085. Eine Fahrt mit dem Zug (Ninas Briefe 14)

Eine Fahrt mit dem Zug

Hallo Steffi!

Nachdem ich den ersten Teil deines Briefes gelesen hatte, kamen in mir viele Sorgen hoch. Ich hatte richtig Angst, dass du vielleicht schon bald in einem Bett im Krankenhaus liegen würdest. Aber ein paar Stunden später fand ich dann noch eine weitere Briefseite und war dann so erleichtert, lesen zu können, dass Angora keine Krankheit, sondern eine Katzenrasse ist.
Beim nächsten Mal frage ich dann einfach gleich meinen Papa. Der ist sehr schlau und weiß auch viel. Dann muss ich mir nicht so viele unnötige Gedanken machen.
Ich finde es riesig, dass du jetzt ein eigenes Haustier bekommen hast. Meine Eltern sind ja immer noch dagegen, mir meinen Wunsch zu erfüllen. Aber ich habe da schon wieder eine Idee.
Bauer Lohse hat mir nämlich angeboten, mein Pony zu seinen Pferden auf die Weide und in den Stall zu stellen. Also wenn Papa jetzt noch etwas dagegen einfällt, dann bin ich richtig überrascht.
Nun aber etwas ganz anderes.
Letztes Wochenende war ich mit Oma allein unterwegs. Sie war ein paar Tage bei uns zu Besuch. Sie durfte sogar bei mir im Zimmer schlafen. Das war richtig schön. Vor dem Schlafen haben wir uns immer Geschichten über Jungs erzählt.
Am Samstag Morgen stand sie dann plötzlich mit einem Fahrschein für die Eisenbahn in der Hand vor dem Frühstückstisch und lud mich ein, mit ihr kreuz und quer durch die Gegend zu fahren.
Mama und Papa wussten natürlich schon Bescheid und mein kleiner Bruder Tommi war sauer, dass er zu Hause bleiben musste. Aber Mama sagte, er sei noch zu klein für so eine lange Fahrt.
Nach dem Frühstück packte ich schnell ein paar Sachen in meinen rosa Rucksack. Ich wollte auf keinen Fall auf meinen Fotoapparat, Proviant, etwas zu Trinken und mein liebstes Kuscheltier verzichten.
Eine halbe Stunde später standen wir bereits am Bahnhof und sahen dem Zug bei der Einfahrt zu. Eine große Lok zog mindestens zwanzig Waggons hinter sich her und blieb dann genau vor meiner Nase stehen.
Am liebsten hätte ich sie, während sie noch rollte, berührt, aber Oma erklärte mir, dass es verboten wäre zu nah an die Gleise heran zu gehen. Irgendwer hatte sogar eine weiße Linie auf den Boden gemalt, die man erst übertreten durfte, wenn der Zug komplett zum Stillstand gekommen war.
Einen Augenblick später öffneten sich die automatischen Einstiegstüren und eine unzählbare Menge Menschen stieg aus, Oma nahm mich sofort an die Hand, um mich in diesem Gedränge nicht zu verlieren.
Nach und nach verteilten sich die Leute und verschwanden in Autos, Taxen und Bussen. Oma und ich konnten endlich einsteigen.
Im Zug gab es zwei Treppen. Eine führte nach oben und die andere nach unten. Zuerst ging ich nach unten. Dort konnte man allerdings nur Füße sehen. Deswegen entschieden wir uns für zwei Sitzplätze in der oberen Etage.
Es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis die Fahrt begann. Ganz langsam setzte sich der Zug in Bewegung und wurde dann immer schneller. Der Bahnhof war schon bald nicht mehr zu sehen. Stattdessen kam ein Mann in Uniform zu uns und fragte nach unseren Fahrkarten.
Schnell flüsterte ich zu Oma, dass sie vorsichtig sein solle, damit er sie uns nicht klauen konnte.
Der Mann lachte. Er musste mich wohl gehört haben. Und dann deutete er auf seine Mütze und stellte sich als Schaffner vor.
In diesem Moment wurde ich knallrot im Gesicht. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie peinlich mir das war. Ich sah schnell aus dem Fenster und wartete darauf, dass der Mann weiter ging.
Der Zug fuhr weiter. Er düste durch weite Felder und vorbei an dunklen Wäldern. Nur ab und zu hielten wir in weit auseinander liegenden Städten.
Und ob du es glaubst oder nicht, aber der Schaffner lief immer wieder an uns vorbei und grinste mich dabei an. Er schien sich richtig lustig über mich zu machen. Ich lies mir allerdings nichts anmerken.
Irgendwann schlief Oma ein und schnarchte leise vor sich hin. Es dauerte nicht lange, bis der Schaffner erneut vor mir stand. Dieses Mal zwinkerte er mir zu und lud mich ein, dem Lokführer einen Besuch abzustatten. Das mache mich natürlich neugierig. Ich schrieb Oma noch schnell eine Nachricht, die ich ihr auf den Schoß legte, bevor es los ging.
Der Schaffner ging vor und ich lief hinter ihm her. Es wunderte mich allerdings, in welche Richtung wie unterwegs waren. Die Lok befand sich hinten und schob den Zug vor sich her. Wir gingen allerdings nach vorne.
»Gesteuert wird der Zug immer vorne, damit der Lokführer auch etwas sehen kann.«
Hatte der Schaffner vielleicht meine Gedanken gelesen? Das war schon sehr seltsam. Aber es sollte noch viel verrückter kommen.
Wir waren gerade im Führerstand angekommen, da fuhren wir in einen langen, dunklen Tunnel. Es war nichts mehr zu sehen, bis auf ein paar blinkende Kontrolllampen. Ich musste mich festhalten, um nicht umzukippen und die Orientierung zu verlieren.
Doch dann blinkten plötzlich immer mehr Lichter auf. Sie waren überall um den Zug herum. Selbst die Tunnelwände würden immer heller und bunter. Es sah unbeschreiblich schön aus. Das kannst du dir gar nicht vorstellen.
»Dies ist der Edelsteintunnel. Die ganzen Steine in den Wänden beginnen zu glitzern, wenn die Scheinwerfer richtig eingestellt sind. Wir das geht, weiß aber nur ich. Mein Vater hat es mir beigebracht, denn er war früher auch ein Lokführer.«
Vor Begeisterung konnte ich kein einziges Wort heraus bringen. Daher hörte ich einfach weiter zu und sah immer wieder zum Fenster raus.
»Wenn die falschen Leute davon erfahren, kommen sie bestimmt her, schlagen die Edelsteine aus den Wänden und verkaufen sie für viel Geld. Aber das ist nichts im Vergleich mit dieser Farbenpracht.«
Ich musste dem Mann einfach zustimmen. So etwas Schönes durfte man nicht einfach zerstören.
Nach ein paar Minuten war es wieder vorbei. Das Glitzern verschwand und vor uns tauchte das helle Sonnenlicht am Ende des Tunnels wieder auf. Die Fahrt in der Dunkelheit ging zu Ende.
Der Schaffner legte eine Hand auf meine Schulter und gab mir zu verstehen, dass es wieder Zeit wurde, zurück an meinen Platz zu gehen. Also bedankte ich mich, sagte den beiden Männern ein Lebewohl und kehrte zu Oma zurück.
Sie schlief noch immer, also setzte ich mich zu ihr, nahm ihr meine Nachricht vom Schoß und erinnerte mich noch einmal an das schöne Glitzern im Tunnel.

Deine Nina.

P.S.: Es wäre so schön gewesen, wenn du es hättest sehen können, denn ich darf dir leider nicht verraten, wo sich dieser Tunnel befindet.

(c) 2008, Marco Wittler

079. Die neuen Schuhe (Ninas Briefe 13)

Die neuen Schuhe

Hallo Steffi.

Es tut mir leid, dass sich deine Schwester beim Tanzen das Bein gebrochen hat. Ich hoffe, dass sie bald aus dem Krankenhaus entlassen wird und nach Hause kommen darf. Aber du kannst ihr schon mal erzählen, dass ich auf ihrem Gips unterschreiben werde, sobald ich in den Ferien bei euch bin.

Du kannst dir gar nicht vorstellen, was mir passiert ist, ich werde dir davon aber trotzdem berichten.
Vor einer Woche waren Mama und ich in der Stadt. Mama wollte sich für ihren Geburtstag ein neuen Kleid kaufen. Also sind wir durch ganz viele Läden gelaufen, von einem Ende der Stadt zum anderen. Es hat Stunden gedauert. Und überall hat sie Kleider anprobiert, mir vorgeführt und sie dann anschließend weg gehängt. Sie hat einfach nichts gefunden, was ihr wirklich gefiel. Und um ehrlich zu sein, die sahen alle wirklich grässlich aus.
Mama war richtig enttäuscht. Immerhin hatte sie von Papa Geld bekommen. Das wollte sie auf keinen Fall wieder mit nach Hause nehmen.
Und jetzt rate mal, was wir dann gemacht haben. Ganz genau. Wir haben wieder von vorne angefangen und sind noch einmal durch alle Geschäfte gegangen. Diesmal wollte Mama allerdings etwas für mich kaufen.
Und nun war ich diejenige, die ständig Kleider anziehen musste. Und das war wirklich schlimm. Ich kann Kleider ja überhaupt nicht leiden. Ich bin doch kein kleines Püppchen. Zum Schluss konnte ich mich doch noch durchsetzen und habe Mama eine neue rote Latzhose und einen Ringelpulli für mich kaufen lassen. Darin fühle ich mich einfach am Besten.
Als wir das Geschäft wieder verließen, hatte es gerade angefangen zu regnen. Wir hatten zwar Regenschirme dabei, aber große Pfützen gab es trotzdem in der ganzen Fußgängerzone. Und schon nach ein paar Metern hatte ich ganz nasse Füße.
Als Mama nach sah, stellte sie fest, dass ich Risse in der Schuhsohle hatte. Es wurde also dringend Zeit für ein neues Paar Schuhe.
Wir sahen uns schnell um und fanden auch bald ein Schuhgeschäft. Wir eilten schnell hin und konnten dann unsere Regenschirme einklappen.
Mama steuerte mich gleich auf einen Stuhl zu, setzte mich darauf und sagte, dass ich mir gleich die nassen Schuhe und Socken ausziehen sollte, um mir keine Erkältung zu holen.
Die Verkäuferinnen schauten vielleicht komisch, als ich mit nackigen Füßen dort saß. Mama erklärten ihnen dann aber unser Problem. Sie hatten Verständnis für meine nassen Füße und holten aus einem der Regale ein schickes Paar rosa Socken für mich. Darauf waren ein paar ganz süße Kaninchen abgebildet. Richtig schick sahen sie aus. Also habe ich sie gleich angezogen.
Wir haben bestimmt einhundert Paar Schuhe anprobiert. Aber nichts hat mir gefallen. Aber dazu muss ich auch sagen, dass Mama ziemlich hässliche Schuhe ausgesucht hat. Sie hat wirklich einen komischen Geschmack. Schließlich bin ich dann selber auf die Suche gegangen und habe sofort etwas gefunden, was mir gefiel.
Die Schuhe waren weiß und hatten rosa Pferdchen oben drauf. Richtig süß. Das kannst du dir gar nicht vorstellen. Ich habe sie gleich anprobiert und sie passten, als wären sie wie für mich gemacht.
Mama guckte mich ganz komisch an. Ihr gefielen die Schuhe gar nicht. Aber ich lies mir gar nichts anderen mehr sagen. Ich wollte sie haben und am Ende habe ich sie auch bekommen. Mama kann mir halt einfach nichts abschlagen. Überglücklich lies ich die Schuhe gleich an, während Mama an der Kasse alles bezahlte.
Als wir das Geschäft verließen, regnete es in Strömen. Es hatte nicht aufgehört. Sogar das Gegenteil war der Fall, die Wolken waren noch dichter und dunkler geworden. Es würde also noch eine ganze Weile nass bleiben.
Wir mussten also da durch, denn Mama musste sich bald um das Abendessen kümmern.
Wir öffneten unsere Regenschirme und liefen so schnell es ging durch die Stadt bis zum Parkplatz, wo unser Auto stand.
Wir sprangen fast in die Sitze, um nicht noch nasser zu werden. Mama lies den Motor an und fuhr nach Hause.

