572. Einen Freund zu Weihnachten

Einen Freund zu Weihnachten

Niklas stand am Fenster und sah nach draußen. Vom Himmel fielen unzählige Schneeflocken herab und tanzten wie wild durch die Luft. Endlich war der Winter gekommen. Endlich wurde die Erde weiß. Schon in wenigen Stunden würde man mit dem Schlitten die Hügel herab fahren können. Und trotzdem freute sich Niklas nicht über das Wetter.
Er ging zurück an seinen Schreibtisch und sah betrübt auf seinen Wunschzettel hinab, den er noch immer nicht geschrieben hatte. Er wusste einfach nicht, was er sich wünschen sollte.
Spielzeuge besaß er in großer Zahl. Alle Regale und Schränke waren damit vollgestopft. Bücher stapelten sich in jeder Ecke. Eigentlich hätte Niklas wunschlos glücklich sein sollen. Und doch fehlte ihm etwas ganz Wichtiges. Er hatte keine Freunde, nicht einen einzigen. Stattdessen wurde er in der Schule jeden Tag von den anderen Kindern geärgert. Einfach nur, weil er anders war, weil er von Geburt an ein krummes Bein besaß, mit dem er nicht richtig laufen konnte.
Niklas setzte sich auf seinen Stuhl und nahm seinen Stift zur Hand. Dann begann er zu schreiben.
‚Lieber Weihnachtsmann. In diesem Jahr habe ich nur einen einzigen Wunsch, der aber der größte meines Lebens ist. Ich wünsche mir einen Freund. Dein Niklas.‘
Dann faltete er den Brief zusammen, steckte ihn in einen Umschlag, brachte ihn kurz darauf nach draußen und warf ihn in den Postkasten.

Ein paar Tage später war der Christbaum reichlich geschmückt, überall im Haus duftete es lecker und ein Berg an Geschenken lag im Wohnzimmer. Das Weihnachtsfest hatte begonnen.
Freuen konnte sich Niklas aber nicht. Einen Freund konnte man nicht einpacken und sonst war auch keiner weit und breit zu sehen.
Der Tag zog sich hin. Niklas Geschenke blieben unausgepackt. Ihm fehlte einfach die Lust.
»Magst du wenigstens einen Spaziergang an der frischen Luft machen? Vielleicht kommst du dann auf bessere Gedanken.«, schlug Mama vor.
»Ist in Ordnung.«, willigte Niklas ein. »Helfen wird das aber auch nicht. Denn der Weihnachtsmann hat mich vergessen. Er hat mir meinen Wunsch nicht erfüllt.«
Sie zogen sich ihre dicken Winterjacken und Stiefel an. Dann ging die ganze Familie nach draußen in den Schnee.
Sie waren noch nicht lange gegangen, da kam ihnen eine zweite Familie entgegen. Auch sie machten einen Spaziergang. Und – Niklas musste mehrmals hinschauen – eines der Kinder, ein Mädchen, humpelte durch den tiefen Schnee. Es fiel ihr nicht leicht, vorwärts zu kommen, aber trotzdem wehrte sie immer wieder die helfende Hand ihrer Mutter ab.
»Du musst mir nicht helfen. Ich bin schon groß und schaffe das alleine.«
Dann begann sie zu grinsen, formte sich einen dicken Schneeball und bewarf damit ihren großen Bruder.
Als sie Niklas erblickte, blieb sie stehen und staunte. Es gab hier in der Stadt, in ihrer Straße tatsächlich einen Jungen, dem es so ging wie ihr. Ein Junge, der humpelte. Sie lächelte und Niklas lächelte zurück.
Langsam gingen sie aufeinander zu.
»Hi, ich bin Sofie.«, sagte das Mädchen und hielt Niklas die Hand hin.
»Ich bin Niklas.«, antwortete er, ergriff die Hand und schüttelte sie. Seine Freunde war riesig. Der Weihnachtsmann hatte seinen Brief wohl doch gelesen und seinen Wunsch auf eine ganz besondere Art und Weise erfüllt.
Niklas und Sofie wurden dicke Freunde. Von nun an konnte sie nichts mehr trennen. Und da sie schon bald auf die gleiche Schule gingen, traute sich niemand mehr, die beiden zu ärgern, denn gemeinsam waren sie stark und konnten sich wehren.

(c) 2016, Marco Wittler

394. Der Streit

Der Streit

Lisa saß gelangweilt und traurig an ihrem Schreibtisch und sah lustlos aus dem Fenster. Vor ein paar Tagen war ihre enge Freundschaft zu Sarah zerbrochen. Sie hatten sich wegen einer kleinen Erdbeere zerstritten.
»Die Erdbeere ist in unserem Garten gewachsen. Also darf ich sie auch essen.«, hatte Sarah am Zaun behauptet.
»Die Pflanze gehört aber uns. Sie steckt in unserer Erde, also gehört die Erdbeere mir.«, hatte ihr Lisa entgegen geschrien.
Das Problem war, dass ein Teil der kleinen Pflanze durch den Zaun gewachsen war. Und nun hatte die begehrte Frucht auf der anderen Seite gelegen. Beide Mädchen hatten sie essen wollen.
Nach ein paar Minuten hin und her hatte niemand mehr etwas von der Erdbeere gehabt. Die Mädchen hatten sie zerquetscht.
»Daran bist nur du schuld.«, hatte Sarah mit hochrotem Kopf gesagt.
»Ich will dich nie wieder sehen.«, waren ihre letzten Worte gewesen.
»Geht mir auch so. Ich wollte dich eh nie als Freundin haben.«
Und nun saß Lisa am Fenster, sah zum Zaun hinab und ärgerte sich.
»Warum muss die auch so fies sein. Alles nur wegen einer blöden Erdbeere.«
Insgeheim war sie aber sauer auf sich selbst. Hätte sie ihrer Freundin die kleine Frucht überlassen, hätten sie sich nie zerstritten. Immerhin hatten an der Pflanze noch genug andere Erdbeeren gehangen.
»Na, schmollst du immer noch und spielst die kleine Prinzessin auf der Erbse?«
Es war Mama, die gerade ihren Kopf zur Zimmertür herein steckte.
»Geh doch nach draußen und spiel ein wenig. Bei so einem schönen Wetter sollte man an die frische Luft gehen und nicht zum Stubenhocker werden.«
»Aber was ist, wenn Sarah in ihrem Garten ist und mich sieht?«
Mama lachte.
»Dann schau halt einfach weg, wenn es dich stört.«
Also ging Lisa seufzend in den Garten und ließ sich in ihrem Sandkasten nieder.
»Huch? Was ist den das?«, wunderte sie sich plötzlich.
Da lag ein kleines Etwas und zitterte am ganzen Leib. Lisa sah noch einmal genauer hin. Es war ein kleiner Vogel, der aus seinem Nest gefallen war.
»Warte, ich helfe dir.«
Vorsichtig nahm sie den Vogel auf ihre Sandschaufel, da sie genau wusste, dass die Vogelmutter ihn nicht mehr annehmen würde, sobald ein Mensch ihn berührt hatte.
»Jetzt müssen wir nur noch dein Nest suchen.«
Lisa fand es direkt über ihrem Kopf. Es war auf einem dicken Ast gebaut worden.
»Oh nein. Da komme ich allein gar nicht ran. Was mache ich denn jetzt? Ich habe nicht mal eine Leiter.«
Ihr fehlte nur ein paar wenige Zentimeter. Sie war einfach zu klein.
»Warte, ich helfe dir.«
Sarah hatte vom Zaun aus alles gesehen und kletterte nun auf die andere Seite.
»Ich bin doch ein Stück größer als du.«
Vorsichtig nahm sie die Schaufel, streckte sich nach oben und ließ den kleinen Vogel ins Nest rutschen.
»Dankeschön.«, sagte Lisa leise.
»He, Freunde müssen doch zusammen halten und sich gegenseitig helfen.«, antwortete Sarah und drückte ihre Freundin fest an sich.

