584. Nik und Nele reiten auf der Sternschnuppe (Nik und Nele 09)

Nik und Nele reiten auf der Sternschnuppe

Die Zwillinge Nik und Nele saßen im Garten und beobachteten den Himmel, der langsam dunkel wurde. Der Mond hing als dünne Sichel über ihnen und verbreitete nur wenig Licht. Dafür erschienen nun die ersten Sterne.
»Gleich ist es so weit.« war Nele aufgeregt und ließ ihre Augen ständig hin und her wandern. »Hoffentlich sehe ich eine.«
Nik nickte. Er konnte es auch kaum noch erwarten, zum ersten Mal in seinem Leben eine Sternschnuppe zu sehen.
»Ich hoffe, dass es nicht nur eine wird. Ich will viele Sternschnuppen, damit ich mir ganz viel wünschen kann.«
Nele verdrehte die Augen. »Sternschnuppen erfüllen aber keine Wünsche. Sie sind nur Staub und kleine Gesteinsbrocken, die beim Eintritt in unsere Atmosphäre verbrennen.«
»Ist mir egal.« antwortete ihr Bruder. »Ich finde es trotzdem cool und werde mir jedes Mal was wünschen.«
In diesem Moment erschien ein heller Lichtpunkt über ihnen, der mit hoher Geschwindigkeit einen langen Strich über den Himmel und zog und nach einer knappen Sekunde wieder verschwand.
»Wow.« staunte Nele. »Das war unglaublich schön. Vielleicht wünsche ich mir auch etwas.«
»Ich weiß auch schon was.« schlug Nik vor. »Ich würde gerne mal auf einer Sternschnuppe durch den Himmel reiten. Das wäre eine richtig coole Sache.«
»Das verschieben wir aber auf einen anderen Tag.« hörten sie plötzlich Mamas Stimme, die sich vom Haus näherte. »Es wird langsam Zeit ins Bett zu gehen.«
Die Kinder seufzten. »Dabei wurde es gerade richtig schön.« waren sie enttäuscht.
»Ihr dürft Morgen Abend noch einmal schauen.« sagte Mama, während sie die Zwillinge ins Bett schickte.
Ein paar Minuten später lagen sie unter ihren Decken.
»Schlaft gut und träumt schön, ihr zwei. Wir sehen uns Morgen früh.«
Dann schaltete Mama das Licht aus und schloss die Tür hinter sich.
»Wir sollten noch etwas unternehmen.« sagte Nele in die Dunkelheit hinein. »Ich bin noch gar nicht müde. Schlafen kann ich später auch noch. Was hältst du von einem Ausflug?«
Sie starrte nach oben, in der Hoffnung, dass ihr Bruder zustimmen würde. Der ließ sich nicht lange bitten, kletterte vom oberen Etagenbett nach unten und setzte sich neben Nele.
»Du hast dir doch bestimmt schon ein Ziel ausgesucht, oder?«
Nele knipste ihre Taschenlampe an und nickte grinsend.
»Du willst doch mal auf einer Sternschnuppe reiten. Also suchen wir uns eine und fragen, ob sie sich einen Sattel umschnallen lässt.
Sie legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu.
»Nächster Halt: Perseidenschwarm.« Nele grinste und machte es sich gemütlich, während die beiden mit ihrem sehr ungewöhnlichen Raumschiff in Richtung Himmel flogen.

