548. Engelshaar oder „Papa, warum hängen die Engel Lametta an den Weihnachtsbaum?“ (Papa erklärt die Welt 41)

Engelshaar
oder »Papa, warum hängen die Engel Lametta an den Weihnachtsbaum?«

Papa und Sofie standen zusammen im Wohnzimmer und bereiteten gemeinsam das Weihnachtsfest vor. Der Christbaum stand bereits an seinem Platz und an seinen Ästen glänzten die bunten Glaskugeln in allen Farben des Regenbogens. Dazwischen hingen Strohsterne, gehäkelte Engelchen, glitzernde Eicheln und Tannenzapfen. Eine lange Lichterkette mit kleinen Leuchten und ein großer Stern auf der Baumspitze rundeten den Baumschmuck ab.
Sofie trat ein paar Schritte zurück und betrachtete voller Stolz den Weihnachtsbaum. Doch dann zog sie die Stirn in Falten.
»Irgendwas fehlt da noch. Mir fällt nur nicht ein, was es sein könnte.«
Sie dachte nach, machte abwechselnd Schritte nach links und rechts. Und dann hatte sie es.
»Jetzt weiß ich es wieder. Da muss noch Lametta an den Ästen hängen, sonst ist der Baum nicht perfekt.«
Sie sah sich um, kramte durch die vielen Pappkartons, die Papa im Wohnzimmer verteilt hatte. Lametta war in ihnen aber nicht zu finden.
»Weißt  du vielleicht, wo das Lametta geblieben ist? Ich will es noch aufhängen.«
»Lametta?«, fragte Papa verwirrt. »Das kommt heute Nacht an den Baum. Das ist nämlich nicht unsere Aufgabe.«
»Nicht?«
Sofie stemmte die Hände in die Seiten.
»Wessen Aufgabe ist es denn dann?«
»Dafür sorgen heute Nacht die Engel. Wenn wir schlafen kommen sie in unser Haus, schleichen sich ins Wohnzimmer und hängen das Lametta an den Baum.«
Sofie stand für einen kurzen Augenblick vor Staunen der Mund auf. Doch dann grinste sie.
»Ja klar. Fast hätte ich dir das sogar geglaubt. Aber du erzählst mir so oft Blödsinn, dass das mit dem Lametta auch nicht wahr sein wird.«
Papa schüttelte den Kopf.
»Nein, das ist wirklich wahr. Die Engel sind für das Lametta zuständig. Das ist schon sehr lange ihre Aufgabe.«
»Aha. Und warum hängen die Engel Lametta an unseren Weihnachtsbaum?«
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Weihnachtsgeschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Engeln und einem großen Berg Lametta. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte nun wieder über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Weihnachtsgeschichte.«
»Und wie fängt eine Weihnachtsgeschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal zur Weihnachtszeit‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal zur Weihnachtszeit …«

Es war einmal zur Weihnachtszeit, dass sich die Engel auf ihren Wolken im Himmel langweilten. Den ganzen Tag saßen sie dort, spielten auf ihren Harfen oder sahen den Menschen auf der Erde zu.
»Es ist so langweilig hier über den Wolken.«, beschwerten sie sich immer wieder. »Jeden Tag machen wir die gleichen Sachen. wir spielen Lieder auf unseren Harfen und schauen den Menschen auf der Erde zu. Wenn wir doch bloß mehr Abwechslung hätten.«
Die einzige Abwechslung, die sich die Engel von Zeit zu gönnten, war ein Besuch beim Friseur, um sich die Spitzen schneiden zu lassen. Doch damit konnte man keinen ganzen Tag verbringen.
Irgendwann saß einer der Engel im Friseurstuhl auf Wolke 17, blickte in den Spiegel und betrachtete seine wallende Frisur. Lange, blonde, gewellte Haare umspielten ein gelangweiltes Gesicht.
»Ich bin es einfach so leid.«, beschwerte sich der Engel seufzend. Ich möchte endlich einmal etwas Neues probieren, einmal etwas erleben.«
Der Engel drehte sich zum Frisör um und grinste.
»Na los. Nimm die grösste Schere, die du hast und schneid mir die Haare ab. Ich will eine neue Frisur.«
Der Friseur machte große, ungläubige Augen. Ein Engel mit kurzen Haaren? Das hatte er noch nie erlebt. Deswegen musste er auch etwas länger nach einer großen Schere suchen. Mit zitternden Händen band er die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und setzte sein Werkzeug an. Dann schloss er die Augen und schnitt die blonde Mähne entzwei.
Der Zopf fiel zu Boden und verschwand augenblicklich in der weichen Wolke.
»Nanu, wo sind meine Haare?«, wunderte sich der Engel, stand aus dem Stuhl auf und legte sich auf den Boden. Mit den Gänden zerteilte er die Wolke und sah dem fallenden Zopf nach.
»Wie schön sich die Haare im Wind bewegen.«, schwärmten Engel und Friseur gemeinsam, bis die Blonde Pracht auf einem verschneiten Tannenbaum im Garten einer Familie landete und an den Ästen hängen blieb. Dort glitzerten sie im Mondlicht und sandten ein traumhaftes Glitzern durch die nahen Hausfenster.
Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis neugierige Blicke das Glitzern entdeckten. Die Familie kam in den Garten und betrachtete das Haar am Baum.
»Wie schön es glänzt und glitzert.«, freuten sich die Kinder. »Können wir es mit rein nehmen und damit unseren Weihnachtsbaum schmücken?«
Sie durften. Der Vater pflückte das gefundene Haar vorsichtig vom Baum und gab es seinen Kindern, die es begeistert ins Haus brachten.
Der Engel im Himmel war hoch erfreut. Mit so einem tollen Erlebnis hatte er niemals gerechnet. Sofort flitzte er durch den Himmel, sauste von einer Wolke zur nächsten und berichtete von seinem tollen Friseurberuf.
Sofort wurden die anderen engel von dieser Freude angesteckt. jeder von ihnen wollte sich sofort die Haare schneiden lassen, damit die Menschen ein noch schöneres und glanzvolleres Weihnachtsfest feiern konnten.