(c) 2012, Marco Wittler

336. Der Freund aus dem Spiegel

Der Freund aus dem Spiegel

Leon stand im Flur und langweilte sich. Vor ein paar Tagen waren seine Eltern mit ihm in eine neue Stadt gezogen. Nun waren seine alten Freunde viel zu weit weg, um zum Spielen her zu kommen. Neue Freunde hatte er in der kurzen Zeit allerdings auch noch nicht gefunden.
»Ich habe Langeweile. Was soll ich denn jetzt machen?«
Er warf einen Blick in den großen Spiegel an der Wand, aus dem ihn ein kleiner, trauriger Junge ansah.
»Wenn ich doch bloß mit mir selbst spielen könnte.«
Leon trat vor sein Spiegelbild und besah sich neugierig selbst.
»Hast du Lust mit mir zu spielen?«, fragte er, ohne eine Antwort zu erwarten. Doch dann geschah das Unglaubliche. Der Junge auf der anderen Seite begann zu lächeln und nickte erfreut. Er hielt Leon die Hand hin.
Leon erschrak zunächst. Doch dann dachte er nach.
›Das ist doch mein Spiegelbild, also ist er so wie ich. Und vor mir selbst muss ich keine Angst haben.‹
Also gab er seinem Spiegelbild die Hand und zog diesen Jungen in den Flur.
Hui, war das ein Spaß. In den nächsten Stunden verbrachten sie jede einzelne Minute miteinander. Sie spielten Cowboy und Indianer, Räuber und Gendarm, zwischendurch sogar einmal Räuber und Indianer.
So einen schönen Nachmittag hatten die beiden Leons noch nie erlebt.
»Ich bin halt einfach mein bester Freund.«, sagten sie gemeinsam.
In diesem Moment ließ das Spiegelbild seine Mundwinkel fallen.
»Aber ich bin nicht echt. Ich komme von der anderen Seite des Spiegels. Dort muss ich auch bald wieder hin. Außerdem …«
Er machte eine Pause. Doch der richtige Leon verstand sofort.
»Außerdem wissen wir alles voneinander. Es kann niemals spannend sein, weil wir immer wissen, was der andere denkt oder als nächstes machen wird.«
Die beiden nickten sich bestätigend zu.
»Aber ich habe da eine Idee.«, sagte das Spiegelbild plötzlich erfreut.
»Schau doch mal aus dem Fenster.«
Gemeinsam warfen sie einen Blick nach draußen und entdeckten eine Gruppe Kinder, die gerade Fußball spielten.
»Du gehst raus und fragst, ob du mitspielen darfst. Und schon hast du die ersten neuen Freunde gefunden.«
Daran hatte Leon noch gar nicht gedacht. Er bedankte sich, zog sich eine Jacke über und machte sich gleich auf den Weg nach draußen. Bevor er die Treppe nach unten lief, sah er noch ein letztes Mal zurück. Er sah, wie sein ungewöhnlicher Spielgefährte wieder auf die andere Seite des Spiegels ging.
»Leb wohl, mein guter Freund. Auf dich kann ich halt immer zählen.«

(c) 2010, Marco Wittler

321. Dicke Freunde (Tommis Tagebuch 09)

Dicke Freunde

Hallo, liebes Tagebuch. Ich bin es, der Tommi.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich heute erlebt habe. Aber ich fang am Besten ganz vorne an.
Vor ein paar Wochen saß ich mal wieder im Baumhaus auf dem Spielplatz, als ein anderer Junge herein kam. Er heißt Paul und wir verstanden uns von Anfang an sehr gut und wurden auch schnell Freunde.
Von da an trafen wir uns fast jeden Tag und haben alles Mögliche gespielt. Wir waren Astronauten auf dem Weg zum Mond, Piraten in einer großen Seeschlacht, Steinzeitmenschen und noch viel mehr.
Aber gestern Nachmittag war plötzlich etwas anders.
Ich war der erste im Baumhaus und wartete schon auf meinen Freund. Ich hatte mir überlegt, dass wir in einem großen Geländewagen sitzen und ein Wüstenrennen fahren würden. Als Paul dann kam, sah er sehr traurig aus.
Ich hatte ihn natürlich sofort danach gefragt, aner es hat eine ganze Weile gedauert, bis er es mir erzählen wollte.
»Ich habe Morgen Geburtstag, aber ich kann ihn leider nicht feiern, weil meine Mama so wenig Geld hat. Wir können uns das einfach nicht leisten.«, erklärte er mir und fing sofort an zu weinen.
Das hat mich natürlich auch traurig gemacht und ich versprach Paul, an seinem Geburtstag, die ganze Zeit mit ihm im Baumhaus zusammen zu sein und nur seine Lieblingsspiele zu machen. Das hat dann auch seine Laune verbessert.

