oder „Papa, warum sind Frosch und Schnecke Freunde?“ (Ninas Briefe 18 / Papa erklärt die Welt 11 / Ninos Schneckengeschichten 7)

Der Schatz im See
oder »Papa, warum sind Frosch und Schnecke Freunde?«

Liebe Steffi.

Endlich haben die Ferien begonnen und ich kann es kaum erwarten, dir diesen Brief zu schreiben, denn sonst weiß ich nicht, was ich vor lauter Langeweile anstellen soll.
Mama und Papa sind in diesem Jahr seit zehn Jahren verheiratet. Aus diesem Grund wollten sie eine Woche lang ganz allein in den Urlaub fahren. Wir Kinder werden danach hinterher gebracht, um den Rest der Zeit mit ihnen gemeinsam zu verbringen.
Ich verstehe das gar nicht. Ohne mich ist den Beiden doch bestimmt richtig langweilig.
Oma und Opa schlugen vor, zuerst zu ihnen zu kommen. Mein Bruder Tommi war auch sofort begeistert und begann seinen Koffer zu packen – zwei Wochen bevor es los ging.
Ich wollte aber auf keinen Falle eine ganze Woche lang von ihm bei meinen Großeltern genervt werden. Also brachte mich Mama zu Tante Ina und Onkel Lutz.
Und nun sitze ich hier und langweile mich. Es gibt in der ganzen Gegend keine anderen Kinder in meinem Alter. Ich muss mir stattdessen die Zeit mit meiner kleinen Cousine Sofie vertreiben. Sie ist erst fünf und unglaublich neugierig. Zu allem muss sie ständig Fragen stellen.
Heute Vormittag war es dann wieder so weit. Nach dem Frühstück gingen wir zusammen in den Garten. Onkel Lutz wollte den Teich verschönern, Algen entfernen und neue Blümchen einpflanzen. Sofie saß natürlich ganz nah dabei und beobachtete alles sehr genau. Doch schon während der Vorbereitungen sah sie ein paar Tiere im Gras sitzen. Eines von ihnen quakte die ganze Zeit.
»Was ist das denn für ein lustiges Tier?«, fragte Sofie.
»Das ist doch nur ein ganz normaler, langweiliger Frosch.«, kam ich Onkel Lutz zuvor.
»Und was macht der in unserem Garten?«, setzte sie hartnäckig fort.
Ich sah mich schnell um, entdeckte noch ein anderes Tier und antwortete schnell mit einem weiteren dummen Spruch.
»Er trifft sich mit der Schnecke da drüben. Die sind dicke Kumpel.«
Sofie sah mich verwirrt an. Ich hatte sie tatsächlich herein legen können. Dann sie sie ihren Vater an und stellte ihm eine neue Frage.
»Papa, warum sind Frosch und Schnecke Freunde?«
Onkel Lutz hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach. Irgendwann schien ihm etwas einzufallen.
»Das ist eine gute Frage.«, sagte er schließlich.
»Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einem kleinen Frosch und einer Schnecke. Und die werde ich euch jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht und ihre Augen begannen zu leuchten.
»Oh ja, eine Geschichte.«, rief sie laut.
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Onkel Lutz.
Sofie lachte schon voller Vorfreude, aber ich war etwas schneller und antwortete gespielt gelangweilt.
»Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig, Nina. Du kennst dich ja gut aus. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein kleiner Frosch. Den ganzen Tag saß er in einem kleinen Teich und sah den Fliegen beim Spielen zu. Keine einzige von ihnen hatte Angst, gefressen zu werden, denn der beste Freund dieses Frosches war die kleine Fliege.
Erst wenn es am Abend dunkel oder das Wetter zu schlecht wurde, trieb es den kleinen Frosch in sein Häuschen, das im tiefen Gras versteckt war.
Dort saß er nun, aß eine leckere Suppe und las in der Zeitung.
»Schau an. In der Stadt hat der neue Einkaufsladen schon nach wenigen Tagen wieder schließen müssen, weil durch ihn zu viel Müll entstanden ist. Das ist doch eine gute Nachricht. Es gibt nichts Schlimmeres als Müll, der überall auf den Straßen und in der Natur liegt.«, murmelte er vor sich hin.
Ein paar Zeilen tiefer war zu lesen, wer in der Stadt wieder für Ordnung gesorgt hatte. Es war eine Schnecke gewesen.
»Das ist ja sensationell. Eine Schnecke sorgt in allen Straßen für Ordnung. Das muss ja ziemlich lange gedauert haben. Da wäre selbst eine Schildkröte schneller gewesen.«
Der kleine Frosch wusste allerdings nicht, welche Tricks diese Schnecke beherrschte.
Irgendwann wurde er müde, ging ins Bett und schlief sofort ein.