Ein weiteres Mal stand Sofie der Mund auf, während Papa seine Geschichte beendete.
»So entstand das Lametta. Es ist echtes Engelshaar. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit gehen sie zum Friseur, lassen sich die Haare schneiden und verteilen sie auf den Christbäumen.«
Sofie staunte noch immer. Doch nach ein paar Sekunden begann sie zu grinsen.
»Das war eine tolle Geschichte.«
Sie drückte Papa an sich.
»Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Dann nahm sie seine Hand und zog ihn hinter sich her.

(c) 2016, Marco Wittler
»Und jetzt bringe ich dich in dein Bett, damit die Engel in Ruhe ihr Haar an unseren Tannenbaum hängen können.

536. Putztag

Putztag

Die vier Engel Gabriel, Michael, Raphael und Uriel saßen im Himmel auf einer Wolke und stritten sich um eine ungeliebte Aufgabe: Es war wieder einmal Zeit, die Himmelskerzen zu putzen.
Keiner der vier Engel wollte diese Aufgabe übernehmen. Stattdessen fanden sie immer neue Ausreden, um sich davor zu drücken.
»Ich muss noch zum Harfenunterricht.« entschuldigte sich Gabriel.
»Ich muss heute gemeinsam mit Petrus die Himmelspforte ölen. Die quietscht schon so lange.« war Michaels Ernklärung.
Mit den Worten »Ich muss noch meine Wolken aufräumen.« wollte sich Raphael verabschieden.
Und Uriel sagte ganz offen, dass er keine Lust zum Putzen hatte.
»So funktioniert das nicht.« seufzte Gabriel. »Irgendwer muss aber die Himmelskerzen putzen, sonst sehen die Menschen in der Nacht keine Sterne mehr.«
Er holte vier Holzstäbchen aus seiner Tasche, von denen eines kürzer war als die anderen.
»Wer das Kürzeste zieht, muss putzen.«
Am Ende erwischte es Michael. Sofort machten sich die anderen drei Engel aus dem Staub. Michael nahm sich einen Lappen und begann mit seiner Arbeit. Spaß machte es ihm nicht, deswegen gab er sich auch nicht viel Mühe.
Plötzlich löste sich beim Putzen aus einer Kerze ein brennender Docht und fiel in hohem Bogen zur Erde hinab. Als langer, heller Lichtstreif war er für einen kurzen Moment zu sehen, bis er schließlich verbrannt war und erlosch.
»Ups. Ich muss besser aufpassen.« mahnte sich Michael zur Ordnung. »Die Menschen bekommen sonst noch Angst, wenn sie abstürzende Sterne sehen.«
Auf der Erde sahen die Menschen tatsächlich den fallenden Docht. Zuerst waren sie sehr verwundert, doch dann erkannten sie darin ein großes Wunder. Das Licht war vom Himmel gefallen und damit war es etwas ganz Besonderes. Sofort wünschten sich die Menschen etwas. Das Licht vom Himmel würde sie bestimmt erfüllen.
So entstanden die Sternschuppen und der Glaube an Wünsche.