Als wir zu Hause ankamen, freute ich mich so sehr darauf, meinen kleinen Bruder Tommi mit den neuen Schuhen neidisch zu machen. Ich ging in den Flur und rief ihn gleich zu mir.
Als er vor mir stand sagte ich nicht ein Wort, sondern zeigte nur mit einem Finger auf meine Füße.
Nun geschah, womit ich nicht gerechnet hatte. Er lachte mich nämlich aus. Ich war unheimlich sauer. Jungs haben einfach keine Ahnung, was schön ist.
Doch dann sah auch ich an mir runter. Zuerst sah ich meine nassen Hosenbeine. Das Wasser aus den Pfützen war an mir hoch gespritzt. Der Stoff war bis fast an die Knie durchnässt. Und dann erblickte ich meine Schuhe. Der Atem stockte mir sofort im Hals. Ich musste schlucken. Denn da waren keine schönen Schuhe mehr. Sie waren nass, dreckig und hässlich. Sie waren völlig aufgeweicht und die Pferdchen hatten sich abgelöst. Sie hingen nun ganz traurig auf der Seite herab.
Ich brach in Tränen aus, während Tommi nicht mehr aufhörte zu lachen. Ich lief sofort in die Küche und zeigte Mama die Katastrophe.
Sie sah sofort, was geschehen war, nahm mich in ihre Arme und tröstete mich.
»Da haben wir aber einen schlechten Kaufe gemacht«, sagte sie.
Nachdem die Tränen weg waren, zog ich die Schuhe aus und warf sie wütend in eine Ecke im Flur und lief in mein Zimmer. Ich kam auch den Rest des Tages nicht mehr raus und verzichtete auf das Abendessen.
Ich wollte niemanden mehr sehen. Besonders Tommi wollte ich aus dem Weg gehen. Ich wollte nicht noch einmal ausgelacht werden.

Am nächsten Morgen konnte ich ausschlafen. Es war Samstag und ich musste nicht in die Schule. Also blieb ich so lange wie es ging im Bett liegen und trauerte noch über die kaputten Schuhe.
Doch dann wurde es immer später und ich bekam Angst, Ärger zu bekommen, wenn ich nicht pünktlich zum Mittagessen in der Küche wäre.
Als ich dort an kam, erwartete mich bereits eine Überraschung. Papa und Tommi saßen am Tisch und schienen nur auf mich zu warten. Ich war etwas verwirrt, weil ich nicht wusste, was die Beiden von mir wollten. Bis Tommi dann ein Paket hinter seinem Rücken her holte.
»Papa und ich, wir dachten uns, dass es nicht in Ordnung war, dass ich dich gestern wegen deinen Schuhen ausgelacht haben. Und deswegen möchte ich mich mit diesem Geschenk entschuldigen.«
Ich konnte gar nicht glauben, was er da sagte. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Sonst versucht er mich doch jederzeit so viel wie es geht zu ärgern. Und nun das. Ich war völlig überrascht.
Ich setzte mich an den Tisch und öffnete das Paket. Und ich konnte es gar nicht glauben. Darin war ein Schuhkarton.
»Wir haben ein neues Paar Schuhe besorgt. Und wir haben auch extra darauf geachtet, dass es besser verarbeitet ist. Die gehen bestimmt nicht im Regen kaputt.«
Ich öffnete die Schachtel und sah sie vor mir: die weißen Schuhe mit den rosa Pferdchen.
Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Ich fiel Tommi und Papa um den Hals und bedankte mich. So einen Bruder wünsche ich mir öfters.

So, und nun ist der Brief zu Ende. Draußen scheint jetzt die Sonne. Deswegen gehe ich jetzt meine neuen Schuhe einlaufen.

Bis bald,
deine Nina.

P.S.: Irgenwie mag ich Tommi doch ganz gern, aber bitte verrate es ihm nicht.

(c) 2008, Marco Wittler

068. Auf der Autobahn (Ninas Briefe 12)

Auf der Autobahn

Hallo Steffi.

Heute war ein ganz aufregender Tag, obwohl es zuerst danach aussah, als würde er einer der langweiligsten meines ganzen Lebens werden.
Da nun endlich die Ferien begonnen haben, kündigte Papa gestern an, dann wir zu Oma fahren würden. Doch das Problem an der Sache ist, dass sie ziemlich weit weg wohnt und wir dann mindestens sechs Stunden im Auto sitzen müssen, bis wir endlich angekommen sind. Und es gibt nichts langweiligeres als Autofahren.
Wenn ich in meinem Kindersitz angeschnallt bin, kann ich ja nichts machen. Ich sehe nur rechts die Autos, die Papa überholt und links diejenigen, die an uns vorbei flitzen. Letztere sind natürlich wesentlich mehr, weil Papa immer so langsam fährt.
Hinten ist nie etwas zu sehen, da ist die Rückenlehne im Weg. Und nach vorne darf ich auch nicht schauen, denn wenn mein Kopf in die Mitte rutscht, sieht Papa nichts mehr in seinem Rückspiegel. Dann gibt es immer Ärger.
Zuerst hatte ich Mama angebettelt, dieses eine Mal zu Tante Lina gehen zu dürfen. Aber die war nicht da. Sie war schon zwei Tage vorher zu Oma gefahren. Wie gemein.
Morgens um acht Uhr gab es Frühstück. Bis dahin mussten wir im Bad fertig sein und alle Sachen gepackt haben, die am Abend zuvor noch nicht im Koffer waren.
Kurz vor der Abfahrt spülte Mama noch schnell und ich trocknete ab, während Tommy faul war und sich vor den Fernseher setzte.
Aber pünktlich um neun Uhr saßen wir im Auto. Mama kontrollierte noch einmal, ob wir richtig angeschnallt waren. Dann startete Papa den Motor und fuhr los.
Wir waren noch nicht ganz auf der Straße, da brüllte Tommy schon los.
»Ich muss aber noch einmal Pipi machen.«
Mama schaute nach hinten und verdrehte die Augen, während Papa den Rückwärtsgang einlegte und noch einmal einparkte.
Ganze zehn Minuten mussten wir warten, bis es weiter ging. Aber bevor wir aus der Stadt heraus waren, quengelte Tommy schon wieder.
»Wie weit ist es denn noch? Wann sind wir denn da? Mir ist langweilig. Ich habe keine Lust mehr im Auto zu sitzen.«
Jetzt verdrehte ich die Augen. Jedes Mal das Gleiche. Der Kleine ist einfach eine totale Nervensäge.
Ich sagte nichts dazu, aber insgeheim war auch mir schon längst langweilig. Mama hatte zwar daran gedacht, für mich ein Buch mitzunehmen, aber sie hatte vergessen es auf die Rückbank zu legen. Stattdessen ruhte es ganz tief in einem der drei Koffer.
Irgendwann, nachdem wir schon eine ganze Weile gefahren waren, etwa zehn Minuten nach der Abfahrt, kam Tommy auf die Idee, wir könnten Autos zählen. Es ist sein Lieblingsspiel, aber er hat immer ganz krumme Regeln dabei, damit er nicht verlieren kann.
»Ich zähle alle deutschen Autos und du nur die amerikanischen.«
Ich lehnte ab. Das macht mir eh nie Spaß. Und mit so gemeinen Regeln erst recht nicht.
»Na gut.«, sagte Tommy plötzlich.
»Dann spielen wir das umgekehrt. Ich zähle amerikanische Autos und du die deutschen. Wer zuerst bei zwanzig angekommen ist, hat gewonnen.«
Das gefiel mir schon besser. Ich begann also laut zählen.
»Eins, zwei, drei, …«
In diesem Moment wurde ich ganz laut übertönt, denn Tommi schrie plötzlich: »Zwanzig!«
Das konnte doch gar nicht sein. Wir hatten gerade angefangen und so viele Amerikaner konnten doch gar nicht unterwegs sein. Aber dann sah ich mich um und entdeckte etwas sehr gemeines. Vor der roten Ampel, die uns zum Stehenbleiben zwang, standen auch zwei große Lastwagen, die jeweils zehn amerikanische Autos geladen hatten. So ein Pech kann aber auch nur ich haben.
Verärgert drehte ich mich um, schloss meine Augen und hörte nicht mehr auf die quakende Stimme meines kleines Bruders, der sich bestimmt eine halbe Stunde lang daran erfreute, gegen mich gewonnen zu haben.
Irgendwann schlief ich dann auch ein.
Als ich später wieder erwachte, hörte ich ein lautes Hupkonzert. Ich wusste erst nicht, wo ich war, spürte dann aber recht schnell den Sicherheitsgurt meines Sitzes und wusste es gleich wieder. Wir waren auf der Fahrt zu Oma. Ich seufzte und öffnete vorsichtig die Augen.
Es war inzwischen dunkel geworden. Die Sonne war nicht mehr zu sehen, dafür jede Menge Sterne am Himmel und noch mehr Scheinwerfer und Rücklichter der Autos.
Aber wir fuhren nur noch ganz langsam. Wir saßen in einem Stau fest.
Plötzlich fiel mir etwas ein. Wie lange waren wir denn schon im Stau? So lange konnten wir doch unmöglich zu Oma unterwegs sein, dass es schon Abend geworden war.
Ich lehnte mich etwas nach vorne und sah zwischen den vorderen Autositzen hindurch.
»Papa, warum sind wir denn noch immer nicht da? Es ist doch schon dunkel geworden. Ist der Stau so lang?«
Papa lachte und auch Mama musste sich das Grinsen verkneifen.«
»Mensch, Nina.«, sagte Papa.
»Du machst ja komische Witze heute. Wir sind doch schon längst auf der Rückfahrt.«
Rückfahrt? Wie konnte denn das sein? Wir waren doch noch gar nicht angekommen.
»Du hast so fest in deinem Sitz geschlafen.«, fügte Mama hinzu.
»Wir haben dich einfach nicht wach bekommen. Also ließen wir dich weiter schlafen.«
Sie hatten alle bei Oma zusammen Kuchen gegessen, Kaffee und Kakao getrunken. Aus der Übernachtung, die eigentlich geplant war, wurde nichts mehr. Tante Lina hatte ihren Freund mitgebracht. Und zu unserem Pech war auch noch Onkel Fritz mit seiner Familie aufgetaucht. Daher waren wir nun wieder auf dem Weg nach Hause.
»Dabei habe ich mich doch so auf Oma gefreut.«
Mir lief ein Tränchen die Wange herunter.
»Und Oma hat sich auch auf die gefreut. Aber sie konnte dich nur schlafend im Auto sehen.«
So traurig, wie ich war, machte ich meine Augen wieder zu und schlief erneut ein.