Am nächsten Morgen kletterte die Sonne schon sehr früh den Himmel hinauf. Sie schickte ihre Strahlen über die Erde. Einer von ihnen bahnte sich seinen Weg durch dichtes Gras und machte auch vor einem verschlossenen Fenster nicht halt. Er drang in das Zimmer ein und beleuchtete das Gesicht des kleinen Frosches. Dieser wurde dadurch natürlich wach. Er rieb sich die Augen und hätte sich gern die Decke über den Kopf gezogen, um noch ein wenig schlafen zu können. Aber er tat es dann doch nicht.
»Es ist ein so sonnig schöner Tag. Es wäre eine Schande, jetzt noch im Bett liegen zu bleiben.«
Also zog er sich an, frühstückte ausgiebig und machte sich noch im Bad fertig, bevor er das Haus verließ. Kurz darauf kam er am Badesee an.
Der kleine Frosch wollte sich gerade seine Badehose im Gebüsch anziehen, als er etwas Ungewöhnliches entdeckte.
»Was ist denn das?«
Es lag ein runder Stein auf dem kleinen Steg, den der Frosch immer für sein Sonnenbad benutzte.
»Wer hat den denn dort abgelegt?«
Es war niemand zu sehen.
Er ging näher heran und wollte dieses Ding ins Wasser werfen, musste dann aber feststellen, dass er gar keinen Stein vor sich hatte, sondern eine Schnecke.
»Huch, wer bist du denn?«
»Ich bin Nino.«, kam die Antwort der Schnecke.
»Ich sitze schon eine ganze Stunde hier und überlege, wie ich ein Problem lösen kann. Aber mir fällt einfach nichts ein. Aber vielleicht kannst du mir helfen.«
Der kleine Frosch überlegte, aber es viel ihm nicht ein, was für ein Problem dieser Seebesucher haben konnte. Die Antwort darauf kam aber von allein.
»Weißt du, kleiner Frosch, ich habe gestern Abend ein Buch gelesen. Darin stand, dass vor langer Zeit Piraten an diesem See gelebt haben. Eines Tages kam ein Sturm auf, während sie mit ihrem Schiff unterwegs waren. Ein Blitz schlug in den Masten ein und die Piraten versanken. Ihr Schatz soll noch heute am Grund des Sees liegen. Ich würde zu gern einmal schauen, ob das alles wirklich stimmt. Aber ich kann leider nicht tauchen. Ich bin doch eine Landschnecke.«
Der kleine Frosch hatte eine Idee.
»Kannst du dich denn in dein Haus zurück ziehen und es ganz dicht verschließen?«
Nino nickte.
»Dann sollte das alles kein Problem sein. Du kriechst in dein Haus und ich tauche mit dir zusammen an den Grund des Sees, damit wir uns das alles anschauen können. Ich ziehe dich hinab und schaust aus deinem Fenster heraus.«
Die Schnecke freute sich über diese unerwartete Hilfe und zog sich zurück. Der kleine Frosch nahm sich das Haus unter den Arm und sprang damit ins Wasser.
Es ging abwärts. Immer weiter tauchten sie, bis sie am Grund des Sees ankamen. Dort unten war es so dunkel, dass man die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte. So würden sie den Schatz bestimmt nicht finden können. Aber Nino hatte eine Idee.
Er holte eine Lampe hervor, zündete sie an und stellte sie in das Fenster. Schon war der ganze See erleuchtet. Jede Pflanze, jeder Fisch und jeder Stein war nun zu sehen. Und siehe da, hinter einem Wald aus Schlingpflanzen war ein altes Schiffswrack. Es musste dort schon recht lange liegen, denn es war schon sehr verfallen und viele Algen wuchsen auf dem Holz.
Der kleine Frosch schwamm näher heran und begann zu suchen. Im Innern des Schiffs stand eine große Schatztruhe. Sofort machte er sich daran, sie zu öffnen, aber der Deckel blieb fest verschlossen.
Nino machte traurige Augen. Der Frosch zuckte aber nur mit den Schultern, nahm die Truhe an die linke Hand, das Schneckenhaus unter den rechten Arm und tauchte ein paar Sekunden später an der Oberfläche des Sees wieder auf. Dort stellte er die Schnecke vorsichtig auf den Steg zurück.
Nino kam sofort hervor und half, die schwere Truhe aus dem Wasser zu holen.
»Was machen wir denn jetzt? Wir bekommen den Deckel nicht auf. So finden wir nie heraus, was die Piraten darin versteckten.«, klagte der kleine Frosch.
Diesmal hatte Nino eine Idee. Er nahm sich einen festen Stock, steckte ihn durch das rostige Vorhängeschloss, rüttelte und schüttelte daran und brach es in zwei Teile. Nun konnten konnten sie den Deckel öffnen.
Vorsichtig sahen sie hinein, fanden aber zuerst nur ein paar alte Lumpen und Kleidungsstücke. Doch dann war da noch etwas anderes. In einer Ecke lag ein altes Buch. Es war groß, schwer und in teurem Leder eingebunden. Auf seinem Deckel stand:
Die schönsten Piratengeschichten.
»Ui!«, staunte der kleine Frosch.
»Da haben wir aber einen prima Fund gemacht. So ein Buch ist wirklich ein ganz besonderer Schatz.«
Nino war der gleichen Meinung.
Die beiden entschieden sich, den Rest des Tages im Haus des kleinen Frosches zu verbringen. Sie saßen vor dem knisternden Kamin und lasen sich gegenseitig spannende Geschichten vor und wurden dadurch zu dicken Freunden.