Heute Morgen haben Mama und Papa den Samstagseinkauf gemacht und ich durfte mit.
Im großen Kaufhaus kenne ich mich jetzt schon richtig gut aus und weiß, wo die wichtigsten Sachen sind. Die Regale mit den Süßigkeiten sind hinten in der Ecke und die Spiele ganz vorne. Alles andere muss nur Mama wissen.
Ich bin natürlich sofort zu den Spielen geflitzt und habe mir alle genau angeschaut, bis ich gefunden hatte, was ich wollte.
Es war ein kleines Kartenspiel, in dem es um Bauernhoftiere geht. Das habe ich schon zu Hause, aber ein Zweites kann ja nicht schaden.
Ich brachte es zu Mama und Papa und legte es in den Einkaufswagen.
»Moment mal. Das hast du doch schon.«, stellte Mama fest.
Da wusste ich erst nicht, was ich sagen sollte. Aber dann fiel mir etwas ein.
»Mir fehlen ein paar Karten. Das Spiel lag auf dem Boden und Bello hat drauf rum gekaut.«
Damit gab sie sich zufrieden. Ich durfte das Spiel haben.

Am Nachmittag war ich dann schon ganz aufgeregt. Ich hatte das Kartenspiel in der Hosentasche versteckt und mir ein paar Kuchenstücke aus dem Schrank geholt. Damit machte ich mich auf den Weg zum Spielplatz.
Paul war bereits da und wartete schon unbeduldig auf mich. Er hatte bereits unseren Flugkurs zum Mond in das Baumhaus programmiert.
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.«, rief ich schon von der Leiter aus.
Paul freute sich. Doch seine Augen wurden richtig groß, als er den Kuchen sah.
»Mensch, du bist ein richtig guter Kumpel.«, bedankte er sich bei mir.
Nur zu gern hätte er mich mal an sich gedrückt, aber da waren wir uns einig, dass das nur Mädchen machen.
Nachdem wir den Kuchen verputzt hatten, holte ich das Kartenspiel aus der Hosentasche und legte es vor Paul auf den Boden.
»Das ist auch noch für dich. Ein kleines Geschenk.«
Ich glaub, Paul hatte fast angefangen zu weinen. Jedenfalls sahen seine Augen so aus. Dieses Mal wollte er sich auch nicht mehr zurück halten und nahm mich doch in die Arme.
»Das ist der schönste Geburtstag meines Lebens.«
Da musste ich auch vor Freude grinsen.
In diesem Moment hörte ich plötzlich eine bekannte Stimme hinter mir.
»Jetzt weiß ich auch, wohin der Kuchen verschwunden ist und wofür du noch ein Kartenspiel haben wolltest.«
Mama war es, die ihren Kopf in das Baumhaus gesteckt hatte.
Ich hab bestimmt einen ganz roten Kopf bekommen, weil sie mich erwischt hatte, also erklärte ich sofort, warum ich ihr nicht alles erzählt hatte.
»Da hat der Paul ja einen richtig tollen Freund.«, sagte Mama und zwinkerte mir zu.
»Dann lasst euch mal nicht weiter stören. Feiert ihr noch schön da oben auf dem Mond.«
Und dann ging sie wieder nach Hause.
Paul und ich drehten uns sofort um, setzten uns vor das Fenster und starteten den Countdown. Der Flug ins Weltall konnte beginnen.

Und jetzt wird es Zeit zum Schlafen.
Bis bald, dein Tommi.

(c) 2010, Marco Wittler

307. Von Seesternen und Glühwürmchen

Von Seesternen und Glühwürmchen

Es war ein schöner und warmer Abend am Meer. Die Menschen feierten große Feste und die Tiere gingen ihren ganz alltäglichen Geschäften nach.
Und dann war da noch ein kleines Glühwürmchenmädchen mit Namen Merle.
Merle flog, wie jeden Abend gemütlich den Strand entlang und erfreute sich am Rauschen des Meeres und der untergehenden Sonne.
»Ist das nicht ein schöner Abend?«, fragte sich sie selbst.
»Das ist sogar ein sehr schöner Abend.«, gab sie sich sogleich die Antwort.
In diesem Moment zog ein unerwarteter Wind auf und blies das Glühwürmchen hinaus aufs Wasser.
»Du meine Güte.«, wunderte sich Merle und bekam Angst.
»So etwas ist mir ja noch nie passiert.«
Sie sah sich schnell um und entdeckte den Strand.
»Ich muss schnell zurück, sonst werde ich noch im Wasser landen und ertrinken.«
Also schlug sie kräftig mit den Flügeln und kämpfte sich durch den Wind. Aber noch bevor sie ihr Ziel erreichte, sah sie ein Glitzern unter sich.
»Was ist denn das?«
Merle hielt inne und schwebte etwas tiefer. Sie konnte nicht erkennen, was es war, aber es faszinierte sie.
»Es ist wunderschön.«
Dann flog sie weiter und rettete sich ans Ufer.

Zur gleichen Zeit lag ein einsamer Seestern am Grunde des Meeres und langweilte sich fast zu Tode. Sein Name war Theodor.
»Mir ist ja sooo langweilig. Wenn doch bloß mal etwas geschehen würde. Aber in diesem Teil des Meeres passiert ja leider nie etwas.«
Er träumte schon davon, dass eines Tages ein Schiff gegen ein Riff fahren und sinken würde.
»Wenn hier doch bloß ein Riff wäre. Aber leider besteht der ganze Meeresboden nur aus Sand und kleinen Steinen. Es ist zum Verzweifeln.«
In diesem Moment sah er ein Licht über sich hinweg fliegen. Genau über seinem Kopf blieb es kurz stehen, kam näher und setzte seinen Weg dann fort zum Ufer, wo es dann verschwand.
»Ui, was war denn das? Es geschieht ja doch noch was. Aber leider ist es schon wieder fort. Dabei war es so wunderschön. Vielleicht sollte ich es suchen.«
Also machte sich Theodor auf den Weg zum Strand.