Irgendetwas rüttelte an meiner Schulter. Aber ich wollte doch gar nicht aufwachen. Es war doch gerade so gemütlich und warm. Doch da rüttelte und schüttelte es schon wieder.
»Nina, wach auf. Du musst aussteigen. Wir sind da.«
»Aber ich will nicht aussteigen. Ich habe doch eh schon Oma verpasst.«
Da hörte ich ein paar lachende Stimmen neben mir.
»So so, du hast mich also verpasst?«
Ich traute meinen Ohren nicht. Ich riss die Augen auf und sah mich um. Da stand Oma neben mir und lächelte mich an.
»Was ist denn mit dir los, Nina?«, fragte Mama.
Ich zuckte nur mit den Schultern und stieg ganz verschlafen aus.
Da hatte ich wohl einen ganz verrückten Traum gehabt.

Damit ist mein Brief auch schon zu Ende. Ich hoffe bald von dir zu hören oder zu lesen. Bis bald.

Deine Nina.

P.S.: Wenn ich in Zukunft im Auto unterwegs bin, werde ich alles tun, um nicht einzuschlafen. So einen komischen Traum möchte ich nicht noch einmal erleben.

(c) 2008, Marco Wittler

057. Die Flut (Ninas Briefe 11)

Die Flut

Hallo Steffi.

Heute ist ein ganz blöder Tag. Draußen regnet es, ohne aufzuhören. Und das geht jetzt schon eine ganze Woche lang so. Ich sitze dann nur hier in meinem Zimmer herum, langweile mich und schaue mir durch das Fenster meine neue Schaukel an, die Papa einen Tag, bevor der Regen kam, aufgestellt hat. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, endlich wieder schaukeln zu können, aber das wird ja nun doch nicht mehr werden.
Ich glaube sogar, es wird nie wieder aufhören. Der ganze Himmel ist grau, die Wolkendecke ist so dick, wie noch nie zuvor.
Da fällt mir gerade etwas ein. Das hätte ich fast vergessen, dabei wollte ich dir schon vor ein paar Tagen davon berichten.
Vor vier Tagen hatten wir einen richtigen Wolkenbruch, wie Mama sagte. Ich hab dann ganz schnell nach draußen geschaut. Aber alle Wolken waren in Ordnung. Nicht eine von ihnen war kaputt gegangen. Da muss Mama wohl nicht richtig hingesehen haben.
Das einzige, was ich sehen konnte, war der Regen. Und es goss in solchen Strömen, dass man hätte meinen können, im Himmel hätte jemand einen Stausee geöffnet. Es wollte gar nicht mehr aufhören.
Mama war schon etwas sauer, denn wir wollten am Nachmittag unserer Tante einen Besuch abstatten. Dummerweise ist Papas Auto gerade in der Werkstatt. Es braucht neues Öl. Wir sollten also bei dem Wetter zu Fuß laufen.
Tommy brüllte vor Freude. Er konnte es kaum erwarten. Dabei wusste ich genau, was er vor hatte. Er wollte mit seinen Gummistiefeln in jede Pfütze springen. Und das immer genau dann, wenn ich daneben wäre.
Der ist immer so fies zu mir. Er muss mich immer ärgern. Und Mama sagt immer nur, dass er halt noch ein kleiner Junge ist und ich ihn machen lassen soll.
Später wurde der Regen schwächer. Wir zogen uns also an. – Gummistiefel an die Füße, Regenmantel über den Körper. Ich sah aus wie ein Bonbon, von oben bis unten in rosa. Tommy fand das eklig, ich aber nicht. Das sieht richtig süß aus.
Wir gingen los.
Weil es an der Straße zu gefährlich ist und alle Autos immer Wasser verspritzen, entschied Mama, dass wir den Fußweg am Fluss nehmen sollten.
Und du kannst dir nicht vorstellen, was wir da sahen. Bisher dachte ich immer, dass es nur ein kleiner Plätscherbach ist. Doch nach dem großen Regen war er nun bis zum Rand mit Wasser voll. Da wäre ich freiwillig nicht mehr zum spielen rein gegangen. Da wäre ich bestimmt sofort drin ertrunken. Also ging ich weit genug davon entfernt den Weg entlang.
Mein kleiner nerviger Bruder hat natürlich genau das getan, was ich vorher befürchtet hatte. Er sprang wirklich in jede Pfütze. Mama schimpfte jedes Mal, aber das nützte gar nichts. Innerhalb weniger Minuten sah er aus, als hätte er im Schlamm gewühlt und gespielt. Er war dreckig von oben bis unten.
Nach der Hälfte des Weges passierte es dann plötzlich. Der Regen wurde stärker, viel stärker sogar. Wir konnten kaum noch etwas sehen. Mama entschied, dass wir warten sollten, bis es vorbei wäre. Zum Glück waren wir gerade bei einer kleinen Holzhütte, in der wir uns unterstellen konnten. So waren wir wenigstens vor dem Regen geschützt.
Aber irgendwann wurde mir ganz komisch im Bauch. Ich sah immer wieder zum Fluss hinüber, der ständig höher stieg. Das Wasser kam uns immer näher. Das machte mir ganz schön Angst. Aber Mama sagte immer, dass das Wasser noch nie über das Ufer gegangen wäre, jedenfalls so lange sie denken konnte.
Tommy gluckste schon vor Lachen. Er freute sich geradezu darauf, dass der Fluss doch alles überfluten würde.
Alles bloß das nicht.
Es regnete weiter. Es wollte einfach nicht aufhören. Mama hatte mittlerweile schon mit dem Handy bei Papa angerufen, aber der war nicht zu erreichen. Er hätte uns ohne Auto auch nicht helfen mit, mit aber auch nicht, denn der Weg war viel zu schmal, um darauf fahren zu können.
Noch immer stieg das Wasser. Es fehlte nicht mehr viel, bis es alles überschwemmen würde. Aber Mama machte uns trotzdem weiter Mut.
Aber schließlich passierte es dann doch. Mit einem Mal hörten wir ein ganz komisches Geräusch. Durch den Flussdamm kamen die ersten Tropfen, dann floss Wasser aus ein paar Rissen, bis er schließlich und ganz viel Wasser auf uns zu strömte.
Ich begann zu schreiben, Tommy jubelte. Mama sprang aus der Hütte, schnappte sich meinen Bruder und half ihm, auf das Hüttendach zu klettern. Anschließend sollte ich hinterher. Doch dazu kam es nicht mehr. Die Welle war ganz schnell heran und riss mich mit.
Mama konnte sich gerade noch fest halten, hatte mich aber nicht mehr erwischt.
Jetzt bekam ich Panik. Ich hatte große Angst zu ertrinken. Ich konnte nicht sehen, wo es mich hin trieb, bis ich plötzlich merkte, dass ich in den nahen Fischteich gespült wurde und unterging.
Ich kniff ganz fest die Augen zu und versuchte irgendwie wieder an die Oberfläche zu kommen, aber ich wusste nicht mehr wo oben und unten waren. Und langsam ging mir die Luft aus.
Und dann wurde ich plötzlich von zwei kräftigen Händen gepackt. Zuerst dachte ich, dass ich doch schon fast oben war und mich jemand retten würde, aber dann sah ich etwas, dass ich vorher noch gesehen hatte.
Vor mir war ein Mann im Wasser. Aber er sah ganz anders aus. Irgendwie war er ein Mensch, aber auch irgendwie nicht. Er hatte keine Beine, stattdessen eine lange Fischflosse. Bisher kannte ich Meermenschen nur aus dem Fernsehen und ich wusste, dass sie auch nur im Meer und im Ozean lebten, wenn es sie denn überhaupt gab. Und nun hatte ich einen vor mir, einen richtig echten.
Er nahm mich mit sich und gab mir zu verstehen, dass mir nichts passieren würde.
Wir schwammen etwas tiefer und verschwanden unter einer gläsernen Kuppel. Darunter war genug Luft, um atmen zu können.
Er setzte mich auf einen Stein und sah mich neugierig an.
»Was bist du?«, fragte er mich.
Ich sagte, ich wäre ein Mensch und käme vom Land. Er sah mich allerdings ganz ungläubig an.
»Ich muss dir wohl glauben, kleines Mädchen, schließlich hast du keine Floss wie ich.«
Er stellte sich mir vor. Sein Name war Arton. Er war ein Seemensch, verwandt mit den Meermenschen. Allerdings lebten er und seine Leute in unserem Fischteich. Es hatte sie nur noch nie jemand gesehen, weil sie zu viel Angst hatten zur Oberfläche zu schwimmen.
Ich erzählte ihm, dass wir Menschen nur an der Luft leben können und wir im Wasser ertrinken müssen.
Da bekam er plötzlich ein trauriges Gesicht. Er hatte sich gefreut, neue Freunde zu finden. Denn im See war es immer so langweilig. Es gab keine Geschichten zu erzählen, die nicht jeder von ihnen schon längst gehört hatte und keine neuen Spiele.
»Ich hab da eine Idee.«, sagte ich ihm.
»Wenn das Wetter wieder besser ist und mir meine Eltern erlauben, im See schwimmen zu gehen, dann komme ich zurück und wir werden ein paar Spiele spielen.«
Das freute den Seemenschen sehr. Da nahm er mich in den Arm, drückte mich an sich und brachte mich sofort zurück ans Ufer.
Ich krabbelte aus dem Wasser und setzte mich unter einen Baum. Von der Anstrengung musste ich mich erstmal erholen.
In dem Moment kamen auch schon Mama und Tommy angelaufen. Die Welle war vorüber gerollt und man konnte wieder über die Wiese laufen.
Sie nahm mich sofort in die Arme und war so froh, dass es mir gut ging. Sie hatte unheimlich viel Angst um mich gehabt.
Wir gingen schnell nach Hause, um die nassen gegen trockene Sachen zu tauschen.
Von meinem neuen Freund erzählte ich natürlich nichts. Tommy wäre dann viel zu eifersüchtig und Mama würde mir kein einziges Wort glauben.
Und sobald das Wetter wieder schön ist, gehe ich zum See baden. Mal schauen, was ich dann für tolle Spiele mit Arton machen werde.

Deine Nina.

P.S.: Wenn du bald zu mir kommst, dann nehme ich dich mit zum Baden. Du wirst Arton bestimmt mögen.

(c) 2007, Marco Wittler

044. Der Winter ist da (Ninas Briefe 9)

Der Winter ist da

 Liebe Steffi.