»Die Perseiden sind eine Staubspur, die ein Komet hinterlassen hat.« erklärte Nele, nachdem sie in ihr Weltraumbuch geschaut hatte.
»Jedes Jahr durchkreuzt die Erde zur gleichen Zeit diese Bahn. Dabei dringen die Staubteilchen in unsere Atmosphäre ein, verbrennen und es beginnt im Himmel zu leuchten.«
»Echt spannend.« fand Nik. »Hoffentlich können wir die Sternschnuppen aus der Nähe sehen.«
Der Flug war schon nach wenigen Minuten beendet und das Ziel erreicht. Das fliegende Etagenbett war an Rand der Atmosphäre angekommen.
Hier oben war die Aussicht grandios. Die Erde lag in der Dunkelheit der Nacht und es waren nur noch die Lichter der Städte zu sehen.
»Da sind sie! Da kommen sie!« Nele zeigte mit dem Finger nach oben.
Tatsächlich kamen gerade die Sternschnuppen auf sie zu. Zuerst sahen sie wir dunkle Steine aus. Dann aber stürzten sich Eine nach der anderen auf die Erde und begannen hell zu glühen. Überall waren grelle Lichter, die die Augen blendeten.
»Ein unglaublicher Anblick.« war Nik begeistert. »Außer uns werden das nur wenige Astronauten zu Gesicht bekommen.
In diesem Moment entdeckten die Zwillinge eine sehr kleine Sternschnuppe, die immer und immer wieder versuchte, in die Atmosphäre einzudringen und ein strahlenden Lichtstreif ins den Himmel zu zaubern. Aber sie blieb dunkel.
»Sie ist zu klein.« sagte Nele. »Allein wird sie es nicht schaffen. Sie braucht unsere Hilfe.«
Nik kratzte sich am Hinterkopf und dachte angestrengt nach. »Ich glaube, ich habe da eine Idee. Dafür müssen wir aber noch einmal nach Hause.«
Das ließ sich seine Schwester kein zweites Mal sagen. Sie steuerte das Bett zur Erde und hielt es vor dem Balkon des Kinderzimmers an.
Nik kletterte ins Haus, schlich sich in den Keller und besorgte eine Kiste. Damit kam er nach ein paar Minuten zurück und sprang wieder auf die Matratze. Nele gab sofort Gas und flog in den Himmel hinauf.
Sie brauchten nicht lange, um die kleine Sternschnuppe zu finden. Noch versuchte sie verzweifelt, ein Lichtstreif in der Dunkelheit zu werden. Noch immer klappte es nicht.
»Warte!« rief Nele. »Wir werden die helfen.«
Die Sternschnuppe blieb tatsächlich stehen und wartete ungeduldig ab. Nik öffnete seine Kiste und holte eine Feuerwerksrakete daraus hervor, die er der Sternschnuppe auf den Rücken schnallte.
»Damit wirst du ganz bestimmt leuchten.« erklärte er und zündete die Rakete an.
Die kleine Sternschnuppe nahm Anlauf und raste in die Atmosphäre der Erde. Im gleichen Augenblick begann die Rakete zu brennen und erzeugte einen so helles Licht, dass man es kaum ansehen konnte. Von der Erde aus musste es überwältigend aussehen.
»Das wird die größte Sternschnuppe aller Zeiten gewesen sein.« war Nele zufrieden.
Dann flog sie das Etagenbett zurück nach Hause und landete es im Kinderzimmer.
Noch eine Weile sahen die Zwillinge von ihren Matratzen aus in den Himmel hinauf, entdeckten immer wieder Sternschnuppen und wünschten sich, so viel sie nur konnten, bis sie langsam einschliefen.

(c) 2015, Marco Wittler

573. Silvesterraketen

Silvesterraketen

Tom stand an seinem Fenster und sah in die Dunkelheit des Abends hinaus. Alle paar Minuten stieg eine kleine Rakete in den Himmel, explodierte dort und erhellte damit für kurze Zeit die Straßen der Stadt.
»Kommst du nicht zu uns?«, fragte Papa, als er den Kopf durch die Tür ins Kinderzimmer steckte.
»Nee!«, antwortete Tom. »Hier ist es viel interessanter. Ich will keine einzige Silvesterrakete verpassen. Die Leute da draußen zünden immer wieder welche an.«
Papa sah auf seine Armbanduhr und kratzte sich am Kopf.
»Ist ja komisch. Es ist doch noch gar nicht Mitternacht. Noch ist es zu früh zum Knallen.«
Tom seufzte, als wieder eine Rakete nach oben sauste.
»Ach, ist das schön. Wie gern würde ich auch mal da oben sein und mir das Feuerwerk vom Himmel anschauen. Das wäre bestimmt ein unglaublicher Anblick.«
»Wir können ja nachher die Straße rauf gehen. Dann sind wir etwas höher und haben einen guten Ausblick auf die Stadt. Ist das was?«
Tom schüttelte den Kopf.
»Nee. Das ist nicht das selbe. Ich will über den Raketen und Knallern fliegen. Ich will sie richtig von oben sehen können.«
»Ok.«, antwortete Papa. »Dann gehen wir nachher nur vor’s Haus.«