Am nächsten Abend flog Merle wieder über den weiten Strand.
»Ob dieses glitzernde Ding noch da ist? Vielleicht sollte ich noch einmal auf das Wasser hinaus fliegen. Hoffentlich sieht mich dabei niemand.«
Merle schlug kräftig mit den Flügeln und wollte gerade Richtung Meer fliegen, als sie etwas Glitzerndes auf einem Stein am Ufer entdeckte. Sofort flog sie hin und betrachtete es genau.
»Es ist ein kleiner Glitzer.«, rief sie begeistert.
»Ich bin ein Seestern.«, beschwerte sich Theodor und stemmte seine Fäuste in die Seiten.
»Und was bist du? Ein fliegendes Licht?«
Merle musste lachen.
»Nein. Ich bin ein Glühwürmchen.«
Sie landete neben dem Seestern, stellte sich höflich vor und berichtete von ihrem Flug über das Meer am Tag zuvor.

Die Zeit verging viel zu schnell. Es wurde tiefe Nacht und ein paar Stunden später ging die Sonne schon wieder auf. Und ehe es sich die beiden versahen, hatten sie sich ineinander verliebt.
»Aber wie soll das denn mit uns funktionieren?«, fragte Theodor verzweifelt.
»Ich bin ein Meeresbewohner und werde an Land vertrocken. Dafür kannst du im Wasser nicht atmen und wirst ertrinken. Wir werden nie zusammen leben können.«
Daran hatte Merle auch schon gedacht.
»Wir müssen einfach einen Ort finden, wo wir zusammen sein können. Und den werde ich jetzt suchen.«
Sie versprach, bis zum Abend wieder da zu sein.

Merle flog in die Luft. Sie flog so hoch, wie sie es noch nie in ihrem Leben getan hatte. Sie hoffte, das Land unter sich besser überblicken zu können. Allerdings fand sie kein geeignetes Plätzchen zum Leben für einen Seestern und sein Glühwürmchen.
»Was soll ich denn bloß machen? Ich liebe ihn doch so sehr. Mein Herz will gar nicht mehr ohne ihn sein.«
In diesem Moment wurde Merle von einer Eule überholt.
»Hallo Eule, kannst du mir denn nicht helfen?«
Die Eule hielt an und ließ sich vom Glühwürmchen die tragische Geschichte erzählen.
»Nana, mein Kind. Mach dir nicht so viele Sorgen. Ich weiß genau, wonach du suchst.«
Die Eule wies Merles Blick nach oben.
»Da oben ist der Himmel. Er ist auch ein Meer. Ein Meer für Sterne. Aber er hat kein Wasser. Deswegen wirst du dort auch nicht ertrinken können.«
Merle bekam große Augen und bedankte sich bei der Eule. Dann flog sie, so schnell sie konnte, zu Theodor zurück. Sie verriet ihm ihren Plan und drückte ihn fest an sich.
»Wir werden gemeinsam zum Himmel hinauf fliegen und dort zusammen leben.«
Und so geschah es dann auch. Bei Einbruch der Dunkelheit flogen sie zusammen zum Himmel hoch, von wo aus sie nun in jeder Nacht zur Erde hinunter leuchten.

(c) 2010, Marco Wittler

299. Das Honigschwein

Das Honigschwein

Das kleine Schweinchen Kunibert stand im Stall und langweilte sich.
»Du meine Güte, ist das wieder langweilig heute. Jeden Tag im Stall stehen, futtern, quieken, schlafen gehen. Das hält doch kein Schwein aus.«
Kunibert lief im Kreis und dachte nach, was er tun konnte.
»Verreisen, die Welt erleben und ganz woanders leben. Machen, was ich will. Das wäre ein tolles Leben.«
Doch wie sollte ein kleines Schweinchen das nur anstellen?
In diesem Moment öffnete sich die Stalltür und der Bauer kam herein.
»Na, ihr rosa Ferkelchen, habt ihr schon Hunger? Es gibt jetzt was zu Fressen.«, rief er laut.
Diese Chance wollte sich Kunibert zu nutze machen. Er wartete auf den richtigen Moment. Als der Bauer das Gatter zu seinem Gehege öffnete, lief das Schweinchen los. Seine kleinen Beinchen bewegten sich so schnell, dass der Bauer gar nicht hinterher kam.
Kunibert sprang durch die Tür und verschwand.

Draußen schien die Sonne. Es war warm und überhaupt ein herrlicher Tag.
»Das ist genau der richtige Tag, um ein neues Leben zu beginnen.«
Aber Kunibert hatte keine Idee, was er nun machen sollte. Also lief er eine Weile einen Feldweg entlang und sah sich einfach um.
»Hallo, kleines Schweinchen.«, war plötzlich eine Stimme zu hören.
»Hast du Lust, uns etwas Gesellschaft zu leisten?«
Zwischen unzähligen Getreidehalmen saßen zwei Kaninchen und aßen gerade frisch geerntete Möhren.
Kunibert freute sich, denn so langsam spürte er Hunger in seinem Bauch. Also setzte er sich mit ins Feld und begann an einer Möhre zu knabbern.
Aber das war gar nicht so sein Fall.
»Die schmecken mir nicht.«, sagte er enttäuscht.
»Ich werde mir wohl etwas anderes suchen müssen.«
Er verabschiedete sich von den Kaninchen und lief weiter.

Ein paar Stunden später kam er an einer Höhle an. Dort drin war es dunkel und ein knurriges Geräusch war zu hören.
»Hallo?«, fragte Kunibert vorsichtig.
»Ist da jemand?«
Das Knurren verstummte und ein großer, dunkler Schatten setzte sich in Bewegung. Zum Vorschein kam ein verschlafener Höhlenbär.
»Huch, vor meiner Höhle steht ein rosa Schweinchen. Wie kommt denn das hier hin?«
Der Bär war verwirrt und kratzte sich hinter seinem Ohr.
»Ich bin Kunibert und suche mir ein neues Leben.«
Der Bär lachte.
»Dann bist du ja hier genau an der richtigen Adresse. Ich bin Bruno und mein letzter Mitbewohner hat mich vor ein paar Wochen allein gelassen.«
Gemeinsam setzten sie sich in den Höhleneingang. Bruno reichte seinem neuen Freund einen Topf mit Honig, den Kunibert neugierig beschnüffelte und vorsichtig probierte.
»Ui, das schmeckt aber lecker. Davon kann ich bestimmt nicht genug bekommen. Viel besser, als das Futter des Bauern.«