Du kannst dir gar nicht vorstellen, was mir am letzten Wochenende passiert ist. Irgendwie kann ich es selbst gar nicht so richtig glauben. Deshalb möchte ich gerne wissen, was du darüber denkst.
In der Nacht von Freitag zu Samstag hat es zum ersten Mal gefroren. Die Wiese im Garten war fast weiß durch den ganzen Reif. Das sah schon richtig nach Winter aus. Und mittags fielen plötzlich ganz viele Blätter von den Bäumen. Da hatte ich sofort den Gedanken, dass es bis Weihnachten nicht mehr lange dauert.
Ich habe dann auch gleich überlegt, was ich dieses Jahr auf meinen Wunschzettel schreiben könnte.
Beim Essen sagte Mama: »Hui, sieht das draußen kalt aus. Hoffentlich macht euer Vater bald die Winterreifen ans Auto. Es sieht aus, als würde es bald Schnee geben.«
Schnee? Das wäre ja was. Dabei hat der November ja gerade erst angefangen. Da kann es doch noch nicht schneien. Schließlich ist ja jetzt noch Herbst. Aber Mama meinte, darauf sollte ich mich nicht verlassen.
Ausnahmsweise spielte ich den Nachmittag über mit Tommy. Keine von meinen Freundinnen hatte Zeit und draußen war es mir zu kalt.
Dummerweise holte er seine große Kiste mit den vielen Autos und Straßen heraus. Dabei hatte ich ihm was viel besseres vorgeschlagen. Immerhin habe ich eine neue Prinzessinnenbarbie von Oma geschenkt bekommen. Wir hätten so schön Hochzeit spielen können. Aber mein blöder Bruder musste ja unbedingt Autounfall spielen. Das war richtig langweilig, aber immer noch besser als herum zu sitzen.
Außerdem sagte Mama, dass ich ruhig mal mit Tommy spielen könnte. Er würde auch nicht beißen.
Das denkt sie. Aber ich weiß es viel besser. Er hat mich schon ein paar Mal gebissen, aber nie so fest, dass ich Mama die Stelle hätte zeigen können.
Als es dunkel wurde, sahen wir uns alle zusammen das Sandmännchen an. Sogar Papa saß mit uns auf dem Sofa. Normalerweise kommt er erst zu den Nachrichten dazu. Aber diesmal waren wir alle zusammen. Das war richtig schön. Hab mich auf Papas Bauch gekuschelt und dem Sandmännchen zugeschaut. Nur am Ende haben wir uns alle die Augen zugehalten. Schließlich darf ja kein Schlafsand in die Augen kommen. Sonst schläft man fast sofort ein.
Keine Sorge, Steffi. Ich glaube nicht an so etwas. Aber du weißt ja, der kleine Tommy glaubt alles, was man ihm erzählt. Also machen wir alle zusammen mit, damit mein Bruder keinen Schrecken bekommt.
Als ich in meinem Bett lag sah ich noch eine Weile aus dem Fenster. Da waren ganz viele Sterne und der Mond. Dadurch war es so hell, dass ich nicht einschlafen konnte. Würde ich an dieses Sandmännchen glauben, wie mein kleiner Bruder, hätte ich mich geärgert, die Augen zugehalten zu haben. Aber ich bin ja schon groß und weiß, dass das Sandmännchen nur ein Film ist.
Schade eigentlich.
Ich hab mich im Bett mal auf die eine, mal auf die andere Seite gelegt, mal links mal rechts, dann wieder auf dem Bauch oder Rücken. Ich hatte sogar kurz das Kissen auf dem Gesicht, bekam aber nicht genug Luft und lies es dann lieber bleiben.
Zu dumm, dass ich kein Rollo vor dem Fenster habe.
Also stand ich irgendwann wieder auf, setzte mich ans Fenster und sah hinaus.
Noch immer strahlte alles vom Himmel aus in mein Zimmer, aber nicht ganz so weit weg waren bereits dicke Wolken zu sehen. Also konnte ich darauf hoffen, doch noch schlafen zu können.
Ich legte mich also wieder hin und wartete geduldig. Ich hatte sogar angefangen, dir einen Brief zu schreiben, musste aber nach den ersten Sätzen aufhören, weil das Licht des Mondes doch nicht hell genug war. Ich hatte Angst, dass ich am nächsten Morgen meine Schrift selbst nicht mehr lesen könnte.
Irgendwann war der Himmel komplett mit Wolken verhangen. Es war richtig dunkel geworden. Schon freute ich mich auf meinen Schlaf und einen tollen Traum. Aber daraus wurde nichts.
Denn plötzlich hörte ich Schritte draußen im Garten.
Ich konnte mir nicht vorstellen, wer zu so später Stunde noch nach den Blumen sehen wollte. Außerdem blühte eh nichts mehr. Aber vielleicht hatte Papa auch nicht schlafen können und trieb sich nun in seiner Bastelwerkstatt rum.
Ich stand wieder auf und schaute vorsichtig aus dem Fenster. Aber es war gar nicht Papa, sondern ein großer dicker Mann in einem langen weißen Wintermantel und einer großen dicken Fellmütze auf dem Kopf.
Den Mann hatte ich vorher noch nie gesehen. Und ich war mir auch sicher, dass er in unserem Garten nichts zu suchen hatte.
Also öffnete ich mein Fenster und rief ihm zu, dass er verschwinden sollte, sonst würde ich meinem Papa Bescheid sagen.
Der dicke Mann lachte aber nur und schaute mich ganz freundlich an.
»Hallo, Nina. Solltest du nicht schon längst unter deiner Decke liegen und schlafen? Mädchen in deinem Alter sollten nicht so spät noch wach sein.«
Jetzt war ich völlig verwirrt. Woher kannte er meinen Namen? War er vielleicht ein Freund von Mama und Papa, den ich noch nicht kannte?
»Wer sind sie?«, fragte ich.
»Ich bin der Winter.«, antwortete er.
»Hallo, Herr Winter. Was machen sie so spät in unserem Garten?«
Doch dann sagte er etwas, das ich einfach nicht glauben wollte.
»Ich heiße nicht Herr Winter, sondern ich bin der Winter.«
Fast wären mir meine Augen heraus gefallen, wenn das denn gehen würde. Dieser Mann erzählte wirklich komische Sachen. Wie kann man denn der Winter sein? Der Winter ist doch eine Jahreszeit und kein Mann.
Er schien mir wohl anzusehen, dass ich ihm nicht glaubte. Daher zog er etwas aus seiner Tasche, das wie ein langer Stab aussah.
»Sieh her, Nina. Ich bin tatsächlich der Winter.«
Er zielte mit dem Stab auf einen Baum. Dieser verlor augenblicklich alle Blätter und es begann, über ihm zu schneien.
»Wie machen sie das?«, fragte ich.
»Komm doch heraus und probiere es selbst aus.«
Ich lies mir das nicht zweimal sagen. Ich zog mir sofort meine Sachen über und schlich mich hinaus in den Garten.
Als ich die Tür öffnete stand der Winter bereits auf der Terasse und wartete auf mich.
»Nun zeige ich dir, dass ich die Wahrheit gesagt habe.«
Er zog wieder den Stab aus der Tasche und wirbelte damit in der Luft herum.
Es begann augenblicklich zu schneien. Der Winter begann zu lachen, wie mein kleiner Bruder Tommy, wenn er in der Bäckerei einen Lutscher geschenkt bekommt.
Der Winter tanzte auf der Terasse im Kreis und fing ein paar Flocken mit der Hand auf.
»Ich verstehe noch immer nicht, wie sie das machen.«, sagte ich schließlich.
»Dann probiere es einfach selbst aus.«
Er hörte auf zu tanzen und drückte mir seinen Stab in die Hand.
»Und nun ziel auf einen der Bäume und denke an ganz viel Schnee. Das ist schon alles.«
Ich tat es so, wie er es mir erklärt hatte. Und dann sah ich, wie die Krone des Baumes plötzlich voller Schnee war, als hätte es einen ganzen Tag darauf geschneit. Das sah traumhaft schön aus.
Ich zielte auf einen weiteren Baum und auf noch einen. Nach und nach verwandelte sich unser ganzer Garten in eine weiße Winterlandschaft.
»Das macht ja richtig Spaß«, sagte ich.
»Was meinst du wohl, warum ich das schon seit Urzeiten mache? Ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen, als diesen.
Aber nun muss ich dich leider verlassen. Das ganze wartet nun auf den ersten Schnee. Da habe ich noch viel zu tun.«
Ich gab Winter seinen Stab zurück. Dann verabschiedeten wir uns voneinander und ich ging zurück in mein Zimmer. Vom Fenster aus winkte ich ihm ein letztes Mal zu, bevor er im dichten Schneegestöber verschwand.
Noch eine Weile sah ich den fallenden Flocken zu, bis ich müde wurde und mich zum Schlafen ins Bett legte.
Als ich am nächsten Morgen wach wurde, flitzte ich sofort zum Fenster und sah hinaus. Wo ich auch hin sah, es war weiß. Es hatte tatsächlich in der Nacht geschneit. Aber irgendwie wollte ich nicht so recht glauben, dass ich die Begegnung mit dem Winter wirklich erlebt hatte. Schließlich hätte es auch ein Traum sein können, oder?
Während ich mich zum Frühstück fertig machte, fand ich mich auch damit ab, dass der Winter tatsächlich nur eine Jahreszeit ist und ich alles nur geträumt hatte.
Doch als ich nach unten ging, sah ich im Flur meine Schuhe, die nun in einer kleinen Pfütze standen.
War ich vielleicht doch draußen gewesen und hatte mit ihnen etwas Schnee herein gebracht? War der Winter doch ein dicker Mann mit Mantel, Mütze und Stab?
Ich wusste nicht, was ich darüber denken sollte. Ich traute mich auch nicht, es Mama zu erzählen. Denn dann würde sie mit mir schimpfen, dass ich so spät noch draußen wahr.
Aber vielleicht weißt du ja eine Antwort darauf.

 Deine Nina.

 P.S.: Falls du einmal nachts wach bist, dann schau doch mal aus dem Fenster, wenn es anfängt zu schneien. Vielleicht siehst du dann auch den Winter.

(c) 2007, Marco Wittler

13

043. Ein Flug zum Mond (Ninas Briefe 8)

Ein Flug zum Mond

 Hallo Steffi.

Du wirst mir nicht glauben, was mir gestern Nacht passiert ist. Aber ich schwöre dir, dass jedes Wort wahr ist. Du weisst ja, dass ich nicht lüge, auch wenn es sich so anhört. Aber ich will dich nicht weiter auf die Folter spannen.