(c) 2015, Marco Wittler

529. Die Weihnachtsbäckerei oder „Papa, warum leuchten die Wolken rot?“ (Papa erklärt die Welt 40)

Die Weihnachtsbäckerei
oder ‚Papa, warum leuchten die Wolken rot?‘

Papa und Sofie waren in der Stadt unterwegs. Sie hatten sich zu Hause eine lange Liste gemacht, wer welches Weihnachtsgeschenk bekommen sollte. Einen Teil davon hatte sie bereits gefunden und gekauft.
Mittlerweile war es aber schon später Nachmittag und die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden. Es wurde dunkel und die Wolken färbten sich rot.
»Ui, das sieht wunderschön aus.«, schwärmte Sofie und zeigte mit dem Finger zum Himmel hinauf.
»Los. Du musst dir das unbedingt anschauen.«
Papa blickte nach oben.
»Oh ja. Das schaut toll aus. So sieht der Himmel nur vor Weihnachten aus.«
Sofie bekam plötzlich einen nachdenklichen Gesichtsausdruck. Papa wusste sofort, was das bedeutete.
»Papa, warum leuchten die Wolken rot?«, fragte Sie neugierig.
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom roten Himmel. Und die werde ich dir jetzt bei einer heißen Tasse Schokolade erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht, während Papa sie an die Hand nahm und mit in ein warmes Café nahm.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Gruppe fleißiger Engel, die im Himmel damit beschäftigt war, die Weihnachtsplätzchen für die vielen Menschenkinder zu backen.
Es war kurz vor Weihnachten und in einer der vielen  Weihnachtsbäckereien, die auf einer großen Wolke stand, lief die Arbeit auf Hochtouren. Auf der einen Seite der Bäckerei brachten einige Engel Mehl, Zucker, Nüsse, Schokolade und andere Zutaten herein. Im Gebäude selbst glühten die Öfen und spuckten tonnenweise frisch duftende Kekse aus. Auf der Rückseite wurden die Kekse in kleine Päckchen geschnürt und dann zur Erde gebracht.
Und dann waren da noch die drei kleinen Engel. Sie standen direkt vor den Öfen. Ihre Aufgabe war es, darauf zu achten, dass die Plätzchen nicht anbrannten.
Immer wieder machten sie die Türen der Öfen auf und wieder zu. Immer wieder schlug ihnen die starke Hitze entgegen. Die ganze Zeit schwitzten sie. Ständig mussten sie sich die Gesichter abwischen.
»Puh, dass es hier aber auch so heiß sein muss.«, waren sie verzweifelt.
Ein Fenster konnten sie auch nicht öffnen, denn im Backraum gab es keine. Es blieb ihnen nur die Möglichkeit, sich gegenseitig mit ein paar alten Zeitungen Luft zuzuwedeln. Doch auch das brachte nicht wirklich viel.
»Da muss es doch noch eine andere Lösung geben.«, überlegten sie und fanden auch schnell eine Anwort.
»Wir bauen die Öfen ab und stellen sie nach draußen. Dann haben wir immer frische Luft, die uns sanft um die Nasen weht.«
Das fanden die kleinen Engel gut. In der Nacht schlichen sie sich in die Bäckerei und setzten ihren Plan in die Tat um. Schon am nächsten Morgen standen die Öfen draußen auf der Wolke.
Am nächsten Morgen kamen dann auch die großen Engel zur Arbeit. Sie entdeckten sofort die Öfen und waren ganz schön sauer. Aber ändern ließ sich nun nichts mehr. Die Öfen waren für den restlichen Abend viel zu heiß, um in die Bäckerei getragen zu werden.
»Morgen bringt ihr sie wieder zurück an ihren Platz.«, wurde den kleinen Engeln aufgetragen, die nur widerwillig nickten.
Als es dann langsam dunkel wurde, konnte man das das rote Leuchten der heißen Öfen im ganzen Himmel sehen. Die weißen Wolken färbten sich rot und tauchten die Erde unter sich in ein warmes, freundliches Licht.
»Wahnsinn, wie schön das aussieht.«, waren nun kleine wie große Engel begeistert. »Wir sollten die Öfen unbedingt draußen stehen lassen und von nun an immer hier backen.«
Diese Idee sprach sich natürlich auch auf den anderen Wolken herum. Schon wenige Tage später stand kein einziger Ofen mehr in einer Weihnachtsbäckerei, sondern alle draußen.