Die Tage vergingen. Bruno und Kunibert freundeten sich immer mehr an. Doch irgendwann war der Honigvorrat verbraucht.
»Wir müssen uns wohl neuen Honig holen. Das machen wir heute Nacht.«
Bei Einbruch der Dunkelheit gingen sie in den Wald hinein. Auf einer Lichtung stand ein einzelner Baum, an dessen dickstem Ast ein kugelrunder, grauer Klumpen hing.
»Das ist ein Bienennest.«, erklärte Bruno.
»Die kleinen Insekten sammeln den ganzen Tag lang Blütennektar und machen daraus Honig. Und wenn sie mal nicht aufpassen und schlafen, hole ich mir etwas davon. Aber nur so viel ich brauche, damit sie nicht sauer werden.«
In diesem Moment knackte ein Ast und ein dickes, pelziges Tier kam auf die Lichtung.Bruno und Kunibert versteckten sich.
»Was ist denn das?«, fragte das Schweinchen.
»Sieht wie ein verfressener Dachs aus.«, vermutete der Bär.
Und so war es auch. Ohne in Deckung zu gehen, ganz dreist und unversteckt lief der Dachs auf den Baum zu, kletterte an dessen Stamm hinauf und versuchte, das Bienennest zu stehlen.
»Zu Hilfe! Ich brauche Hilfe! Jemand klaut meine Bienen.«, rief eine Stimme.
Bruno und Kunibert sahen sich verwirrt an. War denn da noch jemand? Ohne nachzudenken liefen sie los.
Um das Bienennest flog ein Hirschkäfer herum, der mit seinem kleinen Geweih verzweifelt versuchte, den Dieb zu verjagen.
»Wir müssen was unternehmen.«, sagte Bruno.
Das ließ sich Kunibert nicht noch einmal sagen. Er kletterte den Baum hinauf, am Dachs vorbei auf einen Ast, der etwas höher lag. Dann rief er ein lautes ›Huhu‹ und ließ sich fallen.
›Plumps‹ machte es, als das Schweinchen auf dem Rücken des Dachses landete und diesen dadurch erschreckte.
»Hilfe! Geister!«, brüllte der Dachs panisch. Er ließ sofort vom Bienennest ab, fiel vom Baum und rannte zurück in den Wald.
»Ihr habt meinen Bienen das Leben gerettet.«, sagte der Hirschkäfer.
»Wie kann ich euch das nur danken?«
Da mussten das Schwein und der Bär grinsen.
»Wir wüssten da schon etwas. Wir mögen nämlich deinen Honig so gern.«
Da lachte der Hirschkäfer.
»Also wenn es euch nur um den Honig geht, dann könnt ihr so viel davon haben, wie ihr essen könnt.«
Und so mussten Kunibert und Bruno nie wieder den süßen Honig stehlen und wurden dicke Freunde des Käfers, mit dem sie nun gemeinsam in der Höhle lebten.

(c) 2010, Marco Wittler

280. Die Mauer

Die Mauer

Leon und Christian standen mitten im Garten und spielte mit  dem Ball. Rasend schnell ging das Spiel hin und her. Immer wieder fielen wagemutige Tore. Doch dann ging ein Schuss daneben und der Ball rollte dicht an die Gartenmauer.
»Was machen wir denn jetzt?«, fragte Christian.
»Keine Ahnung.«, antwortete Leon.
»Du musst den Ball holen. Schließlich hast du ihn dort hin geschossen.«
Doch Christian weigerte sich. Er hatte plötzlich keine Lust mehr zu spielen und ging beleidigt ins Haus. Leon lief ihm nach und sie verzogen sich in ihr Zimmer.
Von Fenster aus sahen sie nervös ununterbrochen nach draußen zu ihrem Ball.
»Du bist schuld.«, maulte Leon.
»Gar nicht.«, knurrte Christian zurück.
»Hol dir deinen blöden Ball doch selbst zurück. Ich interessier mich eh nicht für Fußball. Blödes Spiel.«
Dann saßen sie schweigend da und sahen wieder nach draußen.
Drei Stunden später kam Mama ins Kinderzimmer.
»Was macht ihr denn hier? Es ist doch so schönes Wetter draußen. Da müsst ihr doch nicht in der Bude hocken.«
Doch die Jungs antworteten nicht.
»Was ist denn mit euch beiden los?«
Leon zeigte mit seinem Finger nach draußen.
»Das ist los.«
Mama entdeckte den Ball an der Mauer.
»Auweia.«, sagte sie nur und wusste sofort Bescheid.
Ihre beiden Söhne hatten schon immer Angst davor, was auf der anderen Seite der Mauer war. Keiner wusste warum. Es war schon immer so gewesen.
»Da müsst ihr einfach mal über euren Schatten springen und euch euren Ball zurück holen. Es wird schon nichts passieren.«
Doch das war leichter gesagt, als getan. Deswegen blieben Leon und Christian in ihrem Kinderzimmer und schmollten weiter vor sich hin.

Zwei Tage später lag der Ball noch immer dort. Die Jungs hatten sich mittlerweile wieder auf die Terrasse getraut und beobachteten ihr Spielzeug genau. Trotzdem wagten sie es nicht, zu nah hin zu gehen.
»Wir werden wohl nie wieder Fußball spielen, wie es aussieht.«
In diesem Moment tauchte auf der anderen Seite der Mauer ein kleines Gesicht auf. Es war ein Junge, der einen neugierigen Blick herüber warf.
»Hallo?«, rief er.
»Hallo? Ist jemand da?«
Er entdeckte Leon und Christian.
»He, seid ihr die beiden, die hier jeden Tag Fußball spielen? Ich wollte fragen, ob ich mal mitspielen darf.«
Die zwei Brüder waren überrascht. Ihr Leben lang hatten sie vor der anderen Mauerseite Angst gehabt und nun mussten sie feststellen, dass dort einfach nur ein ganz normaler Junge lebte, der ebenfalls gern Fußball spielte.
»Klar, komm rüber.«
Und schon lieben die zwei auf ihren Ball zu und holten ihn zurück auf ihre Wiese. Nun konnten sie zu dritt spielen. Dabei erfuhren sie, dass ihr neuer Freund Dennis hieß und selbst immer Angst hatte, auf die andere Mauerseite zu schauen, bis ihn sein Opa dazu überredet hatte.
»Die Mauer muss weg.«, beschlossen die drei und baten ihre Eltern, sich darum zu kümmern.
Ein paar Wochen später war es dann auch so weit. Zwischen den beiden Gärten war keine Grenze mehr zu sehen. Von Haus zu Haus gab es nun eine riesige Wiese, auf der die neuen Freunde nun jeden Tag Fußball spielen konnten.