Sofie machte noch immer große Augen. Ich hatte das Gefühl, dass sie diese ausgedachte Geschichte glauben würde. Sie ist ja auch erst fünf und glaubt wirklich alles. Doch dann fing sie an zu lachen.
»Papa, das hast du dir doch ganz bestimmt nur ausgedacht. Ich glaube dir kein einziges Wort davon. Aber schön war die Geschichte trotzdem.«
Mir ging es ähnlich. Das konnte sich Onkel Lutz wirklich nur ausgedacht haben. Doch als ich mich umdrehte und zum Gartenteich blickte, sah ich, wie die Schnecke und der Frosch zusammen am Ufer saßen.

Mein Bericht ist jetzt zu Ende, denn nun helfen wir Onkel Lutz im Garten. Ich bin ja mal gespannt, was in dieser Woche sonst noch alles geschieht.

Deine Nina.

P.S.: Schade, dass du nicht hier sein kannst, denn Onkel Lutz kennt unglaublich viele tolle Geschichten.

(c) 2008, Marco Wittler

08 - Schnecke und Frosch

100. Hochzeit mit Hindernissen (Ninas Briefe 17)

Hochzeit mit Hindernissen

Hallo Steffi.
Gestern war ein richtig toller Tag. Meine Patentante Ilka hat geheiratet. Ich war ganz schön aufgeregt, denn das war meine erste Hochzeit überhaupt. So aufgeregt wie ich war bestimmt sonst niemand. Obwohl, wenn ich so richtig darüber nachdenke, war Tante Ilka bestimmt auch ein kleines bisschen nervös. Aber das hat man gar nicht gemerkt. Aber ich fange am besten ganz von vorn an.
Mama und ich sind schon am Mittwoch zu Ilka und ihrem Freund Marco gefahren. Mama wollte den beiden bei den letzten Vorbereitungen helfen. Ich durfte schon mit und war dann wenigstens meinen nervigen Bruder Tommi für ein paar Tage los.
Schon die Fahrt dort hin war grausig. Wir fuhren direkt nach dem Mittagessen los. Doch als wir gerade auf der Autobahn waren, sahen wir vor uns einen Stau. Mama drehte sofort das Radio an, um mehr zu erfahren.
»Hoffentlich ist er nicht zu lange. Wir müssen doch pünktlich da sein, sonst verpassen wir noch die Hochzeitsprobe in der Kirche.«, murmelte sie vor sich hin.
Aber das Hoffen war nutzlos. Der Mann im Radio sprach von dreizehn Kilometern.
Mama drückte die vielen Knöpfe am Navigationsgerät, fand allerdings keinen anderen Weg. Das Ding ist halt nicht so gut wie Papa. Der kennt jeden Schleichweg und hätte uns um den Stau herum geführt.
Wir ließen also das Fahren und Halten über uns ergehen. Naja, eigentlich nur Mama, denn ich konnte ja in meinem Kindersitz auf der Rückbank in Ruhe schlafen.
Als ich wieder wach wurde fuhr Mama schon längst wieder schneller, trotzdem war sie noch immer unglaublich nervös und trommelte die ganze Zeit mit den Fingern auf dem Lenkrad herum.
»Wir schaffen es nicht mehr rechtzeitig. Wir haben viel zu viel Zeit verloren.«
Noch ganz verschlafen sah ich auf meine Armbanduhr. Es war bereits zwei Uhr am Nachmittag. In einer Stunde sollten wir in der Kirche sein. Das würde bestimmt Ärger geben, schließlich war Mama doch die Trauzeugin.
»Wie lange fahren wir denn noch, bis wir da sind?«, fragte ich.
Mama sah kurz auf die Kilometeranzeige, rechnete etwas und sagte, dass wir noch zwei Stunden brauchen würden.
»Jetzt muss ich meinen Bleifuß einsetzen.«, sagte Mama verzweifelt.«
Bleifuß? So etwas Komisches hatte ich noch nie gehört. Blei ist doch unglaublich schwer. Warum humpelt Mama denn dann nicht, wenn sie das in ihrem Fuß hat? Sehr seltsam.
Das Auto flitzte richtig schnell durch die Straßen und um viertel nach drei waren wir an der Kirche.
Mama und ich stürmten aus dem Auto und liefen so schnell es ging zum Eingang der Kirche. Die Tür war allerdings verschlossen.
In diesem Moment kam Opa gemütlich um die Ecke gelaufen. Er ging gerade etwas spazieren und wunderte sich, dass wir schon hier waren.
»Die Probe ist doch erst um vier. Ihr hättet doch so lange noch zu uns kommen können. Das Brautpaar macht sich dort auch gerade noch fertig.«
Mama wurde etwas rot im Gesicht und sah verlegen zu Boden. Ich stupste sie mit dem Zeigefinger in die Seite und flüsterte ihr zu, dass wir es ja doch noch pünktlich geschafft hatten.