 Vorletzte Nacht konnte ich nicht schlafen. Der Rolladen vor meinem Fenster ist kaputt gegangen und nun muss ich schlafen, obwohl das blöde Ding nicht unten ist. Und im Moment scheint der Mond so hell wie eine Straßenlaterne in mein Zimmer. Das nervt ganz schön. Am liebsten hätte ich Tommy aus seinem Zimmer geworfen. Dann hätte er sich den Mond anschauen können und ich hätte meinen Schönheitsschlaf bekommen. Aber Mama hat es mir dann doch verboten. Sie sagte nur, dass es schon nicht so schlimm sein und Papa den Rolladen spätestens am Wochenende reparieren würde.
Und dann lag ich da nun und starrte die ganze Zeit diese helle Scheibe am Himmel an. Ich weiss nicht, ob du das schon einmal gemacht hast. Für mich sieht der Mond jedenfalls so aus, als hätte er ein Gesicht, mit Mund, Nase, Augen, und als würde er mich die ganze Zeit von da oben beobachten. Das ist ein ganz schön komisches Gefühl. Ich habe mich überhaupt nicht wohl gefühlt. Nicht einmal die Gardine hat etwas geholfen. Ich konnte den Mond noch richtig gut dadurch sehen und er mich bestimmt auch.
Am nächsten Morgen war ich richtig kaputt und bin immer wieder in der Schule eingeschlafen. Jetzt weiss ich endlich, warum es gut wahr, mir einen Platz ganz hinten im Klassenraum zu suchen. Da sieht es wenigstens keiner, wenn mein Kopf auf dem Tisch liegt. Tommy hätte das nicht gekonnt. Der fängt ja immer sofort an zu schnarchen, sobald er die Augen zu hat.
Im Sachkundeunterricht, die einzige Schulstunde, die ich so gerade eben wach geschafft habe, ging es heute um Sonne, Mond und Sterne. Herr Schumann, unser Lehrer hat uns alles erklärt. Wie weit die alle voneinander entfernt sind, woraus sie bestehen und wie alt sie sind. Da musste ich ja dann doch etwas kichern. So alt wie unser Mond ist, müsste sein Gesicht doch schon längst ganz viele Falten haben. Aber er sieht noch lange nicht so zerknittert aus wie Tante Eva. Die ist zwar auch schon alt, aber noch lange nicht so wie der Mond.
Und als Herr Schumann sagte, dass die Oberfläche des Mondes aus Stein besteht, habe ich ganz laut protestiert, denn Anna-Lenas Papa sagt immer, dass der ganze Mond aus Käse besteht und man sich sogar von einer zur anderen Seite durch essen könnte, wenn man einen viel größeren Bauch und ganz viel Hunger hätte. Allerdings würde dafür auch nicht der Vorrat an Brot und Crackern ausreichen, denn Käse allein schmeckt ja nicht so gut.
Und dann haben alle über mich gelacht, alle Kinder in meiner Klasse und auch Herr Schumann. Der hat mich sogar noch gefragt, wo ich denn dieses Märchen gehört hätte. Dann bin ich ganz rot geworden, hab mich schnell wieder hingesetzt und den Rest der Stunde kein einziges Wort mehr gesagt. Das war das Peinlichste, was mir je passiert ist. Und etwas Schlimmeres wird es auf der Welt ganz bestimmt nicht geben. Damit werden mich die anderen bestimmt den Rest meines ganzen Lebens aufziehen. Am Liebsten wäre ich gleich auf eine andere Schule gewechselt.
Als ich nach Hause kam, hab ich ganz still am Mittagstisch gesessen und bin dann für den Rest des Tages in mein Zimmer verschwunden.
Irgendwann wurde es dunkel und es wurde Zeit, in mein Bett zu gehen. Doch als ich gerade lag, kroch schon wieder dieser gemeine Mond über den Horizont und leuchtete mir genau ins Gesicht. Ich war richtig sauer.
Doch auch Umdrehen und hin und her wälzen brachte nichts. Es war einfach viel zu hell zum Schlafen. Ich schnappte mir Decke und Kopfkissen und wollte mich gerade in meinen Kleiderschrank verkriechen, als ich plötzlich ein Geräusch hörte.
Vor Schreck lies ich alles fallen. Und dann hörte ich es wieder. Da stand jemand vor dem Haus und warf Steinchen gegen mein Fenster. Zuerst traute ich mich nicht, nachzusehen. Aber es wollte einfach nicht aufhören. Immer wieder knallte ein neuer Kiesel gegen das Glas, bis ich schließlich nachgab und zum Fenster ging. Als ich es öffnete, kam erneut ein Steinchen geflogen und traf mich auf die Nase. Das tat ziemlich weh, aber es blutete zum Glück nicht.
Ich sah nach unten und sah dort Tim stehen. Er ist ein Junge aus meiner Klasse.
»Was machst du denn da? Musst du nicht schon längst im Bett liegen und schlafen?«
Er schüttelte nur kräftig mit dem Kopf.
»Los komm raus. Wir wollen dir etwas zeigen.«
Ich sah mich draussen um, konnte aber außer Tim niemand anderes sehen.
»Wieso wir? Du bist doch alleine. Und ich bin bestimmt nicht so verrückt und komme so spät noch zum Spielen raus. Da bekomme ich jede Menge Ärger, wenn das meine Eltern erfahren.«
Tim winkte ganz aufgeregt jemanden herbei. Er schien wohl nicht mehr zu wissen, wie er mich aus dem Haus holen sollte.
Und plötzlich kamen sie von allen Seiten. Da waren alle Kinder aus meiner Klasse und dazu noch mein Sachkundelehrer.
Herr Schumann gab den anderen zu verstehen, dass sie leise sein sollten.
»Nina, komm raus. Wir machen einen kleinen Schulausflug. Wir wollen etwas mehr über den Mond lernen und heraus bekommen, ob er nicht vielleicht doch aus Käse gemacht ist.«
Ich wurde sofort wieder ganz rot im Gesicht.
»Jaja, lacht ruhig alle über mich. Ihr habt ja auch nichts Dummes in der Schule gesagt.«
Doch dann fiel mir auf, dass niemand lachte. Alle waren still und schienen nur darauf zu warten, dass ich endlich raus kommen würde.
Sie winkten mir sogar zu, herunter zu kommen.
»Ich kann doch nicht. Meine Eltern sind noch wach und schauen fern. Die werden mich sofort bemerken, wenn ich mich raus schleiche.«
»Nichts einfacher als das.«, flüsterte Herr Schumann zu mir rauf.
»Zieh dich schnell an, setz dich auf dein Bett und warte ab, was geschieht.«
Ich tat also, was er sagte und wartete.
Plötzlich sah ich mehrere Schatten vor meinem Fenster hin und her sausen. Und dann waren sie auch auf der anderen Seite, hinter meiner Balkontür zu sehen. Und einer von ihnen kam ganz nah an unser Haus heran.
Ich verkroch mich sofort unter meiner Decke und zitterte am ganzen Körper, bis ich es wieder klopfen hörte und eine Stimme zu mir sprach.
»Nina? Bist du fertig? Du brauchst keine Angst haben. Wir wollen dich nur zu unserem Schulausflug abholen. Mach die Balkontür auf und setz dich wieder auf dein Bett.«
Es war mein Lehrer. Aber wie war er auf meinen Balkon gekommen?
Ich kroch also unter der Decke hervor, öffnete die Türen und setzte mich schnell wieder auf mein Bett, als es auch schon begann, sich zu bewegen.
Er bekam Angst. Und die Angst wurde noch größer, als mein Bett plötzlich abhob und knapp unter der Zimmerdecke schwebte. Dann bewegte es sich auf den Balkon zu und flog hinaus in die Nacht.
Ich fand mich plötzlich über unserem Garten wieder und ar umringt von den Kindern meiner Klasse. Jeder von ihnen lag oder saß im eigenen Bett und schwebte im Kreis um mich herum. Sogar Herr Schumann saß in seinem Bett. Es war ein unheimlich schönes Himmelbett.
»Nina, wir fliegen jetzt alle zusammen zum Mond und schauen nach, woraus er wirklich gemacht ist.«
Sein Bett setzte sich in Bewegung und wir anderen flogen ihm in einer langen Kette hinterher.
Ich glaube, wenn uns jemand am Boden gesehen hätte, hätte der nicht geglaubt, was er sieht. Aber in diesem Moment dachte ich gar nicht an so etwas. Ich hatte nur Angst herunter zu fallen. Aber es wehte kein Wind und mein Bett wackelte kein bisschen. Trotzdem nahm ich meinen Kuschelbären fest in den Arm und lies ihn nicht mehr los. So fühlte ich mich wenigstens etwas besser.
Wir flogen eine ganze Weile immer höher, immer weiter in den Himmel und kamen den Sternen immer näher. Wir flogen vorbei an Kometen, passierten die Milchstraße und ließen uns von einigen schnellen Raumschiffen überholen, bis vor zur Landung auf dem Mond ansetzten.
Unsere Betten wurden immer langsamer und setzten nacheinander auf der Oberfläche auf.
Ich stieg vorsichtig aus, setzte einen Fuß vor den anderen und begann mich umzusehen.
Ich warf einen Blick in den Himmel und wunderte mich über den komischen blauen Mond, der mich nun anlachte.
»Das ist kein Mond, falls du das jetzt denkst.«, sagte Herr Schumann zu mir.
»Das ist unsere Erde, nur von der anderen Seite aus gesehen.«
Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Ich war so fasziniert, dass mir einfach die Worte fehlten. Dieser Anblick war so wunderschön.
»So, Kinder. Dann schaut euch mal um. Vielleicht entdeckt ihr ja ein paar interessante Dinge. Und wer ein Stück Käse findet, bringt es bitte zu mir, ich habe nämlich noch nicht zu Abend gegessen.«
Alle mussten lachen. Sogar ich konnte mir diesmal kein Grinsen verkneifen.
Natürlich war der Mond nicht aus Käse. Das sah ich jetzt auch. Die ganze Oberfläche war voll mit Steinen und Sternenstaub. Hier sollte mal jemand ordentlich putzen. Aber wo niemand wohnt, kann auch niemand sauber machen.
Ich sah mich genauer um und lief von einem Krater zum anderen, schaute hinter kleine Hügelchen und entdeckte dann plötzlich doch etwas.
Hinter einem kleinen Berg stand ein kleines Häuschen. Es war kleiner als das von Mama und Papa, war aber groß genug, um darin stehen zu können.
Jetzt wunderte ich mich aber doch. Schließlich hatten wir in der Schule gelernt, dass der Mond unbewohnt sei und die ersten, die hier oben waren, Astronauten genannt wurden und mit einer Rakete her kamen. Wer konnte also hier wohnen?
Ich ging langsam näher und schaute durch ein Fenster in das Innere des Häuschens. Aber es war viel zu dunkel. Deswegen suchte ich die Tür und klopfte vorsichtig an.
»Zu wem möchtest du denn, junge Dame?«
Ich drehte mich erschrocken um. Hinter mir stand ein alter Mann und sah mich freundlich an. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also blieb ich still und bewegte mich auch nicht mehr.
»Vor mir brauchst du keine Angst haben.«, sagte er.
»Ich bin der Mann im Mond. Du wirst doch sicher schon von mir gehört haben.«
Der Mann im Mond? Klar hatte ich von dem schon gehört. Wer denn nicht? Aber bisher dachte ich immer, dass er nur ein Märchen wäre. Und nun stand er leibhaftig vor mir. Das war vielleicht aufregend.
»Weisst du was? Ich werde dir meine Welt zeigen, wenn du schon einmal hier bist. Ich bekomme so selten Besuch, dass ich mich über dich sehr freue.«
Er schloss die Tür des kleinen Häuschens auf und nahm mich mit hinein.
Ich war richtig erstaunt. Denn von innen sah es riesig groß aus. Das konnte doch unmöglich alles in dieses kleine Häuschen passen. An den Wänden hingen überall Uhren und sie tickten leise vor sich hin.
»Hier wird die Zeit gemacht.«, sagte er.
»Ich bin dafür zuständig, dass sie Uhren regelmäßig aufgezogen und, wenn es nötig ist, repariert werden. Jede von ihnen gehört zu einem Land auf deiner Erde. Und wenn eine von ihnen stehen bleibt, dann bleiben die Zeit und auch alle Menschen und Tiere in diesem Land stehen. Darum ist meine Aufgabe hier sehr wichtig.«
Ich staunte. Davon hatte ich noch nie etwas gehört. Aber glauben konnte ich es auch nicht so richtig.
»Kennst du das Gefühl, wenn ein Tag besonders schnell vorbei geht oder manch anderer gar nicht enden will?«
Ich nickte.
»Das ist dann auch tatsächlich so. Denn in diesen Momenten stimmt etwas mit den Uhren nicht und ich muss sie reparieren, weil sie zu schnell oder zu langsam laufen.«
Er führte mich herum, bat mich aber, keine der Uhren zu berühren. Und das tat ich auch nicht. Ich wollte schließlich nichts kaputt machen.
Schließlich brachte er mich wieder zum Ausgang und verabschiedete mich. Er drückte mir noch einmal die Hand und entschuldigte sich, da er jetzt wieder arbeiten müsste.
Ich ging also zurück zu meinen Klassenkameraden, die bereits wieder in ihre Betten stiegen.
»Nina, es wird Zeit. Wir wollen zurück nach Hause, sonst bekommt ihr nicht mehr genug Schlaf heute Nacht.«
Herr Schumann winkte mich heran und achtete darauf, dass jeder sicher in seinem Bett saß oder lag. Dann hoben wir alle wieder ab und flogen der Erde entgegen.
Kurz vor der Landung verteilten sich die Betten über den ganzen Stadt und jeder von uns schwebte in sein eigenes Zimmer zurück.
Das war schon verrückt, was wir in dieser Nacht erlebt haben. Und ich glaube, Mama, Papa und Tommy würden mir das nie glauben. Deswegen werde ich es ihnen auch nicht erzählen.
Heute morgen in der Schule haben wir über unser Erlebnis geredet. Einige Schüler hatten Staub und Steine mitgebracht. Wir stellten dann sehr schnell fest, dass der Mond tatsächlich nicht aus Käse bestand. Aber das machte mir nun nicht mehr so viel aus, denn ich hatte ja ein neues Geheimnis gefunden.
Als Herr Schumann fragte, ob jemand von uns den Mann im Mond gesehen hätte, lachten alle. Tim sagte sogar, dass das doch nur ein Märchen sei und es keinen Mann im Mond gäbe.
Ich wusste es aber besser, sagte jedoch nichts. Es würde mir eh keiner glauben. Aber Herr Schumann zwinkerte mir nur lächelnd zu. Ob er weiß, was ich gestern erlebt und gesehen habe?