(c) 2009, Marco Wittler

240. Eine richtige Freundin

Eine richtige Freundin

Es war einmal eine junge Prinzessin in einem fernen Königreich, die jeden Tag gelangweilt an ihrem Fenster saß und den jungen Leuten des nahen Dorfes beim Spielen zusah. Sie seufzte von früh bis spät und lächelte nie.
»Was ist nur mit euch?« wurde sie immer wieder von ihrer Dienerin gefragt.
Die Antwort war stets die selbe. »Ich langweile mich hier im Schloss. Ich bin das einzige Kindes des Königs. Ich habe keine Geschwister und deswegen niemandem, mit dem ich mir die Zeit vertreiben kann. Wäre ich doch auch mal für einen Tag ein normales Mädchen dort unten im Dorf. Ich würde es genießen.«
Dann seufzte sie wieder und hing ihren Träumen nach.
»Was euch fehlt, ist eine richtig, echte Freundin.« erklärte die Zofe. »Eine, die mit euch durch dick und dünn geht, mit euch redet, wenn es etwas zu erzählen gibt oder einfach nur zuhört, wenn euch etwas auf dem Herzen liegt.«
»Aber wo soll ich denn so eine Freundin finden?« schluchzte die Prinzessin und war den Tränen nahe. »Da draußen gibt es viele Frauen, aber wie soll ich wissen, ob sie es ernst meinen oder mir einfach nur etwas vorspielen, um Zugang zum Schloss zu bekommen. Dann könnten sie schnell etwas aus der Schatzkammer stehlen.«
Aber auch hatte die Zofe bereits eine Idee. »Ladet Mädchen aus dem Dorf in den Schlossgarten ein. In einem fairen Wettbewerb sollen sie ihre Freundschaft unter Beweis stellen. Diejenige von ihnen, die gewinnt, soll eure Freundin werden.«
Das klang vernünftig.
»So soll es geschehen.« entschied die Prinzessin. »Ihr richtet den Wettbewerb aus und werdet dazu die Mädchen heimlich testen, ob sie wirklich treu sind. Ich werde die Spiele von meinem Balkon aus beobachten und mich auf meine zukünftige Freundin vorbereiten.«

Im Dorf wurde die Kunde verbreitet, dass die Tochter des Königs auf der Suche nach einer Freundin sei. Jede junge Frau wurde aufgerufen, an einem Freundschaftswettbewerb teilzunehmen.
Von diesem Tag an waren die jungen Frauen im Dorf völlig aus dem Häuschen. Sie putzten ihre Holzschuhe, wuschen und flickten ihre Kleider und machten sich gegenseitig die Haare. Jede von ihnen wollte gewinnen und an der Seite der Prinzessin im Schloss leben.

Der Tag des Wettstreits war gekommen. Sieben Bauerntöchter waren von der Zofe ausgewählt worden, sich gegenseitig in mehreren, schwierigen Aufgaben zu messen.
Einige Ritter standen etwas abseits, tranken Bier und machten sich über die vielen Frauenzimmer lustig, denn der Platz, auf dem die Spiele stattfinden sollten, wurde normalerweise nur für Ritterturniere genutzt.
»Sie müssen bestimmt um die Wette stricken.« lachten sie laut. »Es gewinnt garantiert die Magd, die am schnellsten Strümpfe stopfen kann.« Dabei zogen sie ihre Stiefel aus und zeigten begeistert die vielen Löcher in ihren Strümpfen vor.
Von diesem Gerede ließen sich die Frauen aber nicht einschüchtern.
Nun trat die Zofe auf ein Podest. Sie bat um Ruhe. Dann erklärte sie die Regeln.
»Geht in den nahen Wald, der sich hinter dem Schloss befindet. Sucht nach den schönsten Waldblumen und macht aus ihnen den schönsten Strauß, den ihr der Prinzessin zum Geschenk macht.«
Die Mädchen machten sich auf den Weg in den Wald und kamen nach und nach zurück. Die Blumensträuße waren prächtig und übertrafen sich gegenseitig in ihrer Schönheit. Es war wirklich schwer zu sagen, welcher von ihnen der Schönste sein sollte. Trotzdem sollte bei diesem Wettbewerb jemand ausscheiden.
Dafür hatte die fleißige Zofe bereits gesorgt, denn während der Schlosshof leer war, hatte sie absichtlich ein paar Silbertaler fallen lassen. Nach der Rückkehr der Mädchen fehlten zwei davon.
Die zwei Diebinnen waren schnell gefunden. Sie mussten das Geld zurück geben und das Schloss sofort verlassen.
Da waren es nur noch fünf.
»Die zweite Aufgabe steht euch nun bevor.« erklärte die Zofe mit lauter Stimme. »Einer Freundin flechtet man manchmal einen Zopf. Weil es viel zu lange dauert, der Prinzessin fünf Zöpfe zu flechten, werdet ihr dies an Puppenköpfen machen. Dazu sollt ihr eure eigenen Haare flechten. Kämme, Bürsten und mehr stehen für euch bereit.«
Die fünf Mädchen beeilten sich, einen gut gefüllten Korb zu holen, mit deren Inhalt sie die Puppenköpfe verschönerten. Sie frisierten, sie kämmten, sie bürsteten. Sie flochten kleine Blumen ins Haar und machten sich selbst so schick es nur ging. Es war eine helle Freude, ihnen bei ihrer Arbeit zuzusehen. Eine Frisur war schöner als die andere. Da fiel die Wahl schwer, Mädchen auszuwählen, die nach Hause gehen sollten.
Für die richtige Auswahl hatte wieder die Zofe gesorgt. Die Ritter des Königs waren nicht nur zum Zuschauen auf dem Hof. Sie streiften zwischen den Mädchen her und hörten zu, wie sie sich unterhielten. Nicht jedes Mädchen wollte eine Freundin werden. Zwei von ihnen redeten schlecht über die Prinzessin und wollten nur ein schönes Leben im Schloss haben.
Das wurde natürlich der treuen Zofe zugetragen. Sie stellte die beiden Mädchen zur Rede und schickte sie dann zurück ins Dorf.
Da waren es nur noch drei.
Die Zofe stieg wieder auf ihr Podest und richtete ihre Worte an die verbliebenen Mädchen. »Die letzte Aufgabe wartet nun auf euch. Für seine Freundin schreibt man etwas. Ein Brief, ein Gedicht, ein Lied. Dieses sollt ihr nun für die Prinzessin machen. Ihr bekommt Feder, Tinte und Papier. Schreibt eure Gedanken nieder und erfreut eure zukünftige Freundin.«
Die verbliebenen drei Mädchen machten sich sofort an die Arbeit. Sie schrieben als ginge es um ihr Leben. Immer wieder waren sie mit ihren Briefen unzufrieden, zerknüllten die Blätter und warfen sie auf den Boden.
Die Zofe ging derweil zwischen den Mädchen hin und her, sammelte die die verworfenen Briefe und las darin. Die Worte und Sätze, die sie darin fand, gefielen ihr gar nicht. Keines der Mädchen hatte sich bisher Mühe gegeben. In ihren Worten steckte keine Liebe, keine Leidenschaft. Da war nichts, dass einer Freundin würdig war.
Sie wurde traurig. Eines dieser Mädchen durfte sie der Prinzessin auf keinen Fall anvertrauen. Sie ließ weiter an den Briefen schreiben und schlich sich mit hängendem Kopf zum Balkon der Prinzessin hinauf.
»Es ist schlimmer, als ich es je befürchtet hatte.« berichtete die treue Zofe unter Tränen. »Kein einziges dieser Mädchen würde sich für eure Freundschaft aufopfern. Keines von ihnen wäre eurer Freundschaft würdig. Sie träumen alle nur von einem schöneren Leben. An euch denken sie keine einzige Minute lang. Es ist so traurig, dass ich euch euren Wunsch nach einer Freundin nicht erfüllen kann.«
Die Prinzessin lächelte verständnisvoll und bat ihre Zofe näher zu sich.
»Du musst nicht traurig sein. Ich habe den ganzen Tag von hier oben zugesehen. Ich habe alle Mädchen beobachtet. Jedes einzelne von ihnen hat gezeigt, was es über mich denkt. Alle Acht Mädchen haben sich Mühe gegeben, aber nur eine von ihnen meinte es wirklich ernst mit mir. Und auf dieses ist meine Wahl gefallen.«
»Acht?« Die Zofe war verwirrt. »Wie kommt ihr auf acht Mädchen? Es waren doch nur sieben im Hof.«
Nun lachte die Prinzessin. »Du Dummerchen. Es waren acht Mädchen da. Und eines hat sich den ganzen Tag für mich aufgeopfert. Es hat alles dafür getan, dass ich eine Freundin finde. Und genau das hat sie geschafft.«
Die Zofe verstand noch immer nicht.
»Du bist es. Du bist die Freundin, die ich lange gesucht habe. Dabei warst du schon immer da. Du hast mich umsorgt, hast jeden Tag mit mir geredet, dir meine Sorgen angehört und mir die Zeit vertrieben wenn es mir langweilig war. Du warst schon immer meine Freundin. Ich habe es nur nicht bemerkt. Aber das soll sich ab jetzt ändern.«
Nun weinten sie beide vor Freude und fielen sich gemeinsam in die Arme.