Eine halbe Stunde später kam Tante Ilka mit ihrem Freund an. Mit im Auto saßen Oma und noch ein paar Leute, die ich bisher noch nie gesehen hatte. Die waren bestimmt mit Onkel Marco verwandt.
Pünktlich um vier Uhr öffnete der Pastor von innen die Kirche und lies uns herein.
Es war alles richtig feierlich geschmückt worden. Aber bei näherem Hinsehen fiel mir auf, dass nicht ein Blümchen echt war. Der Pastor sah sofort, dass mir das aufgefallen war.
»Die werden kurz vor der Hochzeit gegen frische ausgetauscht. Du musst dir keine Sorgen machen.«, flüsterte er.
Der Mann war ja prima vorbereitet. Es kam mir vor, als würde er regelmäßig Leute verheiraten. Was für ein toller Beruf. Ich will auch mal Pastorin werden. Einmal die Woche eine Kirche mit Blümchen schmücken und dann viele fröhliche Leute herein bitten und zwei davon verheiraten. Wie romantisch das doch sein muss.
Die Probe verlief richtig gut. Jeder wusste nun, wo er stehen und was er sagen sollte. Ich bekam eine ganz besondere Aufgabe. Ich sollte nach der Trauung vor dem Brautpaar her laufen und Rosenblätter auf dem Boden verteilen.
Am Abend saßen wir noch alle beim Essen zusammen und es wurde viel erzählt, gelacht und gescherzt, bis ich dann ins Bett musste.

Am nächsten Morgen, es war mittlerweile Donnerstag, ging der Hochzeitsstress weiter.
Mama, Tante Ilka und ich fuhren in die Stadt und holten das Brautkleid ab. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viele Brautkleider es gibt. Der Laden war von oben bis unten voll damit. Und eines davon wollten wir mitnehmen.
Die Verkäuferin war sehr nett, packte alles für uns ein und machte um die Verpackung noch eine große rosa Schleife.
Zurück bei Oma schickten wir alle Männer aus der Wohnung. Sie sollten sich die Zeit woanders vertreiben.
»Ihr könnt ja meinem Papa und Tommi entgegen gehen. Die sollten auch gleich kommen.«, sagte ich ihnen hinterher.
Tante Ilka packte ihr Kleid aus und zog es an. Alle Frauen, die in der großen Küche saßen, waren begeistert. Sie fanden das Kleid richtig schick. Aber irgendwie erinnerte es mich an ein leckeres Sahnebaiser.
In diesem Moment hörten wir von draußen eine Stimme rufen.
»Oma, hallo Oma. Wir sind da. Ich bin es, dein Tommi.«
Oh, nein, dachte ich. Bitte nicht dieser kleine Quälgeist.
Tommi riss die Tür auf und stürmte herein. Er stolperte und fiel hin. In seiner Angst griff er nach der Einzigen Person, die in seiner Nähe war und riss Tante Ilka einen Ärmel vom Kleid ab.
Im Wohnzimmer wurde es totenstill. Niemand traute sich etwas zu sagen. Tommi rappelte sich wieder auf, lief und lief zu Mama.
»Ist nichts passiert, Mama. Alles heile. Hab nicht einmal weinen müssen. Bin ja auch schon großer Junge, oder?«
Tante Ilka begann zu weinen und lief ins Bad. Mama ging sofort hinterher. Sie schlossen sie ein und ließen sich zwei Stunden lang nicht mehr sehen. Oma beschäftigte sich in der Zeit mit Tommi und erklärte ihm, was er gerade verbrochen hatte.
Irgendwann kamen Mama und Tante Ilka wieder aus dem Bad. Ganz vorsichtig sahen sie um die Ecke, ob Tommi weiterhin ein Risiko darstellen würde. Dann kamen sie herein.
Alle Tränen waren getrocknet, meine Tante war getröstet und Mama hatte mit Nadel und Faden das Kleid repariert. Es sah wieder aus wie neu.