 Ich hätte ja nicht gedacht, dass mein Brief so lang werden würde, aber ich hatte ja auch sehr viel zu berichten. Ich hoffe, du glaubst mir das. Du bist nämlich die einzige, bei der ich mich traue, davon zu berichten.

 Deine Nina.

 P.S.: Ich weiss, dass es schwer ist, mir das alles zu glauben. Damit es dir aber leichter fällt, habe ich ein wenig Sternenstaub vom Mond in den Briefumschlag gepackt.

(c) 2007, Marco Wittler

12

041. Das Monster am See (Ninas Briefe 7)

Das Monster am See

 Hallo Steffi.

 Ich muss dir unbedingt etwas berichten, dass mir letztes Wochenende passiert ist. Du wirst mir das zwar bestimmt nicht glauben, aber es ist wirklich passiert. Ehrlich, das schwöre ich.
Am Freitag Nachmittag sind wir alle, also Mama, Papa, Tommy und ich, zu Tante Erika gefahren.
Also eigentlich ist es ja gar nicht meine Tante, sondern die von Mama. Aber das macht nichts, denn ich darf trotzdem Tante Erika zu ihr sagen, und ich habe sie auch richtig lieb.
Ich war gerade erst aus der Schule gekommen, da saß mein kleiner Bruder schon in seinem Kindersitz im Auto und streckte mir die Zunge raus. Der Kleine ist richtig unverschämt in letzter Zeit. Aber das werd ich ihm auch noch austreiben, verlass dich drauf. Ich habe da schon einige Ideen auf Lager.
Die Fahrt zu Tante Erika war langweilig. Tommy saß neben mir im Kindersitz und quälte mich entweder mit dem Piepen seines Gameboys oder durch sein Schnarchen, wenn er schlief.
Drei ganze Stunden waren wir unterwegs. Doch dann war ich ganz erstaunt, was es hier alles zu sehen gab. Ich war ja noch nie bei Tante Erika. Bisher war sie immer zu Weihnachten zu uns gekommen.
Und nun durfte ich mir endlich mal ihren See anschauen.
Nachdem ich Tante Erika gedrückt hatte, lief ich sofort zum Ufer und sah mich um. Es war atemberaubend. Ganz ruhig lag das Wasser da, es regte sich kein Lüftchen und alles war still.
Ein leichter Nebel schwebte über der Oberfläche und eine kleine Insel mit ein paar Bäumen lag in der Mitte des Sees. Und von irgendwo konnte ich das leise Singen eines Vogels hören. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie traumhaft schön es am See war. Am liebsten wäre ich sofort für immer dort geblieben. Aber ich muss ja leider in die Schule gehen, also blieb uns nur dieses Wochenende.
Tommy hatte sich bereits im Gästezimmer breit gemacht. Da stand ein großes Doppelbett, in dem wir zusammen schlafen sollten. Aber auf der einen Hälfte lag er mit seinem Gameboy und auf der anderen hatte er unsere Reisetasche ausgekippt.
Ich hatte das natürlich sofort Mama erzählt, aber die sagte nur, dass ich mich darüber nicht so aufregen sollte, immerhin hätten wir ja Urlaub, da müsse man alles einfach etwas lockerer sehen.
Die hat gut Reden. Sie muss ja auch nicht mit diesem Tommy zusammen zwei Nächte verbringen.
Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie sehr ich mir mein Kinderzimmer zurück wünschte und mein eigenes Bett. Ich hatte Angst, dass mein kleiner Bruder die ganze Nacht durch nur pupsen und schnarchen würde. Aber dann wäre ich ausgezogen und hätte mich zwischen Mama und Papa im zweiten Gästezimmer breit gemacht.
Nach dem Abendbrot durfte ich noch ein wenig nach draussen. Also nahm ich mir eine Decke mit und setzte mich an das Ufer des Sees und las ein wenig in einem Buch. So eine Stille wie hier, habe ich vorher noch nie erlebt. Das war wirklich unglaublich. Es war nichts, aber auch gar nichts zu hören. Und nichts war da, um mich zu stören. Ich fühlte mich einfach pudelwohl und blieb, bis es zu dunkel wurde und Papa mich zurück ins Haus holte, obwohl ich gern noch dort geblieben wäre. Vielleicht hätte ich sogar dort geschlafen, aber Papa sagte, dass es viel zu gefährlich wäre.
Am Samstag erzählte und Tante Erika beim Frühstück, dass sie, als sie so alt war wie ich, von ihrem Großvater immer eine Geschichte erzählt bekam. Sie handelt von den Menschen, die früher am See lebten. Sie bestellten ihre Felder und hüteten die Schafe der Bauern. Eigentlich muss es ein wirklich schönes, aber hartes Leben gewesen sein.
Doch alle Menschen lebten in ständiger Angst vor einem Monster, welches seit Jahrhunderten am Grunde des Sees leben sollte. In besonders dunklen Nächten, wenn sich der Nebel über die Felder erhebt, soll es an die Oberfläche gekommen und und verwüstete alles Land um sich herum und nahm einen der Menschen mit sich.
Das ist ganz schön gruselig, oder?
Ich habe Tante Erika natürlich kein Wort geglaubt. Das Ganze war ja nur eine Geschichte, ein Märchen, um kleine Kinder wie Tommy zu erschrecken. Doch der lachte nur und nannte Tante Erika eine Lügnerin. Ich war da lieber vorsichtiger. Ich nickte nur und hoffte, dass mein kleiner Bruder Recht hatte. Jedenfalls nahm ich mir vor, abends nicht mehr so sorglos am Ufer zu sitzen, wenn sich langsam der Nebel über dem See bildete.
Der Nachmittag ging dann sehr schnell vorbei. Wir fuhren in ein Museum in der Stadt und sahen uns einige alte Werkzeuge und andere Dinge an, mit denen die Menschen in dieser Gegend früher gearbeitet und gelebt hatten. Das war nicht so spannend, wie es sich anhört, aber zu langweilig war es auch wieder nicht.
Papa und Tommy waren nicht mit uns gefahren. Ein Museum ist nichts für richtige Jungs, hatten sie gesagt. Also war es ein richtiger Mädchentag, nur Tante Erika, Mama und ich. Das war richtig schön. Zum Schluss bekam ich von Mama noch ein riesiges Eis, welches ich ausnahmsweise mal im Auto schlecken durfte.
Beim Abendessen freute ich mich jedenfalls bereits wieder auf mein Buch, meine Decke und das Ufer des Sees. Ich konnte es kaum erwarten, wieder meine Ruhe zu haben. Auch wenn Tommy den Nachmittag über weit weg von mir war, war ich schon wieder von ihm genervt.
Eine Viertelstunde später waren wir fertig und ich ging raus. Es war noch richtig warm und die Sonne verschwand gerade hinter den Baumkronen. Also hatte ich noch etwas Zeit, ein paar Seiten in meinem Buch zu lesen. Ich war schließlich sehr gespannt, ob Prinz Edelmut seine geliebte Prinzessin Rosenherz aus den Fängen des bösen Drachen Feuerkugel würde befreien können. Also das Buch werde ich dir sofort schicken, wenn ich es zu Ende gelesen habe. Du wirst es bestimmt mögen, da bin ich mir sicher.
Als es langsam dunkel und kühl wurde, stieg wieder der Nebel auf. Kurz darauf konnte ich die kleine Insel in der Mitte des Sees nicht mehr erkennen und ich bekam etwas Angst.
Die Geschichte vom Frühstück kam mir wieder in den Kopf. Ich hoffte, dass jeden Moment Papa aus dem Haus kommen würde, um mich abzuholen. Allein traute ich mich schon nicht mehr. Ich wollte mich keinen Zentimeter bewegen.
Also starrte ich hinaus auf den See und achtete auf jede kleine Bewegung.
Und dann war da plötzlich etwas. Ganz kurz sah ich einen Schatten, der durch das stille Wasser glitt. Und dann wieder. Schließlich kam etwas Großes immer weiter auf mich zu und ich hörte Geräusche, die nur ein riesiges Monster machen konnte.
Sofort sprang ich auf und lief schreiend ins Haus. Dort kam mir Mama entgegen und nahm mich in die Arme.
Ich erzählte ihr, was ich gerade gesehen und gehört hatte. Also ging sie langsam und leise mit mir zurück zum See, um nach dem Rechten zu schauen, denn an Monster glaubte sie nicht.
Und da hörten wir plötzlich wieder ein Geräusch. Doch diesmal war es kein Monsterheulen, sondern lautes Gelächter.
Und am Ufer sahen wir Papa und Tommy, die ein kleines Segelboot an Land zogen. Das war wohl der Schatten gewesen, den ich gesehen hatte. Und die Geräusche waren aus einem kleinen CD-Spieler gekommen, den Tommy in einer Hand hielt.
Ich war richtig sauer, dass die beiden mich so herein gelegt hatten. Aber auch Mama fand das alles nicht lustig und schimpfte mit den Beiden. Das war auch nur gerecht.
Nach der verdienten Standpauke gingen wir zurück ins Haus. Ich sah mich noch einmal um, denn am nächsten Abend würde ich bereits wieder zu Hause in unserem eigenen Haus ein. Und da war wieder etwas. Ich sah erneut einen Schatten, und er war so riesig, dass er höher war als alle Bäume am See. Als er ein tiefes, brummiges Geräusch von sich gab, bemerkten es auch die anderen. Sie sahen sich kurz um, erschraken, und dann liefen wir ganz schnell zu Tante Erika, als es ganz plötzlich anfing, wie aus Eimern zu regnen.
Wir sahen nicht noch einmal nach draussen. Wir wollten auch gar nicht wissen, was da draussen vor sich ging. Doch als ich am nächsten Morgen wieder vor die Haustür ging, waren die Felder um uns herum platt und eine Äste der Bäume abgebrochen.
Ich weiss, dass sich das alles anhört, als hätte ich es mir ausgedacht, aber ich schwöre dir, dass jedes einzelne Wort wahr ist und wir es so erlebt haben.

 Ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Und wenn du mich wieder besuchen kommst, dann kannst du mir helfen, Tommy herein zu legen. Das wird dann die Rache für seinen Streich am See.

 Deine Nina.

 P.S.: Wenn du mal über ein Wochenende Urlaub an einem See machst und der liegt zufällig bei Tante Erika hinterm Haus, dann pass gut auf dich auf und berichte mir, was du in der Dunkelheit im Nebel gesehen und gehört hast.

(c) 2007, Marco Wittler

040. Der Fluch (Ninas Briefe 6)

Der Fluch

 Hallo Steffi.