»Und seitdem leuchtet der Himmel vor Weihnachten so rot?«, fragte Sofie erstaunt.
Papa nickte und grinste. »War doch eine tolle Idee von den drei kleinen Engel, meinst du nicht auch?«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Auf jeden Fall. Und wenn ich den roten Himmel sehe, weiß ich, dass es zu Weihnachten genug Plätzchen für mich geben wird.«
Papa lachte und bezahlte die Rechnung. Als die beiden wieder draußen standen zog Sofie an seiner Jacke.
»Das war wirklich eine schöne Geschichte. Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Und dann hüpfte sie den Gehweg entlang und sang das Lied ‚In der Weihnachtsbäckerei‘.

(c) 2015, Marco Wittler

406. Die Weihnachtsengel

Die Weihnachtsengel

Ganz weit oben im Himmel saßen zwei Engel und langweilten sich. Jeden Tag putzten sie ihre goldenen Heiligenscheine, spielten Musik auf der Harfe und hüpften von Wolke zu Wolke.
»Mir so langweilig.«, beschwerte sich der erste Engel.
»Jeden Tag sitzen wir hier oben und machen ständig die gleichen Sachen. Können wir denn nicht mal etwas Neues unternehmen?«
»Du hast ja so Recht.«, stimmte der zweite Engel zu.
»Ich möchte auch mal etwas Spannendes erleben, vielleicht ein Abenteuer oder einfach nur etwas sehen, dass ich noch nicht kenne. Aber wo? Hier im Himmel gibt es ja nur Wolken, Engel und Harfen.«
Den Beiden wollte einfach nichts einfallen, bis ihr Blick zur Erde hinab fiel.
»Oh, was ist denn da unten los?« fragte sich der erste Engel und besah das bunte Treiben der Menschen mit großem Interesse.
»Sie feiern Weihnachten.«, antwortete der zweite Engel.
»Das machen sie jedes Jahr. Familien und Freunde treffen sich, schmücken ihre Wohnstuben und beschenken sich gegenseitig. Es ist das schönste Fest, das sie kennen.«
»Das sollten wir mal genauer anschauen.«
Und so flogen die beiden zur Erde hinunter.

Als die beiden Engel in einer kleinen Stadt angekommen waren, versteckten sie ihre Flügel unter ihrem Hemden, um nicht aufzufallen. Sie gingen durch die Straßen und blickten immer wieder neugierig durch die Fenster in die Wohnstuben. Tatsächlich wurde überall Weihnachten gefeiert. Die Menschen saßen an reich gedeckten Tischen, aßen, lachten und sangen gemeinsam Lieder.
Doch dann entdeckten sie ein großes Gebäude mit vielen Fenstern, in dem es nicht so feierlich aussah. Hinter allen Fenstern saßen traurige Kinder.
Die Engel konnten das nicht verstehen. Weihnachten war doch das schönste Fest der Welt. Wie konnte man an so einem Tag nur traurig sein? Also klopften sie an, um sich nach dem Grund zu erkundigen.
Eine Frau öffnete ihnen die Tür und beantwortete alle Fragen.
»Dies ist ein Kinderheim. Bei uns leben Kinder, die keine Eltern mehr haben. Weil niemand an sie denkt und wir auch nicht viel Geld haben, bekommen sie leider keine Weihnachtsgeschenke. Deswegen ist das für sie der schlimmste Tag im Jahr.«
Das war unglaublich. Die Engel hörten es, wollten es aber nicht glauben. Keine Geschenke? Das durfte es einfach nicht geben. Sofort flogen sie zurück in den Himmel, setzten sich auf eine Wolken und dachten darüber nach, wie sie den Kindern doch noch ein schönes Fest bereiten konnten.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ihnen tatsächlich etwas einfiel.
»Genau. So machen wir es.«, beschlossen die Engel.
Sie nahmen sich einen großen Sack, stopften eine Wolke hinein und flogen damit wieder zur Erde hinab.
»Da vorne ist ein Weihnachtsmarkt. Die Menschen geben dort sehr viel Geld aus. Da werden sie bestimmt auch noch etwas für uns übrig haben.«
Sie landeten ungesehen hinter einem großen Baum. Dort verkleideten sie sich als Händler und stellten sich dann zwischen die unzähligen Verkäufer.
»Zuckerwatte! Frische Zuckerwatte.«, riefen die Engel.
»Nur unsere Zuckerwatte schmeckt himmlisch lecker.«
Die Menschen, die sich auf dem Weihnachtsmarkt aufhielten, blieben stehen und kauften die Zuckerwatte, die eigentlich eine Wolke war. Es dauerte nur ein paar Minuten bis der Sack der Engel leer war.
»Jetzt haben wir genug Geld, um den Kindern eine Freude zu bereiten.«
Sie flogen in die Stadt und kauften so viel Spielzeug von ihrem Geld, wie sie nur tragen konnten. Sie brachten alles zum Kinderheim, schlichen sich heimlich hinein und verteilten das Spielzeug in den Schlafzimmern der Kinder.
»Jetzt werden die Kinder auch ein schönes Weihnachtsfest erleben.«, sagten sich die zufriedenen Engel.
»Das werden wir von nun an jedes Jahr machen.«