(c) 2014, Marco Wittler

237. Ein steiniger Weg

Ein steiniger Weg

Es war ein heißer Sommertag. Selbst hier, viele Meter unter dem schattigen Blätterdach des Waldes, war nichts mehr von einer kühlen Luft zu spüren. Die Tiere des Waldes schwitzten und fühlten sich nicht mehr wohl in ihrer Haut. Eines von ihnen traf das Wetter besonders schwer. Die Schildkröte Paul steckte in einem schweren Panzer fest. Normalerweise bot er ihm Schutz vor wilden Tieren, die ihn fressen wollten. Bei Regen konnte man sich ebenfalls in ihm verstecken. Und im Winter hielt er warm. Zumindest, wenn Paul nicht vergaß, rechtzeitig die Heizung einzuschalten. Aber im Sommer konnte er nicht daraus flüchten, denn der Panzer war angewachsen.
»Puh.« klagte er. »Warum muss es denn auch so heiß werden? Nur zu gern würde ich am Nordpol leben. Da ist es viel kühler.«
»Kühl?« schüttelte ein Regenwurm den Kopf. »Da oben ist es einkalt. Ich hab kein Fell. Ich würde sofort zu einem Eis am Stiel gefrieren. Ach, was rede ich da. Ich wäre dann der Stiel für das Eis.«
Paul versuchte zu grinsen. »Bei Kälte kann ich meine Heizung einschalten. Gegen die Hitze hilft aber nur eine Klimaanlage. Dafür habe ich aber keinen Platz mehr in meinem Panzer.«
Die Schildkröte kroch weiter. »Und gerade heute habe ich so einen beschwerlichen Weg vor mir.«
Pauls Ziel lag auf einem kleinen Hügel. Zwischen ihm und dem Gipfel lagen unzählige Steine und Felsen. Kreuz und quer waren sie überall verteilt. Mit einem schweren Panzer auf dem Rücken war da kaum dran vorbei zu kommen.
»Ich werde bestimmt wieder stecken bleiben. Das ist mir schon öfter passiert. Aber es hilft mir ja keiner.«
In diesem Moment kamen ein paar Vögel aus den Baumkronen herab geflogen. Es waren drei Spechte.
»Du brauchst Hilfe? Wir werden dir helfen. Wir Tiere des Waldes müssen doch zusammen halten.«
Paul schüttelte den Kopf. »Wie wollt ihr mir denn helfen? Ihr seid zu schwach, um mich über die Felsen zu tragen.«
»Wir schaffen das schon. Wir müssen nur noch ein paar Freunde herbei holen.«
Sie flatterten davon und verschwanden zwischen den Bäumen.
»Jetzt bin ich aber mal gespannt.« murmelte die Schildkröte und setzte sich unter eine große Eiche.