Am Abend teilten wir uns wieder auf. Die Männer feierten den Junggesellenabschied von Onkel Marco und wir machten eine Pyjamaparty. Endlich waren wir Tommi los. Also konnte jetzt nichts Schlimmes mehr passieren.
Aber leider kam es dann doch anders. Wir gingen recht früh ins Bett, da wir auch alle wieder früh aufstehen mussten. Die Männer feierten noch richtig lange.

Mitten in der Nacht wurde ich wach, weil es im Flur ziemlich laut war. Onkel Marco kam mit den anderen nach Hause und die Frauen waren ziemlich laut und schimpften, was das Zeug hielt. Da war ich natürlich neugierig, was geschehen war und schlich mich die Treppe nach unten.
Papa und Marco torkelten durch den Flur. Sie hatten wohl ein Bier zu viel getrunken. Naja, dafür konnten sie sich jetzt bald ins Bett legen und noch ein wenig schlafen.

Am nächsten Morgen wurden die Männer nicht wach – bis auf Tommi. Mein kleiner Bruder lief ständig hin und her und fiel jedem auf die Nerven. Mama kümmerte sich um Onkel Marco und Papa, die starke Kopfschmerzen hatten und nicht unter der Decke hervor kommen wollten. Aber irgendwann kamen sie dann doch an den Frühstückstisch.
»Wo ist denn die Ilka?«, fragte Papa erstaunt. »Schläft die Braut denn auch noch?«
Ich musste laut lachen.
»Mensch, Papa. Die ist doch schon lange unterwegs und lässt sich richtig schick machen.«, antwortete ich.
»Der Bräutigam darf seine Frau doch nicht vorher im Sahnebaiser sehen. Oh, … Ich meine natürlich im Kleid.«
Ich wurde rot im Gesicht und alle lachten.

Irgendwann fuhren wir alle zur Kirche. Der Pastor hatte tatsächlich frische Blümchen als Schmuck überall angebracht. Es sah richtig schön romantisch aus.
Alle Leute verteilten sich in den Sitzbänken. Es wurde richtig voll. Ein paar Gäste mussten sogar stehen.
Plötzlich begann die Orgel zu spielen und die Braut wurde von Opa nach vorn begleitet. Sie sah umwerfend schön und überglücklich aus. Sie stellte sich zu Onkel Marco, dem es nun auch wieder besser ging. Dafür hatte er aber auch zwei Kopfschmerztabletten nehmen müssen.
Der Pastor erzählte viel und wir sangen zwischendurch immer wieder. Der Spannende Teil war aber, als Ilka und Marco ›Ja‹ sagen sollten. Alle Leute waren mucksmäuschenstill und hörten zu.
Am Schluss kam dann auch endlich mein ganz großer Auftritt. Ich hatte ein schickes rosa Kleidchen an und in der Hand ein Körbchen. Ganz langsam lief ich vor dem Brautpaar her und verteilte die Rosenblätter auf dem Boden. Tommi sah mir ganz grimmig hinterher, denn er hätte auch gern Blätter geworfen. Aber Jungs sehen in Kleidern einfach nicht gut aus.

Den Rest des Tages verbrachten wir auf der Hochzeitfeier. Aber zum Glück ist nichts Schlimmes mehr passiert. Sogar mein Bruder hat sich zurück gehalten und fiel nur noch ganz wenigen Leuten auf den Wecker.

Jetzt ist mein Brief zu Ende. Mama will nämlich mit mir nach Hause fahren.

Deine Nina.

P.S.: Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder. Dann zeige ich dir die schönsten Fotos von mir und Tante Ilka. Die Bilder, auf denen Tommi zu sehen ist, sortiere ich extra vorher aus.

(c) 2008, Marco Wittler

089. Der Stau (Ninas Briefe 15)

Der Stau

Hallo Steffi.

Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich gestern erlebt habe. Es ist so unglaublich, dass ich es eigentlich selbst noch nicht richtig fassen kann.
Wir sind gestern über das Wochenende zu Oma gefahren. Dieses Mal hatte ich mir vorgenommen, nicht wieder im Auto einzuschlafen. Ich wollte mich nicht schon wieder von den anderen veräppeln lassen. Doch gestern wäre es eigentlich gar nicht so schlimm gewesen, denn dann hätte ich den Stau verschlafen und mir wäre nicht langweilig geworden.
Wir sind doch tatsächlich nur ein paar wenige Kilometer weit gekommen, bis wir wegen des Verkehrs auf der Autobahn anhalten mussten. Es ging einfach nicht mehr weiter und zurück darf man leider auch nicht, sonst ist man ein Geisterfahrer.
Ein paar Minuten später meldete der Mann in Radio, dass die Autobahn für die nächsten drei Stunden komplett gesperrt wäre und wir so lange durchhalten sollten.
Puh, du kannst dir bestimmt vorstellen, wie mir das gefallen hatte. Schließlich saß ich ja nicht allein im Auto, sondern musste meinen kleinen Bruder Tommi neben mir ertragen. Das war absolut ungerecht.
Wir mussten im Auto sitzen, in den engen Kindersitzen, während draußen die Sonne schien und es sehr warm war. Am liebsten wäre ich ausgestiegen, um ein wenig zu spielen.
Irgendwann wurde es wohl auch Papa langweilig, denn er öffnete plötzlich seine Tür und stieg aus.
»Es geht doch eh nicht weiter. Da können wir uns ruhig ein wenig die Füße vertreten.«, sagte er.
Wir mussten ihm nur versprechen, nicht zwischen den vielen Autos herum zu laufen und in Sichtweite zu bleiben.
Tommi hatte keine Lust. Er hatte ein Bilderbuch in der Hand und war damit zufrieden. Was für ein Glück. So hatte ich meine Ruhe vor ihm und musste nicht noch auf ihn aufpassen.
Ich öffnete den Anschnallgurt, öffnete vorsichtig die Tür und stieg ebenfalls aus.
Es war schon ein ziemlich komisches Gefühl, auf einer Autobahn herum zu laufen. Wer hat denn schon mal so eine Gelegenheit. Normalerweise rasen hier doch nur die Autos hin und her. In die andere Richtung taten sie es auch weiterhin. Also hielt ich mich davon fern und ging zum Straßenrand.
Direkt hinter der Leitplanke war ein Wald.
»Darf ich da mal rein schauen?«, fragte ich Papa.
Er erlaubte es mir, bat mich aber darum, nicht zu weit weg zu gehen. Ich nickte natürlich eifrig und kletterte von der Straße in die Natur.
Die Bäume und Büsche standen ziemlich dicht beieinander. Es war gar nicht so einfach, einen Weg da durch zu finden. Aber nach und nach kam ich weiter vorwärts.
Alle paar Meter drehte ich mich um und rief Papa, ob er mich noch hören konnte, denn so lange ich noch eine Antwort bekam, konnte ich weiter gehen.
Doch dann machte ich einen unvorsichtigen Schritt. Hinter einem Busch stolperte ich und rutschte einen Abhang herab.
Als ich unten angekommen war, sah ich mich erst einmal um. Vor mir war eine kleine Lichtung. Keiner der Bäume hatte sich dort hin getraut. Zwischen ihnen war nur eine Blumenwiese.
Würden wir nicht auf der Autobahn stehen, hätten wir hier ein wunderschönes Picknick machen können.
Da fielen mir die anderen wieder ein. Ich rief erneut nach Papa, bekam dieses Mal aber keine Antwort. Ich war zu weit weg.
Also kletterte ich vorsichtig den Abhang wieder hinauf. Doch da hörte ich ein Geräusch. Ein Summen und Surren lag in der Luft. Aus Angst, dass mich einen Bienenschwarm angreifen würde, lies ich mich wieder zur Lichtung hinab und sah mich um, konnte aber kein einziges Insekt sehen.
Dafür entdeckte ich etwas ganz anderes. In der Mitte der Lichtung leuchtete etwas. Ich ging langsam darauf zu und stellte fest, dass es aus einer Blume kam.
Vorsichtig öffnete ich die einzelnen Blütenblätter und rechnete mit einer kleinen Lampe oder einem Glühwürmchen. Aber es war keines von beiden. Denn in diesem Moment flog etwas vor mein Gesicht. Es war eine kleine Frau mit Schmetterlingsflügeln auf dem Rücken.
Sofort erinnerte ich mich an die vielen Geschichten, die mir Opa immer erzählt hatte. Dieses kleine Wesen sah tatsächlich aus wie eine …
»Bist du eine Elfe?«, fragte ich schließlich.
»Ob ich eine Elfe bin?«, antwortete sie mir. »Ich bin sogar die Königin aller Elfen. Und du hast mich befreit.«
Sie erzählte mir, dass sie schon seit vielen Jahrhunderten in der Blüte dieser Blume gefangen gewesen war. Ein böser Zauberer hatte ihr eine Falle gestellt und sie eingesperrt.
»Der Zauberer ist wohl schon lange tot. Aber trotzdem kam weder Mensch noch Elf hier her, um mich zu befreien.«
Wir freuten uns gemeinsam über diesen großen Glücksfall.
»Dann kannst du ja endlich zu deinem Volk zurück kehren.«, schlug ich vor.
Doch da war die gute Laune der Königin schon wieder verflogen.
»Ich weiß leider nicht den Weg. Wir müssen nach einem Loch in einem großen Baum suchen.«
Sofort lief ich im Kreis um die Lichtung. Es ging hin und her und von Baum zu Baum, bis ich schließlich ein großes Loch hinter einem Busch entdeckte.
Die Königin flog hinein und bat mich, hier zu warten. Denn schon nach ein paar Minuten kam sie mit weiteren Elfen zurück.
»Wir werden dich auf unseren Händen zurück tragen. Und dort werden wir dich für deine Rettungstat belohnen.«
Vorsichtig griffen sie unter meine Arme und Beine und flogen schließlich mit mir gemeinsam in Richtung Autobahn.
Von oben aus konnte ich die vielen Autos sehen. Noch immer standen sie im Stau und es ging nicht weiter.
Hinter dem letzten Busch vor der Leitplanke landeten wir. Die Königin griff in einen Beutel und holte eine kleine Blume hervor.
»Pass auf diese kleine Blume gut auf, denn sie ist etwas ganz besonderes. Aber welches Geheimnis in ihr steckt, kann ich dir nicht sagen. Das wird sie nur dir verraten.«
Sie steckte die Blume zurück und drückte mir den Beutel in die Hand.
Dann verabschiedeten wir uns voneinander und ich kletterte zurück auf die Straße, wo die anderen schon auf mich warteten.
»Da bist du ja wieder.«, sagte Papa.
»Steig am Besten gleich ein. Der Mann im Radio hat gesagt, dass es bald weiter gehen wird.«
Also setzte ich mich wieder in meinen Kindersitz, schnallte mich an und erzählte Tommi kein einziges Wort von meinem Erlebnis.