(c) 2012, Marco Wittler

174. Der verlorene Heiligenschein

Der verlorene Heiligenschein

Raphael saß gemütlich auf seinem Platz und langweilte sich. Jeden Morgen, wenn er aufstand, flog er mit seinen Flügeln zu seinem Platz auf der großen Wolke und beobachtete den ganzen Tag über die Menschen auf der Erde. Aber das war nun einmal die Aufgabe eines Engels. Wenn sie dann sahen, dass jemand in große Not geriet, griffen sie ein und halfen, wo sie konnten. Doch mittlerweile passten die Menschen immer besser auf sich auf.
»Wenn mir doch bloß nicht so langweilig wäre. Und jeden Tag auf meiner Harfe spielen macht auch keinen Spaß.«
Er nahm seinen Heiligenschein vom Kopf und spielte damit herum. Er ließ ihn wie einen kleinen Hula-Hoop-Reifen um seinen Finger kreisen. So konnte er sich ein wenig von seinem Alltag ablenken.
»Hallo Raphael.«, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich und erschrak.
Es war Gabriel, der gerade vorbei flog und auf dem Weg zu seiner Wolke war.
»Hallo Gabriel. Ich wünsche dir einen schönen Tag.«
Raphael winkte ihm nach. Dabei fiel ihm auf, dass sein Heiligenschein nicht mehr an seinem Finger fing.
»Oh nein.«, schrie er laut.
»Wo ist er nur hin?«
Er blickte sich um, befühlte jede Falte seines Gewandes und sah auch unter seinem Hintern nach. Nicht einmal in der Wolke war er zu finden.
Raphael kroch zum Rand und sah zur Erde hinab. Da fiel ihm ein leuchtender Gegenstand auf, der nur Sekunden später in einem dichten Wald verschwand.
»Weg ist er .«, sagte er sich betrübt.
»Aber was soll ich denn jetzt machen?«
In seiner Verzweiflung flog er zur Erde hinab, um sich seinen Heiligenschein zurück zu holen.
»Wenn ich ihn nicht finde, bin ich kein richtiger Engel mehr. Wie soll ich denn dann überhaupt noch den Menschen helfen können?«
Er landete mitten im Wald und sah sich um. Doch bis auf Bäume, Sträucher und vielen Gewächsen, deren Namen er nicht kannte, war nichts zu sehen.
Raphael sah hinter jedem Blatt nach und tastete  mit seinen Fingern unter jeder Wurzel. Fündig wurde er aber nicht.
»Das wird richtig Ärger geben. Der Heiligenschein darf auf keinen Fall in die falschen Hände geraten.«
Da zupfte auf einmal jemand an seinem Gewand.
Es war ein kleines Eichhörnchen. Es war gerade von seinem Baum geklettert, wedelte aufgeregt mit seinen Vorderpfoten in der Luft herum und zeigte mit einer Kralle immer wieder in eine bestimmte Richtung.
Der Engel verstand zuerst nicht, was ihm das kleine Tier sagen wollte. Doch schließlich folgte er der ungewöhnlichen Aufforderung und ging dem Eichhörnchen nach.
Es ging über Stock und Stein, hinter diesem und jenem Baum entlang, bis sie schließlich auf einer großen Lichtung standen. Vor sich sahen sie einen großen Hirsch. An seinem Geweih hing der Heiligenschein.
»Du meine Güte, da ist er. Ich bin gerettet.«
Raphael bedankte sich beim Eichhörnchen und beim Hirsch, bevor er sich seinen Heiligenschein wieder auf den Kopf setzte und zurück auf seine Wolke flog. So eine Dummheit wollte er nun nie wieder machen.

(c) 2009, Marco Wittler