 Du kannst dir gar nicht vorstellen, was mir passiert ist. Ich glaub mir ja selbst nicht mal. Aber irgendwie ist es doch geschehen.
Du willst wissen, was ich meine? Also, pass auf.
Letzte Woche, als ich aus der Schule kam, lief mir doch glatt die Celine über den Weg. Dieses Mädchen kann keiner leiden, weil sie immer so fies zu allen ist. Sie beschimpft jeden und sagt nur schlimme Wörter. Deswegen hat sie keine Freunde und jeder hält sich von ihr fern.
Aber ausgerechnet ich muss ihr dann in die Quere kommen. Etwas Schlimmeres hätte mir gar nicht passieren können.
Es war in dem Moment, als ich fast zu Hause war und aus dem Bus aussteigen wollte. Ich ging die Stufen runter und knallte dabei mit Celine zusammen. Sie hatte wohl nicht warten wollen, bis alle ausgestiegen waren, und drängelte sich einfach rein. Und als wir dann ineinander liefen, fielen wir beide auf den Boden und verloren unsere Schultaschen. Alle Bücher und Hefte lagen nun verstreut umher. Die mussten wir erst einmal wieder sortieren.
Celine war so sauer auf mich. Das wurde sogar noch schlimmer, als der Bus abfuhr und sie deswegen eine halbe Stunde später nach Hause kommen würde.
Sie sah mit mit böse funkelnden Augen an. Dann flüsterte sie mir etwas zu: »Ich verfluche dich. Ich hoffe, dass dir ganz schlimme Dinge passieren werden.«
Jetzt konnte ich verstehen, warum sie niemand mochte. Dabei hatte ich mich doch sofort mehrfach bei ihr entschuldigt. Aber davon wollte sie nichts hören. Also packte ich schnell meine Sachen zurück in die Tasche und verschwand nach Hause.
Am nächsten Morgen fiel mir wieder ein, was Celine zu mir gesagt hatte. Schlimme Dinge sollten mir passieren. Ich lachte darüber. So etwas konnte doch nicht funktionieren. Ein Mädchen wie sie konnte doch so etwas nicht herauf beschwören. Oder doch?
Etwas mulmig war es mir doch. Aber Angst hatte ich keine. Allerdings änderte sich das schon bald. Denn dann passierten einige Dinge, die mich doch nachdenklich machten.
Ich stand auf, zog mich und ging ins Bad. Meine Zähne mussten ja noch geputzt werden, damit sie schön blitzeblank glänzen würden. Schließlich kontrolliert Mama jeden Morgen.
Ich drückte etwas Zahnpasta auf die Tube und schob mir die Bürste in den Mund. Aber was war das? Voller Ekel verzog ich mein Gesicht und spuckte sofort aus. Das war gar keine Zahnpasta. Auf der Tube stand nämlich etwas ganz anderes. Es war eine Pickelcreme. Pfui!
Ich wusch mir stundenlang den Mund aus, bis der Geschmack wieder weg war. Danach konnte ich mir endlich richtig die Zähne putzen.
Beim Frühstück ging es dann schon weiter. Mama hatte mir ein leckeres Brot mit Marmelade gemacht. Aber noch bevor ich es in den Mund bekam, gab es draussen einen lauten Knall. Vor Schreck lies ich das Brot fallen und es landete mit der Marmelade nach unten. Und unsere Katze machte sich sofort drüber her.
Mama sagte, dass das nicht schlimm wäre. Sie würde mir gleich ein neues Brot schmieren. Sie musste dann aber feststellen, dass die Marmelade leer war. Ich bekam also nur noch ein Käsebrot. Dabei mag ich Marmelade viel lieber.
Als dann der Bus kam, sah ich schon von Weitem, dass Celine bereits an der Tür stand. Sie würde hier aussteigen, wie an jedem Tag. Der Bus hielt, sie stürmte heraus und rannte mich um. Dass sie das mit Absicht tat, wusste ich genau. Sie drehte sich nicht einmal um, um sich zu entschuldigen. Und ich lag am Boden und sah meinen Bus weg fahren. Als ich aufstand und meinen Rucksack aufhob, riss er entzwei und alle Bücher und Hefte fielen heraus.
Zu meinem Glück hatte Mama mich durch das Küchenfenster gesehen. Sie kam sofort heraus und half mir, alles aufzusammeln. Wir gingen wieder ins Haus und sie holte eine ihrer großen Taschen aus dem Schrank. Darin konnte ich dann alles verstauen.
Mit dem Auto brauchte sie mich dann noch zur Schule, um nicht zu spät zu kommen.
In der fünften Stunde hatten wir dann Mathe. Und ob du es glaubst oder nicht, ich habe eine Fünf in der letzten Arbeit bekommen.
Aber meine Pechsträhne ging noch weiter. Denn in der Mittagspause klatschte mir die Köchin einen großen Teller mit Kartoffelbrei auf mein Tablett. Und weil der Teller so schwer war, fiel mir auch sofort alles auf den Boden und ich machte mir dabei die Hose dreckig.
Vor lauter Verzweiflung rannte ich weg und verkroch mich in der dunkelsten Ecke des Schulhofs. Da konnte ich wenigsten ganz für mich alleine weinen und über alles nachdenken.
Dieser Fluch, den mir Celine auferlegt hatte, war so ziemlich das Schlimmste, was mir je passiert war. Ich hatte richtig Angst davor, nach Hause zu gehen. Ich wusste ja nicht, was mir noch alles geschehen konnte.
Die letzten drei Schulstunden blieb ich ganz vorsichtig auf meinem Stuhl sitzen, bewegte mich nur, wenn es nicht anders ging und sagte kein Wort mehr.
Als ich endlich wieder zu Hause angekommen war, sah es noch um einiges schlimmer aus. Mich hatte an der Bushaltestelle ein Hund angebellt, mir waren die Schnürsenkel am rechten Schuh gerissen und es hatte ganz plötzlich angefangen zu regnen. Ich war nass wie ein Pudel, als ich endlich vor der Haustür stand.
Zum Glück war Mama da, die mich dann erst einmal mit einem großen Handtuch trocken gerubbelt hat.
Dabei habe ich ihr dann alles erzählt. Sie hat aber nur gelacht und gemeint, dass man niemanden verfluchen kann. Dass es nicht funktionieren würde und Celine mich nur angeschwindelt hat.
Ich wollte Mama ja auch glauben, aber dann rutschte ich in der Küche in einer Pfütze aus und fiel auf meinen Po. Das tat ganz schön weh.
Am Abend kam dann Oma vorbei. Nach dem Essen ging ich mit ihr nach oben und erzählte ihr alles, was passiert war, und ich nicht glaubte, was Mama mir gesagt hatte.
Oma lächelte so, wie sie es immer tat, wenn sie mir ganz wichtige Sachen von früher erzählte.
Ich musste ihr noch einmal genau aufzählen, was ich erlebt hatte, und dann fing sie an, mir alles zu erklären.
»Weisst du, mein Kind. Das hat doch alles nicht mit einem Fluch zu tun. Pass mal auf.
Sie sagte, dass Mama im Moment einen richtig dicken Pickel im Gesicht hat und diesen dreimal am Tag mit einer Creme einschmiert. Und weil ich ja morgens immer noch so müde bin, hab ich wohl einfach nicht richtig hin geschaut, was in der Tube drin war. Das kann halt mal passieren.
Meine Stulle hatte ich fallen gelassen, weil es laut geknallt hat. Das lag am Rest des Gewitters, das über uns hinweg gezogen war. Das ist halt einfach so laut und erschreckt doch wirklich jeden. Und unsere Katze ist so gierig nach allem Süßen, dass es klar war, dass sie sich meine Stulle schnappt.
Am kaputten Rucksack trug Celine die Schuld. Sie hat mich schließlich geschubst. Und dieser Rucksack ist halt schon sehr alt, da ist einfach beim Sturz eine Naht geplatzt.
Die Fünf in Mathe lag wohl daran, dass ich am Wochenende lieber zum Eislaufen gegangen bin, als zu lernen, und der plötzliche Regen war gar nicht so plötzlich, denn in der Zeitung stand drin, dass es an dem Tag regnen sollte. Die Pfütze, in der ich ausgerutscht bin, ist durch meine nassen Sachen entstanden. Naja, und ein Mittagstablett kann halt mal hinfallen.
Du siehst, für alles logische Erklärungen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich war. Ich habe Oma ganz doll gedrückt und ihr gesagt, dass ich sie lieb hab.
Und schon am nächsten Morgen war alles wie immer. Allerdings hatte Celine dann den Bus verpasst. In der Schule hab ich sie nur dumm angegrinst und gesagt: »Siehst du, das geht sogar ganz ohne verfluchen, dass du Pech hast und ich nicht.«

 Liebe Grüße, deine Nina.

 P.S.: Falls dich mal jemand verflucht, dann pfeif einfach darauf und fluch zurück. So mach ich das jetzt auch immer.

(c) 2007, Marco Wittler

09

031. Papa bleibt zu Hause (Ninas Briefe 5)

Papa bleibt zu Hause

Hallo Steffi!