Bis bald,
deine Nina.

P.S.: Nun liege ich in meinem Bett bei Oma, schreibe diesen Brief an dich. Noch immer kenne ich das Geheimnis der kleinen Blume nicht. Aber bis wir das nächste Mal voneinander hören, weiß ich mehr. Versprochen.

(c) 2008, Marco Wittler

085. Eine Fahrt mit dem Zug (Ninas Briefe 14)

Eine Fahrt mit dem Zug

Hallo Steffi!

Nachdem ich den ersten Teil deines Briefes gelesen hatte, kamen in mir viele Sorgen hoch. Ich hatte richtig Angst, dass du vielleicht schon bald in einem Bett im Krankenhaus liegen würdest. Aber ein paar Stunden später fand ich dann noch eine weitere Briefseite und war dann so erleichtert, lesen zu können, dass Angora keine Krankheit, sondern eine Katzenrasse ist.
Beim nächsten Mal frage ich dann einfach gleich meinen Papa. Der ist sehr schlau und weiß auch viel. Dann muss ich mir nicht so viele unnötige Gedanken machen.
Ich finde es riesig, dass du jetzt ein eigenes Haustier bekommen hast. Meine Eltern sind ja immer noch dagegen, mir meinen Wunsch zu erfüllen. Aber ich habe da schon wieder eine Idee.
Bauer Lohse hat mir nämlich angeboten, mein Pony zu seinen Pferden auf die Weide und in den Stall zu stellen. Also wenn Papa jetzt noch etwas dagegen einfällt, dann bin ich richtig überrascht.
Nun aber etwas ganz anderes.
Letztes Wochenende war ich mit Oma allein unterwegs. Sie war ein paar Tage bei uns zu Besuch. Sie durfte sogar bei mir im Zimmer schlafen. Das war richtig schön. Vor dem Schlafen haben wir uns immer Geschichten über Jungs erzählt.
Am Samstag Morgen stand sie dann plötzlich mit einem Fahrschein für die Eisenbahn in der Hand vor dem Frühstückstisch und lud mich ein, mit ihr kreuz und quer durch die Gegend zu fahren.
Mama und Papa wussten natürlich schon Bescheid und mein kleiner Bruder Tommi war sauer, dass er zu Hause bleiben musste. Aber Mama sagte, er sei noch zu klein für so eine lange Fahrt.
Nach dem Frühstück packte ich schnell ein paar Sachen in meinen rosa Rucksack. Ich wollte auf keinen Fall auf meinen Fotoapparat, Proviant, etwas zu Trinken und mein liebstes Kuscheltier verzichten.
Eine halbe Stunde später standen wir bereits am Bahnhof und sahen dem Zug bei der Einfahrt zu. Eine große Lok zog mindestens zwanzig Waggons hinter sich her und blieb dann genau vor meiner Nase stehen.
Am liebsten hätte ich sie, während sie noch rollte, berührt, aber Oma erklärte mir, dass es verboten wäre zu nah an die Gleise heran zu gehen. Irgendwer hatte sogar eine weiße Linie auf den Boden gemalt, die man erst übertreten durfte, wenn der Zug komplett zum Stillstand gekommen war.
Einen Augenblick später öffneten sich die automatischen Einstiegstüren und eine unzählbare Menge Menschen stieg aus, Oma nahm mich sofort an die Hand, um mich in diesem Gedränge nicht zu verlieren.
Nach und nach verteilten sich die Leute und verschwanden in Autos, Taxen und Bussen. Oma und ich konnten endlich einsteigen.
Im Zug gab es zwei Treppen. Eine führte nach oben und die andere nach unten. Zuerst ging ich nach unten. Dort konnte man allerdings nur Füße sehen. Deswegen entschieden wir uns für zwei Sitzplätze in der oberen Etage.
Es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis die Fahrt begann. Ganz langsam setzte sich der Zug in Bewegung und wurde dann immer schneller. Der Bahnhof war schon bald nicht mehr zu sehen. Stattdessen kam ein Mann in Uniform zu uns und fragte nach unseren Fahrkarten.