Zwei Stunden später war es beinahe so weit. Nur noch wenige Sekunden trennten die Welt vom neuen Jahr. Die ganze Familie stand vor dem Fernseher und zählte mit dem Moderator der Silvestershow die Sekunden herunter. Selbst Tom war mittlerweile aus seinem Zimmer gekommen.
»Fünf … vier … drei … zwei … eins … Prost Neujahr!«
Sie stießen an. Die Erwachsenen mit Sekt, die Kinder mit Prickelbrause. Dann zogen sie alle ihre Jacken an und gingen nach daußen.
Überall wurde nun geknallt. Hier machte es Bumm, dort gab es einen kräftigen Rumms. Unzählige Raketen flogen nun in den dunklen Nachthimmel.
»Tom, komm mit. Schnell, wir gehen in den Garten!«
Papa nahm seinen Sohn an die Hand und zog ihn hinter sich her.
»Warum gehen wir denn in den Garten? Da sehen wir doch gar nichts vom Feuerwerk. Was sollen wir denn da?«
»Ich habe für uns eine Überraschung vorbereitet.«
Widerwillig ging Tom mit. Als sie schließlich auf der Wiese standen, bekam er vor Staunen riesige Augen.
»Was ist denn das?«
»Du wolltest das Feuerwerk von oben sehen. Damit möchte ich deinen Wunsch erfüllen.«
Rund um das kleine Gartenhaus, das seit einer Ewigkeit auf dem Rasen stand, waren Silvesterraketen angebunden. Es mussten einige Hundert sein.
»Los! Einsteigen! Wir müssen uns beeilen, bevor alles vorbei ist.«
Papa schob Tom durch die kleine Tür und schloss sie dann hinter sich. Durch das Seitenfenster zündete er eine lange Zündschnur an.
Es zischte. Es rauchte. Das kleine Feuer kam den Raketen immer näher.
»Drei … zwei … eins … null … Zündung!«
Die Raketen brannten. Das Gartenhaus erzitterte ein paar Sekunden lang. Dann hob es tatsächlich langsam ab. Zentimeter für Zentimeter bewegte es sich nach oben. Dann wurde es plötzlich schneller und schneller. Es flog hoch hinauf in die Lüfte, überholte alle anderen Raketen, bis es schließlich fast die Wolken erreichte.
»Wow! Das ist unglaublich.«
Tom und Papa konnten die gesamte Stadt von oben sehen. Sie war von einem riesigen Lichtermeer umgeben. Überall blitzten Knaller auf. Aus jeder Straßen erhoben sich Raketen in die Luft.
»So oft hab ich mir das schon gewünscht. Jetzt endlich geht mein Traum in Erfüllung. Danke Papa.«
Tom drückte Papa an sich. Dann sah er wieder aus dem Fenster.
Langsam erloschen die Raketen am Gartenhaus. Für einen kurzen Augenblick schien es in der Luft still zu stehen. Dann bewegte es sich wieder nach unten.
»Werden wir jetzt auf den Boden knallen?«
Papa grinste.
»Nein. Für unsere sichere Landung habe ich gesorgt.«
Er zog an einer Leine. Über dem Gartenhaus spannte sich ein großer Fallschirm auf, den Mama aus alten Tischdecken und Bettlaken genäht hatte.
Ganz sanft sank das Häuschen nach unten und landete wieder im Garten auf der Wiese.
»Das war das coolste und schönste Silvester aller Zeiten. Papa, du bist der Allerbeste.«, bedankte sich Tom noch einmal.

(c) 2016, Marco Wittler

381. Silvester

Silvester

Lukas saß am Fenster und sah angestrengt nach draußen. Er schien etwas zu suchen oder auf etwas anderes zu warten.
»Wo bleibt denn das Silvester?«, fragte er immer wieder.
»Wo ist denn das Feuerwerk, dass du mir versprochen hast?«
Mama grinste und setzte sich zu ihrem Sohn.
»Es ist doch noch gar nicht so weit.«
Sie zeigte auf die große Uhr an der Wand.
»Jetzt ist es gerade ein Uhr mittags. Wenn beide Zeiger gleichzeitig auf der zwölf stehen, ist es so weit. Dann ist es  ganz finster und das Feuerwerk beginnt.«
Lukas jubelte.
»Juhuu. Dann kann ich ganz lange wach bleiben. Das ist richtig cool.«
Begeistert sprang er auf rannte wie wild im Kreis, bis er von Mama gestoppt wurde.
»Willst du dich denn nicht lieber noch zu einem Mittagsschlaf in dein Bett legen, damit du es auch bis heute Nacht schaffst?«
Aber Lukas schüttelte wild den Kopf.
»Auf gar keinen Fall. Ich schaff das auch ohne Mittagsschlaf. Du wirst das schon sehen.«
Also durfte Lukas wach bleiben und den Tag mit Spielen verbringen.
»Und du willst wirklich nicht doch noch etwas schlafen?«, fragte Mama immer wieder.
Doch egal, ob es Nachmittag oder Abend war, Lukas blieb dabei. Er war wach genug und wollte nicht ins Bett.
Gegen acht Uhr am Abend kam Besuch ins Haus. Die Nachbarn brachten ihren kleinen Sohn mit, der auch nicht geschlafen hatte. Nun hatte Lukas also einen Verbündeten bekommen. Gemeinsam bestanden die Jungs darauf, nicht schlafen gehen zu wollen.
»Wir wollen so lange wach bleiben wie ihr. Wir sind ja auch schon groß.«
Und schon verzogen sie sich ins Kinderzimmer, um die restliche Zeit bis zum Feuerwerk mit Spielen zu verbringen.