Nach einer halben Stunde waren Schritte zu hören. Da kamen viele Füße angetrappelt. »Was passiert denn jetzt?« wurde Paul neugierig und erhob sich von seinem Ruheplatz.
Als erstes tauchten die Spechte auf. Ihnen folgten vier Biber und ein ganzer Schwarm kleiner Termiten. Zum Schluss bogen ein großer Hirsch mit einem riesigen Geweih und ein dicker Bär um die Ecke.
»Jetzt wird gearbeitet.« rief einer der Spechte.
Das ließen sich die Tiere nicht zweimal sagen. Die Biber ließen ihre großen Zähne aufblitzen. Damit knabberten sie sich blitzschnell durch mehrere Baumstämme, bis diese umkippten. Die Termiten hüpften auf die Stämme und fraßen sich hindurch, bis sie zu handlichen Brettern geworden waren.
Der Bär packte die Bretter und setzte sie zu einer Treppe zusammen. »Wir brauchen Löcher für die Nägel.« rief er den Spechten zu, die sofort begannen, mit ihren Schnäbeln ins Holz zu hacken.
»Super macht ihr das.« lobte der Hirsch und schlug mit seinem mächtigen Geweih die Nägel ein.
Innerhalb kürzester Zeit war die Treppe zum Gipfel des Hügels fertig. Nun konnte jeder gefahrlos und ohne Probleme hinauf und hinunter gehen.
Schildkröte war so glücklich, dass ihm Freudentränen die Wangen hinunter kullerten. »Ich weiß gar nicht, wie ich euch allen danken soll. Ihr seid so wunderbar.«
»So machen wir Waldtiere das. Wir halten zusammen und helfen, wo wir nur können.«
Paul setzte einen Fuß auf die erste Stufe der Treppe, dann den zweiten. Es war jetzt wirklich ganz einfach, hinauf zu kommen.
»Das werde ich euch nie vergessen.«

Und genau so geschah es dann auch. Schon am ersten Wintertag konnte er selbst Hilfe anbieten. Denn da suchten die kleinen Termiten Schutz vor der Kälte in seinem Panzer an der warmen Heizung.

(c) 2014, Marco Wittler

Diese Geschichte entspannt im Rahmen einer Blogparade durch den Aufruf von Sophie.

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Zu einem vorgegebenem Foto sollte man seiner Fantasie freien Lauf lassen und eine Kurzgeschichte verfassen. Das hier ist mein Beitrag dazu. Zum Schluss dann noch das Foto, dass mich zum „steinigen Weg“ inspiriert hat.

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229. Superhelden

Superhelden

Fritzi staunte nicht schlecht. Sie saß in der Schulklasse auf ihrem Platz und warf einen Blick auf die zwei neuen Schüler.
»Das sind Christian und Christiane. Die beiden werden unsere Klasse ab heute verstärken.«
Die neuen sahen sich sehr ähnlich. Das lag vor allem daran, dass sie Geschwister und auch noch Zwillinge waren. Hätte das Mädchen nicht lange Haare, hätte man sie nicht auseinander halten können.
Sie setzten sich und der Unterricht konnte beginnen.

In der großen Pause stürmten alle Kinder auf den Schulhof. Sie verteilten sich in den Ecken und auf den verschiedenen Spielgeräten. Am beliebtesten war die große Rutsche. An ihrer Treppe bildete sich immer eine lange Schlange. Doch heute wurde es etwas unruhig.
»Drängelt doch nicht so.«, fauchte Fritzi zwei Jungen an.
»Ihr kommt schon noch dran.«
Aber das Beschweren half nichts. Noch bevor sich Fritzi auf die Rutsche setzen konnte, wurde sie geschubst und fiel mit dem Kopf voran herunter.
»Hilfe.«, rief sie verzweifelt.
Kurz bevor sie auf dem Boden aufschlug, wurde sie von vier kräftigen Armen aufgefangen. Christian und Christiane, die vor ein paar Sekunden am anderen Ende des Schulhofes gestanden hatten, hielten die Mitschülerin sicher fest.
»Wie habt ihr denn das gemacht?«, staunte Fritzi.
»Das geht doch gar nicht.«
Christian grinste von einem Ohr zum anderen. Er setzte das Mädchen ab und begann zu erzählen.
»Wir sind Superhelden. Wir können schnell rennen, fliegen und haben unglaubliche Kräfte.«
Zum Beweis, nahmen sie jeweils zwei Kinder an die Hand und schwebten für ein paar Sekunden mehrere Meter über dem Boden.
Auf dem Schulhof war es still geworden. Überall wurde gestaunt.
»Angeber.«, sagte Fritzi und ging zurück ins Schulgebäude.

In den nächsten Tagen mussten die Zwillinge ihre Superkräfte immer wieder unter Beweis stellen. Die Rutsche war uninteressant geworden. Jedes Kind wollte einen Flug über den Schulhof bekommen.
Fritzi saß still und allein in einer Ecke. Sie besah sich das Spektakel und wusste noch immer nicht, was sie davon halten sollte.
»Die beiden sind doch nur beliebt, weil sie was Besonderes sind. Aber richtige Freunde haben sie doch gar nicht.«

Ein paar Tage später fand der Schwimmunterricht statt. Die Kinder hatten ihre Badeanzüge und Badehosen an und hüpften immer wieder ins Wasserbecken. Sie alle hatten richtig viel Spaß. Nur die beiden Zwillinge standen etwas abseits.
Nils, der Schelm der Klasse, schlich sich von hinten an und schubste die beiden ins Schwimmbecken. Das Wasser spritzte und alle Kinder lachten. Doch nach wenigen Sekunden verstummten sie wieder.
Christian und Christiane paddelten wie wild und schlugen mit den Armen um sich. Sie riefen um Hilfe und gingen immer wieder unter.
»Wir können nicht schwimmen.«
Fritzi verdrehte die Augen und sprang sofort ins Wasser. Nacheinander brachte sie die Zwillinge an den Beckenrand und rettete sie.
Als die drei Kinder wieder zu Atem gekommen waren, redeten sie miteinander.
»Warum seit ihr nicht einfach aus dem Wasser geflogen. Ich dachte, ihr seid Superhelden.«
Christiane senkte ihren Blick und bekam einen roten Kopf, als sie antwortete.
»Das haben wir durch unsere Angst völlig vergessen. Aber zum Glück gibt es auch Menschen wie dich, die keine Superkräfte haben und trotzdem andere retten können.«
Zum ersten Mal seit den letzten Tagen war Fritzi nicht sauer auf die Zwillinge. Sie hatten schließlich eingesehen, dass Superkräfte nicht immer nützlich waren und es auch ganz gut ohne ging.
Von nun an verhielten sich Christian und Christiane wie zwei ganz normale Kinder. Die Flüge über den Schulhof hörten auf und ihre große Beliebtheit ging wieder zurück. Nun fühlten sie sich auch wie alle anderen.

(c) 2009, Marco Wittler