Schnell flüsterte ich zu Oma, dass sie vorsichtig sein solle, damit er sie uns nicht klauen konnte.
Der Mann lachte. Er musste mich wohl gehört haben. Und dann deutete er auf seine Mütze und stellte sich als Schaffner vor.
In diesem Moment wurde ich knallrot im Gesicht. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie peinlich mir das war. Ich sah schnell aus dem Fenster und wartete darauf, dass der Mann weiter ging.
Der Zug fuhr weiter. Er düste durch weite Felder und vorbei an dunklen Wäldern. Nur ab und zu hielten wir in weit auseinander liegenden Städten.
Und ob du es glaubst oder nicht, aber der Schaffner lief immer wieder an uns vorbei und grinste mich dabei an. Er schien sich richtig lustig über mich zu machen. Ich lies mir allerdings nichts anmerken.
Irgendwann schlief Oma ein und schnarchte leise vor sich hin. Es dauerte nicht lange, bis der Schaffner erneut vor mir stand. Dieses Mal zwinkerte er mir zu und lud mich ein, dem Lokführer einen Besuch abzustatten. Das mache mich natürlich neugierig. Ich schrieb Oma noch schnell eine Nachricht, die ich ihr auf den Schoß legte, bevor es los ging.
Der Schaffner ging vor und ich lief hinter ihm her. Es wunderte mich allerdings, in welche Richtung wie unterwegs waren. Die Lok befand sich hinten und schob den Zug vor sich her. Wir gingen allerdings nach vorne.
»Gesteuert wird der Zug immer vorne, damit der Lokführer auch etwas sehen kann.«
Hatte der Schaffner vielleicht meine Gedanken gelesen? Das war schon sehr seltsam. Aber es sollte noch viel verrückter kommen.
Wir waren gerade im Führerstand angekommen, da fuhren wir in einen langen, dunklen Tunnel. Es war nichts mehr zu sehen, bis auf ein paar blinkende Kontrolllampen. Ich musste mich festhalten, um nicht umzukippen und die Orientierung zu verlieren.
Doch dann blinkten plötzlich immer mehr Lichter auf. Sie waren überall um den Zug herum. Selbst die Tunnelwände würden immer heller und bunter. Es sah unbeschreiblich schön aus. Das kannst du dir gar nicht vorstellen.
»Dies ist der Edelsteintunnel. Die ganzen Steine in den Wänden beginnen zu glitzern, wenn die Scheinwerfer richtig eingestellt sind. Wir das geht, weiß aber nur ich. Mein Vater hat es mir beigebracht, denn er war früher auch ein Lokführer.«
Vor Begeisterung konnte ich kein einziges Wort heraus bringen. Daher hörte ich einfach weiter zu und sah immer wieder zum Fenster raus.
»Wenn die falschen Leute davon erfahren, kommen sie bestimmt her, schlagen die Edelsteine aus den Wänden und verkaufen sie für viel Geld. Aber das ist nichts im Vergleich mit dieser Farbenpracht.«
Ich musste dem Mann einfach zustimmen. So etwas Schönes durfte man nicht einfach zerstören.
Nach ein paar Minuten war es wieder vorbei. Das Glitzern verschwand und vor uns tauchte das helle Sonnenlicht am Ende des Tunnels wieder auf. Die Fahrt in der Dunkelheit ging zu Ende.
Der Schaffner legte eine Hand auf meine Schulter und gab mir zu verstehen, dass es wieder Zeit wurde, zurück an meinen Platz zu gehen. Also bedankte ich mich, sagte den beiden Männern ein Lebewohl und kehrte zu Oma zurück.
Sie schlief noch immer, also setzte ich mich zu ihr, nahm ihr meine Nachricht vom Schoß und erinnerte mich noch einmal an das schöne Glitzern im Tunnel.

Deine Nina.

P.S.: Es wäre so schön gewesen, wenn du es hättest sehen können, denn ich darf dir leider nicht verraten, wo sich dieser Tunnel befindet.

(c) 2008, Marco Wittler