Fünf Minuten vor Zwölf sah Mama nach den beiden Jungs. Sie öffnete die Tür zum Kinderzimmer, in dem es verdächtig ruhig war. Lukas und sein Freund lagen schlafend auf dem Bett. Sie hatten doch nicht durchgehalten.
Sie rüttelte vorsichtig an den beiden. Die ließen sich aber nicht wecken.
Mama grinste, schaltete das Licht ab und ging zu den anderen, um das neue Jahr mit einem großen Feuerwerk zu begrüßen.

(c) 2011, Marco Wittler

346. Das Ende der Landesgartenschau (Onkel Pauls verrückte Briefe aus Deilinghofen 4)

Das Ende der Landesgartenschau

Lieber Niklas.

In diesen Tagen ist bei uns die Landesgartenschau zu Ende gegangen. Seit dem Frühling war auf einem großen Gelände vor den Toren Deilinghofens alles zum Thema Garten zu erleben. Dort waren unzählige Blumen zu finden, Wassergärten, ein Wald- und ein Wasserspielplatz und jede Menge Neues zu entdecken. Mindestens einmal in der Woche war ich dort spazieren und habe mir immer wieder alles angeschaut. Abends gab es sogar große Musikkonzerte. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was das für ein Spaß gewesen ist. Schade, dass du das nicht miterleben konntest. Aber schöne Blumen wird es hier auch im nächsten Jahr wieder geben, vielleicht kommst du mich dann wieder einmal besuchen.
Am letzten Abend der Gartenschau war etwas ganz Besonderes geplant. Nach einem allerletzten Konzert sollte ein großes Feuerwerk stattfinden. Allerdings war der verantwortliche Pyrotechniker, so nennt man die Feuerwerker, vor ein paar Wochen im Ausland bei einem Unfall gestorben. Darüber war nicht nur ich, sondern die ganze Stadt traurig. Zuerst sollte deswegen unser Feuerwerk ausfallen, aber die Familien der Verstorbenen hatten entschieden, dass es stattfinden sollte.
Am Sonntag war es dann so weit gewesen. Zum letzten Mal öffneten die Tore zum Gartenschaugelände. Von allen Seiten strömten die Besucher durch die Eingänge und besahen sich ein letztes Mal das eine oder andere Blümchen. Am Abend, kurz bevor das Konzert beginnen sollte, wollte ich bei den neuen Feuerwerkern noch einmal nach dem Rechten sehen. Da ich ja jedes Jahr in der Neujahrsnacht selbst viele Raketen in den Himmel jage, weiß ich nur zu genau, was man alles falsch machen kann. Also konnte eine helfende Hand mehr nicht schaden.
Die Sonne war mittlerweile unter gegangen und die Vorbereitungen alle schon gelaufen. Nirgendwo war etwas in der Dunkelheit zu sehen. Da ich keine Taschenlampe bei mir hatte, holte ich eine Schachtel Streichhölzer hervor, zündete es an und erschrak auf der Stelle. Überall um mich herum standen unzählige Feuerwerkskörper. Die Überraschung war so groß, dass ich versehentlich das Streichholz fallen ließ. Es landete auf einer dicken Zündschnur, die sofort zu brennen begann.
›Jetzt aber Fersengeld geben.‹, sagte ich zu mir selbst und rannte, so schnell es ging. Ein paar Sekunden später jagten nämlich die ersten Raketen in den Himmel. Durch meine Schuld ging nun das Feuerwerk zwei Stunden zu früh los. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie verdutzt die ganzen Leute waren. Mir war die Aktion natürlich sehr peinlich. Aber toll hat es trotzdem ausgesehen.

Bis zum nächsten Brief.

Dein Onkel Paul

(c) 2010, Marco Wittler