Du kannst dir gar nicht vorstellen, was bei uns Letztens los war. Das ganz große Chaos war ausgebrochen. Hier ging alles drunter und drüber. Aber ich fange lieber von Vorne an.
Weil bald Weihnachten ist, saß die ganze Familie vor zwei Wochen abends zusammen und jeder sagte, was er sich wünschte. Tommy wollte ein Kettcar haben, weil sein Bobby Car mittlerweile viel zu klein für ihn geworden war. Echte Jungs fahren halt richtige Tretautos, sagte er. Außerdem waren die Räder an seiner alten Kiste schon total verbogen. Damit konnte er keinen Meter mehr fahren.
Ich habe es, wie in jedem Jahr, mit einem Pony versucht. Aber auch dieses Mal habe ich leider gegen Papa verloren. Nachdem er letztes Jahr behauptet hatte, dass so ein großes Tier zu teuer im Futter sei, konnte ich nun darauf reagieren. Ich hatte nebenan bei Bauer Lohse nachgefragt, ob er für mich etwas Heu übrig hätte. Und stell dir vor, er hatte Ja gesagt. Da hat selbst Papa gestaunt. Doch dann sah er kurz aus dem Fenster und fragte mich, wo im Garten Platz für eine Weide und ein Stall wäre. Da wusste ich natürlich auch nicht mehr weiter, denn Tommy würde nicht auf Schaukel und Sandkasten verzichten und Mama auf keinen Fall auf ihren Kräuter- und Gemüsegarten. Na ja, und an Papas Werkstatt brauchte ich gar nicht erst zu denken. Aber verlass dich drauf, nächstes Jahr versuche ich es wieder. Irgendwann muss das doch einfach klappen. Dafür habe ich mir dann das neue Harry Potter Buch gewünscht.
Der Nächste war Papa. Es war nicht anders zu erwarten. Er wollte eine neue Maschine für die Werkstatt, einen elektrischen Fuchsschwanz. Das ist komisch, oder? Ich habe immer gedacht, dass Füchse, so wie Hunde auch, ganz automatisch damit wedeln können. Dazu kommt noch, dass wir gar keinen Fuchs haben. Also warum bekomme ich dann kein Pony, ohne einen Stall zu besitzen?
Die Letzte war Mama. Sie wünschte sich Arbeit. Als Tommy und ich auf den Berg Wäsche zeigten, der noch gebügelt werden musste, guckte sie uns ganz böse an. Dann erklärte sie uns aber, dass sie gerne wieder arbeiten gehen würde.
Jetzt schaute Papa sie komisch an und fragte, wie das denn gehen sollte, denn einer musste sich doch um den Haushalt und uns Kinder kümmern. Aber Mama sagte einfach, dass es schon klappen würde. Da waren wir alle natürlich völlig baff.
Zum Schluss haben wir dann alles auf unsere Wunschzettel geschrieben und an den Weihnachtsmann geschickt.
Und nun stell dir vor. Letzte Woche wurde schon einer davon erfüllt, denn Mama bekam eine Arbeit. Doch wer sollte sich dann um uns kümmern? Aber auch das war schon geregelt, denn sie hatte mit Papa besprochen, dass er dann zu Hause bleiben könnte. Und so geschah es dann auch.
Aber schon am Montag passierten die ersten komischen Dinge. Zum Mittagessen sollte es Spiegeleier geben. Aber weil Papa die Bratpfanne nicht finden konnte, benutzte er einfach unser Bügeleisen. Na ja, er lässt sich halt immer etwas einfallen. Dumm ist er ja nicht. Aber lustig war es schon irgendwie. Aber Mama sollten wir trotzdem nichts davon erzählen.
Am Dienstag, als ich aus der Schule nach Hause kam, musste ich durch den Keller ins Haus gehen, weil meine Schuhe ganz dreckig waren. Und da gab es das nächste Problem. Papa wollte Wäsche waschen. Aber er muss wohl etwas falsch gemacht haben, denn der Keller war von oben bis unten voll mit Schaum. Da konnte ich gar nichts mehr sehen. Aber dafür hat es Spaß gemacht, da durch zu laufen. Nur mussten wir dann auch helfen, alles wieder sauber zu machen. Ach ja, und Mama sollten wir nichts sagen.
Der Mittwoch war überhaupt nicht mehr schön. Papa hatte gebügelt. Und nun sind gelbe Eierflecken auf meiner Lieblingsbluse. Das war richtig eklig. Er hatte nämlich vergessen, das Bügeleisen sauber zu machen. Und wie du dir schon denken kannst, Mama durfte nichts erfahren.
Donnerstag schmeckte das Mittagessen irgendwie komisch. Wir hatten uns Fischstäbchen gewünscht. Aber die waren staubtrocken. Ich musste ganz viel trinken, um sie überhaupt runter schlucken zu können. Aber Papa hat nichts dazu gesagt. Doch dann fiel mir ein, dass er ja immer noch nicht wusste, wo die Bratpfanne war. Da haben Tommy und ich überall gesucht, womit er die Fischstäbchen gemacht hatte. Nach einer halben Stunde bemerkten wir den komischen Fischgeruch im Toaster. Ideen hat er ja, das muss man ihm lassen. Und natürlich schwiegen wir darüber. Mama muss ja nicht alles wissen, oder?
Am Freitag Nachmittag sollte endlich das Wochenende beginnen und Mamas erste Woche war vorbei. Das wollte Papa unbedingt feiern. Er steckte einen Kuchen in den Ofen und räumte das Wohnzimmer auf. Doch als Mama dann nach Hause kam, fand sie im Ofen nur noch ein schwarzes, verbranntes Stück Kohle vor. Der leckere Kuchen war hinüber. Als Papa das sah, war er völlig fertig und beichtete alle Sachen, die er angestellt hatte.
Das alles hatte dafür aber auch sein Gutes, denn gestern haben sich die Beiden ganz neu geeinigt. Papa geht ab morgen wieder arbeiten und Mama kümmert sich um alles hier zu Hause und kocht wieder für uns. Mittags tauschen sie dann. Mama geht Geld verdienen und Papa spült das Geschirr und putzt das Haus.
Damit sind dann auch Tommy und ich endlich zufrieden und bekommen wieder was Richtiges zu Essen. Es ist nur Schade, dass es keinen Schaum mehr im Keller geben wird.
Das war es dann auch wieder von mir. Bis bald. Ich freue mich schon sehr auf alles, was du mir zu berichten hast.
Deine Nina.

P.S.: Falls deine Mama auch wieder arbeiten gehen will, dann soll sie vorher ausprobieren, wie gut dein Vater den Haushalt schmeißen und wie gut er kochen kann.

(c) 2005, Marco Wittler

30. Die Ballettschuhe (Ninas Briefe 4)

Die Ballettschuhe

Hallo Steffi!

Danke für deinen tollen Brief und die verrückten Spaßfotos von dir. Besonders die mit der Taucherbrille waren richtig lustig und Tommy hat sich gewundert, warum ich so laut gelacht hatte. Aber ich habe es ihm natürlich nicht verraten. Der Kleine muss ja nicht alles wissen, oder?
Aber nun zu etwas ganz Anderem. Mama und ich waren vor zwei Monaten im Ballett. Papa und Tommy hatten keine Lust. Das wäre doch Mädchenkram. Dabei stimmt das gar nicht. Im Publikum saßen auch Männer. Na ja, drei habe ich jedenfalls gezählt. Dafür tanzten dann später welche über die Bühne. Aber die sahen in ihren Kostümen fast wie Frauen aus.
Schwanensee hatte Mama das alles genannt, aber irgendwie gab es dort weder Vögel, noch wurde in irgendwelchen Teichen herum geplanscht. Als ich dann einen Blick auf das Programm warf, stand da was von Nussknackern. Dabei ist doch noch gar nicht Weihnachtszeit.
Als es dann endlich richtig los ging, hatte ich aber bemerkt, dass hier irgendwer die Geschichte im Fernsehen geklaut hatte. Weißt du noch, als letztes Jahr dieser Barbie Film lief? Die hat doch ein richtiges Abenteuer mit einem Nussknacker erlebt. Und nun saß ich hier im Ballett und so ein komischer Typ namens Tschaikowski behauptete einfach, sich das alles selber ausgedacht zu haben. So ein Lügner, findest du nicht auch?
Aber trotzdem war das Stück richtig gut. Sie hatten alle unglaublich schön getanzt und die Musik hatte mir auch sehr gut gefallen.
Nach der Vorführung hatte Mama noch eine riesige Überraschung für mich. Wir durften nämlich hinter die Bühne, uns die Kostüme anschauen und mit den Tänzern sprechen. Und weil ich so viel Spaß hatte, wollte ich dann auch Ballett Unterricht nehmen und in so süßen Kleidchen tanzen. Allerdings sagte Mama mir dann auf dem Heimweg, dass man das Ding Tütü nennt, obwohl es gar nicht nach Feuerwehr oder Polizei aussieht. Aber trotzdem haben wir es dann am nächsten Tag gekauft. Nur die Ballerinaschuhe ließen wir im Laden. Das waren nur ganz einfache Schläppchen und dazu noch viel zu teuer.
Am Tag, bevor meine erste Tanzstunde beginnen sollte kam Oma zu Besuch. Sie hatte ein Geschenk für mich dabei, obwohl mein Geburtstag erst in ein paar Monaten war. Ich konnte es gar nicht erwarten, das Paket zu öffnen und hatte das Papier drum herum ganz schnell aufgerissen.
Und jetzt rate doch mal, was ich bekommen hatte. Ganz genau! Ballettschühchen. Die waren zwar nicht mehr ganz neu, aber dafür hatte Tante Lisa darin schon getanzt und ganz tolle und erfolgreiche Auftritte gehabt. Da konnte doch wirklich nichts mehr schief gehen.
Aber, ob du es glaubst, oder nicht, mit diesem Gedanken hatte ich mich total geirrt. Doch das hatte ich erst viel später bemerkt.
Das erste Training war richtig klasse. Die Lehrerin hatte uns nur ein paar wenige Übungen beigebracht, die ich aber sofort fehlerfrei nachmachen konnte. Ich war selber richtig erstaunt von mir. Es war, als wenn ich das schon seit Jahren tanzen würde.
In der zweiten Woche ging es so weiter. Ich war so gut, dass die anderen Mädchen nicht mehr hinter her kamen. Die waren nachher so richtig sauer auf mich.
Nach dem ersten Monat fragte mich Birgit, so heißt unsere Trainerin, ob ich nicht Lust hätte, auf einer Bühne vor richtigem Publikum, zu tanzen. In einem Ballettstück war eine Ballerina gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen. Da die Premiere bereits zwei Wochen später sein sollte, käme nur ich in Frage, wegen meines großen Talents. Ich sagte also zu und fing an, täglich zu üben.
Zwei Tage vor der Aufführung hatte ich dann meine Schuhe zu Hause vergessen und musste mir welche von Birgit leihen. Und an diesem Tag ging wirklich alles schief. Ich konnte nicht einmal mehr die einfachsten Übungen tanzen. Nichts wollte mehr so, wie in den letzten Wochen, klappen. Es war zum Verzweifeln.
Doch dann kam Birgit auf eine Idee. Sie rief Mama an und lies sich die Telefonnummer von Tante Lisa geben. Diese erzählte ihr dann, dass sie selber nie gut tanzen konnte. Das Talent hatte immer in den Ballettschläppchen gesteckt. Sie seien uralt und kämen von einer längst verstorbenen Tänzerin aus Russland.
Du kannst dir nicht vorstellen, wie baff wir waren und riesengroße Augen bekamen. So etwas war doch eigentlich völlig unmöglich. Aber jede andere Erklärung schied irgendwie aus. Meine Lehrerin bat mich also, meine Schuhe nie wieder zu vergessen und gut darauf aufzupassen.
Ich versprach es ihr und wir trafen uns bald darauf in der Garderobe des Theaters wieder, wo ich nervös in mein Kostüm schlüpfte.
Doch dann kam der große Schrecken. Birgits kleiner Hund hatte sich meine Schuhe geschnappt und verschwand nun auf den Flur. Wir konnten gar nicht so schnell hinter her gucken, wie er damit weg lief.
Wir rannten ihm natürlich sofort nach, denn ohne meine Zauberschläppchen konnte ich doch unmöglich auftreten. Aber leider war der kleine Kläffer nirgendwo zu finden.
Ich war am Boden zerstört und konnte nur noch weinen, als Mama plötzlich in der Tür stand. In der einen Hand hielt sie meine Schuhe, in der anderen den gemeinen Dieb. Jetzt konnte ich doch meinen Auftritt hinter mich bringen. Ich war überglücklich.
Nach dem Stück stürmte ich zurück in die Garderobe. Ich war so gut gewesen, dass es unheimlich viel Applaus gegeben hatte. Das alles hatte ich nur Mama zu verdanken. Sie ist halt einfach die Beste von allen.
Allerdings kam ich dann auf dem Heimweg doch noch einmal ins Grübeln. Mama warf mir eine Tasche zu. Darin fand ich dann ein paar Ballerinaschuhe. Die sahen aber alles andere als gut aus, denn sie waren völlig zerfetzt.
Sie erzählte mir dann, dass es die von Tante Lisa wären, die der Hund zum Teil gefressen hatte. Die, in denen ich getanzt hatte, waren welche von einer anderen Tänzerin gewesen, also nur Ersatzschläppchen.
Doch warum war ich dann auf der Bühne so gut gewesen? Lag es vielleicht gar nicht an den Schuhen? Oder ist Mama vielleicht eine Hexe, die etwas nachgeholfen hatte?
Na ja, bis jetzt habe ich darauf noch keine Antwort bekommen und Mama sagt auch nichts dazu. Da mir das alles viel zu unheimlich geworden ist, habe ich mit dem Ballett aufgehört.
Vielleicht finde ich ja ein anderes Hobby, mit dem ich mich austoben kann.

Nun bin ich auch schon mit meinem Brief zu Ende. Aber dafür freue ich mich schon auf deine Antwort und noch mehr, dass wir uns am Samstag endlich wieder sehen werden.

Bis Bald.

Deine Nina.

P.S.: Pass auf, wenn dir jemand Ballerinaschuhe schenkt. Vielleicht sind die dann auch verzaubert.

 (c) 2005, Marco Wittler